Am Dienstag hatte ich mein Treffen/Date/Sonstwas mit S. Ich wusste im Voraus absolut gar nicht, was mich erwarten würde. Die Kommunikation von seiner Seite war meistens freundschaftlich und dann aber wieder bestückt mit ein paar Komplimenten und charmanten Aussagen hier und da, sodass ich insgesamt keinerlei Gefühl dafür hatte, was der Mann von mir wollte. Auch wenn er rein äußerlich absolut nicht mein Typ ist – zu dunkel, zu südländisch, zu männlich irgendwie – war alles, was ich bisher über ihn erfahren hatte das genaue Gegenteil davon und passte mir ziemlich gut in den Kram. Ich war auf jeden Fall interessiert ihn näher kennenzulernen. Und mir geht das eigentlich mit allen Menschen so: Selbst wenn der erste (äußerliche) Eindruck nicht ganz meinem Geschmack entspricht, stellt sich erst heraus, ob ich jemanden wirklich attraktiv finde, wenn ich denjenigen näher kennengelernt habe, persönliche Gespräche geführt habe, den Charakter besser einschätzen kann. Attraktivität besteht aus weit mehr als nur einem schönen Gesicht und einem hotten Körper. Deswegen will ich die Menschen ja auch richtig kennenlernen. Klar hab ich auch mal einen One-Night-Stand hier und da (vor allem auf Reisen), aber daheim ist es ewig her, dass mal nur eine Nacht mit jemandem verbracht habe. Wenn ich nicht das Gefühl habe, mehrere Nächte mit jemandem verbringen zu wollen, dann lasse ich es sein. Ich will mich schon richtig auf die Menschen einlassen, ihnen wirklich näher kommen. Und ich finde auch, dass diese ’nackten‘, ehrlichen Gespräche, die man dann mit jemandem führt, tausendmal intimer sind, als miteinander zu schlafen. Ich finde nicht, dass ich beim Sex mega viel über mich preisgebe. Das, was wirklich Mut kostet, ist, sich jemandem zu öffnen, ehrliche Gespräche zu führen, über Themen zu reden, die einen bewegen. Ich habe nur dann wirklich Lust, jemanden wiederzusehen, wenn ich das Gefühl habe, dass es dazu kommen könnte. Und das ist für mich auch die Quintessenz der Polyamorie: Sich mehr als einem Menschen so öffnen zu können, zu dürfen, zu wollen. Das genießen zu können. Die Möglichkeit zu haben, mehreren Menschen wirklich nahe zu kommen. Die Möglichkeit zu haben, sich auf unterschiedliche Weisen in mehrere Menschen zu verknallen und zu verlieben. Und die Zweisamkeit zu genießen. Diese Nähe ist der Grund, warum ich zumindest im Moment nicht zurück zur Monogamie will. Weil ich zu niemandem nein sagen müssen möchte, zu dem ich eigentlich ja sagen wollen würde. Weil es in Ordnung ist, wenn mir jemand nahe kommt und mich berührt, nicht nur körperlich. Mehr als in Ordnung, es ist doch wunderbar!
Aber zurück zu dem Abend bei S. Ich wurde bekocht – Pasta – super lecker. Er ist auch Veganer, total liebenswerter Kerl. Es stellte sich im Laufe des Abends heraus, dass er absolut nicht in die Schublade passte, in die ich ihn am Anfang hatte stecken wollen. Er war alles andere als ein Macho. Total nachdenklich, einfühlsam, redseelig, interessiert, intelligent. Richtig sympathisch. Je länger wir miteinander redeten und je öfter von ihm genau die Reaktionen auf meine Erzählungen kamen, die ich mir gewünscht hätte, desto interessanter fand ich das alles. Den ganzen Abend hielt er sich physisch total von mir fern. Als wollte er klarstellen, dass das hier voll freundschaftlich war und so. Aber mir war das nicht mehr genug. Ich fand ihn richtig interessant und kennt ihr dieses Gefühl, wenn euch jemand charakterlich so gut gefällt, dass ich euch die ganze Zeit wünscht, ihr könntet jetzt mit der Person kuscheln und die ein bisschen in den Arm nehmen? So total unsexuell aber eben näher als einen Meter voneinander entfernt auf einem Sofa sitzend? Naja an dem Punkt war ich irgendwann. Und schaute einfach mal, was so für Reaktionen auf meine nähesuchenden Versuche kamen. Ganz zufällig berührten meine Füße nun seine Füße. Und als ich irgendwann aufstand, setzte ich mich näher an ihn ran. Berührte ihn beim Lachen mal mit meiner Schulter am Oberarm. Lehnte mich das nächste mal an ihm an. Er ging nie einen Schritt weiter, aber auch nie einen Schritt zurück. Ich legte meine Hand auf sein Bein. Das ganze ging gefühlt ewig so weiter. Iiiirgendwann berührten seine Finger mal meine Finger. Wir streichelten uns unsere Hände, es war total schön irgendwie. Ich schaute ihm in die Augen. Es war so klar, dass wir uns jetzt küssen würden, aber wieder war ich diejenige, die sich rüberbeugte, damit das auch passierte. Er war so unglaublich zurückhaltend mir gegenüber, aber ich empfand das als absolut positiv und spannend und irgendwie trug das nur dazu bei, dass ich mich total wohl fühlte in der Situation. Wahrscheinlich, weil einfach genau das passierte, was ich wollte. Weil ich das Gefühl hatte, zu bestimmen, was passierte. S. hat ganz volle Lippen, ihn zu küssen fühlte sich gut an. Sein Bart war weich, und er schloss die Augen beim Küssen.
Dann fiel uns auf, dass meine letzte Bahn in 9 Minunte fahren würde. Wenn ich mich beeilte, könnte ich das schon noch schaffen, aber es war so der blödeste Zeitpunkt um zu gehen. Ich hatte zwar nicht vor, mit ihm zu schlafen, aber es war gerade so schön ihn zu küssen. Ich fragte, ob ich über Nacht bleibe könne. Er sagte ja. Auch, wenn ich nicht mit ihm schlafen würde? Er sagte, dass das ja wohl keine Währung sei – natürlich. Also blieb ich.
Wir blieben noch etwas auf dem Sofa sitzen und streichelten uns, küssten uns. Dann machten wir uns bettfertig und legten uns in sein Bett. Wir hatten in der Nacht tatsächlich keinen Sex, aber streichelten und berührten uns am ganzen Körper. Ich fand’s richtig schön. Also so richtig schön. Ich habe das Gefühl, dass alles, was ich darüber schreiben würde, dem nicht gerecht käme. Weil ich mich in dem Moment so unglaublich wohl gefühlt habe. Weil dieser Mann irgendwie immer genau das richtige zu mir sagte, richtig reagierte, ganz behutsam meine Grenzen respektierte, mit so viel Feingefühl und Respekt…
Ich bin immer noch so ein bisschen baff wegen allem. Ich habe niemandem irgendwelche Details von der Nacht erzählt, weil das alles so schön war, dass ich keine Lust habe, ‚dreckige Details‘ auszupacken (und das bin so gar nicht ich). Der Mann hat mich echt berührt.
Clara
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