Am Freitag hatte ich mein drittes Date (die Zweifel, ob das Dates sind oder Treffen oder sonstwas, sind beseitigt) mit S. Er kam abends zu mir mit einer Flasche Rotwein im Gepäck, weil er zu erinnern meinte, ich sei Rotweintrinkerin. Nope, eigentlich mag ich Weißwein lieber, allem voran einen guten Sauvignon Blanc, aber ich trinke auch gerne mal einen Roten mit. Wir entkorkten die Flasche, ich holte den frisch gebackenen Zwiebelkuchen aus dem Backofen, servierte uns jeweils ein Stück und setzte mich zu ihm auf mein Sofa. Wir aßen, tranken, quatschten.
Die Kommunikation mit S. war zwischen den Dates etwas schleppend verlaufen. Ich hörte aber jeden Tag von ihm und bekam teils ziemlich lange Texte von ihm zugesandt. Ich hatte mehrmals Andeutungen gemacht, dass ich ihn gern wiedersehen würde, aber es kam nie so richtig eine Reaktion darauf. Als ich allerdings direkt fragte, ob wir uns am Freitag wiedersehen wollten, reagierte er sofort darauf und schien sich auch auf das Wiedersehen zu freuen.
Mit S. kann man sich unglaublich gut unterhalten. Ich würde fast sagen, dass er nachdenklicher, empathischer und feinfühliger ist als ich. Ich habe noch nie einen Mann kennengelernt, der solch ein Gespür dafür hat, was in anderen Personen vorgeht, der Körpersprache und Stimmlage und Wortwahl so deuten kann. Es ist unmöglich, etwas vor ihm zu verbergen. Ich finde das gut. Ich fühle mich von ihm verstanden und bin mit ihm einfach ich selbst. Wenn ich mich verstellen würde, würde er das eh durchschauen, schätze ich.
Wir redeten über wirklich persönliche Dinge. Ich erzählte viel von meinem Exfreund, erzählte ihm davon, wie es war, mit jemandem zusammen zu sein, der einem während einer dreijährigen Beziehung kein einziges mal sagt, dass er einen liebt, wertschätzt, der keine Komplimente macht. Wie es war, mit einer emotionalen Wüste zusammen zu sein. Wie unglücklich ich in der Beziehung war. Die Beziehung ging damals in die Brüche, weil mein Exfreund mich vor die Wahl stellte, entweder zu akzeptieren, dass er eventuell nie aufhören würde, Fleisch zu essen, oder die Beziehung mit ihm zu beenden. Ich entschied mich für letzteres. Wurde charakterschwach und noch vieles mehr von ihm genannt. S. fand, dass meine Entscheidung, für meine Überzeugungen einzustehen, alles andere als charakterschwach wäre, sondern im Gegenteil von Stärke zeugen würde. Ihr habt keine Ahnung, wie gut das tat, dass das mal jemand aussprach und zu mir sagte.
Ich hatte ihn nach unserem letzten gemeinsamen Abend gefragt, ob er nicht Lust hätte, einen Gastbeitrag für diesen Blog zu schreiben, die Dinge aus seiner Sicht zu erzählen. Er hatte eingewilligt. Leider fand er dann heraus, dass das mit dem Schreiben gar nicht so einfach ist. Aber vielleicht klappt es ja in Zukunft mal.
Ich fragte ihn, ob er meinen Blogeintrag über unser letztes Date gelesen hatte. Hatte er und war sprachlos gewesen. Irgendwie fühlte ich mich in dem Moment total angreifbar. Mein Blog ist so ehrlich geschrieben, dass ich in dem Moment das Gefühl hatte, zu viel preiszugeben. Ich zog mich sofort zurück, wurde vorsichtig. Er merkte das anhand meiner Körpersprache sofort. Und sagte mir, dass er den Abend genauso empfunden hatte wie ich und es total schön gewesen wäre, meine Worte zu lesen. Er fand genau die richtigen Worte, sodass ich mich sofort wieder sicher fühlte. Ich war ihm so dankbar dafür, dass er in der Lage war, meine Körpersprache richtig zu deuten und darauf mit so einem Feingefühl reagieren zu können.
Er erzählte mir von der Frau, in die er seit zwei Jahren verliebt ist. Keine einfache Geschichte und immer noch eine Situation, mit der er hadert. Ich fand es schön, dass er mir das so ehrlich erzählte und darüber redete. Er sagte, dass er vorsichtig geworden wäre, was Beziehungen an geht, weil er Angst hätte, wieder jemanden zu verletzen oder selbst verletzt zu werden. Ich bin nicht vorsichtig geworden, weil ich der Meinung bin, dass jede Beziehung, Affaire, Freundschaft es wert war und den Trennungsschmerz mehr als wett machte. Er fragte mich, wie ich mich fühlen würde, nachdem ich das über ihn wüsste. Ich habe Angst davor, mich schneller zu verlieben als der andere und emotional nicht das zurückzubekommen, was ich bräuchte. Die Angst habe ich aber fast immer. G. ist da echt die Ausnahme.
Ich erzählte ihm, wie sehr mich das störte, dass ein Großteil der Musik, die ich gerne höre, mich an F. erinnert. F. hatte sich kaum bei mir gemeldet, nachdem ich von meiner Reise zurückgekommen war. Letztendlich kam heraus, dass er jetzt anscheinend eine Freundin hat und mich daher nicht mehr sehen will. Er schrieb zwar, dass er sich auch freundschaftlich mit mir treffen wolle, aber ich glaube das war eher so eine Höflichkeitsfloskel. Ich hörte danach eigentlich nichts mehr von ihm. Ich wusste zwar immer, dass das mit F. irgendwann so kommen würde, aber es fühlt sich trotzdem kacke an. Immerhin hatten wir einen richtig coolen Sommer zusammen. Wir haben zusammen getanzt, gekuschelt, sind zusammen im See geschwommen, haben zusammen gelacht, gekocht, hatten tollen Sex, hörten viel Musik. Und ich war verliebt, auch wenn ich wusste, dass das mit ihm nie was ernsthaftes werden könnte. Nach dem, was da mit V. ablief, war die Nachricht von F. nur noch die Krönung des ganzen. Mir ging es ein paar Tage so dreckig, dass ich die Twilightfilme anschaute! Ich habe aufgehört, die Playlist, die F. mir mal geschickt hatte, zu hören, obwohl das ziemlich lange meine Lieblingsplaylist war. Und es regt mich auf, weil der Mann mir irgendwie meine Lieblingsmusik mies gemacht hat. Es hängen einfach zu viele Erinnerungen daran.
Aber dagegen kann man etwas machen: Dieselbe Musik mit neuen Erinnerungen schmücken. Am Freitag hörten wir das Album Mare von Christian Löffler. Die Musik ist total ruhig und ich fand es so schön, dass S. die Musik genauso gut gefiel wie mir. Beim Lied Pigment sagte er „Ist das schön…“. Ja, ist es. Und seitdem erinnert mich das Album an ihn. Und ich höre es wieder richtig gerne.
Er machte eine Playlist von sich an, mich lauter so Schrimmelschrammelkuschelrock. Mega schön einfach. Ich legte meinen Kopf auf sein Knie und er fragte, ob ich müde sei. „Nein, nur kuschlig.“ „Dann habe ich ja genau die richtige Musik gewählt.“ Ich schaute ihm in seine dunklen Augen: „Willst du mit mir kuscheln?“ „Ja, sehr gerne.“ Ich stand auf, nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu meinem Bett. Wir kuschelten, lauschten der wunderschönen Musik. Als Hundreds – Wonderful Life lief, flüsterte er den Text mit. Ich schmolz dahin. Das ganze war unglaublich romantisch. Er küsste mich. Ich fühlte mich so wohl mit ihm.
Am Tag drauf schickte er mir die Spotify-Playlist. Sie heißt „04.11.16“, das Datum von letztem Freitag. Wahrscheinlich entstand der Titel aus einem Mangel an Kreativität heraus, aber irgendwie finde ich das ziemlich romantisch, dass es eine Playlist zu dem Abend gibt, die die Erinnerungen speichert. Ich höre sie seit Freitag rauf und runter. Und spüre ein Kribbeln im Bauch, wenn die Musik läuft.
Eure Clara
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