In einem amerikanischen Film würde die Hauptdarstellerin jetzt stolz sagen: „We took our relationship to the next level.“ Ganz so dramatisch möchte ich mich jetzt mal nicht ausdrücken, aber die Woche war schon einschneidend für meine Beziehung mit G.
Am Donnerstag hatten meine zwei kleinen Cousinen ein Weihnachtskonzert. Die größere von beiden spielt im Schülerorchester und die kleine singt im Unterstufenchor. Ein Großteil meiner Familie würde da sein. Ich hatte erst gehofft, dass zumindest meine Mutter keine Zeit haben würde, aber selbst die nahm sich vor zu kommen. Ich entschied mich trotzdem, G. zu fragen, ob er Lust hätte, mitzukommen. Er wusste ganz genau, dass das Konzert absolute Nebensache für mich war. Er sagte zu. Vor dem Konzert hatten wir zusammen eine Vorlesung. Er hatte sich richtig schnieke angezogen. Mit Hemd und so. Und sah richtig gut aus. „You’re looking great.“ „Do I look like the perfect son-in-law?“ Ja, das tat er. Kleider machen Leute. Ich fand das unglaublich toll, dass er sich so angezogen hatte. Ich hatte ihn noch nie im Hemd gesehen, aber es stand ihm richtig gut. Irgendwie ließ ihn das erwachsener wirken, und es unterstrich seine schlanke, sportliche Statur. Wären wir nicht eh schon zusammen, hätte ich ihn sofort noch seiner Nummer gefragt.
Das Konzert war schön. Wirklich viel gesprochen wurde nicht, war das falsche Setting dafür. Aber alle hatten ihn mal gesehen und die erste Hürde war überwunden. Das klingt vielleicht echt blöd, aber für mich ist das was großes.
Meine Familie ist mir unglaublich wichtig. Und es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, dass ich mir nicht wünschen würde, dass sich mein Partner integriert. In meiner Idealvorstellung geht das sogar so weit, dass der-/diejenige sich so gut mit meiner Familie versteht, dass er/sie Bock hat, auf unsere ständigen Geburtstage und sonstigen Treffen mitzukommen. Ich weiß, dass es echt nicht viele Leute gibt, die so eine intakte Familie haben wie ich, und dementsprechend enthusiastisch sind, was Familie und Familienfeiern angeht. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Bei meiner Schwester hat es ja auch geklappt. Da bin ich auch wirklich etwas neidisch darauf. Ihr Freund wurde von meinen Eltern unter die Fittiche genommen wie ein neuer Sohn. Alle freuen sich, wenn er kommt und irgendwo dabei ist. Im März wird er sogar mit uns in die Dolomiten zum Skifahren mitkommen. Ich war immer diejenige, die die verkorksten Beziehungen hatte, sich die falschen Leute rausgesucht hat. Ich glaube, dass das auch der Grund ist, warum meine Eltern fast schon mit Desinteresse darauf reagieren, wenn ich ihnen von einem neuen Partner oder einem interessanten Menschen in meinem Leben erzähle. So nach dem Motto „wird doch eh wieder nichts“. Und meine Schwester nimmt meine Beziehungen spätestens seit meiner Entscheidung, es ohne die Monogamie zu versuchen, nicht mehr ernst. Mich verletzt es, dass anscheinend keiner erwartet, dass ich überhaupt in der Lage bin, eine langfristige Beziehung zu führen, bzw. einen Partner zu finden, der zu mir passt. Können wir zu der Liste an Dingen hinzufügen, weswegen ich mich hin und wieder wie der Außenseiter meiner eigenen Familie fühle: Vegan, nicht-monogam, Weltretter, viel zu öko, will nicht die Firma der Mutter übernehmen, beziehungsunfähig, schlechter Männergeschmack, nicht hetero, viel zu unabhängig.
Insbesondere, was meine Mutter mir gegenüber kommuniziert, schwankt immer wieder ins Extreme. Ich weiß, dass sie meine Unabhängigkeit bewundert, es gut findet, dass ich meine Meinungen habe und danach lebe, dass sie ihre ganzen feministischen Werte in Perfektion an mich weitergeben konnte. Und gleichzeitig würde sie sich wünschen, ich wäre ein bisschen mehr wie sie. Ein bisschen weniger vegan, ein bisschen weniger politisch, ein bisschen materieller. Ich liebe meine Familie. Und gleichzeitig hasse ich es, wie schwierig meine Beziehung mit meiner Familie manchmal ist. Ich hasse es, der Außenseiter zu sein, der belächelt wird, weil er was besser machen will. Eigentlich würde ich mir einfach nur wünschen, ein bisschen was von der offensichtlichen Liebe, die meiner Schwester entgegengebracht wird, abzubekommen. Meine Mutter findet, ich sei viel zu emotional. Zu nah am Wasser gebaut. Viel zu kuschlig. Ihr wäre es lieber, wenn ich etwas „härter“ und „kühler“ wäre. Das passt besser zu ihrem Frauenbild. Mama, man kann emanzipiert sein, und trotzdem mal eine Träne verdrücken. Man kann lieben und hassen und kuscheln und all das, und trotzdem eine unglaublich unabhängige Frau sein! Ich glaube, falls ich irgendwann in meinem Leben einen Psychotherapeuten besuchen muss, dann werden die Stunden zu 90 Prozent mit Gesprächen über die Beziehung zu meiner Mutter bestehen.
Der einzige Mensch, der die Beziehung zu meiner Mutter kennt und durchschaut, ist meine beste Freundin A. Wenn ich ein Telefonat mit den Worten „Boar, meine M…“ beginne, weiß sie schon Bescheid, dass meine Mutter sicherlich wieder etwas unglaublich verletzendes von sich gegeben hat. Meine Mutter ist der größte Egoist der Welt. Sie ist stur, launisch, dominiert alle Menschen um sich herum. Sie ist nicht einfühlsam, hat für Romantik absolut gar nichts übrig und macht sich sogar über Händchen haltende Pärchen lustig, zieht über Gott und die Welt her, und ist selbst keinen Deut besser. Ich bin so froh, dass ich A. habe und sie immer anrufen kann, wenn mal wieder etwas passiert ist. Und dass A. oft genug dabei war, wenn sich meine Mutter daneben benommen hat, um genau zu wissen, wovon ich rede. Ich bin so unglaublich froh, dass ich A. in meinem Leben habe. Ich könnte es mir sogar vorstellen, irgendwann mit A. zusammen zu ziehen, und meine Kinder mit ihr zusammen aufzuziehen. Wir sind nun seit fast 10 Jahren enger befreundet, als ich sonst je mit jemandem befreundet war. Das ist die längste Beziehung und die engste Beziehung, die ich in meinem Leben bisher geführt habe. Ich kann mir nur einen Grund vorstellen, warum diese Freundschaft irgendwann schwächer werden sollte: Wenn einer von uns wegzieht oder sogar ins Ausland zieht. Ich könnte einen kompletten Artikel nur über A. schreiben, weil sie so einzigartig ist. Vielleicht mache ich das irgendwann mal.
Am Freitag waren G. und ich abends mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester auf dem Weihnachtsmarkt. Im Nachhinein bin ich ziemlich wütend darauf, wie wenig meine Familie versucht hat, G. in unsere Gespräche mit einzubeziehen. G. versteht Deutsch inzwischen sehr gut, aber auf dem Weihnachtsmarkt mit der Geräuschkulisse und dem Schwäbisch meiner Eltern war es wohl sehr schwierig für ihn, unseren Unterhaltungen zu folgen. Im Nachhinein hätte ich viel öfter übersetzen sollen, worum es geht, und anstoßen sollen, dass mehr auf Englisch gesprochen wird. Ich denke, ich werde das mal initiieren, dass meine Eltern uns mal im neuen Jahr zum Essen einladen oder so. Und, dass dann Englisch gesprochen wird. Für meine Eltern ist das kein Mehraufwand, die sprechen alle fließend Englisch. Dann G. versteht alles und kann genauso schnell drauf antworten. So viel zum Thema Sprachbarriere. Sie ist da und macht manche Dinge komplizierter. Stören tut sie mich aber nur selten. Ich rede sehr gerne auf Englisch. Nur manchmal würde ich mir wünschen, ich könnte die Gedanken, wie sie mir auf Deutsch in den Kopf schießen, einfach aussprechen und sicher wissen, dass er auch verstehen würde, was ich von mir gebe. Ich habe das Gefühl, dass dadurch, dass wir beide nicht in unserer Muttersprache reden, ein Teil der Kommunikation verloren geht. Weil das eine bestimmte Wort im Vokabular fehlt, dass alles auf den Punkt bringen würde. Weil man nicht die richtigen Worte findet. Weil man Dinge nicht ausspricht, weil einem die Übersetzung zu kompliziert erscheint. Sollte das mit G. wirklich längerfristig funktionieren muss er dringend lernen, fließend Deutsch zu lernen, und ich muss mein Französisch aufbauen.
Gestern lud mich G. zu sich zum Mittagessen ein. Sein Bruder und seine Schwester waren mitsamt Lebenspartnern zu Besuch und er kochte vegane Maultaschen für alle. Seine Familie kommt aus der französischen Schweiz, dementsprechend war ich dieses mal diejenige, die die Muttersprache nicht perfekt sprach. Glücklicherweise hatte ich in der Schule viele Jahre Französischunterricht und seine Familie sprach ziemlich deutlich und nicht zu schnell. So konnte ich einem Großteil der Unterhaltungen folgen. Auf Französisch zu antworten wäre allerdings nicht möglich gewesen. Dafür fehlt mir wirklich die Übung. Also antwortete ich auf Englisch und das funktionierte überraschend gut. Im Gegensatz zu meiner Familie begannen seine Gäste mehrmals ein Gespräch mit mir, bezogen mich in die Unterhaltungen mit ein. Natürlich war ich trotzdem die stillste in der Runde, aber ich fühlte mich sehr wohl und ich saß nicht einfach komplett mundtot daneben. Allgemein waren das alles total bodenständige, normale Menschen, sehr sympathisch, lustig und intelligent. Ich fühlte mich sehr wohl in dieser Gruppe. Ich frage mich, was ich für einen Eindruck bei seinen Geschwistern hinterlassen habe. Es wäre wirklich spannend, irgendwann seine Eltern kennenzulernen. Ich glaube, ihm ist das alles weniger wichtig als mir, weil ihm auch seine Familie nicht so wichtig ist wie mir. Aber das ist in Ordnung. Er versteht sich sehr gut mit seiner Familie und ist ihnen einfach nicht so nah wie ich meiner. Aber wie schon gesagt, das gibt es auch echt nicht mehr so oft, habe ich das Gefühl.
In der letzten Woche habe ich ein paar mal etwas von S. gehört. Er liegt in den letzten Zügen seiner Masterarbeit und ist jetzt auch noch krank geworden. So richtig krank. Ich hoffe es geht ihm bald besser und er schafft es bald, seine Masterarbeit zu beenden und abzugeben. Ihr habt keine Ahnung, was für eine Sehnsucht ich nach diesem Mann habe, den ich seit über einem Monat nicht mehr gesehen habe.
Einen schönen dritten Advent wünsche ich euch,
eure Clara
Alternativ, Anders, Außenseiter. Ja, kenne ich leider. Meine Eltern haben es bis zu ihrem Tod nicht verstanden. Wenigstens haben sie irgendwann gemerkt, dass es nichts bringt, mir immer wieder ihrem Lebensentwurf nahe zu legen.
Ich bewundere, dass Du als besonderer Mensch außerhalb des Mainstreams damit so offen umgehst.
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Danke für deinen lieben Kommentar! Es tut gut, das zu lesen.
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