Eifersuchtsfrei

Silverster feierte ich zusammen mit G. und einer Freundin aus Passau bei meiner besten Freundin A. Sie wohnt in einer riesigen 14er WG in einem ehemaligen Studentenverbindungshaus – eine riesige Villa auf einem Berg mit Turm auf dem Dach. Die WG ist ein bisschen dreckig und ein bisschen versifft und ein bisschen alternativ und die Parties dort sind der Wahnsinn. Das Motto war 20er Jahre. Ich trug ein bodenlanges, silbernes, rückenfreies Kleid, meine platinblonde Bubikopfperrücke, ein mit Pailletten und Federn besetztes Kopfband, Perlenketten, schwarze lange Handschuhe, eine weiße Federboa, einen Gürtel aus goldenen Ringen um die Hüfte und einen Zigarettenhalter hatte ich auch noch in der Hand. Dazu schminkte ich mich zum ersten mal seit Juni mit dramatisch dunklen Smokey Eyes und knallrotem Lippenstift. Die anderen waren ähnlich aufgetakelt. G. trug schwarze, etwas weitere Hosen, ein Feinrippunterhemd, schwarze Hosenträger und eine Schiebermütze. Zudem hatte er sich einen Großteil seines Barts abrasiert, sodass nur noch sein Schnurrbart stand. Er sah klasse aus.

Auf der Party wurde mir A.s Flamme von vor einem Monat vorgestellt. Das ganze hatte zwischen den beiden nicht funktioniert. Als ich vor dem besagten Mann stand, blieb mir fast die Spucke weg. Er war fast 5 Jahre jünger als ich und hatte eine Ausstrahlung zum Niederknien. Meine Güte! Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Der Mann hatte ein Lächeln zum Dahinschmelzen, dunkle, funkelnde Augen, breite Schultern, er trug sein weißes Hemd mit dem Grauen Jackett und der weinroten Fliege so souverän, als wäre das für ihn Alltagskleidung – einfach nur arrrr! Und wenn der Mann den Mund aufmachte, wurde das ganze nicht besser. Ich hing an seinen Lippen. Ich zügelte meine Empfindungen. Das war A.s Ex. Also zog ich A. zur Seite und schwärmte ihr vor, wie unglaublich heiß ihr Ex sei. A. fing nur an zu lachen. Ich meinte, dass ich ihn sofort nach seiner Nummer fragen würde, wenn die zwei nicht eine Vergangenheit hätten. Aber A. winkte nur ab und sagte mir, dass sie das nicht stören würde. Ich solle nur machen.

Kurze Zeit später unterhielt ich mich wieder mit ihm. Fragt mich nicht über was. Ich hatte inzwischen etwas Sekt und ein paar Bier intus und war dementsprechend flirty unterwegs. Ich erzählte ihm, dass G., der die ganze Zeit zusammen in meiner Nähe stand und sich mit meiner Freundin aus Passau unterhielt, mein Freund sei. Und dann ging natürlich erst mal die große Erklärerei los. Aber irgendwie war das ganze Gespräch unglaublich prickelnd und ich konnte meinen Blick nie von seinem abwenden.

Im Laufe des Abends unterhielten wir uns noch ein paar mal. Ich fragte ihn irgendwann, ob er Bock hätte, sich mal auf einen Kaffee mit mir zu treffen und über alles in Ruhe zu quatschen. Er verneinte. Als Grund nannte er meinen nicht-monogamen Lebensstil. Das war also der erste Korb, den ich aufgrund der Polyamorie bekam. Fühlte sich kacke an.

Anscheinend flirtete ich auch noch mit 2 Frauen, einer davon gab ich sogar den Link zu meinem Blog. Ich frage mich, ob sie ihn jemals angeschaut hat. Alles in allem war es eine wilde, tolle, lustige, funkelnde Party. So wie Silvester sein sollte.

Als ich morgens neben G. aufwachte, kuschelten wir uns aneinander und redeten über die vergangene Nacht. Er war nicht eifersüchtig gewesen, obwohl ich ständig vor seiner Nase mit anderen Menschen geflirtet hatte. Irgendwie macht mich das stolz auf ihn. Er fand den genannten Grund für den Korb bescheuert und meinte, ich solle mir darüber nicht so viele Gedanken machen.

Meine Passauer Freundin hatte im Bett von A. übernachtet und wir hatten uns zwei Matratzen ins Wohnzimmer gelegt und dort geschlafen. Wir waren also allein. Und vergnügten uns ziemlich ausgiebig miteinander an diesem Morgen. Irgendwann fiel aus auf, dass die Türe offen stand. Zwar lagen wir so, dass man nur nur hätte sehen können, wenn man ganz ins Zimmer gelaufen wäre, aber ich bin ja nicht die leiseste – hören konnte man uns allemal. Was uns auch später bestätigt wurde. Aber das war’s wert. Außerdem ist mir sowas nicht peinlich, sondern eher den anderen, die davon nichts wissen wollen. Loosen up, bitches!

Am Montag sahen wir uns wieder und gingen zusammen indisch essen und Billiard spielen. Wir sind beide gleich schlecht in dem Spiel, aber es machte ziemlich Spaß. Wir spielten eine Weile und machten uns dann auf den Heimweg.

Ich mag es, wieviel Bock G. auf Sex hat. Ich mag den Sex mit ihm, aber trotzdem bin es immer öfter ich, die keine Lust darauf hat. Zwar kann man mich unglaublich einfach umstimmen (eine Tatsache, die G. noch nicht komplett verstanden hat), aber es bedarf dennoch immer öfter der Motivation des anderen, dass was läuft. Mich erschreckt es selbst, wie schnell ich schon wieder an diesem Punkt angelangt bin, an dem ich prinzipiell Bock auf den Sex mit dem Menschen habe, aber auch nicht mehr ständig so ultra scharf darauf bin wie am Anfang. Deshalb bin ich dankbar dafür, dass G. sich davon nicht abschrecken lässt und mich immer wieder zu meiner eigenen Lust zurückkuschelt und mich anturnt. Wenn es dann mal soweit ist, dass ich Bock habe, dann ist es ja auch gut.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung habe ich auch wieder Lust aufs Dating bekommen. Und nicht nur aufs Dating. Ich hätte unglaublich Lust, mal wieder mit jemand neuem zu schlafen. Mich diesem Reiz des Unbekannten hinzugeben.

Als ich meiner Exfreundin davon erzählte, hatte ich einen Unterton von Reue in der Stimme. Aber sie meinte sofort, dass das doch nur normal sei. Ich war so dankbar, dass sie das zu mir sagte. Auch wenn ich das selbst auch so sah, tat es gut, es von jemandem zu hören, der mir nahe steht.

Auf jeden Fall habe ich mein okcupid Profil aufgefrischt und bin wieder aktiv auf der Suche. Wahrscheinlich werde ich in der kommenden Woche schon ein erstes Date haben. Clara is back in the game!

Ich möchte noch hinzufügen, dass dies meine Gefühle für G. in keinster Weise mindert. Ich liebe diesen Mann. Es sind mein Drang nach Neuem, nach dem Abenteuer, nach dem Erforschen meiner Sexualität, die mich motivieren. Nicht ein angeblicher Mangel an Gefühlen, wie das viele in der monogamen Welt diagnostizieren würden. Und ich liebe G. dafür, dass er mir die Chance und das Vertrauen schenkt, mich auszuleben und immer wieder neu zu entdecken. Dass er kein falsches Besitzdenken hegt. Und mich liebt, so wie ich bin. Nämlich ein klitzekleines bisschen zu naughty für die Monogamie.

Ein frohes neues Jahr,

eure Clara

 

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