Mein Vater ist letzten Monat 60 geworden und hat gestern seinen Geburtstag nachgefeiert. G. und ich waren natürlich eingeladen. Meine Schwester und ihr Freund waren auch da. Meine Eltern und ein Großteil der anderen Gäste fuhren mit dem Auto zu dem italienischen Restaurant, das mein Vater reserviert hatte, aber G. und ich und meine Schwester und ihr Freund gingen zu Fuß. Es war ein halbstündiger Spaziergang über die Felder. Wir packten uns warm ein und machten uns auf den Weg. Unterwegs liefen ich und meine Schwester ein bisschen voraus und redeten über dies und das. Sie erzählte, dass sie sich von unseren Eltern genauso unter Druck gesetzt fühlt wie ich. Dass sie in Anwesenheit unserer Eltern alles, was ihr Freund sagt oder tut, tausendmal kritischer bewertet. Außerdem hat sie genau wie ich Phasen, in denen ihr Freund ihr dermaßen auf den Sack geht, dass sie so genervt ist, dass er eigentlich gar nichts mehr richtig machen kann. Ich habe solche Phasen auch. Letztes Wochenende war das beste Beispiel dafür. Es tat gut, das zu hören, denn ich kann das komplett nachempfinden. Meine Schwester und ich sind uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wir waren immer ein Team, der gemeinsame Gegner unsere dominante, launische, egoistische, zu sehr von sich selbst überzeugte, kalte Mutter. Wenn die mal wieder etwas verletzendes von sich gegeben hatte, lästerten wir danach im Badezimmer miteinander und fühlten uns besser, weil wir Mama wenigstens beide blöd fanden. Ich habe noch keine Person getroffen, die so dominant ist, wie meine Mutter. An ihr kommt niemand vorbei. Das ist respekteinflößend, und dafür habe ich sie immer bewundert. Sie hat sich in einer absoluten Männerbranche ein mehr als erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Sie ist erfolgreich, gut gekleidet, kommuniziert direkt und ohne Umwege, und hatte ihr Leben immer im Griff. Sie ist das Paradebeispiel dessen, was viele als „starke Frau“ verstehen würden. Kinder ja, aber erst nachdem man Karriere gemacht hat, und kurz nach der Geburt geht’s wieder voll weiter. Auf Augenhöhe mit dem Mann. Tough, street smart, respektiert, gefürchtet, hat immer alles unter Kontrolle. Es hat nach meinem Auszug von daheim vor 7 Jahren dennoch Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass bei meiner Mutter längst nicht alles so perfekt ist, wie sie es darstellt. Wie unglaublich viel Energie sie dafür aufwendet, so perfekt und kontrolliert rüberzukommen. Vor zwei Jahren kam dann raus, dass sie absolut gar nicht alles im Griff hat: Es wurde eine mittelschwere Depression in Verbindung mit Arbeitssucht diagnostiziert. Die Diagnose war zwar hart, aber eine Chance für die ganze Familie. Für mich und meine Schwester, weil uns klar werden durfte, dass unsere Mutter nicht so perfekt ist, wie wir dachten. Weil uns klar wurde, dass wir uns distanzieren dürfen. Dass wir anderer Meinung sein können. Dass wir unser Frauenbild anpassen und ändern können. Für meine Mutter, weil sie nach der Diagnose zum ersten mal bereit war, sich selbst kritisch zu betrachten und zu reflektieren. Viele in der Familie sagen, sie sei seitdem „weicher“ und „nahbarer“ geworden.
Es wird dennoch noch dauern, bis ich so unabhängig von meiner Mutter bin, wie ich es gerne sein möchte und für richtig halte. Aber es wird stetig besser.
Zurück zum Geburtstag: G. saß wieder einen Großteil des Abends still am Tisch, aber es war schon deutlich besser als noch vor einer Woche auf dem Geburtstag meiner Cousine. Ich bin da zuversichtlich, dass er sich mit der Zeit genauso an allen Unterhaltungen wird beteiligen können wie alle anderen. Meine Schwester und ihr Freund saßen uns gegenüber, rechts von uns meine Eltern, links von uns meine kleinen Cousins. Letztere hingen uns wie gebannt an den Lippen, wenn wir uns auf Englisch miteinander unterhielten. G. redete mehrmals mit den kleinen und witzigerweise sprangen die Kids total auf ihn an. Sogar deutlich mehr als auf den Freund meiner Schwester, den sie schon viel länger kennen. Alles in allem war es ein sehr netter, entspannter Abend. Obwohl G. nicht der gesprächigste am Tisch war, fühlte ich mich nicht gezwungen, immer in seiner Nähe zu bleiben, um ihn zu unterhalten. Ich setzte mich mehrmals um, um auch mit den Freunden meiner Eltern und dem Rest der Familie zu reden. Wir tranken alle zu viel Rotwein und stopften uns mit leckerem, italienischen Essen voll.
Nach der Feier lud mein Vater noch meine Tante und deren Mann zu uns nach Hause auf einen Absacker ein. Die Tante ist außer meiner Schwester die einzige Person in der Familie, die weiß, dass ich poly bin. Auch sie hat ihre Macken, aber sie ist ein unglaublich weltoffener Mensch, der es schafft, die Lebensstile anderer bewertungsfrei zu beobachten. Wenn ich ihr von meinem (manchmal mehr, manchmal weniger) ausschweifendem Leben erzähle, fühle ich mich nicht bewertet. Sie findet es toll, dass ich einfach alles ausprobiere und mir dann erst meine Meinung bilde. Dass ich nicht dem „Normalen“ hinterherjage, sondern die Dinge in Frage stelle.
So saß ich an G. gelehnt auf dem Sofa meiner Eltern, meine Schwester und ihr Freund uns gegenüber, Papa und Mama auf den Sesseln, und meine Tante und ihr Mann auf dem anderen Sofa. G. taute total auf, weil die Gruppe kleiner war, und so wurde in einer heiteren Mischung aus Deutsch und Englisch geplaudert. Es war ein wunderbarer Abschluss für einen schönen Abend.
Danach verzogen wir uns alle ins Bett. G. und ich hatten das Schlafsofa in meinem ehemaligen Kinderzimmer ausgezogen und kuschelten uns aneinander. Ich erzählte ihm (teilweise unter Tränen – warum muss ich eigentlich immer weinen?! Dann klingt alles, was ich sage, viel dramatischer, als es eigentlich ist… Mich nervt das, aber ich kann’s nicht abstellen.), dass ich mich gestört hatte, dass er sich von der nicht-veganen Nachspeise genommen hatte. Das an sich finde ich nicht so schlimm. Ich mache auch hin und wieder meine Ausnahmen. Schlimm war für mich, den Gesichtsausdruck meiner Eltern zu bemerken. Die beobachteten ihn nämlich dabei, warfen sich einen vielsagenden Blick zu und machten ein leises „Ssscchhh“ und nickten in meine Richtung. So ganz nach dem Motto „Schaut mal, der ist gar nicht so extrem wie Clara, voll gut. Also leise sein, sonst kriegt Clara das noch mit.“ Ich bin immer noch die „extreme Veganerin“ in meiner Familie. Seit vier Jahren geht das jetzt schon so, aber dran gewöhnt haben sie sich immer noch nicht. Ich will, dass mein Freund hier in meinem Team spielt. G. tat das im Nachhinein voll Leid, aber ich habe ihm mehr als einmal gesagt, dass er sich dafür nicht zu entschuldigen braucht. Das Verhältnis zwischen mir und meinen Eltern ist viel zu kompliziert, als dass er wissen könne, wie ich zu was stehe. Und es verändert sich auch ständig. Es gibt Phasen, da fühle ich mich meiner Mutter unglaublich nah und verbunden, und dann Phasen, in denen ich am liebsten gar nichts mit ihr zu tun haben würde. Ich kann ihm nur davon berichten, und immer wieder mit ihm darüber reden. Nicht zu viel von ihm verlangen, meine Probleme nicht bei ihm abladen. Aber ich kann von ihm verlangen, sich solidarisch zu verhalten.
Wir redeten bis spät in die Morgenstunden und fielen dann in einen tiefen Schlaf. Heute morgen revangierte sich G. bei mir dafür, dass ich ihm während der Woche, als ich meine Periode hatte, diverse Handjobs und Blowjobs gegeben hatte. Es ist unglaublich, was der Mann für eine Lernkurve im Bett hat. Er probiert immer wieder neue Dinge mit mir aus. Letzte Nacht hatten wir mal wieder über meinen sich entwickelnden Fußfetisch geredet, und heute setzte er das direkt um. Während seine Finger sich in mir drehten, beugten und bewegten, nahm er mein linkes Fußgelenk in die andere Hand und fing an, an meinen Zehen zu lecken. Ich sag nur: Ach du heilige Scheiße. Das Gefühl, wenn er meine Zehen in den Mund nimmt, daran lutscht und saugt und leckt, seine Lippen über meine Zehenunterseite fahren lässt, mit den Zunge zwischen meine Zehen fährt, ist der Himmel auf Erden. So ungefähr muss sich das anfühlen, wenn Männer mit ihren Penissen in feuchte, warme Vaginas eindringen. Wie eine feuchte, warme, allumfassende Zuckerwatte. Ich hatte so heftige Orgasmen heute morgen, es war wunderbar. Ich liebe G. für seine Tabulosigkeit. Egal was es ist, er findet den richtigen Weg, um es mit mir auszuprobieren. Er ist wild, naughty, aber auch einfühlsam, leidenschaftlich, gefühlvoll. Und der Sex mit ihm hinterlässt jedes mal eine wunschlos glückliche Clara.
Glücklich durchgevögelt gesellten wir uns danach mit den anderen zum Frühstück. Ich frühstücke ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr, aber eigentlich ist das Frühstück meine liebste Mahlzeit am Tag. In meiner Familie gab es sonntags immer ein ausführliches Frühstück, früher mit Eiern und Lachs und keine Ahnung was alles. Jeden Sonntag setzten wir uns mehrer Stunden an den Küchentisch und begannen so den Tag miteinander. Es war so schön, heute mal wieder alle um einen Tisch sitzen zu haben. Dass G. dabei war. Und meine Schwester mal wieder zu Besuch war. Mich hat das sehr, sehr glücklich gemacht.
Eigentlich hätte ich heute Abend ein Date in einer benachbarten Stadt haben sollen. Ich hatte über okcupid einen netten jungen Mann kennengelernt, der in einer polyamoren Beziehung lebt. Witzigerweise hatte er seiner Freundin von mir erzählt und ihr mein Profil gezeigt, und sie hatte ihr Interesse ebenfalls bekundigt. Ich sollte erst ihn treffen, dann wollten wir zu dritt etwas kochen, und dann sollte ich noch etwas Zeit mit ihr alleine haben. Ich habe das ganze kurzfristig verschoben, weil das ganze mit dem Frühstück und allem drum und dran so lange dauerte, dass ich ziemlich in den Stress gekommen wäre, um es noch einigermaßen pünktlich zum Date zu schaffen. Aber ich freue mich total darauf, die beiden bald kennenzulernen. Ich kann nicht mal genau sagen, auf wen von den beiden ich mich mehr freue. Sie schreibt unglaublich sympathische Emails und ich vermisse es, Frauen in meinem Leben zu haben, denen ich eventuell auch körperlich nahe kommen kann. Mit ihm hatte ich bisher mehr Kontakt und ich mag seine ehrliche Art. Ich kenne ihn noch nicht gut, aber ich würde ihm jetzt schon so gut wie alles anvertrauen. Er wirkt total reflektiert und lebensbejahend. Außerdem freue ich mich, überhaupt mal wieder ein Date zu haben. Ist ja nun doch eine ganze Weile her seit meinem letzten.
G. und ich machten uns nach dem Frühstück auf den Heimweg. Wir fuhren ein Stück in dieselbe Richtung und verabschiedeten uns mit vielen Küssen und netten Worten. Ich bin selbst etwas baff, wie unglaublich verliebt ich in den Mann bin. Es ist das erste mal, dass ich mit jemandem zusammen bin und nicht innerhalb der ersten paar Monate Gründe finde, Schluss zu machen. Ich habe keinen einzigen, um genau zu sein. Es ist das erste mal, dass ich jemandem mehr und mehr mag, je besser ich denjenigen kennenlerne. Dass ich nicht immer kritischer werde. Und die Liste an Dingen, die ich an jemandem nicht so toll finde, einfach nicht länger wird. Vielleicht habe ich tatsächlich einmal Glück gehabt und jemanden kennengelernt, der zu mir passt. Ich finde, ich habe das verdient.
Liebevolle Grüße,
Clara