Der Sommer steht vor der Tür und mit ihm: Die Datingsaison! Mein okcupid-Profil habe ich entstaubt, der Balkon ist bepflanzt, die Parkbank auf meinem Balkon geputzt. Ein frischer Kasten Bier steht bereit, und vier Flaschen Wein hatte ich auch bei der Hand – bis gestern.
Gestern hatte ich mein Date mit L., den ich vor einer Woche auf okcupid angeschrieben hatte. Sein Profil war sympathisch und auch das, was er in seinen Messages von sich hören ließ, klang nach einem aufgeklärten, feministischen, nicht-monogamen, weltoffenen, jungen Mann. Vegetarier war er auch. Auf meiner Basis-Checkliste waren also alle Punkte abgehakt und deswegen zögerte ich auch nicht lange, bis ich ihn fragte, ob er Bock hätte, sich bald mal zu treffen.
Ein paar Tage vor unserem Date kam ich auf die Idee, dass ich G. doch auch zu dem Date einladen könnte. Immerhin wollten wir ja eh ausprobieren, als Pärchen zu daten. Ich fragte L., was er davon halten würde und der reagierte gelassen und neugierig. G. war sich dagegen nicht ganz so sicher. Nach einigem Hin und Her ließ er sich aber dann doch überreden, mitzukommen.
Nachmittags holte ich G. ab, wir kauften unterwegs noch ein paar Lebensmittel ein, und waren letztendlich erst so spät daheim, dass wir nur noch eine halbe Stunde Zeit hatten, bevor L. vor meiner Türe stehen würde. Mein Zimmer sah aus wie Sau, wir hatten beide knurrende Mägen, und der Wein war auch nicht kaltgestellt. G. nahm sich der Kochaufgaben an und zauberte uns gelassen ein paar Pasta, ich drückte mich vor dem Zimmer aufräumen und bepflanzte stattdessen meinen Balkon, topfte wild irgendwelche Sachen um und genoß das Gefühl, meine Hände dreckig zu machen. Den Wein schmissen wir kurz vor knapp ins Gefrierfach – und dann stand auch schon L. vor der Tür. Er sah genau aus wie auf seinem Profil – sympathisch, pausbäckig, süß. Er war 10cm kleiner als ich, aber mir ist sowas egal. Ich plapperte fröhlich vor mich hin und nahm ihn mit in die Küche, um ihm G. vorzustellen. Meine Mitbewohnerin C. stand auch in der Küche und wurde auch vorgestellt. Sie fragte, ob sie auch etwas von dem Wein haben könne und ich bejahte. Und dann kam noch meine andere Mitbewohnerin E., die sich ein Bier öffnete. Und irgendwie ergab es sich so, dass aus dem Einzeldate ein Doppeldate, und aus dem Doppeldate eine Party mit 5 Leuten wurde.
Wir setzten uns alle in mein Zimmer, auf dem Balkon war es leider zu kalt. Wir quatschten fröhlich durcheinander, aßen Pasta, tranken zu viel Wein, redeten unheimlich viel über Sex und die Liebe und Polyamorie und was eben sonst so interessant ist. L. ist unglaublich gesprächig, und wirkt sehr reif, obwohl er drei Jahre jünger ist als ich. Er ist total offen für neues, ist nicht komplett hetero und echt eine coole Socke. Alles in allem wurde der Abend richtig schön.
C. und E. verabschiedeten sich irgendwann kurz vor Mitternacht, um Schlafen zu gehen. G. lag müde auf meinem Sofa und spielte irgendwas auf seinem Handy rum, während L. und ich auf dem Boden saßen und uns eingehend über irgendetwas tiefgründiges unterhielten. L. hat genau die Art Ausstrahlung, die ich an Männern am anziehendsten finde. Undominant, zurückhaltend, aber gleichzeitig gesprächig und extrovertiert, mit einem femininen Touch. Er war auf jeden Fall kissable.
Irgendwann klingelte der Wecker, den er sich selbst gestellt hatte, um seinen letzten Zug nicht zu verpassen. Ich wollte ihn dringend noch küssen, bevor er sich auf den Heimweg machte, und ich hatte das Gefühl, dass er dasselbe wollte. Für ihn war die Situation natürlich komischer als für mich. Er hatte ein Date mit einem Mädel, das erst ihre halbe WG eingeladen hatte, und dann immer noch ihren Freund hinter sich liegen hatte. Dementsprechend zurückhaltend trat er mir gegenüber auf. Ich fragte ihn, ob ich ihn küssen dürfe. Er bejahte, aber nur, wenn das für G. okay wäre. Ich fragte G. nicht extra nochmal, weil er mich ja schonmal jemanden hatte küssen sehen, sagte frech „ja ja“, beugte mich zu ihm hinüber und wir küssten uns. Der Mann küsst sehr gut. Etwas zu schnell, aber mit Gefühl. Wir waren genauso kusskompatibel, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Dann brachte ich ihn vor die Tür, wir umarmten uns zum Abschied, und er machte sich auf den Heimweg.
Ich werde ihn an meinem Geburtstag wiedersehen. In 10 Tagen werde ich eine WG-Party veranstalten, es kommen viele gute Freunde von mir, auch einige ehemalige Lover, meine Exfreundin, aktuelle Lover, Freunde, mit denen ich mal im Bett gelandet bin. Es wird auf jeden Fall ein bunter Haufen. L. passt da gut rein. Ich freu mich schon.
G. und ich hatten gestern Nacht noch Sex, nachdem L. gegangen war. Letzte Woche hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch wegen unseres Liebeslebens. G. ist sehr gut im Bett, eine versaute kleine Schlampe, es gibt nichts, was er nicht mitmachen würde. Und er weiß sehr genau, wie mein Körper funktioniert. Leider haben wir uns beide über die Monate zu regelrechten „Orgasmusjägern“ entwickelt. Beim Sex ging es nur noch darum, sich gegenseitig die immer krasseren Orgasmen zu bescheren. Grundsätzlich ja erst mal kein Problem. Leider ist aber bei dieser Entwicklung die Intimität auf der Strecke geblieben. Sex, bei dem wir uns so richtig ineinander fallen lassen, uns in die Augen schauen, die Zweisamkeit wahrnehmen, und die Gefühle, die dabei entstehen, hatten wir gar nicht mehr.
Das wurde mir letzte Woche nach einer weiteren Orgasmusjagd klar. Ich weinte ein bisschen, dann redeten wir über alles, und redeten über die offensichtliche Lösung. Wahre Intimität hat nicht sehr viel mit Orgasmen zu tun.
Am Tag darauf waren wir bei mir und hatten Sex. So richtig langsamen, romantischen Blümchensex. Rumknutschen, ausziehen, Vorspiel, Missionarsstellung. Langsam, behutsam, schön. Das ganze war für mich so emotional, dass ich den Rest des Tages kaum darauf klar gekommen bin, wie glücklich und verknallt ich war. Es war wunderbar. Einfach wunderschön.
Über das Wochenende war ich in einer anderen Stadt, und las auf dem Weg dorthin einen Artikel, der mir so unglaublich aus der Seele sprach: Let’s talk about intimacy – and why it makes for better love and sex. Ich schickte den Artikel an G. und wir redeten gestern darüber, bevor das Date begann. Wir fanden beide, dass in dem Artikel viel wahres lag.
Als das Date mit L. vorbei war, fragte ich G. ob es für ihn in Ordnung gewesen war, dass ich L. geküsst hatte. Er meinte, dass das okay gewesen wäre, es ihn nur überrascht hätte, weil sich das überhaupt nicht angebahnt hatte. Wir küssten uns innig. Und bekamen unglaublich Lust aufeinander. Wir rissen uns unsere Kleider vom Leib, fummelten ein bisschen an uns herum, holten ein Kondom, und hatten Sex. Erneut in der Missionarsstellung. Noch langsamer. Und schauten uns dabei in die Augen. Jede Zelle meines Körpers spürte seine Bewegungen mit. Meine Orgasmen waren so emotional aufgeladen, dass ich schon während des Sex mit den Tränen kämpfen musste. Ich habe mich in meinem Leben noch nie jemandem so nah und gleichzeitig so ausgeliefert gefühlt. Es war die intensivste Liebe, die ich je gespürt habe. Und gleichzeitig eines der furchterregendsten Gefühle, die ich je hatte. G. schaute mir tief in die Augen, während er seine Bewegungen an meine Empfindungen anpasste. Er küsste mich immer wieder. Während meiner Orgasmen krallte ich ihm meine Nägel in den Rücken und zog ihn näher an mich heran.
Zwischen zwei langen Orgasmen richtete er den Blick auf mich, als würde er direkt in meine Seele schauen, und sagte aufrichtig wie nie zuvor: „I love you.“
„I love you, too“.
Wir kamen zusammen, und dann konnte ich meine Tränen doch nicht mehr zurückhalten. Ich habe in meinem Leben noch nie so Sex gehabt. So emotional. So nah. So miteinander. So intim.
Auch wenn wir nichts „besonderes“ miteinander angestellt haben, war das eine der intensivsten Erfahrungen, die ich jemals hatte. Ich habe mich noch nie irgendjemandem so geöffnet. Aber das war es total wert. Auch wenn ich gleichzeitig eine höllische Angst hatte und habe, verletzt werden zu können.
Mit meinen 25 Jahren muss ich feststellen, dass ich anscheinend noch nie bis über die eigene Komfortzone hinaus geliebt habe. Aber besser spät als nie.
Ich liebe dich, G.
Clara
Ich freue mich für Dich, dass Du das so erleben durftest.
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