Vor über einem Jahr habe ich mich entschieden, diesen Blog anzufangen. Teilweise habe ich mehrmals pro Woche gebloggt. Dann auch mal 2 Monate gar nicht. Einer der Hauptgründe, warum ich den Blog anfing zu schreiben, war, weil ich keine Freunde in meinem Leben hatte, denen ich meine Geschichten erzählen konnte. Vom Dating, dem Sex, den Beziehungen, den Menschen. Ich war noch nie ein sonderlich privater Mensch. Ich erzähle gerne, was mir passiert und wie es mir geht und was mich berührt, was ich spannend finde, was mich aufreibt und umtreibt, was mich bedrückt oder glücklich macht. Ich rede gerne über Sex. Sehr gerne sogar.
Seitdem ich letztes Jahr angefangen habe, die Welten fernab der Monogamie zu ergründen, habe ich mich verändert. Ich bin gewachsen. Wer meinen Blog seit Beginn an verfolgt hat, hat das (hoffentlich) mitbekommen. Ich möchte den folgenden Blogeintrag meinem Wachstum widmen, meiner persönlichen Entwicklung.
Vor etwa anderthalb Jahren lernte ich J. über einen gemeinsamen Freund kennen, der schon seit vielen Jahren polyamor lebt. Bei unserem ersten Treffen hatten wir Sex zu dritt. Kurz danach fingen J. und ich an, uns alleine zu treffen und verliebten uns ineinander. Wir waren beide bisexuell und hatten sehr unterschiedliche sexuelle Vorlieben, weswegen wir entschieden, unsere Beziehung offen zu gestalten. Allerdings nicht im polyamoren Sinn. Sex mit anderen war okay, Gefühle sollten nur uns zwei gehören. J. verbrachte einmal während unserer kurzen Beziehung eine Nacht mit einem anderen Mann, und ich wurde fast verrückt vor Eifersucht. Ich steigerte mich unheimlich in meine eigenen Gefühle hinein, weinte, war wütend und verletzt. Und einen Tag später war alles wieder in Ordnung. Meine erste Erfahrung mit diesem Thema war hart, aber eine Lehre. Sie zeigte mir, dass Eifersucht ein schlechtes Gefühl ist und wie jedes schlechte Gefühl auch wieder verschwindet. Und, dass meine Partnerin nicht die Verantwortung für meine Gefühle trägt, denn ich war diejenige, die sich dazu verführen hatte lassen, sich immer mehr in diese Gefühle hineinzusteigern und diese übermäßig zu dramatisieren.
Unsere Beziehung endete schnell, aber mit unserer Art der Beziehung hatte dies nichts zu tun. Die Probleme, die wir hatten, hätten wir auch in einer monogamen oder einer polyamoren Beziehung gehabt. Eine weitere wichtige Lehre.
Dann fing meine wilde Dating-Zeit an. Ich hatte teilweise 5 Dates pro Woche, fing tatsächlich an, Sex mit den unterschiedlichen Leuten in meinen Kalender einzutragen. Erstens, damit ich auch in zehn Jahren noch wissen würde, wer wer war, und zweitens, falls doch mal was schief gehen sollte mit dem Kondom. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe hart rumgehurt und es war der Sommer meines Lebens. Ein Sommer voller Sex, Parties, Musik, Liebe und viel viel Wein. Einfach geil.
In der Zeit lernte ich tolle neue Freunde kennen. Freunde, die auch poly leben. Die mich für den modernen Feminismus begeisterten und sensibilisierten. Die mir das Gefühl gaben, genau so, wie ich bin, liebenswert zu sein. Seit letztem Sommer habe ich das Gefühl, dass es für mein eigenes Glück vollkommen irrelevant ist, ob ich einen Partner habe oder nicht. Die Liebe kommt und geht, und ich bin inzwischen der Überzeugung, dass man sie auch gehen lassen sollte, wenn sie es tut. Aber ein guter Freundeskreis, der nicht mal groß sein muss, ist überlebenswichtig. Es ist unheimlich wichtig, dass diese Freunde einen in den wichtigen Themen, die einen beschäftigen, unterstützen. C. und S. waren das letztes Jahr für mich. Obwohl wir uns gar nicht so oft gesehen haben und es jetzt kaum mehr organisiert bekommen, uns zu sehen, wäre ich jetzt nicht der Mensch, der ich bin, wenn ich die zwei nicht getroffen hätte.
Und bei all dem Rumgedate lernte ich tatsächlich irgendwann einen Menschen kennen, der bis heute an meiner Seite tanzt. G. und ich hatten ein nicht sehr vielversprechendes erstes Date, aber blieben danach in Kontakt, während ich durch Japan reiste. Er wollte eigentlich gar keine offene Beziehung, aber er ließ sich auf das ganze ein und war offen für neue Erfahrungen. Und ich lernte T. kennen, mit dem ich über ein halbes Jahr eine Art Beziehung hatte. Quasi ohne mich irgendwann aktiv dafür zu entscheiden, landete ich in einer polyamoren Situation, weil ich nicht bereit war, nein zu etwas zu sagen, zu dem ich ja sagen wollte. Mein Gefühl ist, dass die meisten Polys sich irgendwann aktiv dafür entscheiden, etwas anders zu machen. Zuerst Bücher lesen, Dokus schauen, Paneldiskussionen besuchen, und dann die Monogamie zum Fenster rauswerfen. Bei mir war das anders. Die Polyamorie war erst da, und dann habe ich mir darüber Gedanken gemacht, wie das jetzt funktioniert. Wenn es nicht Menschen wir N, C. und S. und auch E. in meinem Leben gehabt hätte, wäre ich sicherlich nie in so einer Situation gelandet.
Während G. bis vor einem Monat überhaupt keine anderen Menschen datete, hatte ich immer wieder Kontakt zu anderen. Aktiv danach suchen tue ich eigentlich nicht. Aber mein Profil auf okcupid besteht immer noch und hin und schaue ich eben doch in die App und schreibe auch mal jemanden an, wenn der- oder diejenige ein interessantes Profil hat.
Als G. das erste mal eine andere Frau traf, war ich zwar ein wenig eifersüchtig, aber im Vergleich zu damals mit J. ganz ruhig und ich verlor nicht die Kontrolle über eine Empfindungen. Bücher wie „The ethical slut“ haben mir unheimlich dabei geholfen, Eifersucht besser nachvollziehen zu können.
Meines Erachtens nach ist Eifersucht gar kein einzelnes Gefühl, sondern eine ganze Wolke aus unterschiedlichen negativen Gefühlen. Die ganze Negativität der Empfindungen ist bei den meisten Menschen so überwältigend, dass diejenigen schnellstmöglich nach einem Verantwortlichen dafür suchen, anstatt behutsam mit der Wolke umzugehen, tief durchzuatmen, einen Schritt zurück zu gehen, und sich diese einfach mal genau und in aller Ruhe anzuschauen. Eifersucht ist nämlich nur die Summe von Gefühlen wie Wehmut, Verlustangst, Unsicherheit, Wut, Trauer, Neid, und vielen mehr. Wer eifersüchtig ist, fühlt oft eine Mischung aus diesen und anderen Gefühlen und die Beweggründe können ganz vielschichtig und komplex sein. Eifersucht ist nichts, was einfach zu verstehen ist. Die Banalität, mit der Eifersucht in der Hollywoodwelt und damit auch den meisten Medien behandelt wird, wird der Komplexität dieser Gefühlssituation überhaupt nicht gerecht. Keiner wird eifersüchtig, weil der andere etwas macht, was einem nicht gefällt. Das mag der Auslöser sein, aber die wahren Gründe sind fast immer tiefgründiger.
Das macht das ganze natürlich nicht einfacher. In der monogamen Welt läuft das nach einem einfach Schema ab: A hat mich betrogen, also habe ich ein Recht darauf, eifersüchtig zu sein, und A ist daran Schuld. Entweder ich vergebe A oder wir machen Schluss, woran dann auch A Schuld ist. Das fatalste an diesem Szenario ist, dass B zu keinem Zeitpunkt gezwungen wird, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.
Doch genau das ist die Chance: Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Sich zu zwingen, diese Gefühle zu interpretieren, zu analysieren und erst dann zu entscheiden, wie schlimm die Situation denn wirklich ist. Nur wer Verantwortung übernimmt, gibt sich die Chance, zu lernen, woher diese Eifersucht denn kommt. Und ich sehe das wirklich als Chance, denn nur wer weiß, worin die eigenen Unsicherheiten und Ängste liegen, kann auch an diesen arbeiten. Wir können alle so tun als hätte wir weder das eine noch das andere und an unserer Eifersucht sind alle anderen Schuld. Aber damit verwehren wir uns die Aussicht auf persönliches Wachstum und persönliche Weiterentwicklung.
Als vor zwei Wochen G. und S. nach unserem Dreier in meinem Bett lagen und kuschelten, als ich zurück in mein Zimmer kam, war ich eifersüchtig. Wäre das vor einem Jahr passiert, hätte ich auf den Boden gestampft, zu weinen angefangen, hätte wahrscheinlich rum geschrien und irgendjemandem Vorwürfe gemacht. Doch in dieser Nacht entschied ich mich aktiv dafür, das Gefühl jetzt einfach ein Gefühl sein zu lassen, dem ich nicht die Erlaubnis erteile, mich zu überrollen und mich einzunehmen. Ich war müde, S. brauchte die Umarmung mehr als ich, und ich wollte in dem Moment nicht mit den beiden in einem Bett kuscheln, weil ich dann noch weniger Schlaf bekommen hätte. (Ja, mein Schlaf ist mir wichtig. Andere sind schlecht gelaunt, wenn sie hungrig sind, ich bin schlecht gelaunt, wenn man mir meinen Schlaf verwehrt.) Am Tag drauf waren die schlechten Gefühle weg. Ich entschied mich, mir dennoch Gedanken darüber zu machen, woher die Eifersucht plötzlich herkam. Ich war weder eifersüchtig gewesen, als G. S. gevögelt hatte, noch in sonst einem Moment während dieser Nacht. Sondern erst, als die beiden in meinem Bett lagen und kuschelten. Die Gründe, warum jemand eifersüchtig wird, müssen nicht immer dramatisch sein. In diesem Moment war ich einfach hundemüde, wollte mich in mein wunderbar bequemes Bett kuscheln, ohne mit irgendjemandem zu kuscheln, und mich meiner Müdigkeit hingeben. Ich war eifersüchtig, weil mein Wunsch in der Situation nicht erfüllt werden konnte, und mein wunderbar bequemes Bett von anderen Menschen besetzt war. Meine Eifersucht hatte also mit der klassischen „Der macht was mit einer anderen“-Eifersucht überhaupt nichts zu tun.
Ich bin so stolz, dass ich in der Situation ruhig geblieben bin, mein Gefühl einfach wahrgenommen, aber weder ignoriert noch diesem unnötige Aufmerksamkeit geschenkt habe. Dass ich mit aller Ruhe entschieden habe, dass mir mein Schlaf in dem Moment am wichtigsten ist, und mich auf die Gästematratze verabschiedet habe. Ich bin so unheimlich stolz auf mich selbst. Ich bin stolz auf meine Entwicklung. Ich bin stolz darauf, wie „erwachsen“ ich geworden bin. Ich bin stolz darauf, so unheimlich viel gelernt zu haben. Und ich bin stolz darauf, ich selbst zu sein.
Das ist das größte, was die Polyamorie mir gegeben hat. Sie hat mir ermöglicht, mich ohne Grenzen so zu entwickeln, wie es für mich das beste ist. Sie hat mir neue Wege aufgezeigt, die viel besser zu meinem Charakter passen. Sie hat mir Menschen in mein Leben gebracht, von denen ich lernen konnte und die mein Leben besonders machen. Und sie hat mir eine Art der Liebe aufgezeigt, die es mir ermöglicht, wirkliche „Partnerschaften“ ohne soziale Konstrukte aufzubauen. Partnerschaften, die auf Gemeinsamkeiten, Zukunftsvisionen, Erinnerungen und wahren Gefühlen basieren, und nicht auf dem Wunsch nach einer Beziehung wie im Film. Polyamorie hat mich frei gemacht. Und sie hat mir gezeigt, dass ich liebenswert und begehrenswert bin, dass ich stolz auf mich sein darf und sollte, und dass es die wahre Liebe ganz, ganz oft gibt da draußen.
Clara