Vor einer Woche nahm S. mich mit auf eine Party, die ihr Mitbewohner veranstaltet, um seinen Geburtstag zu feiern. Sie durfte nur eine Person als Begleitung mitbringen und ich fand es romantisch, als sie mich fragte, ob ich diese Person sein wollen würde. Natürlich sagte ich zu.
Vor der Party lud sie mich zu sich nach Hause ein. Sie wollte etwas kochen, wir wollten ein bisschen was trinken, bevor wir auf die Party gehen würden. Auf dem Weg zu ihr ging ich noch bei einem Supermarkt vorbei, um Bier oder Wein zu kaufen. Als ich im Laden konzentriert die wenig überzeugende Bierauswahl begutachtete, sah ich aus dem Augenwinkel eine mich anstrahlende S. auf mich zukommen. Sie sah großartig aus. Ein dunkelrotes Kleid und schwarze Stiefeletten, dazu ihre kurzen, gut gestylten Haare und ein bisschen dezentes Make-up, welches ihren rockigen Typ unterstrich. S. schafft es, selbst in einem pompösen Kleid in Wickeloptik androgyn auszusehen, und ich liebe das an ihr. Wenn S. Kleider anhat, die nicht zu ihrem Typ passen, sieht sie sofort verkleidet aus. Aber Kleider, die auch nur annähernd zu ihr passen, verwandelt sie in ihren individuellen Style. Ich habe mich nie sonderlich viel für Mode interessiert. Ich ziehe mich ordentlich und vorteilhaft an, aber ich hatte und habe keinen eigenen Kleidungsstil. Einen Tag kleide ich mich sportlich-elegant, dann wieder ganz klassisch, dann bunt und alternativ, dann sexy. Ich finde es aber cool, wenn Leute tatsächlich eine Art eigenen Stil entwickeln. In S.‘ Fall unterstreicht dieser perfekt ihr charakterliches Wesen. Es ist rebellisch, manchmal unsicher, eher dunkel und schwer zu durchdringen, aber gleichzeitig provokant.
Ich kam auf die Schnapsidee, ein billiges, pappsüßes Hugo-Gemisch und eine Flasche Weißwein zu kaufen. Also tranken wir an diesem Abend Bier, Wein und Sekt. Jeder Jugendliche weiß, dass das nur schlecht enden kann. Tat es auch – aber dazu später mehr.
Wir waren also bei ihr, S. hatte Eintopf gekocht. Ja. Eintopf. Ich war das erste mal bei ihr zum Essen eingeladen und sie kocht Eintopf. Eintopf! Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denke. Dass das jetzt nicht unbedingt die romantischste aller Speisen ist, fiel ihr auch erst so richtig auf, als wir bei ihr in der Küche standen und sie mir sagte, was es zu essen geben würde. Es war irgendwie ein süßer Moment. Sie selbst fand das jetzt nicht so schlimm, weil sie halt auch echt gerne Eintopf isst. Aber gleichzeitig schwankte diese Unsicherheit in ihrer Stimme mit. Sie hatte Angst, ich könnte enttäuscht sein. Und die sozialen Konventionen verlangen ja auch nach etwas anderem. Ich liebe S.‘ schizophrenen Charakter. Sie kann im selben Moment selbstbewusst und unsicher sein. Das macht sie sympathisch, komplex und menschlich.
Also aßen wir einen übrigens unheimlich leckeren Kartoffel-Rosenkohl-Eintopf, quatschten, tranken französisches Craft Beer, Hugo-Sekt-Gemisch und Weißwein, und machten uns dann betrunken auf den Weg zur Party, wo wir uns erstmal ein Bier holten. Was wir im Voraus nicht gewusst hatten: Bei der Party handelte es sich um eine Goa-Party. Die Menschen dort waren nett und interessant, aber die Musik war schrecklich, es regnete und war schweinekalt und um elf waren wir so betrunken und bekifft, dass uns beiden schlecht war – S. aber ein wenig mehr als mir. Also machten wir uns auf den Heimweg und lagen um halb zwölf wie zwei Rentner im Bett. Nicht der beste Abend, aber in meiner Erinnerung irgendwie als komplett positiv abgespeichert und mit positiven Gefühlen konnotiert.
Eines der wichtigsten Gespräche, die wir an dem Abend hatte, drehte sich um unser Sexleben. Bzw. das Sexleben, das sich erst noch zwischen uns entwickeln darf und wird. Das Ding ist, dass wir zwei an sehr unterschiedlichen Stufen unserer sexuellen Entwicklung stehen. Ist doch kein Problem denkt ihr? Naja, so einfach ist es nicht. Wir hatten im Juni ja einmal einen Dreier gemeinsam mit G., der an sich schön und unkompliziert war, leider aber auch S. im Nachhinein zu Tränen gebracht hat, weil er ihr vor Augen geführt hat, wie einfach G. und ich uns gehen lassen können, uns fallen lassen können und Sex einfach genießen können, wie er kommt und wenn er geschieht. S. kann das nicht. Oder nicht immer. Und das hat sie zutiefst traurig gemacht und sie wahrscheinlich auch an sich selbst zweifeln lassen.
Daher haben wir letztes Wochenende entschieden, dass wir unseren Sex trennen werden. An Abenden, an denen es um mich geht, geht es nur um mich. Und an Abenden, an denen es um sie geht, geht es nur um sie. Wir wollen vorerst keinen Sex miteinander haben, der komplett interaktiv ist, der uns versucht gleichermaßen zu befriedigen. Denn genau das würde wir nicht schaffen: Uns gleichermaßen zu befriedigen. Daher möchte ich eines verhindern, wenn es denn geht: Dass sie sich mit mir vergleicht. Natürlich ist mir klar, dass sie das auch tun wird, wenn zwischen unseren Sex-Sessions mehrere Tage liegen. Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass ihr das die Chance gibt, sich ohne Druck weiterzuentwickeln.
Hinzu kommt, dass ich ihr unbedingt das Gefühl geben möchte, dass es in den Sessions, wenn es um sie geht, wirklich nur um sie geht. Das Gefühl, das man hat, wenn sich alles nur um einen selbst dreht, wenn man bekommt, was man will, und ein Partner sich voll und ganz nur auf die eigenen Gefühle konzentriert, ist eine Erfahrung, die vielen Frauen verwehrt bleibt. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass genau diese Situation aber einen entscheidenden Unterschied macht. Als Frau ist es mitunter schwierig, sich zwischen den Wünschen des Partners und penetrativem Sex, der vielen Frauen einfach nicht das gibt, was sie eigentlich bräuchten, auch mal komplett auf die eigenen Empfindungen zu konzentrieren. Selbst für mich sind die Yoni-Massagen, die G. mir regelmäßig schenkt, immer wieder Entdeckungsreisen zu mir selbst. Tantra ist die Chance, die weibliche Sexualität zu entdecken und zu entwickeln, abseits vom männlich dominierten Sex.
Wir haben G. gefragt, ob er mir seine Yoni-Massage-Techniken beibringen würde und er hat zugesagt. Also werden wir uns demnächst mal wieder zu dritt treffen. S. wird sich als Versuchskaninchen anbieten müssen, während G. und ich zwischen ihren Beinen sitzen und ich meine erste Lehrstunde in Sachen Yoni-Massage bekomme. Ich freu mich jetzt schon drauf. Und vor allem auf die Zeit danach, wenn ich bei S. daheim die gelernten Sachen anwenden kann, in einer ruhigen Atmosphäre, mit der richtigen Musik, Kerzen, einer angenehmen Temperatur im Raum.
Wenn ich S. auch nur einen Bruchteil der Empfindungen schenken kann, die ich bei diesen Massagen habe, dann ist es das schon wert.
Gestern Abend war ich über Nacht bei ihr, und wir haben zum ersten Mal gemeinsam in ihrem Bett geschlafen, das 20cm größer ist als meines. Ich war müde und horny. Und fing unter der Decke an, meine Klitoris zu streicheln, während wir redeten und kuschelten und uns küssten. Irgendwann hielt ich es nicht mehr an, und erzählte ihr davon, was meine Finger da die ganze Zeit taten. Sie reagierte sofort, zog meine Decke weg und legte sich neben mich. Sie zog mein Top weit genug herunter, um mit ihren sanften Lippen und ihrer feuchten Zunge an meinen Brustwarzen zu lecken und zu saugen. Sie zog mit mein Top aus. Streichelte meinen Bauch, meine Beine, meine Füße. Fuhr mit leichten Fingern zwischen meine Schenkel. Ich war so unendlich geil. Und wurde irgendwann ungeduldig und bat sie, mich einzuziehen. Sie grinste mich an und entledigte mich meines Höschens. Sie fragte mich: „Darf ich deine Pussy lecken?“ Ich bat darum. Also küsste sie sich ihren Weg hinab zu meiner Vulva. Ihre sanften Küsse machten mich wahnsinnig. Sie war sanft und ihre Berührungen waren langsam. Jede Berührung verströmte so viel Nähe und Femininität, dass ich in emotionaler Empfindung zerfloss. Wie lange hatte ich mich genau danach gesehnt. Nach der Weiblichkeit. Danach, von einer Frau berührt zu werden. Von jemandem berührt zu werden, der nachempfinden kann, wie sich Bewegungen, Geschwindigkeit und Druck anfühlen.
Ich liebe Sex mit Männern. Aber Sex mit Frauen hat einen genauso großen Reiz, weil er anders ist. Anders, aber gleichermaßen wunderschön.
Sie ließ sich unheimlich viel Zeit mit mir. Ich kam oft, aber nicht heftig. Meine Orgasmen waren ähnlich wie ihre Berührungen: Sehr sanft. Insbesondere, als sie anfing, meine Vagina zu stimulieren, mich zu fingern und meinen G-Punkt zu berühren, hätte ich mir etwas mehr Druck und vielleicht noch einen weiteren Finger gewünscht. Die Vorsicht, mit der meine Klitoris und meine Lippen berührt wurden, war perfekt. Aber meine Vagina mag es etwas „gröber“. Dennoch zerfloss ich unter ihren Berührungen, war feucht wie der Atlantik und hatte am Ende einen zwar relativ sanften, aber sehr pulsierenden und unheimlich langanhaltenden Orgasmus.
Eine Welle an Hormonen überschwemmte mich danach, dank denen ich mich so verliebt fühlte, dass ihr das fast gesagt hätte. Und ich wurde müde.
Wir putzten uns die Zähne und kuschelten uns dann in ihr Bett. S. ist kein großer Kuschler, aber ich durfte dennoch ein bisschen ihre Nähe suchen. Ich fiel schon bald in einen tiefen, erholsamen Schlaf.
Morgens wachte ich neben einer auf ihrem Handy rumtippenden S. auf. Ich kuschelte mich an sie und bekam einen liebevollen Kuss auf den Mund. Doch dann war ihr irgendwie die Nähe zu viel. Sie stand auf, ließ mich alleine im Bett, sagte, sie würde kurz mit ihrer Mutter telefonieren wollen. Als sie zurückkam, legte sie sich zwar nochmal ins Bett, suchte aber nicht die Nähe zu mir. Irgendwann stand sie komplett auf, ohne etwas zu sagen. Sie setzte sich an ihr Notebook, schrieb irgendwelche Emails. Machte Musik an. Und ließ mich alleine im Bett zurück. Ich fühlte mich ungeliebt, alleine gelassen, und irgendwie verletzt. Insbesondere nach der schönen Nacht, die wir zuvor miteinander gehabt hatten. Ich verstand nicht, was passiert war und warum sie sich so komisch und distanziert verhielt.
Erst später, auf dem Weg zur U-Bahn, sprach ich sie darauf an. Sie sagte, sie sei aufgeregt, weil ihre Eltern sie später besuchen kommen würden und weil die Zeugnisverleihung ihres Studiengangs stattfinden würde. Zufrieden machte mich das dennoch nicht. Bisher ist das S.‘ einzige Charakterzug, mit dem ich nicht so richtig klarkomme. Dass sie sich zurückzieht, sobald sie sich in einer Situation nicht wohl fühlt. Sich mir entzieht und auch allen anderen Menschen. Dass sie dann distanziert wird, um mit sich selbst und ihren Gefühlen klar zu kommen. Sie ist dann weg. Und man kommt nicht mehr an sie ran.
Mir fehlt noch die richtige Weise, damit umzugehen. Ich will S. nicht vorwerfen, dass sie sich so verhält, weil das einfach ihre Art ist, mit bestimmten Dingen umzugehen, die sie aufreiben. Aber wir müssen eine Weise, mit diesem Charakterzug umzugehen, finden, denn dafür findet dieses Verhalten zu oft statt. Eigentlich fast jedes Mal, wenn wir uns sehen. Jedes Treffen mit S. ist umhüllt von glücklichen Momenten und Momenten, in denen wir uns ganz nah sind. Und bei jedem Treffen gibt es auch mindestens einen Moment, in der ich mich ihr so fern fühle wie die Sonne vom Mond.
Ich mag sie echt gern. Aber einfach ist es mit ihr nicht. Ich liebe ihren komplexen Charakter. Aber der macht es auch kompliziert für mich.
Clara