Ein wirrer Text über die Eifersucht

Seit 1,5 Jahren bin ich nun in einer offenen Beziehung mit G. Das funktionierte bisher super, hat mir aber auch meine Grenzen aufgezeigt. Insbesondere in den letzten 3 Monaten habe ich bemerkt, dass ich nicht immer damit umgehen kann, wenn er sich mit anderen Frauen trifft und eventuell auch Sex hat. Ich habe erkennen müssen, dass Polyamorie zwar in der Theorie unheimlich überzeugend klingt, in der Praxis aber ein Höchstmaß an Disziplin, Kommunikationsfähigkeit, Wille und Selbstbewusstsein erfordert. Im Moment fehlt es mir an allem außer der Kommunikationsfähigkeit.

Letztes Jahr hatte G. eine Affaire mit einer etwas anderen Frau und ich hatte überhaupt keine Probleme damit. Keine Eifersucht. Ich gönnte ihm den Spaß und zwischen uns änderte sich nichts.

Vor etwa zwei Monaten hatte er seit langem mal wieder zwei Dates. Und plötzlich lief alles aus dem Ruder. Ich hatte plötzlich so viel Angst, so viele Unsicherheiten, dass ich allein beim Gedanken an einen Kuss zwischen ihm und der anderen Frau anfing zu weinen. Was hatte sich geändert? Wo war die selbstbewusste, lebensbejahende Poly-Clara hinverschwunden?

G. und ich analysierten uns zu Tode, um diese Fragen zu beantworten. Alles in allem führten wir meinen Gefühlsausbruch darauf zurück, dass ich genau in diesem Monat viele Umbrüche in meinem Leben hatte, viel Stress unabhängig von unserer Beziehung, und mich zudem unheimlich unwohl in meinem Körper fühlte und viele Unsicherheiten in Bezug auf mein eigenes Aussehen mit mir herumtrug.

Wir entschieden, eine Polypause zu machen. Mal monogam zu sein – übergangsweise. Bis ich mich erholt hatte, mein Leben wieder im Griff hatte, meinen Körper nicht mehr so hasste.

Ich wusste, dass ich das Problem war, doch in dem Fall machte es das für mich nicht besser, sondern schlechter. Ich fühlte mich schwach, unzureichend, nicht erwachsen genug, emotional, nervig. Ich fühlte mich, als wäre ich eine Belastung, eine Hürde, das zusätzliche Gewicht, das keiner will. Ich fühlte mich den Idealen und Versprechungen der Polyamorie nicht gewachsen. Ich fühlte mich unserer Beziehung nicht gewachsen. Als stünde ich zwischen G. und seinen Vorstellungen einer perfekten Beziehung. Ich fühlte mich unzulänglich, nicht gut genug.

Ich fühlte mich nicht liebenswert.

Ich war froh darüber, dass G. kein Problem damit zu haben schien, eine Weile vom Dating abzusehen. Es gab mir die Chance, mit mir selbst wieder im Reinen zu werden. Ich fing wieder an Sport zu machen. Bekam schnell wieder einen besseren Zugang zu meinem Körper. Ich kümmerte mich wieder mehr um liegen gelassene Freundschaften. Ich traf mich mit einem neuen Menschen. Ich ging auf Reisen.

Und ich gestand mir ein, dass ich nicht ansatzweise so perfekt bin, wie ich immer dachte. G. war in der ganzen Zeit ein Schatz. Er versuchte mir beizubringen, dass mich meine Unsicherheiten, Ecken und Kanten menschlich machten. Dass ich schwach sein durfte. Dass ich emotional sein durfte. Dass er mich für alle meine Stärken und Schwächen liebte. Ich glaube ihm das auch. Wirklich. Und das gibt mir sehr viel Kraft.

Ich erholte mich.

Gestern traf er sich mit einer neuen Frau. Da es die letzten Wochen echt gut zwischen uns lief und ich wieder viel selbstbewusster war, sagte ich ihm, er dürfe passieren lassen, was er wollte. Ohne Grenze, ohne Regeln. Ich fühlte mich selbstbewusst genug, damit umzugehen.

Er hatte Sex. Gesagt hat er mir das bisher nicht, weil ich ihn gebeten hatte, mir davon nicht zu erzählen. Allein das hätte mich darauf aufmerksam machen sollen, dass ich eventuell doch nicht dafür bereit war.

Ich traf mich abends auch mit jemanden und war erst sehr spät daheim. Ich schrieb ihm eine Nachricht und bekam nach Mitternacht eine Antwort. Wer so spät noch wach ist, am nächsten Morgen aber um 6 Uhr aufstehen muss, hat seine Gründe.

Ich fühlte mich nicht eifersüchtig. Ich war auch nicht wütend, oder traurig, oder unsicher. Aber ich ging sofort innerlich auf Distanz. Irgendwo tief drin weiß ich zwar, dass ich G. liebe wie keinen anderen Menschen auf dieser Welt, aber das Gefühl ist seit gestern Nacht ganz weit weg. Irgendwo vergraben. Hinter einer Mauer.

Ich fühle mich kalt an. Eine Selbstschutzmethode aus dem Bilderbuch.

Das Ding ist: Ich weiß nicht so richtig, warum ich so reagiere. Es war okay, dass er Spaß hatte. Ich fühle mich weiterhin geliebt. Ich habe keine Angst ihn zu verlieren (nagut, vielleicht ein kleines bisschen. Das ist seit langem meine größte Angst… Aber die ist jetzt nicht unbedingt größer geworden durch sein Intermezzo.). Aber beim Gedanken daran, dass er sich einer anderen Frau hingegeben hat, dreht es mir den Magen um und mir wird übel. Mir wird richtig schlecht. Und ich werde unendlich müde und will eigentlich nur in meinem Bett und unter einer riesigen Decke liegen und gegen die Wand starren oder schlafen. Ganz weit weg von Beziehungskrams, Liebe und dem Shit.

Es ist nicht so schlimm wie beim letzten mal. Ich drehe nicht durch, ich heule nicht, ich bin nicht total in allem erschüttert und auch nicht unendlich verunsichert. Ich fühle mich nur unendlich unwohl, sehr einsam und gefühlskalt.

Morgen kommt er mich besuchen und er will heute Abend noch darüber reden, wie es mir geht. Im Moment will ich weder mit ihm reden, noch ihn sehen. Ich will einfach in einem Bett liegen, S. oder J. bei mir haben, umarmt werden, und irgendjemandem eingestehen, dass ich schwach bin.

Eure Clara, die ein bisschen den Glauben an die Polyamorie verloren hat

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Ava Ava sagt:

    Danke für diesen schönen, „ungeschminkten“ Text! Lustigerweise habe ich ein ähnliches Gefühl (aka Gefühlskälte) heute auch empfunden, als Du von Deinem Date mit J. (ein männlicher J., Anm. d. Les.) erzählt hast (aus Gründen, die ich hier nicht erläutern muss). Vor ein paar Wochen war ich noch total wild darauf, ihn zu treffen, jetzt bin ich – wie Du es so gut beschrieben hast – total auf Distanz. Ich glaube, dass man nicht von sich erwarten muss, solche Emotionen sofort durchsteigen und auf einen Auslöser zurückführen zu können. Das wäre für unseren menschlichen (W)Irrsinn ja auch viel zu leicht!

    Was Deinen (verloren) Glauben an die Polyamorie angeht, möchte ich unfassbarerweise meine Mutter zitieren (wenn sie es auch in einem ganz anderen, mir eher fernen Kontext gemeint hat): Zweifel gehören untrennbar zum Glauben dazu. Und um es mit einem Songzitat abzuschließen: „Don’t be so hard on yourself.“

    Innige Umarmung,
    S.

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    1. Oh, danke für den lieben Kommentar!

      Warum fühlst du dich denn zu J. distanziert? Wegen meines Dates? Oder wegen etwas anderem? Hat dich schockiert, dass der sich mit mir getroffen hat, oder dass ich ja offensichtlich nocht so begeistert war von ihm?

      Dicker Knutsch,
      C.

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  2. Ich hab das Gefühl, dass für Dich eine neue Zeit anfängt.
    Du solltest Dich auf das monogame beschränken und konzentrieren.
    Vielleicht kannst Du die Polygamy später noch einmal ausleben.

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    1. Hallo Skywalkerlein, Danke für deinen Kommentar! Ich hab es noch nicht ganz entschieden, wie es weitergehen soll. Aber das Monogame steht auf jeden Fall als Option mehr im Raum als noch vor einem Jahr.
      Und es stimmt – man muss nicht alles sofort machen. Wenn Monogamie jetzt das richtige ist, super. Wenn später doch etwas offenes funktioniert, auch gut. Man muss immer das finden, was einem selbst und der Beziehung gut tut und was funktioniert.

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  3. Es ist aber immer leichter von Polygamy zur Monogamy zu wechseln als andersherum. Das Problem ist ja auch, dass immer zwei dazu bereit sein müssen etwas wichtiges im Leben zu ändern.

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    1. Danke für deinen Kommentar!
      Warum meinst du, dass es schwieriger ist, eine Beziehung zu öffnen als sie wieder zu schließen?

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      1. Genau. So habe ich es erfahren, auch wenn ich nicht wirklich eine offene Beziehung geführt habe.

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  4. Avatar von sircumalot9in sircumalot9in sagt:

    Hat dies auf sircumalot9in's Blog rebloggt.

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