Adieu, poly.

am

Am Freitag kam G. zu Besuch. Meine Distanziertheit der letzten Tage hatte ich überwunden. Dachte ich. Bis er da war. Und mich passiv aggressiv, unterkühlt und distanziert verhielt.

Wir fuhren abends in die Stadt, um mit J. und ein paar Freunden ein Konzert anzusehen, für das ich ihm Karten zu Weihnachten geschenkt hatte. Ich freute mich darauf, und hoffte, dass meine schlechte Laune einfach nach ein paar Bier und etwas guter Musik vergehen würde.

Ich machte G. keine Vorwürfe. Ich war auch nicht wütend auf ihn. Aber bei der Vorstellung, dass er liebevollen Sex mit jemand anderem gehabt haben könnte, wurde mir schlecht. Und ich wusste einfach nicht, wie ich die negativen Gefühle aus mir herausbekam. Ich hatte Sport gemacht, ich hatte geschrieben, ich hatte mit Freunden darüber geredet. Aber mich normal verhalten konnte ich mich immer noch nicht.

Ich freute mich riesig darauf, J. zu sehen und sie zu umarmen. Die Umarmung hatte ich bitter nötig.

Wir waren zu früh. Holten uns ein Bier an der Bar.

Dann kam J. und umarmte mich. Sie drückte mich an sich und hielt mich einfach fest. Ich weiß nicht wie lange wir den Leuten in unserer Umarmung im Weg standen, aber es fühlte sich lange an. Das erste mal seit Tagen atmete ich richtig durch. Und fing bitterlich an zu weinen. Ich schluchzte J. an den Half, weinte auf ihr schönes Kleid. Ich schmiegte meine Wange an die weiche Haut ihres Halses. Und weinte einfach.

Nach mehreren Minuten lösten wir uns voneinander. Ich wischte mir die restlichen Tränen aus dem Gesicht und grinste ihr verlegen ins Gesicht. Viel gesagt haben wir nicht. Aber das brauchte es auch nicht. Sie hatte meinen Blogeintrag gelesen und verstanden, wie ich mich fühlte. Und wir wussten beide, dass es zu dem Thema nichts zu sagen gab. Keiner hatte einen Fehler gemacht. Es hatte einfach nicht funktioniert. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Ich trank mein Bier aus, streckte G. den leeren Becher hin, er ging Nachschub holen, und dann liefen wir in den Gruppe in die Konzerthalle und suchten uns einen guten Platz zum Stehen. Ich nahm G. an der Hand und fühlte mich gut. Manchmal ist es so einfach. Manchmal braucht man einfach eine Möglichkeit, die schlechten Gefühle loszuwerden. Bei mir sind das meistens Sport, Sex oder Weinen. Ich hatte geweint, ich hatte mich verstanden gefühlt. Und die schlechten Gefühle waren weg.

Ich spürte wieder, wie sehr ich G. liebte.

Ich drehte mich zu ihm, legte meinen Arm um seine Schultern und zog ihn zu mir heran. Wir küssten uns so leidenschaftlich, wie lange nicht mehr. Knutschten wie die frisch verliebten Lovebirds mitten in der Menschenmenge. Mindestens so lang, wie ich vorher geweint hatte. Ich fühlte mich plötzlich so euphorisch, weil alle guten Gefühle, an die ich mich die letzten Tage nur erinnert hatte, sie aber nicht mehr fühlen konnte, zu mir zurückkamen. Ich liebe diesen Mann. Mehr als alles auf der Welt.

Das ganze Konzert lang tanzten wir miteinander, küssten uns immer wieder, stoßen zusammen an, tranken Bier, lachten und hatten Spaß. Es war der perfekte Abend nach einer schwierigen Woche.

Spätnachts torkelten wir Hand in Hand nach Hause und fielen ermüdet ins Bett. Wir kuschelten uns aneinander und schliefen sofort ein.

Viel zu früh wachten wir wieder auf. Wir ignorierten unseren Mundgeruch und knutschten rum, kuschelten. Irgendwann küsste ich seinen Hals und er fing an zu stöhnen. Wir hatten an dem Wochenende stundenlangen Sex. Und zwar Sex, wie wir ihn seit Beginn unserer Beziehung nicht mehr hatten. Sex des Sexes wegen. Sex ohne Orgasmusjagd. Sex mit Zeit. Langsamer Sex. Wilder Sex. Sex, nachdem wir verschwitzt und kichernd nebeneinander lagen und nicht fassen konnten, wie gut das war. Sex, bei mir wir uns in die Augen sahen und uns immer wieder beteuerten, wie sehr wir uns liebten. Sex, den man nur haben kann, wenn diese ganzen Gefühle existieren.

Als er am Montag wieder abfuhr, waren wir beide unheimlich traurig. Er wollte nicht gehen. Und ich wollte, dass er bleibt. Es war ein bisschen dramatisch.

Wir sind ein richtig eklig romantisches Paar. So cheesy, dass es trieft. Und wisst ihr was? Es ist geil! Denn so soll es sein! Es soll Spaß machen, und romantisch sein, und triefen. Es soll nicht langweilig werden. Und es soll auch nicht ermüden.

Über die Offenheit unserer Beziehung haben wir noch nicht geredet. G. wird sich nicht trauen, nochmal Sex mit jemand anderem zu haben angesichts meiner Überforderung mit dem Thema. Außerdem hat er mehrmals klar gestellt, dass ihm unsere Beziehung wichtiger ist als jeder Sex, den er haben könnte.

Es ist ein bisschen ironisch. Als wir zusammenkamen, habe ich ihn damit überfordert, dass ich poly sein wollte. Er musste damals durch viel durch. War oft eifersüchtig und hat sich oft nicht wohl damit gefühlt. Anderthalb Jahre später bin ich diejenige, die überfordert ist. G. hat das folgendermaßen zusammengefasst, und ich finde er trifft damit den Nagel auf den Kopf: „Poly-Clara didn’t expect to fall in love this much.“

Ich hatte nie erwartet, mich in jemanden zu verlieben, der mir alles gibt, was ich brauche. Und noch viel mehr.

Eure Clara, die an die große Liebe glaubt

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