Seit etwas 1,5 Jahren date ich wieder alleine. G. und ich haben unsere Beziehung schon vor einer Weile wieder geöffnet. Zu Beginn haben wir gemeinsam gedatet, aber mir gefällt das daten ohne ihn einfach besser.
Erstens, weil es deutlich einfacher ist. Es sind dann nur zwei Leute, die sich attraktiv finden müssen. Nur zwei Leute, deren Tempo synchron sein muss.
Zweitens, weil ich den Spaß daran wiederentdeckt habe, mich immer wieder selbst neu kennenzulernen. Das passiert beim Daten ganz von allein. Ich entdecke schüchterne Seiten. Oder, dass ich mit jedem Menschen ein bisschen anders bin.
Im Oktober traf ich während einer Dienstreise meinen Exfreund wieder. Wir hatten im Vorjahr ein paar mal Sex miteinander und hörten aber dann wegen seiner damaligen Beziehung damit auf. Seitdem hatten wir sehr wenig Kontakt, sodass ich nicht mal wusste, ob er aktuell in einer Beziehung ist oder nicht.
Wir trafen uns abends in einer coolen Bar auf einen Drink. Ich war ziemlich nervös, denn obwohl ich niemals nochmal eine Beziehung mit ihm führen wöllte, find ich ihn immer noch sehr attraktiv und anziehend. Wir redeten über dieses und jenes – und ich fing recht schnell an, körperlichen Kontakt herzustellen. Anfangs ganz keusch beim Streicheln des Rückens, als er mir von seiner Trennung erzählte. Später lag meine Hand auf seinem Oberschenkel.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und lenkte das Gespräch auf unsere beendete sexuelle Beziehung aus dem Vorjahr. Ich erzählte ihm, dass ich damals eine wichtige Erkenntnis über mich selbst hatte: Nach all den Jahren in einer offenen Beziehung und den vielen Dating-Erfahrungen genieße ich es am allermeisten, wenn es keine Grenzen und ganz viel Freiheit gibt. Damit meine ich, dass ich gerne die Möglichkeit habe, dass sich Begegnungen und Beziehungen ganz frei von Erwartungen und Regeln entwickeln dürfen. Inklusive aller Gefühle.
Ich treffe heute keine Menschen mehr, die zum Beispiel eine offene Beziehung führen mit der Regel, dass „nur Sex“ erlaubt ist. Für mich muss es okay sein, dass sich eventuell Gefühle entwickeln.
G. und ich führen heute eine beziehungsanarchische Beziehung. Bedeutet: Zu jeder Zeit stellen wir die Regeln, die uns aktuell gut tun, auf den Prüfstand und definieren sie zusammen. Das Gleiche machen wir mit unseren anderen Partner*innen.
In der Beziehung mit G. gibt es daher heute nur noch sehr wenige Regeln:
- Regeln zu Safer Sex
- wir machen immer einen Check-In vor jedem Date und fragen ab, wie es uns geht und ob wir beim anstehenden Date irgendwas nicht machen sollen
- wir reden ehrlich und offen über alle Entwicklungen in unseren Beziehungen
Zurück zum Treffen mit meinem Exfreund: Ich erzählte ihm also davon, dass ich heute nur noch Menschen kennenlerne, die genauso frei agieren können und wollen wie ich.
Interessanterweise verstand mein Exfreund das völlig falsch. Er meldete mir als Reaktion nämlich zurück, dass er offen für Sex mit mir wäre, aber keine Beziehung will. Möglicherweise kann er meine Aussage zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht verstehen, weil er noch viel zu sehr im Muster „Es gibt nur monogame Beziehungen und wenn offen, dann maximal Sex, weil nur Abgrenzung davor schützen kann, dass die Beziehung in Gefahr steht“.
Wir knutschten an dem Abend ein bisschen rum, aber ansonsten lief nichts. Stattdessen stieg ich am Tag danach in meinen Zug nach Hause und hatte zwei Gedanken im Kopf: Dieser Mann, mein Exfreund, ist heute für mich komplett uninteressant. Und ich habe Lust, stattdessen jemand neues kennenzulernen.
Also reaktivierte ich mein Profil auf okcupid und erweiterte meine Partner*innensuche seit drei Jahren zum ersten Mal auch auf Männer (davor hatte ich nie Interesse an Männern und hatte daher immer nur nach FLINTA* gesucht). Ich swipte ein paar Tage lang, hatte viele Matches, fing Gespräche mit etwa 10 Leuten an und entschied schnell, dass mich L. von allen am meisten interessierte.
Wir schrieben eine handvoll Nachrichten hin und her, bevor wir uns zum ersten Date verabredeten. Er und seine Freundin hatten ihre Beziehung erst vor 2 Monaten geöffnet (nachdem sie ein Jahr lang darüber geredet hatten). Entsprechend nervös war er auf unserem ersten Date – und irgendwie unerfahren und schüchtern. Er hielt den ganzen Abend recht viel Abstand zu mir, was für mich verwirrend war. Gleichzeitig war seine Kommunikation flirty und entgegenkommend. Ich wusste daher nicht ganz, wie ich alles einschätzen sollte.
Wir verabredeten uns schon in der Folgewoche zum zweiten Date und gingen gemeinsam in meine Lieblings-Saunalandschaft. Obwohl die Nacktheit für uns beide überhaupt kein Problem darstellte und wir dahingehend total entspannt waren, sind Saunas tatsächlich schwierige Dating-Locations. Eigentlich wird in Saunas nämlich ein recht keusches Verhalten gewertschätzt. Zu viele Liebkosungen sollte man lieber nach Zuhause verlegen. Darüber hinaus ist die Hürde, jemanden, mit dem man bisher keinerlei Körperkontakt hatte, nun im nackten Zustand in der Öffentlichkeit anzufassen, enorm hoch.
Wir durchliefen daher insgesamt zwei Saunagänge, mehrere Gespräch im Pool, sowie mehrere Schläfchen im Ruheraum, ohne jeglichen Körperkontakt. Kein Kuss, kein Händehalten, nichts.
Für mich stieg das Bedürfnis, ihn zu berühren, gleichzeitig ins unermessliche.
Irgendwann standen wir im Vorraum einer Sauna und warteten darauf, dass sie gleich für den nächsten Aufguss geöffnet wurde. L.’s Hand lauf auf meinem Oberarm und schaute ihm in die Augen. Ich sagte ihm: „Darf ich dich küssen?“ Er beugte sich zu mir herunter und gab mir einen unheimlich vorsichtigen, gefühlvollen, sanften und langsamen Kuss.
Noch näher kamen wir uns, als wir nach dem Aufguss nochmal in den Pool gingen. Wir umarmten uns, streichelten uns die Schultern und Rücken, knutschen viel rum. Es fühlte sich total richtig und entspannt an. Und war so schön, dass wir dort im Pool blieben, bis irgendwann die Saunalandschaft zumachte.
Auf der Heimfahrt fühlte ich mich ganz flauschig. Ich dachte mir damals im Auto, dass ich diesen Blog weiterführen sollte, um solch schöne Erinnerungen in der größtmöglichen Detailliertheit aufzuschreiben, damit ich sie nicht vergesse.
Auf unserem dritten Date wollten wir uns bei ihm daheim treffen. Seine Freundin hatte sich extra mit ihrem aktuellen Lover verabredet, sodass L. die Wohnung für sich hatte. Leider sagte ihr der Lover kurzfristig ab. Ich fuhr trotzdem zu ihm, denn ihn gar nicht zu sehen, war für mich keine Option.
Ich lernte also seine Freundin A. kennen, die redet sie ein Wasserfall, ansonsten aber sympathisch und selbstbewusst ist.
Nach einem Kaffee zu dritt liefen L. und ich zu zweit in die Stadt in eine meiner Lieblingskneipen. Wir setzten uns nebeneinander auf die Bank an einem kleinen Holztisch und bestellten zwei Winterbier. Sobald wir nebeneinander saßen, konnten wir die Finger nicht mehr voneinander lassen. Wir redeten über zwei Stunden miteinander, tranken zwei bzw. vier Bier, streichelten Hände, massierten Oberschenkel, streichelten Rücken – und knutschten immer wieder miteinander rum.
Wir machten damit die ganze Situation nur schlimmer, denn zum Kuscheln zu ihm nach Hause zu gehen, war keine Option. A. und L. hatten bisher die Regel, dass sie Leute nur mit nach Hause nehmen wollten, wenn die andere Person nicht da war.
Wir entschlossen uns also, noch eine Runde spazieren zu gehen. Als wir die Kneipe verließen, war es draußen jedoch so bitterkalt, dass wir doch direkt zu L. nach Hause liefen.
Dort lag A. auf dem Sofa. L. machte uns dreien Tee und wir unterhielten uns. Die ganze Situation war überhaupt nicht komisch, aber ich hatte riesiges Bedürfnis danach, mit L. alleine zu sein und mit ihm zu kuscheln.
Als ich irgendwann auf dem Klo war, unterhielten sich L. und A. kurz darüber, ob ich nicht dort bei ihnen übernachten dürfte. Ich durfte. Daraufhin fasste ich den Mut und sagte zu A.: „Wäre es für dich in Ordnung, wenn ich mit L. noch etwas Zeit alleine verbringe, um mit ihm zu kuscheln?“ Und das war es. A. verabschiedete sich also und ging ins Bett. Und L. blieb bei mir.
Während den nächsten drei Stunden kuschelten wir ungestört, zogen uns langsam aus, küssten uns viel, und hatten das erste mal Sex miteinander. Es war unheimlich schön.
Vorgestern hatten wir unser viertes Date. Ich hatte am 21.12. eine OP im Krankenhaus und hatte ihn (eigentlich ohne viel Hoffnung) gefragt, ob er Lust hätte, mich im Krankenhaus besuchen zu kommen. Er hatte sofort zugesagt und sich den Nachmittag freigeschaufelt, um mit genügend Zeit vorbeizukommen.
Und so besuchte mich dieser wunderschöne Mann im Krankenhaus. Als er ankam, waren noch meine Schwester und G. zu Besuch. Doch die zwei ließen uns dann schnell allein, sodass ich L. zu mir ins Bett bitten konnte. Er kuschelte sich zur mir, streichelte meinen Bauch und wir verfielen miteinander im Moment. Ich hatte eine Bettnachbarin, die sogar Besuch bekam. Aber davon nahmen wir nichts mehr war. Wir waren beide so im Moment miteinander, dass die Zeit verschwamm und alles um uns herum auch.
L. ist fünf Jahre jünger als ich und überrascht mich immer wieder. Ich habe in der Vergangenheit immer wieder schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht, die nicht genügend acht geben auf die Menschen in ihrer Umgebung. Daher erwarte ich bei Männern grundsätzlich immer ein weniger empathisches und rücksichtsvolles Verhalten als bei Frauen.
L. überrascht mich daher immer wieder mit seiner liebevolle, achtsamen, wertschätzenden, kommunikativen und reifen Art. Während der Nacht bei ihm daheim sagte er irgendwann zu mir: „Ich fühle mich bei dir gut aufgehoben.“ Ist das nicht eines der schönsten Komplimente, die man bekommen kann?
Ich fühle mich bei ihm auch gut aufgehoben. Ich mag seine Langsamkeit, seine Liebe zum Kuscheln, zum nichts überstürzen. Das, was L. und ich da gerade haben, ist richtig schön.
Wahrscheinlich sehen wir uns am 30.12. wieder.