Heute Abend war ich eigentlich mit L. verabredet. Leider wollten sich meine Eltern nicht festlegen, ob sie nun am Freitag oder schon heute von ihrem Urlaub zurückkommen. Meine Eltern wissen bisher nichts von meiner nicht-monogamen Beziehung. Im Zweifelsfall wären L. und ich also ziemlich in Erklärungsnot gekommen. Gott freue ich mich darauf, wenn wir in zwei Monaten endlich in unser Haus eingezogen sind und mehr Privatsphäre haben.
Ich habe mich dazu entschlossen, meinen Eltern zeitnah – wahrscheinlich dieses Wochenende – von der Polybeziehung zu erzählen. Die Lügengeschichten häufen sich immer mehr und es nervt mich und strengt mich an, das verheimlichen zu müssen. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, wie einfach dieses Gespräch wird. Aber der Pain, zu lügen und sich immer neue Stories überlegen zu müssen, wird immer größer. Drückt mir also die Daumen, dass sie ruhig darauf reagieren. Im besten Fall ist’s ihnen einfach egal. Oder sie ahnten es eh schon.
Auf jeden Fall war L. deswegen schon gestern hier. Ich machte um halb sechs den Abflug im Büro, um vorher noch kurz duschen und in bequeme Kleidung schlüpfen zu können. G. stand schon kochend in der Küche, als ich heimkam, und zauberte uns ein Thai-Curry. Das ganze Haus duftete danach. Ich küsste ihn kurz und machte mich dann frisch für mein Date mit L.
Pünktlich um halb sechs klingelte er an der Tür – mit lächelnden Augen. Er kam rein, zog seine Schuhe aus, verstaute seine Jacke, legte seine Tasche ab. Und sofort konnte ich die Finger nicht mehr von ihm lassen. Umarmte ihn immer wieder, küsste ihn, ließ mich umarmen und streicheln.
Für L. war es das erste mal, dass wir uns auch vor G. berührten. Was für mich und G. ganz normal geworden ist, ist für L. noch neu. Aber er wirkte auf mich entspannt, wenn auch etwas vorsichtig.
Wir aßen alle zusammen zu Abend und unterhielten uns gut. Verstauten das Geschirr in der Geschirrspülmaschine und machten uns auf den Weg nach oben. G. ging in sein Zimmer, L. und ich in meins.
Wir machten es uns auf dem Bett bequem. Wir hatten beide in der Nacht davor nicht gut geschlafen und waren müde, aber froh beieinander zu sein. Wir kuschelten und redeten lange miteinander.
Im Laufe des Gesprächs drehte es sich viel um uns und wie wir unsere Beziehung/Freundschaft wahrnehmen und fühlen. Ich sagte ihm, dass ich keine Menschen mehr date, die nicht emotional verfügbar sind, weil es mir wichtig ist, dass sich frei entwickeln darf, was sich richtig und gut anfühlt.
Ohne, dass ich viel fragen musste, erzählte er ganz offen, was er fühlte und sich dachte. Zu Beginn der offenen Beziehung mit seiner Freundin hatten die beiden gedacht, dass es ihnen vor allem um Sex mit anderen Menschen ginge. Für seine Freundin ist das vielleicht auch immer noch so.
Doch für ihn hat sich das durch die Dates mit mir verändert. Er genießt es, dass wir uns auch emotional nah kommen, uns sehr gut verstehen, tiefgründige Gespräche miteinander führen, uns immer besser kennenlernen. Er genießt es, auch außerhalb des Schlafzimmers Zeit mit mir zu verbringen. Er sagte: „Anscheinend bin ich auch emotional investiert in die Beziehung mit dir. Denn wenn das zwischen uns morgen enden müsste, aus irgendwelchen externen Gründen heraus, wäre ich sehr traurig.“ Heute glaubt er an Polyamorie und dass sie funktionieren kann und dem, was für ihn funktioniert und wie er sich seine Situation wünscht, am nächsten kommt.
Ich fühlte mich erleichtert, mit diesen Gefühlen nicht alleine zu sein. Und unendlich glücklich, dass wir gleich fühlen und aktuell das gleiche Tempo schön finden und dass es sich für uns beide richtig anfühlt.
Es war eines dieser Gespräche, nach denen man sich ganz nah fühlt. Verbunden, sicher, verstanden. Während und nach denen man sich immer wieder küsst, weil der Moment so schön ist. Bei denen man ein Risiko eingeht, weil man sich öffnet und verletzbar macht. Und umso glücklicher ist, wenn man mit offenen Armen empfangen und verstanden wird.
Wir kuschelten noch lange miteinander und plauderten weiter. Waren müde und glücklich. Und ich war mir gar nicht sicher, ob wir heute noch Sex miteinander haben würden. Ich war zwar schon ein bisschen horny, aber eben auch sehr zufrieden in dem Moment.
Da L. sich während unseres Gesprächs erst irgendwann die Jeans ausgezogen hatte, weil sie unbequem war, und später seinen Pulli, weil er zu warm war, lag dennoch ein wunderschön warmer, behaarter, trainierter, halbnackter L. neben mir. Gestreichelt wurde ich schon die ganze Zeit, aber als nun seine Hände unter meinen Pulli strichen, meinen Nacken kraulten und meine Brüste streichelten, stoß ich einen Seufzer aus.
Der Sex mit ihm war wunderschön. Meine Lieblingsszene, die sich ich seitdem immer wieder vor meinem inneren Auge abspiele, war, als ich auf dem Rücken lag. Meine Beine zitterten vor Anstrengung, also streckte ich sie ihm entgegen. Er legt sie sich um den Hals, hielt sie mit seinen großen, starken Händen fest, und bewegte sich in rhythmischen Bewegungen in mir. Es war so ein schöner Anblick, wie er mit geschlossenen Augen genau das tat, was sich gerade für uns beide gut anfühlte. Wie sich seine Bauchmuskeln und Brustmuskeln anspannten, wenn er sich bewegte. Und er immer wieder den Mund leicht öffnete – für einen tiefen Atemzug oder ein Schnurren.
Ich liebe diese gefühlvolle Seite an L. Er spürt in den Moment hinein und gibt sich den Empfindungen im Raum voll und ganz hin. Es ist eine ganz sinnliche, ruhige Leidenschaft, die ihn führt. Und gleichzeitig fühlt es sich wahnsinnig gut an, so von ihm gevögelt zu werden.
Im Anschluss lagen wir noch lange aufeinander und ineinander verschlungen und genossen das Gefühl unserer verschwitzten Haut und des matten Glücks.
Er sagte: „Ich fand unser Gespräch vorhin richtig schön.“
Ich: „Ich fand es schön, wie offen du deine Gedanken mit mir geteilt hast. Ich finde eh, dass du für dein Alter eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit hast.“ Er erwiderte daraufhin, dass wahrscheinlich eher meine Art, mit ihm zu kommunizieren, es ihm ermöglicht, so offen zu reden.
„Du bist eine ganz besondere Frau, Clara.“
Irgendwann waren wir so kurz vorm Einschlafen, dass wir uns nochmal motivierten, Zähne putzen zu gehen. Gewaschen und in unsere Schlaf-T-Shirts kuschelten wir uns ins noch warme Bett.
Ich schlief erneut so gut wie nicht. Aber fand die Nacht noch schöner als letzten Samstag. Ich dachte mir irgendwann: „Wenn ich eh nicht schlafen kann, dann kann ich wenigstens kuscheln.“ Also suchte ich die ganze Nacht die Nähe zu L., der mich im Schlaf umarmte, meine Hand fasste, oder sich an mich schmiegte.
Nach der kurzen Nacht war uns der Wecker heute Morgen natürlich gar nicht recht. Als L. etwas zu sich gekommen war, kuschelte er sich an mich und flüsterte: „Das mit dem Schlafen müssen wir noch etwas üben. Aber ich fand die Nacht richtig schön mit dir. Wir haben ganz viel gekuschelt.“
Wir hätten uns heute Morgen beide etwas mehr Zeit gewünscht, um den Tag nicht in Hektik und mit stetigem Blick auf die Uhr zu starten. Aber leider mussten wir beide los zur Arbeit.
In den Luxus von freier Zeit und gemütlichen Morgenstunden werden wir im Februar kommen. Ich bin ab Ende Januar für zwei Wochen in unserer Ferienwohnung im Allgäu. L. wird für drei Nächte mit mir dort sein. Wir werden gemeinsam Skifahren, Kuscheln, und fast vier Tage miteinander verbringen. Ohne Arbeit, ohne Termine, einfach nur wir zwei. Darauf freue ich mich schon sehr.
Wie schön ist doch diese rosige Phase, in der man anfängt, Gefühle zu entwickeln, alles leicht fällt, und man nicht genug bekommen kann vom anderen Menschen. Ich genieße es in vollen Zügen.
Ich hoffe ihr auch.
Clara