Nach dem letzten Blogartikel sind nun ein paar Tage vergangen. Das Thema mit L. begleitet mich in meinen Gedanken ständig. Eigentlich denke ich in jeder freien Minute darüber nach.
Wie werden uns am Freitag wiedersehen und dann über alles reden. Und das sorgte jetzt auch für die ein oder andere schlaflose Nacht bei mir, weil ich in Gedankenkreisen überlege, was ich sagen will und wie.
L. und ich haben wieder angefangen, ein bisschen mehr Kontakt zu haben. Nach seinem Date am Dienstag und dem Telefonat mit mir am Mittwoch, bouncte er am Donnerstag komplett zurück ins Verliebtsein und ins mich Vermissen. Das konnte ich gar nicht nachempfinden und habe mich ganz anders gefühlt. Wir hatten am Donnerstag auch ein kurzes Telefonat, das ganz nett war, aber für mich auch irgendwie verstörend. Das Thema mit seinen Dates hat er überhaupt nicht angesprochen, geschweige denn gefragt, wie es mir jetzt damit geht. Er ist einfach zur „Normalität“ übergegangen und hat nett mit mir geplaudert.
Das fühlte sich für mich falsch an. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ein Thema einfach vergessen können. Solange es etwas Ungeklärtes gibt, kann ich nicht so tun, als wäre dem nicht so. Deswegen fühlte es sich für mich ein wenig an, als würden wir uns verstellen.
Ich kann mich erst wieder normal verhalten, wenn für mich die Harmonie wieder hergestellt ist. Deswegen warte ich damit auch nie lange. Wenn es etwas zu klären gibt, dann mache ich das in der Regel schnellstmöglich und Räume die Dinge aus dem Raum. Dass das jetzt wegen des Urlaubs nicht geht, ist für mich eine ziemliche Belastung. Und überlagert leider den kompletten Urlaub. Den hatte ich so dringend gebraucht und wegen des ganzen Dramas mit L. ist er nun längst nicht so erholsam geworden, wie er hätte sein können.
Auf jeden Fall habe ich für mich alles nochmal etwas besser sortieren können und daher macht es mich immer wieder wahnsinnig wütend auf L., wie unheimlich wenig er sich da letzte Woche um mich gekümmert hat, wie wenig er an mich gedacht hat, wie dumm er sich einfach verhalten hat. Ganz ohne Regeln und viel Beziehungsklärung hätte er einfach mit ein bisschen nachdenken und sich um mich kümmern besser verhalten können, als er es getan hat. Er hätte sich einfach mal ein paar Minuten lang in meine Lage versetzen müssen. Es hätte angesichts meiner Situation (Krankheit, Burnout, Beziehungsstress mit G., frische Beziehung mit L.) keine Raketenwissenschaft erfordert, um darauf zu kommen, dass man vielleicht ein bisschen mehr als sonst auf mich achten sollte und sich darum kümmern sollte, dass es mir gut geht. Und es hätte erfordert, dass ich ihm wichtig genug bin, mich und meine Bedürfnisse dann auch zu priorisieren.
Ich mache mir seitdem vor allem Sorgen darum, ob er überhaupt in der Lage ist, eine Beziehung zu führen. Damit meine ich vor allem, ob er dazu fähig ist, sich um seine Beziehungsmenschen angemessen zu kümmern, seine Fürsorgepflicht als Partner zu erfüllen, die Beziehungsmenschen einzubeziehen, und dafür zu sorgen, dass es allen gut geht.
Denn genau das ist es, was er nicht getan hat mit mir.
Ich frage mich, ob er das nicht kann, nicht will, oder nicht weiß wie. Oder ob er, und das wäre am allerschlimmsten, zu wenig Empathie und Einfühlvermögen und Verantwortungsbewusstsein hat, um diesen Teil der Beziehungsarbeit anzunehmen und auszufüllen. Oder ob ich ihm gar nicht so wichtig bin, wie er behauptet. Oder er am liebsten nur die positiven Seiten der Beziehung hätte (Verliebtheitsgefühle, Sex, neue Eindrücke, neue Impulse von mir), ohne auch die damit einhergehenden Pflichten erfüllen zu wollen.
Von dem, was er mir schreibt, glaubt er, dass wir am Freitag vor allem über die Regeln in unserer Beziehung reden werden. Dabei geht es mir schon längst nicht mehr um Regeln.
Natürlich kann ich das Thema Fürsorge und Beziehungsarbeit auch in Regeln verpacken: Sprich mit deiner Partnerin, bevor du etwas tust. Frag sie zuerst, wie es ihr geht und was gerade möglich ist. Nimm Rücksicht. Mach nicht einfach dein Ding. Geh sicher, dass es allen gut geht.
Letztendlich geht es aber darum, ob wir dasselbe unter eine Beziehung verstehen.
Für mich ist es eine Beziehung, wenn man füreinander Verantwortung übernimmt, sich umeinander kümmert, sich umsorgt, aufeinander achtet. Und wenn man stetig daran arbeitet, dass sich alle wohlfühlen, sich alle sicher fühlen, sich alle vertrauen.
Von A. kennt er daheim dieses Verhalten nicht. Sie vögelt sich neben der Beziehung mit ihm durch die Gegend und verhält sich weitestgehend, als wäre sie Single. Da gibt es nicht viel Absprache zwischen den beiden und auch nicht viel, worüber geredet werden müsste.
Das ist auch völlig in Ordnung, wenn das für die beiden funktioniert. (Einschub: Meiner Meinung nach führen die zwei keine richtige Beziehung miteinander, sondern sind einfach so lange zusammen, dass sie zwar zusammenwohnen, eine Art Zweckgemeinschaft führen, sich irgendwie auch brauchen und unterstützen, aber weitestgehend nebeneinander herleben anstatt das Leben miteinander zu gestalten. Es gibt glaube ich ganz viele Paare, die so leben und das ist auch in Ordnung so. Ich verstehe unter einer echten Beziehung aber etwas anderes.) Für mich tut es das aber halt nicht. Ich will nicht mit jemandem zusammen sein, der sich wie ein Single verhält. Ich bin in einer Beziehung, weil ich die Beziehung will. Ich will, dass wir füreinander da sind. Und ich will mich so sicher fühlen, dass ich diese wunderschönen Gefühle von Liebe, Lust und Glückseligkeit zulassen kann. Und ich will, dass beide Seiten in die Beziehung investieren und das gerne tun.
Wenn L. das nicht will oder ihm das zu viel ist oder zu lästig oder er dazu nicht fähig ist, dann kann ich die Beziehung mit ihm so nicht weiterführen.
Und dann weiß ich ehrlich gesagt auch noch nicht, was ich dann mache. Ich könnte versuchen, mich emotional zu distanzieren und mich weniger oft mit ihm treffen. Vielleicht müsste ich die Sache aber auch ganz beenden, weil ich gar nicht so gut darin bin, emotional distanziert zu bleiben, wenn ich regelmäßig mit jemandem Sex habe.
Das entscheide ich, je nachdem, wie das Treffen am Freitag verläuft.
Im besten Fall versteht er endlich, worauf es mir ankommt, und sieht ein, wie groß sein Fehlverhalten war. Außerdem wünsche ich mir eine Entschuldigung. Dann könnte ich mir vorstellen, es mit ihm nochmal zu versuchen und ihm die Chance zu geben, es ab sofort besser zu machen.
Mein Vertrauen muss ich trotzdem erst wieder aufbauen. Aber wenn er sich ordentlich verhält, kommt das ja in der Regel von ganz allein.
Aktuell sind G. und ich auf einer einsamen Insel im Sine Saloum Delta im Senegal. Hier gibt’s nichts außer uns, das blaue Meerwasser, eine einfache Bambushütte, ein paar französische Touristen.
G. und ich haben in unserem Urlaub wieder ganz nah zueinander gefunden. Und ich habe für mich auch wiederentdeckt, warum ich diesen Mann so sehr mag. Es macht einfach Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen. Wir lachen viel miteinander, sind beide kreativ (er malt, ich schreibe, und das gerne gleichzeitig), wir haben unheimlich guten Sex, und er ist ein sehr guter Zuhörer. G. gegenüber kann ich selbst die kontroversesten und schwierigsten Themen ansprechen, ohne dass es zum Konflikt wird. Weil er wirklich hinhört und mich ausreden lässt, bevor er urteilt oder irgendwas auf sich bezieht.
Außerdem fällt es mir mit ihm leicht, auf mich zu hören und meinen Weg zu gehen. Ich fühle mich immer sicher genug, auszusprechen, was ich brauche oder mir wünsche.
Und gleichzeitig gibt es Dinge, die mir in der Beziehung schon immer gefehlt haben und immer fehlen werden. G. kuschelt nicht gerne und hat einfach keinen Zugang dazu. Gäbe es nur ihn in meinem Leben, wäre ich stets unterkuschelt. Daher bin ich froh, dass ich das noch von anderen Menschen bekomme.
Die andere Sache, die mir öfter fehlt, sind tiefgründige Gespräche, in denen ich nicht die einzige Gesprächsführerin bin – also die einzige Person, die Fragen stellt und sich darum kümmert, dass das Gespräch einen interessanten Verlauf nimmt. G. ist eine super interessante Person, aber ihm fällt es schwer, zu reflektieren, in die Tiefe zu gehen, und ihm fehlt auch oft das Interesse oder die Neugierde, um selbst Fragen zu stellen. Deswegen weiß ich zum Beispiel über ihn, seine Gedanken, seinen Gemütszustand meistens bestens Bescheid, während ich manchmal denke, dass er mich eigentlich gar nicht so gut kennt. Und mich auch manchmal frage, warum sein Interesse an mir so klein ist. Aber das hat glaube ich nichts mit mir zu tun, sondern er tickt da einfach anders als ich.
Ich habe in diesem Urlaub auch nochmal für mich herausgefunden, warum ich nicht mehr monogam leben möchte. Die Möglichkeit zu haben, meine Bedürfnisse von mehr als einem Menschen erfüllen zu lassen, möchte ich nicht mehr aufgeben. Ich glaube nicht daran, dass es draußen einen Menschen gibt, der mir wirklich alles geben kann. Der stabile Partner*in, sexuell-wilde Liebhaber*in, unterstützende Freund*in, Abenteurer*in und spaßiger Hobby-Kumpel gleichzeitig sein kann.
Meiner Meinung nach kann das Führen von mehreren parallelen Beziehungen – wenn denn richtig gemacht – Entspannung in das Ganze reinbringen. Es kann dazu führen, dass alle Bedürfnisse erfüllt werden – oder zumindest mehr. Und dass man so die positiven Seiten seiner Partner*innen mehr wertschätzt, weil die negativen Seiten oder die Dinge, die einem fehlen, nicht so sehr ins Gewicht fallen. Es nimmt den Druck aus den Beziehungen.
Und so weiß ich, dass aktuell ungewiss ist, wie es mit L. und mir weitergeht, aber dass ich immer die Möglichkeit haben werde, einfach nochmal jemanden kennenzulernen und dafür zu sorgen, dass es mir gut geht. Manchmal mit mehr und manchmal mit weniger Partner*innen gleichzeitig.
Eure Clara