Leider hat mir das Date von L. am Donnerstag dann doch mehr zu schaffen gemacht, als ich erwartet hatte. Ich hänge gerade ziemlich im Burnout drin und alles, was mich zusätzlich Energie kostet, strengt einfach wahnsinnig an. Das Date hat diese Woche für Unsicherheit und Eifersucht gesorgt und es wäre besser gewesen, ich hätte L. darum gebeten, es nicht stattfinden zu lassen.
Insgesamt bin ich daher gerade sehr verärgert auf mich selbst und fühle mich ein wenig hilflos. Normalerweise fällt es mir leicht, in mich reinzuhören und reinzuspüren, was ich brauche. Der Burnout macht das gerade total schwierig. Ich höre meine eigene Stimme nicht – oder nicht mehr so deutlich. Ich bin insgesamt so wahnsinnig erschöpft, dass ich teils wirklich nicht mehr weiß, was mir gut tut und wie ich für mich sorgen kann.
Leider hat das auch in den Gesprächen mit L. dazu geführt, dass ich nicht die Kraft hatte, ehrlich über meine Gefühle zu reden – und auch insgesamt meine Gefühle nicht so deutlich wahrgenommen habe und sie daher auch nicht vermitteln konnte. Ein weiterer Grund, der es für mich schwierig macht, mich ihm gegenüber verletzlich zu machen und ehrlich über meine Gefühle und Bedürfnisse zu reden, ist, dass unsere klärenden Gespräche ja erst wenige Tage her waren. Die waren zwar gut und haben auf jeden Fall wieder Vertrauen aufgebaut, aber ich bin längst nicht wieder auf der Basis mit ihm, die ich vor meinem Urlaub hatte. So ein Vertrauen wieder aufzubauen braucht Zeit. Und vielleicht auch mehr als zwei Gespräche – egal wie gut die sind. Ich habe noch nicht wieder das Level an Sicherheit mit ihm, das ich schon mal gespürt habe. Und deswegen kostet es mich enorm Mut, offen über meine Gedanken zu reden. Mut und Kraft, die ich im Burnout weniger habe ich als sonst. Es ist dann einfacher, mich emotional ein wenig zu distanzieren, als ehrlich über meine Gefühle zu reden und eventuell eine negative Reaktion darauf zu erhalten, mit der ich in der jetzigen Situation erst recht nicht umgehen könnte.
Und der letzte Grund, der mich davon abgehalten hat, einfach zu sagen, dass ich gerade nicht in der richtigen Verfassung bin, um damit umzugehen, dass er auf ein Date geht, ist, dass mir meine eigene Stärke im Weg stand. Ich glaube von mir selbst, sehr stark zu sein. Und dieses Selbstbild macht es mir manchmal schwer, mir einzugestehen, wenn ich das eben auch mal nicht bin. Aktuell bin ich nicht stark. Aktuell bringen mich Dinge durcheinander oder verletzen mich, die mich sonst nicht so beschäftigen würden. Mein Selbstbild hat aber im Gespräch mit L. dazu geführt, dass ich wortwörtlich sagte: „Ich bin eine erwachsene Frau, L. Selbst wenn es mir während deines Dates nicht gut geht, dann überlebe ich das schon. Ich kann das aushalten.“ Das stimmt auch alles so. Aber muss ich alles aushalten? Natürlich nicht. Wenn es für mich gerade besser ist, wenn kein zusätzlicher Stress dazu kommt, dann sollte ich genau das einfordern.
Auf jeden Fall wäre es für mich besser gewesen, er wäre nicht auf das Date gegangen, sondern hätte stattdessen mich gesehen. Wir hätten nach den Gesprächen von letzter Woche die Zeit viel dringender benötigt.
All diese Dinge sind mir am Tag nach seinem Date klar geworden und daher habe ich am Samstag dann das Gespräch mit ihm gesucht. Und habe es auch da nicht geschafft, ihm alles zu erzählen, was durch meinen Kopf und durch mein Herz geht. Ich habe erzählt, dass mir das Date nicht gut getan hat und dass ich mich sehr über mich selbst ärgere, weil ich nicht in der Lage war, mich gut mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen und auf mich zu achten. Ich habe erzählt, wie der Burnout es gerade sehr schwer für mich macht, in Kontakt mit mir selbst zu treten. Und dass ich aufgrund des Burnouts gerade grundsätzlich mit jedem Stress nicht gut umgehen kann.
Was ich mich aber nicht getraut habe, zu sagen, war, dass ich mich grundsätzlich wünsche, dass er S. erst mal nicht weiter datet. Auch wieder, weil ich mich nicht ganz sicher mit ihm fühle. Ich habe Angst, das auszusprechen, weil ich weiß, dass ihm das nicht gefallen wird.
S. ist für mich aktuell ein rotes Tuch. Die Datinggeschichte hat zwischen den beiden ohne meinen Konsens begonnen. Und es fühlt sich ehrlich gesagt auch bis heute so an, als geschähe das ohne meine Zustimmung. Dadurch, dass L. und ich vor deren Kennenlernen nie darüber geredet haben, wie wir eigentlich grundsätzlich dazu stehen, weitere Leute kennenzulernen, welche Regeln wir dafür brauchen und aufstellen wollen, was genau wir eigentlich suchen, was das auch für unsere Beziehung bedeutet, wie genau wir eigentlich unsere Beziehung definieren, und und und, fühlt es sich für mich an, als hätte L. da einfach die allerwichtigsten Gespräche mit mir übersprungen und mich in ein kaltes Wasser geworfen, in das ich noch nicht bereit zu springen war.
Eigentlich wünsche ich mir daher, dass er sie nicht weiter sieht, bis wir all diese Gespräche miteinander führen konnten. Bis unsere Beziehung auf so festen Beinen steht, dass wir ohne große Unsicherheiten neue Leute kennenlernen können. Weil Klarheit herrscht, weil wir beide wissen, woran wir miteinander sind, weil wir uns sicher in unserer Beziehung und mit uns sind.
Was mich aktuell außerdem richtig stört, ist, dass ich das Gefühl habe, wir haben so ein Machtgefälle zwischen ihm und mir, das sich überhaupt nicht gut anfühlt. Er sagt zwar immer wieder, dass ihm am allerwichtigsten ist, dass es mir gut geht. Aber richtig sicher fühle ich mich trotzdem nicht, wenn ich ihn darum bitte, irgendwas nicht zu tun. Weil ich dann eben nicht nur von ihm erfahre, dass er sich um mich sorgt und ihm mein Wohlbefinden am allerwichtigsten ist. Ich fühle mich dann nicht nur geborgen und geliebt und umsorgt. Sondern er lässt mich schon auch spüren, dass es ihn nervt, dass seine Freiheiten dadurch eingegrenzt werden.
Ich habe heute einen unheimlich interessanten Artikel darüber gelesen, dass männliche Eigenschaften wie Distanziertheit und Unabhängigkeit Heterobeziehungen massiv beeinflussen. Während richtig intime, enge Beziehungen durch Nähe und emotionale Verbundenheit entstehen, schaffen meist die Männer in den Beziehungen ein Machtgefälle, indem sie durch Distanziertheit und durch ihre Unabhängigkeit diese Nähe und emotionale Verbundenheit verhindern oder selbst die Kontrolle darüber behalten, wann sie die zulassen und wann nicht. Ich habe mich so angesprochen gefühlt davon. Frauen neigen im Patriarchat dazu, männliche Verhaltensweise zu kopieren, um erfolgreicher durchs Leben zu kommen. Ich kann das so voll unterschreiben. Denn diese Woche habe ich mich genauso verhalten. Ich habe mich distanziert, von mir selbst und auch von L., und mein Wille nach Stärke und Unabhängigkeit waren so groß, dass ich es nicht geschafft habe, stattdessen nah bei ihm zu bleiben, ehrlich und verletzbar zu sein, und in Beziehung zu treten.
Das hat mir heute viel zu Nachdenken gegeben. Denn eigentlich wünsche ich mir eine nahe, enge, intime Beziehung mit L. So wie ich sie auch mit G. habe. Das geht dann aber nicht, wenn wir gleichzeitig beide versuchen, total unabhängig zu sein. Zu solch einer Nähe gehört auch die Abhängigkeit, die damit einhergeht. Dazu gehört auch, seine Macht ein Stückweit in die anderen Hände abzugeben und damit in Ordnung zu sein, dass man nicht mehr komplett frei über alles in seinem Leben entscheiden kann, weil die Personen, die mir am wichtigsten sind, mitreden dürfen und sollen. Weil das Wohlbefinden und die Meinung dieser Personen dann wichtiger sind als meine Freiheit.
Die große Frage ist und bleibt: Will L. das eigentlich auch?
Genau solche und noch viele weitere Frage will ich klären, bevor irgendwer von uns weiter datet.
Übrigens habe ich von L. zu den Dingen, die ich am Samstag aussprechen konnte, bisher keine Reaktion. In dem Moment ging es mir gar nicht gut. Ich habe bitterlich geweint, war komplett erschöpft. Daher hat er in dem Moment vor allem getröstet, mich in den Arm genommen, mich schluchzen lassen. Das war total schön und empathisch und gut von ihm und genau das, was ich gebraucht habe in dem Moment.
Danach hatten wir wunderschönen Sex und dann fand abends die große Einweihungsfeier von mir und G. statt, worüber ich nochmal gesondert schreiben möchte. Am Sonntag brachte ich ihn mittags zum Bus und jetzt ist er schon in Sansibar im Urlaub.
Sicherlich können wir dann in den nächsten Tagen telefonieren. Aber daher weiß ich aktuell nicht mal, was ihm durch den Kopf geht in Bezug darauf, dass es mir mit seinem Date am Donnerstag nicht gut ging und es für mich doch besser gewesen wäre, es hätte nicht stattgefunden.
Tja, und in diesem Schwebezustand ist er in den Urlaub geflogen und wir sehen uns erst in drei Wochen wieder. Auch das ist wieder total suboptimal, weil wir wieder nur telefonieren können, anstatt unter vier Augen miteinander zu reden. Ein weiterer Grund, weshalb ich das Date am Donnerstag mehr gebraucht hätte und mir gewünscht hätte, dass wir Zeit miteinander verbringen, anstatt dass er S. trifft.
Übrigens habe ich ihn gebeten, mir von dem Date nichts zu erzählen. Ich weiß also weder, was genau an dem Abend passiert ist, noch, ob die zwei tatsächlich das erste mal Sex miteinander hatten. Ich gehe davon aus, dass das passiert ist. Aber ich wollte mir nicht noch mehr Schmerz und Stress aufladen mit diesem Wissen. Und dabei belasse ich es glaube ich vorerst auch. Mir geht es um mich und ihn. Was genau die zwei miteinander gemacht haben, ändert daran erst mal nichts.
Am Samstag meinte ich dann noch zu ihm: „Ich wünsche mir aktuell vor allem zwei Dinge: Dass es mir psychisch wieder besser geht und Ruhe in mein Leben einkehrt nach allem, was in den letzten zwei Monaten bei mir alles passiert ist. Und, dass Ruhe in unsere Beziehung einkehrt. Dass wir ganz viel Zeit miteinander verbringen und unsere Themen klären und einfach Ruhe und Sicherheit in unsere Beziehung einkehren.“ Das wünsche ich mir wirklich sehnlichst.
Ich habe mich jetzt für die nächsten 3-4 Wochen krankschreiben lassen, arbeite nur noch morgens ein paar Stunden, und schalte jetzt wirklich einen Gang runter, um wieder Kraft zu schöpfen und aus dem Burnout raus zu finden. Zusätzlich fliege ich Ende der Woche nach Mallorca und mache dort mit der Familie Urlaub. Ich hoffe, dass ich so bis in ein paar Wochen meine Energie und Kraft wiederfinden kann. Denn aktuell bin ich nicht ich selbst und das ist wahnsinnig anstrengend.
Eure Clara