Seit letztem Samstag geht es mir täglich besser und meine Kräfte kehren zurück. Inzwischen kann ich wieder kleinere Spaziergänge machen, habe keine Kopfschmerzen mehr und fühle mich insgesamt wieder etwas fitter. Natürlich muss ich noch langsam machen und ich bin noch in der Erholung, aber es fühlt sich gut an, wieder etwas bei Kräften zu sein und ein bisschen am Leben teilhaben zu können.
Am Samstag hatte meine Schwester auf ihren 30. Geburtstag eingeladen und ich wollte ihr unbedingt noch eine zweistöckige Kokos-Zitronen-Buttercreme-Torte backen mit 30 Kerzen drauf. Ich bat daher L., schon mittags zu uns zu kommen, damit er mir beim Backen helfen konnte.
Um 13 Uhr stand er vor unserer Tür und ich ließ ihn rein. Wir aßen noch zusammen mit G. zu Mittag und machten uns dann ans Torte backen. Die zwei Biscuit-Böden hatte ich schon vormittags gebacken und abkühlen lassen. Nun mussten wir die Buttercreme schlagen und die Torte zusammenbauen. Ich machte so viel selbst, bis ich merkte, dass es für mich anstrengend wurde, und gab dann L. genaue Arbeitsanweisungen.
Das zusammen in der Küche stehen macht mir mit L. generell Spaß. Wir quatschen nebenher und haben eine gute Zeit. Und die Torte war im Nu fertig. Ich war dann doch ganz schön erschöpft und legte mich aufs Sofa, während L. die Küche aufräumte, putzte und den Boden saugte.
Als er fertig war, gingen wir in mein Zimmer und bezogen noch gemeinsam mein Bett neu. Dann zogen wir uns aus und legten uns für eine Stunde kuschelnd aufs Ohr.
Gegen 18.30 Uhr trafen wir uns mit G. in der Küche zum „Vorglühen“. Wir hatten alle unsere Party-Outfits angezogen, machten uns alkoholfreie und nicht-alkoholfreie Biere auf, ich machte Musik an. Während L. noch die 30 Kerzen auf der Torte verteilte, drehte ich einen Joint, den wir mit auf die Party nehmen würden.
Dann holten wir meinen gemieteten Rollstuhl aus der Garage und machten uns auf dem Weg zu meiner Schwester.
Ich hatte viel Spaß an dem Abend und war so glücklich, dabei sein zu können. Bis zuletzte war ich nicht sicher, ob das möglich sein würde. Ich achtete darauf, nicht zu viel zu stehen und feierte trotzdem mit, so gut es ging. Ich versuchte darauf zu achten, dass G. sich dieses mal möglichst gut integriert fühlte und nicht wie das dritte Rad am Wagen. L. und ich ließen für unsere Verhältnisse echt die Finger voneinander, was uns beiden super schwer fiel. Wir sind schon sehr gerne sehr touchy. Aber für G. ist das glaube ich besser, wenn wir es nicht zu sehr übertreiben.
Diese dritte Rad am Wagen Thematik mit G. ist auch immer noch nicht durch. Auch bei der Party fühlte er sich wieder so, und das obwohl ich wirklich auf ihn achtete und L. und ich uns zurückhielten. Ehrlich gesagt glaube ich inzwischen, dass ich gar nicht noch mehr machen kann, damit er sich nicht so fühlt, sondern dass er da selbst dran arbeiten muss. Und das bedeutet, dass ich einfach immer wieder mit ihm darüber ins Gespräch gehen werde. Denn auch wenn ich da nicht viel beitragen kann, ist es mir trotzdem wichtig, dass er sich damit nicht alleine gelassen fühlt.
G. war irgendwann müde und da L. sein Geschenk für meine Schwester bei uns vergessen hatte, begleiteten wir ihn nach Hause. G. ging ins Bett und L. und ich nochmal zurück auf die Party. L. hatte meiner Schwester einen kleinen Blumentopf in seinem 3D-Drucker gedruckt, der echt cool aussah. Ich find’s voll schön, dass er ihr eine Kleinigkeit zum Geburtstag schenkte. Als wir spätnachts dann auch genug hatten und beide müde waren, verabschiedeten wir uns von meiner Schwester. Die nahm L. lange in den Arm und meinte unter anderem zu ihm: „Ich hab dich echt gern und ich hoffe wirklich, dass das mit euch klappt.“ Da wurde mir ganz warm ums Herz.
Wegen meinen Eltern waren wir den ganzen Abend ein bisschen unentspannt. So richtig frei bewegen wir uns als Polykül in der Öffentlichkeit nicht. Auf der Party kannten mich viele Leute nicht sehr gut, aber eben doch. Und die wussten halt nicht Bescheid. Ich fühlte mich daher teils beobachtet und hab mich vorsichtig verhalten. Ich fand das nicht schlimm, aber es hat mir gezeigt, dass ich mich eben auch nicht in allen Kreisen sicher fühle.
Von Sonntag bis Montag war dann eine gute Freundin von mir zu Besuch. Das hat sehr gut getan. Wir redeten und weinten ganz viel miteinander und taten uns gegenseitig gut.
Da ich am Montagabend mit L. verabredet war, fuhr sie nachmittags mit mir zu ihm in die Stadt und wir trafen ihn zu einem frühen gemeinsamen Abendessen. Sie hatte L. einmal auf meiner Party im Mai kennengelernt und wollte ihn nach all meinen Erzählungen – und weil L. und ich uns inzwischen seit einem Dreivierteljahr regelmäßig treffen – besser kennenlernen.
Sie heiratet im September und während unseren Unterhaltungen stellte sich heraus, dass ich eine ihrer Nachrichten im Juni nicht richtig verstanden hatte. Sie hatte damals L. nachträglich als mein „+2“ eingeladen, d.h. ich durfte sowohl G. als auch L. zu ihrer Hochzeit mitbringen. Als ich das dann am Montag checkte, war ich echt gerührt. Mich freute das so, dass sie erstens so offen ist und damit ja auch eine Wertschätzung für meine zweite Beziehung zeigt.
Leider hat sich jetzt dieser Tage ergeben, dass ich am Tag vor ihrer Hochzeit eine OP wegen meines Krebses haben werde und daher überhaupt nicht kommen kann. Und L. hätte nicht mitkommen können, weil die Hochzeit in Madrid stattfindet und er gerade nicht das nötige Bargeld hat, sich Flug und Hotel zu buchen.
Als noch nicht klar war, dass wir nicht gehen würden, hatte ich aber einige Gespräche mit G. zu diesem Thema. Ich wollte von ihm wissen, was er davon halten würde, wenn L. auch mit zur Hochzeit käme. Interessanterweise hatte ich da nichts dagegen. Er meinte, dass er sich auf der Hochzeit wahrscheinlich viel weniger wie das dritte Rad am Wagen vorkäme, weil er meine Freunde auf der Hochzeit sehr gut kennt und dann viel mehr Leute drum herum sind, mit denen man sich gut unterhalten kann.
Die schwierigste Frage war für uns eher, wie wir das mit dem Schlafen machen würden. Zu dritt in einem Zimmer schlafen kommt nicht infrage. Buchen wir dann zwei Doppelzimmer und ich schlafe mal eine Nacht bei G. und eine Nacht bei L.? Oder ist es G. wie sonst auch sogar lieber, sein eigenes Bett zu haben? Oder löst das dann doch Eifersüchte aus, wenn er alleine schläft und ich bei L. liege?
Für die Hochzeit im September müssen wir ja nun keine Lösung dafür finden, aber sicherlich wird das in der Zukunft nochmal Thema, z.B. wenn nächstes Jahr eventuell meine Schwester heiratet. Dann werden wir diese Gespräche weiterführen müssen. Vielleicht machen wir das dann auch einfach zu dritt am selben Tisch. Ich bin gespannt, wie wir es dann machen werden.
Nach dem Abendessen stieg meine Freundin dann ins Auto und fuhr zurück nach Hause. L. und ich tranken bei ihm eine Limo und unterhielten uns auf dem Sofa auf seiner Terasse.
A. war die Nacht mit ihrem Lover irgendwo in ein Hotel gefahren. Ich fragte L., wie lange sie weg ist und zu meiner Überraschung antwortete er: „Von Montag bis Freitag.“ Ich hatte aus irgendeinem Grund gedacht, dass sie nur eine Nacht fort ist. L. erzählte, dass es deswegen auch einen Konflikt zwischen ihm und A. gab und das wollte ich natürlich genauer wissen.
In der Woche davor hatte er ja Geburtstag gehabt und zwischenzeitlich hatten die beiden den Plan gehabt, für eine Nacht irgendwo in ein Hotel im Grünen zu fahren. Das Ganze wäre nicht zustande gekommen, weil A. die Hotels zu teuer gewesen wären, die laut ihr alle so um die 200 Euro die Nacht kosteten. Daher haben die beiden seinen Geburtstag eigentlich gar nicht gefeiert und laut L. war sein Geburtstag ein Tag wie jeder andere. Darüber war er schon etwas traurig.
Oben drauf kam aber dann noch, dass A. zusammen mit ihrem Lover nun für vier Nächte weggefahren ist und die zwei 400 Euro pro Nacht fürs Hotel zahlen. Dafür scheint das Geld also verfügbar zu sein.
L. war ganz schön geknickt, als er mir das erzählte. Ich sagte zu ihm: „Da geht es doch nicht ums Geld. Letztendlich hat sie anscheinend mehr Lust darauf, mit M. wegzufahren als mit dir. Denn wenn sie wirklich mit dir hätte wegfahren wollen, dann hätte sie auch nach einem günstigeren Hotel suchen können oder die 200 Euro wären doch okay gewesen.“ Er schaute mich an und meinte: „So hab ich das noch nicht gesehen, aber da hast du wohl recht.“
Ich fragte ihn, ob er von A. etwas zu seinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte und er verneinte. Sie hätten den ganzen Tag irgendwelche Sachen für die Wohnung den Garten erledigt und sie hätte einen Feigenbaum beim Baumarkt gezahlt, den er haben wollte. Ein Geschenk mit Auspacken und sich Gedanken machen etc. hätte er von ihr nicht bekommen. A. hat also für seinen Geburtstag gar nichts getan. Sondern im Gegenteil sogar dafür gesorgt, dass der Tag nichts Besonderes wird.
Ich fragte ihn daher, ob er enttäuscht sei, wie sein Geburtstag abgelaufen ist. Er antworte traurig: „Naja, letztendlich war es halt ein Tag wie jeder andere.“ Das tat mir so Leid. Ich versprach ihm daher, nächstes Jahr dafür zu sorgen, dass er einen richtig schönen Geburtstag hat.
Er erzählte mir dann noch, dass er von A., seitdem sie weggefahren ist, schon wieder zig Nachrichten bekommt mit irgendwelchem Drama, dass sie sich bezüglich ihres Lovers selbst macht, weil sie zu feige ist, für sie eigentlich wichtige Themen mit ihm zur Sprache zu bringen. Und dass sie aus komplett nicht nachvollziehbaren Gründen denkt, dass er nach diesem Trip mit ihr Schluss machen wird, weil er in der Vergangenheit einmal mit einer Frau Schluss gemacht hat, nachdem er mit der im Urlaub gewesen war. L. war richtig genervt von A.’s überdramatischer und sinnloser Kommunikation. Ich meinte dazu nur: „Das ist voll der Kindergarten, was A. da treibt.“ L. nickte: „Total. Das ist es.“ Danach wechselten wir das Thema und redeten über spannendere Dinge. Aber ihr könnt euch vorstellen, dass ich nach all dem von A. noch weniger halte als eh schon. Ich find’s richtig schlimm, wie rücksichtslos sie ist und wie unempathisch und wenig liebevoll sie mit L. umgeht. Zu sehen, was das mit L. macht, tut mir richtig weh.
Später am Abend packten wir einen alkoholfreien Wein und eine Decke ein und fuhren mit dem Auto auf einen Hügel in der Nähe. Wir wollten auf einen Turm steigen und uns dort die Sternschnuppenschauer anschauen. Leider war der Turm verschlossen, aber nach einem kurzen Spaziergang fanden wir eine schöne Parkbank mit Aussicht, die ganz romantisch mitten im Grünen stand und von allen Seiten durch Büsche und Beeren abgeschirmt war. Dort machten wir es uns gemütlich, tranken Wein, unterhielten uns, knutschten rum und hatten eine gute Zeit miteinander. Bis die Stechmücken uns bei lebendigem Leib verspeisten. Natürlich hatten wir an kein Insektenspray gedacht – und so mussten wir fliehen. Wir spazierten noch eine Weile durch den Wald, bevor wir uns ins Auto setzten und nach Hause fuhren.
Dort zogen wir uns im Bad die verschwitzten Kleider vom Leib und stiegen gemeinsam in die Dusche. Wir lehnten unsere nackten Körper aneinander, küssten uns lange und viel und fuhren mit unseren Händen über unsere nackte Haut. Als L. das Duschgel in seinen Händen verteilte und meine Schultern, meinen Nacken, meinen Rücken, meinen Po, meinen Bauch und letztendlich auch meine Brüste einseifte, stöhnte ich vor Erregung. Ich drehte mich zu ihm, küsste ihn und ließ meine Zunge um seine tanzen. Mit Freude schäumte ich kurz darauf das Duschgel zwischen meine Fingern und seinem Brusthaar auf und ließ meine glitschigen Hände über seinen großen, männlichen Körper gleiten. L. schloss dabei seine Augen und öffnete leicht den Mund, wenn er stöhnte.
Die Szene in der Dusche war wahnsinnig sexy und irgendwie aufregend, obwohl wir gar nichts krasses miteinander taten. Aber durch die lange Krankenhausphase im Juli fühlte es sich so an, als würden wir gerade neu entdecken, wie sich unsere nackten Körper anfühlen.
Wir duschten uns ab, stiegen aus der Dusche und trockneten uns ab. Dann nahm mich L. bei der Hand und zog mich ins Wohnzimmer, wo er eine große Matratze vorbereitet hatte – unser heutiges Schlafgemach. Wir hatten an dem Abend ganz langsamen, gefühlvollen, intimen Sex miteinander. Wir ließen uns Zeit miteinander, verwöhnten uns gegenseitig, und verschmelzten zum Schluss ineinander – körperlich und emotional. Es war wunderschön.
Obwohl die Matratze riesig war, schliefen wir eng aneinander gekuschelt. Ich wachte morgens mit einem Gefühl voller Freude auf, dass diese wundervolle Mann immer noch neben mir liegt und bettete sofort meinen Kopf auf seine Brust. Er lächelte und machte ein genießerisches Schnurrgeräusch. Und so starteten wir den neuen Tag Arm in Arm und Haut an Haut.
Unser Date endete mit einem gemeinsamen Frühstück auf seiner Terrasse. Er hatte uns Kaffee gekocht und ich war kurz zum Bäcker gelaufen, um Vollkorn-Croissants und Brezeln zu holen.
Die Party am Samstag und das Date am Montag haben mir ein wahnsinnig gutes Gefühl gegeben, weil endlich mal wieder ein Stück weit Normalität möglich war. Ich hatte mich insbesondere beim Date am Montag überhaupt nicht krank gefühlt, sondern einfach normal – fast schon gesund. Das war so schön. Ich hatte für ein paar Stunden komplett vergessen, mit was ich mich gerade rumschlage und wie schlimm die letzten Wochen gewesen waren. Das hat gut getan. Und es hat mich daran erinnert, dass ich die Momente im Hier und Jetzt genießen sollte, so gut ich kann.
Clara