Am Wochenende war L. wieder von Samstag bis Montag bei mir. Er radelte nachmittags mit seinem Rennrad zu mir. Als er vollkommen verschwitzt und mit rotem Kopf ankam, verschwand er erst mal in der Dusche. Ich kochte uns währenddessen Kaffee und wir setzten uns mit unseren Tassen und einer Schale Obst auf die Palettensofas im Garten.
Wir hatten uns seit über einer Woche nicht mehr gesehen, weil er mit seiner Familie in Kroatien im Urlaub gewesen war und ich von Donnerstag bis Samstag noch Besuch von einer guten Freundin aus München gehabt hatte.
Ich fragte ihn, wie sein Date mit A. am Vorabend gewesen war. Er erzählte mir, dass die beiden sich mit einem Longdrink an den Bach vor deren Haus gesetzt hatten und dann eigentlich zusammen etwas auf Netflix anschauen wollten. Daraus wäre nichts geworden und A. wäre später dann auch noch zu ihrem Lover gefahren.
Ich fragte ihn ziemlich direkt: „Warum seid ihr in einer Beziehung miteinander?“ Er wusste es selbst nicht. Also teilte ich meine Sichtweise auf deren Beziehung in aller Direktheit mit ihm: Dass die beiden meiner Meinung nach kaum bis keine Gemeinsamkeiten haben, sich schon lange nicht mehr lieben, sondern nur noch als Freund*innen schätzen, und einfach als Mitbewohner*innen nebeneinander herleben, ohne wirklich in einer Beziehung miteinander zu sein.
L. erzählte mir, dass A. aber immer wieder zu ihm gesagt hätte, dass sie die Beziehung braucht und er ihr total wichtig ist. Ich: „Das ist ja auch kein Wunder. Sie profitiert von eurer Beziehung enorm. A. erzählt von dir Unterstützung, du bist immer für sie da, kannst auch nicht nein sagen, sie kann dich jederzeit anrufen und um Rat fragen. Und gleichzeitig profitierst du von der Beziehung halt gar nicht. Du wirst von ihr ausgenutzt und bekommst nichts von ihr zurück. Du gibst und sie nimmt. Und das gefällt mir halt überhaupt nicht.“ L. stimmte mir zu und meinte, dass er sich wünscht, dass das so nicht mehr weitergeht. Ich sagte ihm: „Dann musst du entweder endlich mal ordentlich mit ihr über alles reden, damit die gemeinsame Beziehungsarbeit vielleicht beginnen kann, oder du musts es beenden.“
So direkt und ohne Zurückhaltung hatte ich bisher nicht über deren Beziehung geredet. Ich fand meine Position als L.’s Freundin in diesem Zusammenhang immer schwierig. Auf der einen Seite will ich mich nicht in deren Beziehung einmischen und bin vorsichtig mit meinen Aussagen, weil ich genau weiß, wie sehr L. auf meine Meinungen hört und sich daher wohl auch von mir beeinflussen lässt. Aber auf der anderen Seite will ich halt, dass es ihm gut geht – und diese Beziehung tut ihm nicht gut. Sie raubt ihm Energie, anstatt welche zu geben. Sie gibt ihm weder Unterstützung, noch schöne Momente oder Erinnerungen. Das einzige, was die Beziehung mit A. ihm noch gibt, ist einen angenehmen Platz zum Wohnen.
Nach dem Gespräch hüpfte ich kurz unter die Dusche und traf mich dann mit L. in meinem Zimmer zum Sex. Ich genoss die Nacktheit und seinen Körper so sehr. Der Sex war gefühlvoll und echt schön. Und nebenbei vergingen zwei Stunden.
Wir hatten eigentlich den Plan, abends eine Kneipentour in der Stadt zu machen – meine erste Kneipentour ohne Alkohol. Also machten wir uns nach dem Sex fertig – ich zog ein kurzes Kleid an, in dem ich mich sehr sexy fühlte – und zogen los. Zwar etwas später als gedacht, aber das macht ja nichts.
Die Kneipentour war… okay. Uns fiel beiden auf, dass man ohne den Alkohol echt deutlich schneller müde wird. Und dass man sich natürlich etwas mehr Mühe damit geben muss, dass eine bestimmte Stimmung aufkommt, weil es der Alkoholrausch nicht für einen erledigt.
Letztendlich war es aber meine Schuld, dass die Stimmung an dem Abend eher konzentriert und angespannt war als ausgelassen und witzig. Ich brachte nämlich in der ersten Bar das Gespräch auf S. und fragte L., ob die beiden eigentlich seit deren letzten Treffen Anfang Juli noch in Kontakt seien oder ob es sogar weitere Treffen gegeben hätte, von denen ich nichts wusste. L. war ziemlich überrumpelt davon, dass ich nach S. fragte.
Vielleicht war es dumm von mir, dieses Gespräch in einer Bar zu starten. Vielleicht wäre ein ruhigeres Setting besser gewesen.
Auf jeden Fall war L. überrumpelt. Das Gespräch führten wir trotzdem. Die zwei sind laut L. weiterhin in Kontakt und schreiben hin und wieder miteinander. Ein Telefonat gab es auch einmal vor ein paar Wochen. Weitere Treffen aber nicht.
Ich fragte ihn, was der Vibe zwischen den beiden ist und wie der sich entwickelt hat. Er beschrieb es so, dass der Kontakt freundschaftlich ist, aber dass die Hoffnung, irgendwann auch wieder körperlich miteinander werden zu können, schon im Raum steht. Er sagte sogar, dass er nicht glaubte, dass die beide noch in Kontakt wären, wenn es diese Hoffnung nicht gäbe.
Ich wollte von ihm wissen, wie er aktuell insgesamt zum Thema Dating steht. Ob er sich aktuell wünscht, andere Leute zu daten. Er meinte, er hätte damals im Juni für sich entschieden, das Thema jetzt erst mal für ein paar Monate ruhen zu lassen und in seinem Kopf gedacht, dass er irgendwann im September wieder darauf zu sprechen kommen würde. Der Wunsch, daten zu können, sei auf jeden Fall da. Und gleichzeitig hat er einen riesigen Respekt davor, über dieses Thema mit mir zu reden, weil aus seiner Sicht die Gespräche zu diesem Thema im Mai/Juni sehr schwierig waren und nicht gut abliefen. Er wüsste weder, wie er das Thema anreißen sollte, noch, was er da alles mit mir besprechen sollte.
Und genau das ist das Problem: In diesem Fall geht es darum, dass zwischen uns ungeklärt ist, wie wir zum Dating anderer Leute stehen. Das haben wir bisher nicht geklärt. Er hat den Wunsch, dass wir unsere aktuell faktisch polyamore, aber geschlossene Beziehung zu öffnen. Daher sehe ich die Verantwortung, die nötigen Gespräche anzustoßen und den Prozess und das Tempo der potenziellen Beziehungsöffnung an mir und meinen Bedürfnissen zu orientieren, bei ihm. Ich bin in diesem Fall diejenige von uns beiden, die sich mit der Beziehungsöffnung nicht leicht tut. Und daher wünsche ich mir und brauche das auch, dass er dafür sorgt, dass es mir gut geht. Einerseits durch die richtigen Gespräche, die dafür sorgen müssen, dass ich mich sicher fühle. Andererseits aber auch dadurch, dass wir die Geschwindigkeit in diesem Prozess – also wann wir welche Schritte gehen – an mir orientieren.
Das klingt jetzt alles sehr nach „du musst alles an mir orientieren und deine Bedürfnissen sind weniger wichtig“, finde ich. Doch ich glaube, dass es anders gar nicht geht. Würden wir den Prozess nicht an mir orientieren, die sich mit diesem Thema schwerer tut, würde er mich entlang des Prozesses verlieren, weil ich mich nicht mehr sicher fühle. Was dazu führen würde, dass die Beziehungsöffnung nicht für mich funktioniert. Was dazu führen würde, dass ich darum bitten müsste, sie wieder rückgängig zu machen, oder die Beziehung beenden müsste.
Kurz: Er muss dafür sorgen, dass es allen gut geht.
Und damit ist er überfordert. Anders als ich fehlt ihm die Klarheit darüber, worüber er eigentlich mit mir sprechen müsste. Oder auch, wann dafür ein guter Zeitpunkt ist.
Also erklärte ich es ihm: Dass ich an seiner Stelle damit anfangen würde, ganz viel und tief danach zu fragen, wie es mir eigentlich mit dem Thema geht. Welche Gefühle, Sorgen, Unsicherheiten das bei mir auslöst. Woher die kommen. Wie ich oder wir die bearbeiten können. Was es dafür braucht, dass ich mich sicher fühle. Und dann im nächsten Schritte eben auch: Wie genau wir das mit dem Dating gestalten wollen. Ob jede Form von Dating okay ist, ob wir bestimmte Regeln und Routinen brauchen, wie wir die Kommunikation dazu gestalten, und wie wir unsere Beziehung definieren.
Er ist damit überfordert. Aber ich finde, dass muss er jetzt aushalten. Er hat hier etwas zu leisten, das ich ihm nicht abnehmen kann. Ich kann eine gute Gesprächspartnerin sein und ihm mit Offenheit begegnen. Aber zum heutigen Zeitpunkt kann ich noch nicht mal sicher sagen, ob und inwiefern ich überhaupt damit klar kommen kann, dass er andere Leute datet. Ich weiß einfach, dass ich mich nicht nochmal so fühlen will wie im Mai. Ich brauche daher von ihm das Investment und die aktive Beziehungsarbeit und Kommunikation. Ansonsten packe ich das tendenziell eher nicht mehr dieses Jahr. Ich habe also keine Lösung dafür, dass er hier gefordert ist. Aber letztendlich will er ja was von mir, nicht andersherum.
Insgesamt war das Gespräch nicht einfach. L. war öfter sehr still, weil er überfordert war. Oder weil er sich unsicher fühlte. Die Stimmung zwischen uns war daher angespannt.
Als wir später noch etwas durch die Stadt spazierten, meinte ich zu ihm: „Es tut mir Leid, dass ich dieses Thema zu so einem schlechten Zeitpunkt aufgebracht habe. Eigentlich wollte ich einfach mal von dir wissen, wo gerade gedanklich beim Thema Dating liegst. Ich will, dass das mit uns funktioniert und daher will ich wissen, welche unerfüllten Wünsche es bei dir gibt. Du bist mir echt wichtig und gerade in den letzten zwei Monaten, als es mir richtig schlecht ging, nochmal wichtiger geworden.“
Er antwortete: „Du bist mich auch unheimlich wichtig.“, und nahm mich fest in den Arm. So fanden wir wieder zueinander.
Während des restlichen Spaziergangs redeten wir dann auch noch über meinen Krebs und er fragte mich, wie es mir in Bezug auf die anstehenden Therapien und Eingriffe in den nächsten Wochen geht. „Ich habe Angst davor. Ich habe Angst vor weiteren Nebenwirkungen, und ich habe Angst vor den Schmerzen. Ich habe Angst, dass die Therapien auch nicht anschlagen und der Krebs weiter wächst. Ich habe Angst, dass ich sterben könnte.“ Wir blieben stehen und L. nahm mich fest in den Arm. L.: „Ich habe auch Angst. Du bist mir so wichtig geworden und ich denke echt oft an den Krebs und an dich und mache mir Sorgen. Ich habe Angst, dich zu verlieren.“
Wie wir da standen, Arm in Arm, mit den ganzen Partygänger*innen um uns, und übers Sterben redeten – der Moment war irgendwie tragisch und traurig und wunderschön und romantisch zugleich.
Clara
Klasse geschrieben, fesselt selbst mich.
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Danke 😊
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