Sex & Versöhnung

Am Freitag hörte ich den ganzen Tag lang nichts von L. Und auch ich hatte zu verdauen, wie er sich mir gegenüber am Donnerstag verhalten hatte. Ich war wirklich verletzt. Zusammen mit den schlechten Nachrichten aus der Klinik war das echt viel auf einmal.

Umso dankbarer bin ich für die Unterstützung, die mir G. letzte Woche entgegenbrachte. Er übernahm alle Putzdienste, die ich laut Putzplan in unserer WG hätte übernehmen sollen. Er motivierte mich mehrmals, ins Gym zu gehen, weil es mir danach jedes mal besser geht.

Wir gingen am Freitagabend auf eine Drag Show, um für ein paar Stunden für Ablenkung zu sorgen. Und ich hatte echt viel Spaß dort. Das Publikum war ziemlich jung und sehr queer und witzigerweise fühlte ich mich dort irgendwie fast alt und ein bisschen straight, obwohl ich weder das eine noch das andere bin. Aber pinke Haare hab ich halt auch nicht. Man sieht mir meine Sexualität nicht auf den ersten Blick an und mir ist das auch nicht wichtig. Ich selbst habe mich in der Vergangenheit so intensiv mit mir und meiner Sexualität auseinandergesetzt, dass ich mich in ihr sicher fühle und einfach weiß, wer ich bin, was mich ausmacht, was mir wichtig ist, was meine Werte sind. Ich habe daher inzwischen das Gefühl, in mir als Person zu ruhen, mir meiner Selbst sicher zu sein. Ich habe daher gar nicht das Bedürfnis, meine Kleidung für meine Außenwelt zu wählen, um irgendwas zu signalisieren. Was gleichzeitig aber natürlich ein großes Privileg ist, denn als Cis-Frau werde ich in der Regel nicht falsch gelesen, und auch als nicht-heterosexuelle Person erfahre ich in meinen Kreisen kaum bis gar keine Diskriminierung. Sich keine Gedanken über das eigene Aussehen machen zu müssen, ist ein Privileg.

Auf jeden Fall war unsere Freund*in A. am Freitag mit Partner*in auch mit dabei. A. hatte sich geschminkt, eine Schiefermütze auf, eine Weste und Anzughosen an. Ich fand, they sah phantastisch aus und sehr sexy. Das war das erste mal, dass ich so über A. dachte. Die Vibes, die von them ausging, erinnerten mich sehr an S.

Am Samstagabend gingen G. und ich gemeinsam auf eine Sexparty mit einem interessanten Konzept. Die Party fand in einem Bordell statt, dass für die Party als komplette Location gemietet war. Die Räumlichkeiten allein waren schon genial. Sehr schick alles, sehr luxuriös eingerichtet, mit einer großen Bar, gutem Essen, großen Dancefloor, Spa-Bereich und vielem mehr. Ich trug ein neues schwarzes Kleid, das vorne und hinten jeweils einen großen, durchsichtigen Ausschnitt hatte, der meine Brüste schön zur Geltung brachte. Schon beim Fertigmachen entschied ich mich, an dem Abend den Krebs mal für ein paar Stunden Krebs sein zu lassen, und stattdessen in eine Rolle zu schlüpfen: Die sexpositive, selbstbewusste Clara, die gerne feiert und sich sexy in ihrem Körper fühlt.

Auf der Party traten mehrmals verschiedene Burlesque-Tänzerinnen auf, was echt cool war und teils auch sehr sexy. Ehrlich gesagt war ich nach den ersten Auftritten schon heiß. G. und ich tanzten ein bisschen und setzten uns auch für eine Zeit ins Pornokino, wo ein feministischer Porno lief. Auch eine Lesung mit erotischer Literatur hörten wir uns an. Tanzten zu gutem Techno, tranken etwas an der Bar.

Irgendwann hatten wir Lust, in eine der Love Suiten zu gehen und fanden auch gleich eine, die frei war. In der ganzen Location hatten die Veranstalter die Türen abmontiert, sodass jederzeit zugeschaut werden konnte. Geil war aber vor allem auch, dass in den Love Suiten alle Wände und die Decke mit Spiegeln versehen waren, sodass man sich beim Sex selbst beobachten konnte. Das hatte ich so noch nie erlebt, aber es turnte mich ziemlich an. Augen hatte ich dabei vor allem für mich. Ich fühlte mich so wohl in meinem Körper. Ein gutes Gefühl.

Danach tanzten wir noch eine Weile, schauten uns noch die weiteren Performances der Tänzerinnen an, und machten uns gegen 1 auf dem Heimweg, weil ich langsam müde wurde. Während den 5 Stunden, die wir auf der Party gewesen waren, hatte ich kein einziges mal an den Krebs gedacht. Das hat gut getan.

Am Sonntag hatte ich mich dann mit L. zum Reden verabredet. Ich telefonierte tagsüber noch mit Ls. und sie half mir dabei, zu verstehen, was wohl mit L. los gewesen war am Donnerstag. Eines war mir da schon klar: Ich glaubte nicht, dass L. mir nicht helfen wollte oder in irgendeiner Art böswillige Entscheidungen traf oder nicht für mich da sein wollte. Aus irgendeinem Grund hatte ich nicht verstanden, wie schlecht es mir ging und was ich von ihm wollte. Ls. erinnerte mich auch daran, dass die letzten male, wenn zwischen L. und mir irgendwas passiert und zu klären war, die Gespräch dann immer sehr harmonisch abliefen. Sie gab mir Hoffnung, dass das dieses mal wieder so sein würde.

Ich war am Sonntag ziemlich müde und legte mich daher am späten Nachmittag nochmal hin, bevor L. kam. Als er klingelte, schlief ich. G. machte ihm auf und ließ ihn rein. L. legte seine Schuhe ab und kam dann hoch in mein Zimmer. Weil der Konflikt ja ungelöst zwischen uns stand, war er total unsicher, wie er sich verhalten sollte. Er weckte mich, indem er eine Hand auf meine Hüfte legte. Ich drehte mich zu ihm um und zog ihn zu mir aufs Bett. Ich merkte direkt, wie sehr ich ihn vermisst hatte, und schmiegte meine Wange an seine. Wütend war ich ihm zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr, aber mir war trotzdem wichtig, dass wir darüber reden, was da am Donnerstag schief lief.

Ich erzählte ihm, wie alleine gelassen ich mich gefühlt hatte und wie schlimm sich das für mich angefühlt hatte, das Gefühl zu haben, dass der Mensch, der sich die Wochen davor wie mein Fels in der Brandung angefühlt hat, plötzlich wegbricht und nicht mehr für mich da ist. L. erzählte mir, dass er auf meine Nachrichten nicht reagiert hatte wie ich es erwartet hatte, weil er aus meinen Nachrichten nicht die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit, die die Situation für mich hatte, rausgelesen hatte. Sonst hätte er sich natürlich sofort auf den Weg zu mir gemacht. Das glaube ich ihm auch. Und daher war der Donnerstag bzw. die ganze Woche zwar richtig scheiße für mich, aber das Klärungsgespräch mit L. dann wieder ganz easy und harmonisch.

Ich habe ein bisschen Angst, dass diese Misskommunikation nochmal passieren könnte. Dass L. nochmal nicht versteht, wenn eine Situation wirklich ernst ist. L. meinte zu mir, dass er jetzt wenigstens nochmal mehr dafür sensibilisiert ist und nächstes mal einfach direkt anruft, wenn ich ihm solche Warnsignale sende. Ich überlege noch, ob ich nicht mit ihm (und vielleicht auch noch mit den anderen Meschen, die ich regelmäßig um Hilfe bitte) eine Art Signalwort ausmache, um zweifelsfrei mitteilen zu können: „Hey, ich brauche dich jetzt dringend.“ Denn Kommunikation kann immer wieder misslingen, egal wie klar man sich ausdrückt.

Nach dem Gespräch kuschelten wir noch eine ganze Weile und machten dann das Licht aus. Ich schlief zum ersten mal seit einer Woche richtig schnell ein und richtig tief. Deswegen geht es mir heute auch bedeutend besser.

Heute morgen standen wir gemeinsam auf, L. trank noch in aller Ruhe bei uns in der Küche einen Kaffee, bevor er sich auf den Weg zur Uni machte. Alle Harmonie zwischen uns war wieder da und das fühlte sich so schön an.

Mit L. hatte ich dieses Jahr so viele Aufs und Abs, dass ich mich frage: Ist das nur bei uns so? Oder bin ich einfach die einzige, die da so detailliert darüber schreibt, das dokumentiert und dem ganzen daher vielleicht auch mehr Gewicht verleiht und die Dinge nicht so schnell vergisst, als das in anderen Beziehungen der Fall ist? Könnt ihr überhaupt noch nachvollziehen, dass ich mich trotz aller Problemchen, die mit L. im Laufe des Jahres aufgetaucht sind, ihm total verbunden fühle und mir sehr sicher bin, dass ich ihn gerne als zweiten Primärpartner in meinem Leben haben möchte?

Das Drama macht diesen Blog natürlich interessant und liefert den Stoff dafür. Aber ein bisschen peinlich ist es mir gleichzeitig auch manchmal, darüber zu schreiben. Weil ich auch verstehen könnte, wenn so manche Leser*innen sich denken „Boar wie kompliziert ist das bei denen bitte?“.

Wenn ihr mögt, schreibt gerne mal in die Kommentare, was ihr denkt.

Ich freue mich jetzt auf eine Woche voller schöner Erlebnisse. Morgen erstmal wieder in die Klinik, dann hoffentlich ein Treffen mit Ls., abends Kunsttherapie und danach schlafe ich bei L. in der Wohnung. Am Mittwochabend gehen wir auf ein Konzert, und am Samstag haben wir ein sexy date geplant. L. besitzt von der Zeit, als ich noch Paintball gespielt hat, eine Militäruniform, die ich sehr hot finde. Wir wollen mal wieder auf ein richtiges Date gehen, irgendwo in der Stadt etwas trinken gehen, und uns dann daheim in Schale werfen. Er in seine Uniform, ich in das schwarze Kleid, dass ich am Samstag auf der Party trug. Und dann wollen wir uns miteinander dem Thema Dominanz nähern. L. will in eine dominante Rolle schlüpfen und wir wollen gemeinsam herausfinden, wie uns das gefällt. Darauf freue ich mich schon sehr und alleine der Gedanke daran macht mich ein bisschen feucht.

Küsse,

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Für mich klingen die Auf und Abs emotional sehr anstrengend. Mir würde das sehr viel Kraft rauben, allerdings habe ich auch weniger andere sichere Bindungen als du, sodass meine generelle emotionale Sicherheit durch die Auf und Abs vielleicht mehr bedroht wäre als bei dir, weshalb ich weniger Toleranz für die Menge an Auf und Abs in der Beziehung hätte (bzw. in meiner eigenen Beziehung habe). Teilweise sind die Situationen auf die Beziehungskonstellation an sich zurückzuführen, z. B. Dates mit anderen, was in klassisch monogamen Beziehungen wegfällt. Ich denke, in eurer Beziehungskonstellation ist das Ausloten von Grenzen generell quantitativ größer, wodurch es wahrscheinlich zwingend zu mehr Auf und Abs kommt. Bei dir bringt die Krankheit nochmal eine weitere besondere, emotionale Situation mit rein. Wichtig ist, dass die Energiebilanz einer Beziehung am Ende positiv ist, finde ich. Unterm Strich soll sie Kraft spenden, nicht rauben. Was einem wie viel Kraft gibt und wie viel raubt, ist aber wiederum super individuell.

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    1. Danke für deinen Kommentar! Das mit der Energie Bilanz sehe ich genau wie du.

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