Familie

Letztes Wochenende bin ich mit L. zu seiner Mutter gefahren, um sie kennenzulernen. Ich war schon am Freitagmorgen vor der Abfahrt wahnsinnig aufgeregt. Ich wechselte mehrmals mein Outfit, weil ich mir nicht sicher war, was ich anziehen sollte. Ich wollte seiner Familie unbedingt gefallen, denn L. hat ein gutes Verhältnis mit seiner Mama, seinen Geschwistern, Omas, Onkeln und seinem Vater.

Ich habe in meinem Leben noch nicht so oft die Eltern von eine*r Partner*in kennengelernt. Auch wenn ich sexuell immer sehr aktiv war, hatte ich vor L. eigentlich nur vier ernsthafte Beziehungen. Und nur bei zwei davon habe ich die Eltern kennengelernt. Und davon war ein Kennenlernen das mit G.’s Eltern, die ja nur französisch reden und meiner Meinung nach bis heute nur sehr wenig über mich wissen bzw. mich kaum kennen. Einerseits wegen der Sprachbarriere, aber andererseits auch, weil G. sich seinen Eltern selbst nicht zeigt und ich mich da natürlich an ihm orientiere.

Er will seinen Eltern von vielem aus unserem Leben nichts erzählen, z.B. über unser queeres Leben und über die Polyamorie. Das ist für mich okay so. Und gleichzeitig frage ich mich, ob das der beste Weg für G. ist. Und wie wir das in Zukunft machen, wenn ich zum Beispiel mal bei einem Familienfest nicht dabei bin, weil ich stattdessen bei L. und seiner Familie bin. Solange wir nicht offen über unsere Beziehungssituation reden, werden wir uns Stories einfallen lassen müssen – was sich ein bisschen wie lügen anfühlt, auch wenn es nicht ganz dasselbe ist. Mir ist Offenheit da lieber, auch wenn das angesichts der unangenehmen Gespräche, die ich dieses Jahr deshalb mit meinen Eltern hatte, auch nicht unbedingt einfacher ist. Wenn die eigene Familie einem Unverständnis entgegenbringt und man da viel Erklärarbeit zu leisten hat oder gar auf Inakzeptanz und Intoleranz trifft, ist das wahnsinnig anstrengend und unangenehm.

Ich kann es daher schon verstehen, dass G. dem einfach aus dem Weg gehen will und einfach gar nichts erzählt. Letztendlich ist es seine Entscheidung, denn es ist seine Familie. Und wenn ich an Weihnachten fehle, dann ist es auch seine Aufgabe, sich eine gute Erklärung zu überlegen. Was – wenn überhaupt – frühestens Weihnachten 2025 der Fall sein wird. Passieren könnte es, denn nach dem letzten Wochenende hat L. schon angedeutet, wie sehr er es genossen hat, mich bei seiner Familie dabei zu haben. Er hat mich bereits zu einem Familienfest im Juli eingeladen und auch schon mehrmals über Weihnachten geredet.

Aber zurück zum Wochenende bei L.’s Familie: Seine Mutter wohnt 4h mit dem Zug entfernt zusammen mit ihrem jetzigen Mann und L.’s kleinem Bruder. Mitten auf dem Land in Bayern.

Als wir dort am Bahnhof ankamen, holten uns L.’s Bruder und dessen Freundin ab und brachten uns zum ein paar Kilometer entfernten Haus.

Die Begrüßung bei L.’s Eltern war herzlich. Ich wurde in den Arm genommen, auf die Küchenbank gesetzt, mir wurde selbstgepresster Apfelsaft angeboten. L.’s Mama und der Bruder kochten gemeinsam Kaspressknödel mit Gemüsebrühe und der Rest saß am Tisch in der Wohnküche und unterhielt sich. Ich fühlte mich wohl.

Insbesondere L.’s Mama ist eine ganz sympathische, offene Frau, mit der man sich toll unterhalten kann. Der Abend war also entspannt und schön. Ich hatte das Gefühl, dass ich da gut reinpasste und fühlte mich wohl.

Als L. und ich uns am späten Abend dann in das Gästezimmerbett kuschelten, war L. richtig glücklich. Er nahm mich in den Arm und sagte mir immer wieder euphorisch, wie schön er das fand, mich mit seiner Familie zu erleben. Wie toll er mich findet, weil ich nicht so viel Raum einnehme, sondern mich integriere und einfach an den Unterhaltungen teilnehme (was ein Rippenstoß gegenüber A. ist). Er war wahnsinnig verliebt – und ich auch.

Am nächsten Morgen schliefen wir lange aus und blieben auch noch eine ganze Weile im Bett liegen und kuschelten. Die Stimmung vom Vorabend war immer noch präsent. Wir fühlten uns sehr verbunden miteinander. Wie von ganz allein landeten wir daher nackt aufeinander und hatten sehr liebevollen Sex miteinander. Das war schön.

Als wir am sehr späten Vormittag in der Küche ankamen, war mir das gegenüber seine Mutter schon etwas unangenehm. Aber die war total entspannt. Wir tranken einen Kaffee und fuhren dann zu einem Bäcker in der Nähe, um frische Brötchen für das Frühstück zu kaufen. Auf dem Weg erfuhr ich, dass die Freundin in München, bei der wir am Abend übernachten wollten, mit Grippe im Bett lag. Ich fragte daher L., ob er in dem Fall eine weitere Nacht bei seiner Mama bleiben wollte. Seine Mama klinkte sich in das Gespräch sofort ein und fing an, ganz viele Vorschläge zu machen, was wir in dem Fall heute noch gemeinsam unternehmen könnten. Es war ein schönes Gefühl, so willkommen zu sein. Wir entschieden uns also, noch eine Nacht zu bleiben und erst am nächsten Morgen weiterzufahren.

Bei der Bäckerei setzten wir uns an einen Tisch neben einer alten Jukebox und tranken alle einen Cappuccino. Dann wählten wir an der Theke unsere Brötchen aus und fuhren mit dem Proviant zurück zum Haus und machten Frühstück. Tja, und dann kamen die unangenehmen Fragen.

Während ich das Gefühl hatte, dass L.’s Mutter eher offen war gegenüber unserem Beziehungskonzept, sah das bei ihrem Mann ganz anders aus. Er stellte mir sehr viele kritische Fragen: Wie das sein kann, dass ich neben L. ja auch noch verheiratet bin? Ob ich mich von meinem Mann trennen würde? Ob ich ernsthaft mit beiden Männern schlafen würde? Mir wurde vorgeworfen, dass ich die Beziehung mit L. nicht ernst nehmen würde, weil es ja noch einen zweiten Mann in meinem Leben gäbe. Dass ich immer wieder zum Nächsten wechseln würde, wenn es schwierig wird, anstatt mich festzulegen. Dass die Beziehung von L. und mir weniger wert wäre, weil es G. gibt.

Ich fühlte mich wie im Kreuzverhör. Und bekam den geballten bayrischen Konservatismus dieses alten weißen Mannes ab. Mit allem, was dazugehört: Besitzanspruch gegenüber Partner*innen (allein bei dem Gedanken daran zieht sich bei mir alles zusammen). Eifersucht als Grund, sich gegenseitig zu begrenzen. Slut Shaming gegenüber Frauen. Von Frauen zu erwarten, dass sie klein bei geben, nicht zu laut sind, nicht zu starke Meinungen haben, sich unterordnen, nicht widersprechen. Frauen kontrollieren zu wollen.

Kurzgesagt: Mit meinem Freigeist, meinem Selbstbewusstsein, meiner Unabhängigkeit und meiner feministischen Einstellung kann er gar nichts anfangen. Und ich glaube auch nicht, dass er mich gut findet. In seinem Kopf nutze ich L. aus, bin keine echte Partnerin und niemand, auf den man sich verlassen kann.

Das war sehr unangenehm. Aber nicht nur für mich. Für L. genauso. Der will ja umso mehr, dass seine Familie mich mag und mich akzeptiert. Da so einen Gegenwind zu erhalten war für ihn zwar nicht überraschend, aber eben auch nicht so, wie er es sich gewünscht hat.

Was gleichzeitig auch echt unangenehm war, war, wie oft über A. geredet wurde. Und das in den allerhöchsten Tönen. A. ist halt tausendmal weniger unabhängig als ich, weniger selbstbewusst, außerdem konservativer. Die gefällt dem Mann richtig gut. Teilweise hat sich die Art, wie er über A. geredet hat, fast angehört, als wollte er L. davon überzeugen, doch mit A. zusammenzubleiben. Das fand ich richtig nervig. Ich glaube nicht, dass die so genau wissen, wie destruktiv A. sein kann, wie unfair sie sich L. gegenüber verhält, wie anstrengend deren Auseinandersetzungen sind, wie wenig die zwei gemeinsam haben. Wenn L. mit denen über A. redet, drückt er sich so diplomatisch und vage aus, dass die das gar nicht heraushören können. Die wissen einfach nicht, dass A. ihm Energie raubt und ihm nicht gut tut.

L.’s Mutter war während des Kreuzverhörs ihres Mannes übrigens komplett still. Sie sagte eigentlich gar nichts. Ich hatte aber anhand ihrer Körpersprache und Mimik das Gefühl, dass sie mich weit weniger kritisch sah als ihr Mann. Und dass sie auch verstand, was ich versuchte, zu erklären. Ich bekam mal ein Lächeln und mal ein Nicken, als ich zum Beispiel erklärte, wie wichtig mir L. ist, wie ich meine Beziehungen sehe und gestalte, warum ich super dankbar dafür bin, L. in meinem Leben zu haben, und vieles mehr. Ich versuchte klar zu machen, dass mein Commitment für L. groß ist und ich die Beziehung mit ihm und ihn sehr ernst nehme. Und ich hatte das Gefühl, dass zumindest seine Mama das auch verstand. Dass sie in der Lage war, empathisch zuzuhören, anstatt nur alles abzuweisen, was nicht zu 100% ihrem Weltbild entspricht.

Als L. und ich abends im Bett lagen, rekapitulierten wir das Gespräch nochmal miteinander. Er meinte: „Das war anstrengend. Aber schlimmer wird es in meiner Familie nicht. K. (der Mann seiner Mama) ist der einzige, der da so anstrengend ist. Der Rest ist viel offener und gibt sich auch mehr Mühe.“

Ich erzählte ihm, dass ich K.’s Besitzdenken gegenüber Frauen ganz besonders schlimm fand. Alleine der Gedanke, dass jemand denken könnte, dass ich ihm*ihr gehöre, löst bei mir Beklemmungsgefühle aus. L. nahm mich ganz fest in den Arm und sagte: „Du gehörst nur dir selbst. Ein bisschen mir und ein bisschen G., aber vor allem dir selbst.“ Und ich widersprach: „Nein, ich gehöre nur mir selbst. Aber ich gehöre zu euch.“ Und dann küsste er mich auf die Wange und sagte mir, dass er mich liebte.

Am nächsten Morgen brachte uns seine Mama zum Bahnhof und wir verabschiedeten uns nett. Wir fuhren mit dem Zug weiter nach München, wo wir mit meinem Freundeskreis aus Studienzeiten zum Brunchen verabredet waren. Der Brunch war schön und ich genoss es, meine Freund*innen mal wieder zu sehen. Die sehe ich leider nur ein paar mal im Jahr. Ihnen L. vorzustellen, war im Vergleich zu seinen Eltern total unspektakulär. Diese Menschen bekommen seit 10 Jahren mit, wie mein nicht-monogames Leben abläuft. Zwar ist L. jetzt die erste Person, die ich aktiv als mein Partner vorstelle, aber zu Überraschungen führt das bei niemandem mehr. So verschieden ist das, wenn man Zeit mit gleichaltrigen, urbanen, linken Menschen verbringt.

Am Nachmittag stiegen wir dann in den Zug zurück nach Hause. L. fuhr zu sich, ich zu mir. Daheim wartete schon G., der zwei Freund*innen zum Crêpe-Essen eingeladen hatte. Meine soziale Batterie war nach dem Wochenende zwar eigentlich erschöpft, aber es war trotzdem ein schöner Abend, weil die zwei echt liebe Menschen sind und wir schöne Gespräche hatten.

Nebenher blinkte mein Handy immer wieder auf, weil L. mir Nachrichten schrieb. Anscheinend hatten er und A. sich direkt für 45min gestritten, als er heimgekommen war. Und zwar so schlimm, dass er am Ende aus der Wohnung floh und eine Stunde spazieren ging, bis A. losgefahren war zu ihrem Liebhaber. Wie immer gab es eigentlich keinen Anlass, sich gegenseitig anzuschreien, aber da A. ihn super schnell anblafft und verbal aggressiv wird, entstehen selbst aus den kleinsten Meinungsverschiedenheiten üble, laute Streits. Immerhin hat das ganze dazu geführt, dass beiden inzwischen klar ist, dass sie es nicht mehr miteinander aushalten und nicht mehr zusammenwohnen wollen. L. wird daher Mitte Februar ausziehen, vorausgesetzt er hat ein passendes WG-Zimmer gefunden. Und darauf freue ich mich sehr. Allein der Gedanke, dass wir uns dann nicht mehr mit A. absprechen müssen, wann wir in die Wohnung können und wann nicht, löst in mir Vorfreude aus. Und für L. freue ich mich, dass er dann einen Stressfaktor weniger in seinem Leben hat. Und sich endlich komplett von A. trennen kann.

Am Dienstagabend hatte ich übrigens den letzten Termin meiner Kunsttherapie. Die habe ich Ende September begonnen und sehr genossen. Die letzten Jahre habe ich eigentlich gar nicht mehr gemalt und habe nun über die Kunsttherapie wieder zu diesem kreativen Outlet zurückgefunden. Anders als beim Schreiben habe ich damit eine Möglichkeit gefunden, meine Gefühle zu verarbeiten, ohne dass ich direkt die perfekten Worte für alles finden muss. In mich rein zu spüren und Gefühlen einfach Farben und Formen geben zu können, ist eine ganz intuitive Art, diesen Gefühlen Raum zu geben und sie mir anzusehen.

So habe ich vor allem die negativen Emotionen ein Stück weit verarbeiten können. Ich habe meine Schmerzen gemalt, meine Angst, meine Überforderung, meinen Stress, meine Verlorenheit. Doch am Dienstagabend kam ich zum letzten Termin und habe mich nur positiv gefühlt. Und so habe ich die Sache gemalt, die mein Leben am allerpositivsten beeinflusst: Mein Polykül. Ich habe L., G. und Ls. Farben gegeben und mir selbst auch. Die Farben spiegeln wieder, wie ich mich mit ihnen fühle.

L. wurde grün, weil er für mich Harmonie, Stärke, Geborgenheit ausstrahlt. Bei ihm kann ich auch mal klein sein, wenn ich das brauche. Er trägt mich dann ein paar Schritte mit und schenkt mir Kraft und emotionale Unterstützung. Mit ihm fühle ich mich dann wie ein Avocadokern, der sicher eingebettet in der Avocado liegt.

G. ist blau, weil er für mich Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit ausstrahlt. Bei ihm fühle ich mich stark und groß und angekommen. G. macht in meinem Leben ganz viel aus und ist ein ganz großer und wichtiger Teil meines Lebens.

Ls. ist ein verspieltes Magenta, weil sie für Abwechslung, Abenteuer, Inspiration und kognitiven Austausch steht. Mit ihr bin ich am facettenreichsten und jedes Treffen läuft anders ab. Mal weinen wir zusammen, mal kuscheln wir, mal reden wir, mal albern wir rum.

Ich selbst bin ein warmes ockergelb, das auf dem Bild ganz verästelt auftaucht. Weil ich mich selbst als jemanden sehe, der strahlt. Auf andere ausstrahlt, aus sich heraus strahlt. Und weil ich ein Freigeist bin, der immer wieder die Fühler in alle Richtungen ausstreckt, nicht so leicht greifbar ist, und in keine Schublade passt.

Das Bild ist noch nicht ganz fertig, aber ich finde es jetzt schon wunderschön. Weil es für mich ausstrahlt, wie glücklich ich bin, wenn ich diese Menschen um mich habe. Und wie schön mein Leben ist.

Vielleicht schicke ich euch mal ein Bild davon, wenn es fertig ist.

Clara

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