Heterofrustration

Eine meiner engsten Freundinnen A. erinnert mich gerade bei jedem Treffen daran, dass die Verarbeitung von einer Trennung Zeit braucht. Insbesondere, wenn sie so schmerzhaft ablief wie bei L. und mir.  

Plötzliche Trennungen tun mehr weh 

Ein Grund, weshalb es mir schwer fällt, dieses Kapitel einfach abzuschließen, ist, dass die Trennung so plötzlich kam. So eine Art von Trennung habe ich noch nie erlebt. Alle vorhergehenden Trennungen haben sich über eine gewisse Zeit angebahnt, weil wir immer wieder über dieselben Probleme geredet haben und keine Lösungen finden konnten. Deswegen waren die Trennungen dann auch eher gemeinsame Entscheidungen, weil wir irgendwann gemeinsam zum Schluss gekommen sind, dass eine Fortführung der Beziehung keinen Sinn macht oder uns zu viel Kraft kostet. Auch in diesen Fällen war ich nach den Trennungen erst mal eine Zeit lang traurig und hatte die typischen Entzugserscheinungen, weil ein Mensch aus meinem Leben gefallen ist, der mir sehr wichtig war.  

Doch mir ging es immer gut, weil alles gesagt war, was gesagt werden musste. Weil im Prozess auf mich geachtet wurde. Weil ich eine Wahl hatte und sich selbst die Trennung selbstbestimmt angefühlt hat. Weil auf dem Weg zur Trennung die Wertschätzung zwischen beiden Menschen nicht verloren gegangen ist.  

Deswegen bin ich auch mit einem Großteil meiner ehemaligen Partner*innen noch befreundet. Weil es dann okay war, dass man sich getrennt hat. Weil es gute Gründe dafür gab, die gegenseitige Wertschätzung aber geblieben ist.  

Das war mit L. alles nicht so. Es gab da keine Gespräche, in denen wir offen darüber geredet haben, welche Probleme wir haben. Er hat für sich erkannt, dass ihm in der Beziehung mit mir etwas für ihn elementares fehlt („ich will daten, ohne Rücksicht nehmen zu müssen“), und anstatt mit mir darüber ins Gespräch zu gehen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, hat er sich direkt emotional distanziert. Er ist nicht in Beziehung mit mir geblieben und hat es nicht aushalten können, dass die Dinge auch mal für eine Zeit lang kompliziert und anstrengend sein können, bis man Lösungen gefunden hat. Er war nicht offen dafür, gemeinsame Lösungen zu finden. Und er war auch nicht offen dafür, Kompromisse einzugehen oder sich zu hinterfragen, was er in unserer Beziehung tun müsste, damit wir uns dem gemeinsamen Ziel nähern. Ihn hat die Aufgabe, dass in einer Beziehung zu sein, bedeutet, ein gemeinsames Zielbild zu haben und sich dann gemeinsam auf den Weg dorthin zu machen, in die Beziehung zu investieren und an ihr zu arbeiten, überfordert. 

Insgesamt wälze ich seit dem 30. April, als ich mich final von ihm getrennt habe, in Gedanken diese Beziehung durch. Frage mich immer wieder: Was ist da passiert? Was hab ich falsch gemacht, dass ich am Ende so verletzt wurde? Dass so unfair und unempathisch mit mir umgegangen wurde?  

Ungleichgewichte in der Beziehung 

Dabei ist mir klar geworden, dass L. und ich ein riesiges Ungleichgewicht in unserer Beziehung hatten, welches mir immer bewusst war, ihm aber bis zum Schluss nicht. In unserem letzten Gespräch kritisierte er irgendwann, dass ich ihm nicht genügend Wertschätzung für die Dinge, die er in die Beziehung investiert hätte, bevor wir die Pause gemacht haben, entgegenbringen würde. Auf meine Frage, was er denn alles investiert hätte, antwortete er: „Dass ich bei unseren Treffen nie abgelenkt war und vollkommen da war. Und dass ich so oft die 1,5h mit dem Zug zu dir gefahren bin, ohne mich zu beschweren.“  

Schon als er das aussprach, zog sich mein Bauch zusammen. Ich reagierte in dem Gespräch auf diese lächerliche Aussage nicht, aber war echt perplex.  

Was er da aufzählte, war halt das bare minimum und zeigte, dass ihm überhaupt nicht bewusst, war was ich alles investierte und wie viel mehr das im Vergleich war. Sonst hätte er niemals mit Stolz über diese wenigen Dinge geredet. 

Meine allergrößte Investition in die Beziehung war während der gesamten Zeit, dass ich aktiv die Ungleichgewichte ausgeglichen habe. Und das waren nicht wenige: Ich war älter und erfahrener, ich habe mehr Geld, ich habe eine viel größere Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Beziehungserfahrung, mein Wissen zu Konzepten wie Konsens, physischen und psychischen Grenzen und dem damit zusammenhängenden Sicherheitsempfinden, zu mentaler Gesundheit ist größer. Hinzu kommt, dass ich emotional reifer bin, mich und meine Gefühle, Werte und Visionen besser kenne als er, und auch darüber reden kann. Und meine Selbstsicherheit ist größer als seine. 

Diese Ungleichgewichte habe ich ausgeglichen, indem ich mich in Gespräch zurückgenommen habe, um ihm den Raum zu geben, für sich Antworten zu finden, ohne zu sehr von meinen beeinflusst zu sein. Indem ich ihn unglaublich viel gecoacht habe und meine Kommunikation angepasst habe. Mehr Fragen gestellt habe, anstatt Meinungen, die ich ja schon hatte, direkt zu äußern. Indem ich in Konfliktsituationen für uns beide moderiert habe. Ihn dazu gezwungen habe, in der Beziehung zu bleiben und mit mir zu reden, anstatt sich zu distanzieren. Indem ich die Themen von uns beiden platziert habe, weil er nicht wusste, wie man das macht. Indem ich für uns beide mitgedacht habe und ihn immer wieder nach seinen Wünschen und Vorstellungen gefragt habe, weil er sonst nicht darüber nachgedacht und erst Recht nicht darüber geredet hätte. Um sicherzugehen, dass die Beziehung auch wiederspiegelt, was er will. Indem ich einen Großteil der Rechnungen übernommen habe, zum Beispiel im Restaurant, im Hotel, und vieles mehr.  

Und ja, bei unseren Treffen war auch ich nicht abgelenkt und bin genauso oft zu ihm gefahren wie zu mir.  

Deswegen fühlt sich seine Aussage für mich lächerlich an. Denn im Vergleich ist das echt wenig. Offensichtlich weiß er das nicht und wird es wahrscheinlich auch nie wissen.  

Die ersten Wochen nach der Trennung war für mich daher vor allem ein Gefühl sehr präsent: Unfair behandelt worden zu sein. Wie konnte jemand, der so krass davon profitiert hat, dass ich über ein Jahr lang so viel in die Person und unsere Beziehung investiere, mich dann einfach fallen lassen, wenn es schwierig wird? Einfach so? Mit richtig toxischen Love Bombing davor, wo mir erzählt wurde, wie wichtig ich ihm wäre und dass er mich unbedingt in seinem Leben haben will. Aber dann null kompromissbereit ist bzw. sich nicht mal Gedanken macht, was Lösungswege sein könnten wir unsere Probleme? Wie kann jemand mir ein Jahr lang erzählen, er wäre ein riesiger Fan von mir, und sich dann einfach distanzieren, mich und unsere Beziehung abwerten, und mit mir umgehen, als wäre ich komplett egal?  

Es tut weh, so viel investiert zu haben und am Ende überhaupt keine Wertschätzung dafür zu bekommen.  

Ich hätte die Beziehung fortgeführt und hätte auch weiter investiert. Weil mein Glaube daran, dass Menschen sich weiterentwickeln können, riesengroß ist. Und ich frage mich, ob das clever ist. Wahrscheinlich sollte man bei der Partner*innenwahl weniger auf deren Potenzial achten, und mehr auf das, was schon da ist. Genauer hinschauen, ob die andere Person ist, gut zu kommunizieren, durch Konflikte zu navigieren, ob die das gleiche Level an Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft wünschen wie ich, und emotionale Reife zeigen.  

Neue Dating-Erfahrungen 

Ich habe bereits wieder angefangen zu daten und neue Leute kennenzulernen. Erst vor ca. 2 Wochen war ich auf einem Date mit einem Mann, auf das ich mich sehr gefreut habe. Er war 8 Jahre älter als ich und wohnte in einer schönen Wohnung nicht weit von L.‘s WG entfernt. Wir trafen uns bei ihm daheim auf dem Balkon und machten später noch einen Spaziergang zu einem Biergarten.  

Alles in allem war es echt ein schönes, entspanntes Date mit tollen Gesprächen. Leider gab er mir ein paar Tage danach die Rückmeldung, dass er keine romantischen oder sexuellen Vibes zwischen uns spüren konnte und daher nicht weiter daten möchte. Auch wenn ich ein wenig enttäuscht war, war ich nicht überrascht. Ich hatte auch bemerkt, dass wir auf einer kognitiven Ebene miteinander blieben und hatte mich schon auf der Heimfahrt gefragt, ob wir auch auf eine sexuelle oder romantische Ebene miteinander kommen konnten.  

Meine Vermutung ist, dass das schon eine Möglichkeit wäre. Aber nicht, solange ich aufgrund der nur wenige Wochen zurückliegenden Trennung total verkopft in Dates gehe. Um miteinander in einen Flow zu kommen und sich auch ein stückweit fallen zu lassen, muss ich in der Lage sein, meinen Kopf ein Stück weit auszuschalten und darauf vertrauen, dass die Menschen, die ich kennenlerne, mir nicht böses wollen. Anstatt Checklisten durchzuarbeiten („Ist er reif genug? Haben wir die gleichen Vorstellungen? Wie nehme ich seine Kommunikation war? …“), braucht es von uns beiden, im Moment zu sein und ins spüren zu kommen.  

Das fiel mir zumindest bei diesem Date sehr schwer. Ich frage mich daher schon, ob die Erfahrung mit diesem Mann eine andere gewesen wäre, wenn das Date zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden hätte.  

Durch die unschönen Erfahrungen mit L. habe ich auch bemerkt, dass mein Interesse, Männer zu daten gerade insgesamt einen Tiefpunkt erreicht hat. Ich will gar nicht alles auf die Männer schieben, aber es ist einfach Fakt, dass in den meisten heterosexuellen Beziehungen die Frauen deutlich mehr emotionale Arbeit leisten als die Männer.  

Das Ungleichgewicht in der Beziehung zwischen L. und mir hat sich unter anderem daraus ergeben, dass ich älter, seit einiger Zeit im Berufsleben angekommen, als Führungskraft und Coachin arbeitend, seit 9 Jahren in einer offenen Beziehung lebend bin. Aber darüber hinaus auch dadurch, dass ich als queere Frau schon sehr früh damit konfrontiert war, dass ich nicht in die Norm passe. Dass ich mir daher schon früh Gedanken darüber machen musste, wie mein Leben aussehen soll, weil der Standardweg für mich nicht passte. Dass ich mir über Dinge Gedanken machen musste, über die er sich als heterosexueller, weißer cis-Mann keine Gedanken machen musste, weil ihm seine Privilegien vieles einfacher machen.  

Und dass unsere unterschiedliche Sozialisierungen zu einer unterschiedlichen emotionalen Reife führen. Frauen werden dazu sozialisiert, in der Familie, in Freundschaften und in Beziehungen ganz viel auf der Beziehungsebene zu kommunizieren und diese aktiv zu bearbeiten. Wir treffen uns mit Freundinnen und reden fast ausschließlich über persönliche Themen. Wir machen uns ständig ohne Probleme verletzlich und sind daher in der Lage, viel stärkere Bindungen aufzubauen. Und diese Skills bringen wir auch in unsere Beziehungen.  

Die meisten Männer haben das nicht gelernt. In Männerfreundschaften wir Bullshit geredet, rumgealbert. Es geht mehr um den Spaß, aber tiefe Gespräche finden viel weniger statt. Verletzlich macht man sich eher selten. Männer erleben echte emotionale Nähe von deren Mutter, und danach von der Partnerin. Und checken gar nicht, wie viel sie davon profitieren, dass diese Frauen die emotionale Arbeit leisten.  

Mein Brass auf die Menners ist gerade echt hoch. Und ja, natürlich weiß ich, dass nicht alle Männer gleich sind und es auch super viele Frauen gibt, die nicht über ihre Gefühle reden kann. Ganz klar. Nichtsdestotrotz ist für mich aktuell die Hürde, Männer zu daten auf jeden Fall größer geworden. Heterofrustration nennt man das übrigens.  

Auf das Date mit A. bin ich trotzdem gegangen, weil ich das Gefühl hatte (und darin bisher bestätigt wurde), dass er aufgrund seines Alters und seinen Erfahrungen mit mir mithalten kann, was emotionale Reife, Kommunikationsfähigkeit, Beziehungserfahrung, feministischem Verständnis angeht. Umso schader, dass ich noch nicht bereit fürs Dating war. 

 Außerdem sind für mich plötzlich Menschen, die etwas älter sind als ich, interessanter geworden. Bisher habe ich tendenziell eher jüngere Leute getroffen. Vielleicht auch ein Stückweit, weil ich das Gefühl von einer gewissen Überlegenheit für mein eigenes Sicherheitsgefühl gebraucht habe – insbesondere bei Männern. Gleichzeitig ist es doch umso schöner, mit jemandem in Kontakt zu sein, dem man auf Augenhöhe begegnen kann, der einen im positiven Sinne fordert, wo ich nicht die „Lehrerin“ sein muss, und der trotzdem in der Lage ist, mein Bedürfnis nach Sicherheit auf andere Wege erfüllen kann. Zum Beispiel, indem er sich selbst sicher ist, indem er klare Visionen und Meinungen hat, indem er empathisch und rücksichtsvoll mit mir umgeht und mir jederzeit das Gefühl gibt, dass auf mich Acht gegeben wird. Ich glaube, dass wünsche ich mir für meine nächste Beziehung. Mehr Gleichgewicht, ein erwachsener, reifer Umgang, eine Sparringsperson. Und ganz viel Sex. 

Was sich die letzten paar Wochen gewandelt hat, ist, dass ich L. immer weniger als Person vermisse. Heute vermisse ich stattdessen Dinge, die ich mit ihm hatte. Allem voran das Kuscheln und den Sex. Und das ist für mich ein Zeichen, dass ich es doch langsam in die Verarbeitung schaffe.  

Außerdem denke ich mir heute ganz oft: „Selber schuld, L. Ich bin so eine krasse Frau. Wenn dir das zum Schluss nicht mehr bewusst war, dann ist das nicht meine Schuld.“ Ich habe so viel für dich gegeben. Bis zum Schluss. Wahrscheinlich wirst du das nie sehen und auch nie verstehen.  

Doch ich kenne meinen Wert.  

Und das fühlt sich gut an. 

Clara

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