Am Donnerstag war ich für ein erstes Date mit M. verabredet. Wir hatten vor ein paar Wochen auf okcupid gematcht und seitdem einige Nachrichten und Sprachnachrichten ausgetauscht. Das, was ich bisher von ihr mitbekommen hatte, hat mir sehr gefallen. M. ist fünf Jahre älter als ich, bisexuell und war fünfzehn Jahre in einer monogamen Beziehung, aus der auch zwei Kinder hervorgekommen sind, die aktuell im Grundschulalter sind.
Dass sie bisexuell ist, weiß sie schon lange, doch aufgrund der monogamen Beziehung mit ihrem Ex-Partner hat sie bisher kaum Erfahrungen mit Frauen sammeln können. In der Regel bin ich bei Frauen, die noch keine Erfahrungen mit anderen Frauen gemacht haben, vorsichtig. Erstens will ich nicht das Versuchskaninchen von jemandem sein. Und zweitens besteht halt auch immer das Risiko, dass die Person für sich herausfindet, dass sie Frauen zwar attraktiv, aber eben doch lieber mit einem Mann in einer Beziehung wäre.
Außerdem habe ich die Befürchtung, dass die in meinem letzten Artikel beschriebene Heterofrustration durchaus auch einige Frauen in gleichgeschlechtliche Beziehungen treibt, obwohl sie gar nicht wirklich bisexuell sind.
Von dem, was M. von sich erzählt hat, klang das aber für mich sehr gesettled und in ihrer Sexualität ruhend. Außerdem fand ich attraktiv, dass sie sich nach der Trennung von ihrem Partner fast drei Jahre Zeit genommen hat, um alles zu verarbeiten und ihr Leben neu zu sortieren. Sie wirkt auf mich sehr erwachsen, reflektiert und tiefgründig. Und gleichzeitig wahnsinnig lebensfroh und gewitzt. Ihre positive Ausstrahlung ist ansteckend.
Wir verabredeten uns zum Picknick am See, weil das Wetter ja gerade so richtig schön sommerlich ist. Ein paar Tage davor beichtete ich ihr, dass ich mir mit dem Plan selbst ein Ei gelegt hatte, weil ich die Tage davor mit der Arbeit und privaten Terminen so eingespannt sein würde, dass ich es gar nicht schaffen würde, einkaufen zu gehen oder etwas für das Picknick vorzubereiten. Sie reagierte darauf total gelassen und übernahm kurzerhand die Picknick-Planung. Sie schlug vor, dass sie ein Brot backen und ein bisschen Käse und Antipasti einpacken würde. Ich ergänzte das Ganze dann noch mit einem Brotaufstrich, Erdbeeren, Oliven und Snackgemüse, was ich alles eh daheim hatte und nur kurz zusammenschnippeln musste. Ein sehr kleines Beispiel dafür, wie man sich gegenseitig unterstützen und die Mental Load teilen kann. Das fand ich schön.
Am Tag des Dates entschied ich dann, das Auto stehen zu lassen und stattdessen mit dem Fahrrad zu fahren. Ich packte also meine Fahrradtasche und radelte in etwas mehr als einer Stunde zum Treffpunkt am See.
Als ich sie sah, fiel mir zuerst ihre Ausstrahlung auf. Mich leuchteten grün-blaue Augen an, die Sommersprossen in ihrem Gesicht glänzten frech, und sie lächelte mich aufrichtig und gut gelaunt an. Sie trug einen sommerlichen Jumpsuit, in dem ihr kurviger Körper noch weiblicher wirkte. Ich fand sie sehr attraktiv.
Wir suchten uns unter einem großen Baum ein schattiges Plätzchen, wo wir unsere Ruhe hatten, und breiteten unsere Decken aus. Ich zog mir meinen Bikini an und sie schlüpfte aus ihrem Jumpsuit, unter dem sie einen hübschen, schwarzen Badeanzug trug.
In den nächsten Stunden redeten wir ununterbrochen, gingen mal eine Runde im kühlen See schwimmen, und packten irgendwann unsere Picknicksachen aus und mampften vor uns hin. Und kifften ein bisschen.
Es war eine total entspannte und interessierte Stimmung zwischen uns. Ich erfuhr viele Dinge, die mir sehr gut gefallen. Und ich stellte die Fragen, die mir schon vor dem Date durch den Kopf geschwirrt waren:
Was ihre Erwartung, wie sich zukünftige Patner*innen in Bezug auf ihre Kinder einbrachten? M.: „Es gibt ja schon zwei Elternteile, von daher suche ich nach einer Partnerin für mich, nicht für die Kinder. Wenn ich mir sicher mit der Person bin, würde ich die dann schon vorstellen. Aber ohne die Erwartung, dass man in irgendeiner Weise Verantwortung für die Kinder übernimmt.“
Wie viel Zeit hatte sie realistisch für eine Partnerin angesichts dessen, dass sie die Kinder an 4 Tagen in der Woche bei sich hatte und ja auch noch Hobbies und Freundschaften pflegen wollte? M.: „Für eine richtige Beziehung braucht es Regelmäßigkeit. Ich suche nach jemandem, der an meinem Leben teilhaben will. Deswegen will ich dafür sorgen, dass man sich mindestens einmal in der Woche sieht, gerne öfter. An den Tagen, wenn ich die Kinder nicht habe, ist das easy. Zusätzlich haben ich die Kinder aktuell 60% und sowohl ich als auch mein Ex wollen das auf 50% bei beiden anpassen. Das heißt, dann habe ich auch nochmal etwas mehr Freiraum.“
Ich fand es sehr spannend, dass für uns beide der beste Outcome eine feste Beziehung wäre, aber ich trotzdem das Gefühl hatte, dass wir beide ganz ohne Druck oder total unverkrampft durch das Date geflowt sind.
Spannend fand ich außerdem, dass ich in der Vergangenheit vor allem sehr schlanke und sportliche Frauen attraktiv fand, was für mich immer ein Zeichen dafür war, dass ich die gängigen Beauty-Standards zwar auf einer kognitiven und politischen Ebene hinterfragt habe, aber das so tief sitzt, dass es weiterhin mein Datingverhalten und mein Unterbewusstsein beeinflusst. Während ich Zeit mit M. verbrachte, empfand ich sie und ihren Körper trotz des leichten Übergewichts unheimlich erotisch und mein Kopfkino ging immer wieder mit mir durch. Ich stellte mir vor, wie schön sich das anfühlen musste, meine Wange auf ihren weichen Bauch zu betten, oder mit meinen Fingern über ihre Oberschenkel zu streicheln und ihr in den Po zu kneifen.
Natürlich hielt ich mich auf Abstand. Aber ich fand es schön, diese körperliche Anziehung bei mir selbst zu beobachten und zu spüren.
Am Abend stiegen wir auf unsere Fahrräder und fuhren zu ihrem Haus. Sie zeigte mir ihre Wohnung, die genauso bunt war wie ihr Charakter. Die Wohnung war wie ein Schatz. Da gab es in jeder Ecke kleine Dinge zu entdecken. Wie bei ihr eben auch.
Wir setzten uns mit einem Glas Kombucha auf ihr Sofa. Ich hatte schon am See das Bedürfnis gehabt, ihr näher zu kommen, hatte mich aber nicht getraut, einen ersten Schritt zu machen. Doch jetzt sprach ich es aus: „Ich würde voll gerne mit dir kuscheln.“
Gerade, als ich das schreibe, kommt eine Nachricht von meinem Kumpel M. rein, der mir in einer Sprachnachricht erzählt, dass seine Schwester anscheinend auf einem Date mit L. war und dabei herausgekommen ist, dass L. und M. sich ja schon kennen. M. hat daraufhin seine Schwester ein bisschen von L. gewarnt, was ich gut fand. Aber mich bringt das gerade etwas aus der Spur, zu wissen, dass L. auf Bumble ist und Leute datet. Natürlich ist mir klar, dass er das irgendwann tun würde, aber ich gönn es ihm halt überhaupt nicht. Ich wünschte, er würde auch nur ansatzweise etwas von dem Schmerz fühlen, den ich fühle. Wie unfair ist das bitte, dass diejenigen, die verletzen, einfach davonlaufen und es ihnen gut geht? Und wir verletzten werden sitzen gelassen und müssen mit unserem Leid klarkommen?
Aber zurück zum Date mit M.
Ich las aus ihrer Reaktion ein bisschen Nervosität raus, weil sie einen Ticken zu schnell und zu laut antwortete: „Du willst kuscheln? Sollen wir uns ins Bett legen? Oder hier auf dem Sofa?“ Ich fand es cute, dass sie da plötzlich doch ein bisschen nervös war.
Wir richteten uns in der Ecke des Sofas ein und ruckelten einige male rum, bis wir eine entspannte und bequeme Kuschelposition gefunden hatten. Ich lag auf der Seite mit der Lehne des Sofas im Rücken. M. lag vor mir auf dem Rücken, die Beine über meine Beine gelegt. Ihren Kopf bettete Sie auf meinem Arm. Meinen anderen Arm legte ich ihr um die Taille. Ich streichelte mal ihren Bauch, später auch ihre Knie und Oberschenkel.
In dieser Position waren sich unsere Gesichter ganz schön nah. Ich hatte plötzlich Angst, dass ich Mundgeruch haben könnte. Und war auch nervös: Küssen wir uns jetzt? Oder lieber erst beim nächsten Date?
Wir küssten uns nicht, aber die Nähe zu spüren, war echt schön.
Gegen halb neun, als langsam die Sonne unterging, musste ich das schöne Date leider beenden, weil ich ja noch eine Stunde heimradeln musste und am nächsten Morgen um 7 einen Arzttermin hatte. Ich wäre viel lieber noch dort geblieben, hätte weiter gekuschelt, vielleicht auch später in ihrem Bett.
Wir verabschiedeten uns mit einer langen Umarmung und redeten schon während des Dates darüber, wann wir uns wiedersehen könnten. Es wird also ziemlich sicher ein zweites Date geben. Und dieses wunderschöne erste Date macht auf jeden Fall Vorfreude auf das nächste.
Für mich war das Date auch dahingehend eine schöne Erfahrung, weil ich nicht so verkopft war wie bei dem Date mit A. vor drei Wochen. Weil ich einfach im Moment sein konnte und genießen konnte, einen neuen Menschen kennenzulernen. Weil ich nervös war, Vorfreude hatte, beobachten durfte, was mit mir während des Dates passierte, was ich fühlte. Und genau das ist doch das schöne am Dating: Neue Erfahrungen zu machen und sich lebendig zu fühlen. Und im besten Fall schöne Erinnerungen zu sammeln. Wie diesen schönen Tag am See mit M.
Eure Clara