Clara, gekorbt

Am Dienstagabend erreicht mich eine Nachricht von M.:

Es war viel los die letzten Tage und daher hat es ja wie angekündigt ein wenig gedauert mit der Antwort… Die paar Tage waren auch gut für mich, denn ich wollte das Gefühl noch ein bisschen beobachten, das sich im Anschluss an unser Treffen inzwischen gefestigt hat: Ich bin irgendwie nicht hooked. Ich fand unser Date sehr schön und danke dir dafür, aber mag nicht weiter gehen. Ich hab das sichere Gefühl, dass es auf einer tieferen Ebene für mich nicht matcht. […] Keine Ahnung, wie man sowas macht. Ich danke dir auf jeden Fall für die schöne Begegnung und deine Zeit und wünsch dir das Allerbeste!

Ich war davon sehr überrascht. Wie in meinem letzten Blogartikel beschrieben, war das Date mit M. für mich wahnsinnig schön gewesen und ich hatte mir wirklich gewünscht, sie wiederzusehen. Ich war daher total enttäuscht und traurig, als diese Nachricht kam. Und ich fing an, in Katastrophen zu denken. Die Sache größer zu machen, als sie war.

Heute, ein paar Tage später, weiß ich, wie fies meine Gedanken in dem Moment waren und wie ich die Wahrheit verzerrt habe. Aber in dem Moment, fühlte ich mich richtig elendig und auch ein bisschen verzweifelt. Dieser Korb riss direkt wieder ein Loch in die offene Wunde der Verletzung durch die Trennung von L.

Ich nahm daher mein Notizbuch mit zum Frühstück und schrieb einen kleinen Brain Dump, um ein paar dieser Gedanken und Gefühle zu verarbeiten:

25.06.25 – Brain Dump

Ich frage mich, ob ich vielleicht noch nicht bereit fürs Dating bin und das erst mal sein lassen sollte. Dass sie mir einen Korb gegeben hat bzw. mir mitgeteilt hat, dass sie unser Date anscheinend ganz anders wahrgenommen hat als ich, hat mich direkt in Katastrophenszenarien denken lassen: Was, wenn ich nie wieder so eine Liebe finde, die so stark ist wie die, die ich für L. gespürt habe? Was, wenn ich nicht mehr glücklich werde? Was, wenn ich nie jemanden finde, bei dem das Gefühl stimmt und bei dem ich mich gleichzeitig geborgen fühle und wir uns auf Augenhöhe begegnen können? Was, wenn es mir niemals besser geht?

Ich fühle mich gerade ziemlich hoffnungslos und weiß ehrlich gesagt nicht, was ich gerade brauche.

Nach dem Schreiben hatte ich mich zumindest so weit beruhigt, dass ich mir die Frage stellen konnte: Was, liebe Clara, brauchst du jetzt, damit es dir besser geht?

Die Antwort war einfach: Freundinnen*.

Diesen Blog habe ich 2016 gestartet, weil ich damals keine Freundinnen* hatte, denen ich von meinen nicht-monogamen Erlebnissen und Entdeckungen erzählen konnte. Daher auch der Name „private discovery“. Heute ist das anders. Ich habe ganz tolle, großartige, intelligente, empathische Freundinnen*, die immer ein offenes Ohr für mich haben, für mich da sind, und im Gegenteil sogar wissen wollen, was bei mir los ist.

Nichtsdestotrotz kostet es mich auch heute noch Mut, ihnen davon zu erzählen, wenn es mir nicht gut geht. Ich wurde als Teenager mehrfach ausgegrenzt und habe Freundinnen* verloren. Das hat Narben hinterlassen, an denen ich bis heute nage. Ich habe auch heute noch Angst, dass meine Freundinnen* sich irgendwann umdrehen könnten und mich fallen lassen könnten, wenn ich zu oft schlecht gelaunt bin, zu „anstrengend“ bin, zu viel brauche, zu negativ gestimmt bin. Ich trage immer den Druck mit mir rum, möglichst liebenswert zu sein, positive Stimmung zu verbreiten, mich „zusammenzureißen“. Weil mir beigebracht wurde, dass man durch dieses Verhalten gemocht wird.

Und gleichzeitig wünsche ich mir nichts sehnlicher als Freundschaften, ihnen denen alles Platz hat: Das Positive und das Negative. In denen wir uns gegenseitig unterstützen, an unseren Leben teilhaben lassen, die schönen Momente miteinander feiern und uns in den negativen umarmen mit mitweinen.

Ich will für meine Freundinnen* genauso da sein, wie ich mir das in diesem Moment von ihnen gewünscht habe.

Nichtsdestotrotz kostete es mich Mut, mich bei ein paar Freundinnen* zu melden und ihnen davon zu erzählen, dass ich gerade niedergeschlagen und traurig war. Die Hoffnung, empathische und heilsame Reaktionen zu erhalten, war zum Glück größer als meine Angst, ausgestoßen zu werden.

Und meine Hoffnung hatte Recht.

Meine Freundin A. versuchte sofort, als sie meine Nachricht las, mich anzurufen.

Meine Freundesperson A. schrieb mir: „Autsch… 😦 Ich kann mir vorstellen, dass das noch mehr weh tut, wenn man gleichzeitig noch eine Trennung verarbeitet. […]“

Meine Freundin E. schrieb mir: „Oh Herz ❤ das klingt nach blöden Gedankenkreiseln. […] Ich finde das auch voll schwer so nach einem Date – da bräuchte man doch einfach noch ein bisschen mehr Zeit sich kennenzulernen. Und sie hatte doch auch gesagt, sie würde dich gerne wieder sehen oder? Ich glaube, wenn man so starke Gefühle für jemanden hatte, und dann so verletzt wurde, dauert es einfach alles ein bisschen. Ich bin sicher, dass man sich mehrmals im Leben sehr verlieben kann. Und ich kann aus meiner „was wenn es mir niemals besser geht“-Zeit sagen, dass es wieder besser und wieder schöner wird. Kopf hoch! Und Geduld mit dir und deinen Gefühlen!“

Und auch meiner Freundin S. schrieb ich, mit der ich dann ein bisschen in Kontakt blieb:

[25.6., 08:36] Clara:
Frage mich gerade, ob ich das mit dem Dating nicht doch erst mal eine Weile sein lasse, weil ich merke, dass ich gerade sofort in Katastrophenszenarien denke a la „ich werde nie wieder so eine starke Liebe zu jemandem empfinden wie für L.“, „ich werde nicht nochmal jemanden kennenlernen, mit dem ich in so einen Flow kommen kann“. Und ich merke auch, dass ich Versuche, Dinge zu ersetzen, die mir fehlen. Und dass die Leichtigkeit beim Dating fehlt. Und dass ich mit Zurückweisungen gerade echt nicht gut umgehen kann und die mich viel trauriger machen, als sie es sollten.

[25.6., 08:38] S.:
Ich hatte auch eben gedacht dass Du Dir vielleicht noch Zeit zum Verdauen dieser (sorry) L.-Shitshow geben kannst. Das hat Dich ja schon ganz schön in den festen erschüttert. Das Thema war spannenderweise gestern Thema in der Gruppentherapie.

[25.6., 08:39] S.:
Ist natürlich auch schade wenn jemand nach einem (Deinem Blog nach sehr schönen) Date nicht noch ein zweites möchte um mehr über die andere Person zu erfahren. Manchmal braucht es ja etwas Zeit.

[25.6., 08:39] S.:
Ich kann auf jeden Fall gut verstehen wie Du Dich gerade fühlst. Das ist echt hart. 😦

[…]

[25.6., 09:17] S.:
So dieses krasse „Ich werde nie wieder jemanden so lieben“ kenne ich ja auch noch von der E.-Scheiße. Die Gefühle waren aber höchstwahrscheinlich unter anderem (!) so stark weil diese „Beziehung“ nie sicher und auch von viel Arbeit meinerseits geprägt war. Vielleicht spielt das bei Dir auch ein bisschen mit rein? Natürlich viel abgeschwächter weil andere Situation, aber dieses ständige Hirnen und Coachen und Entgegenkommen könnte ja auch bindend wirken und die Gefühle intensivieren? Nur ein Gedanke.

[25.6., 09:17] S.:

Umso schlimmer halt wenn man dann fallengelassen wird und man dann mit diesem dicken Strang in der Hand da steht, den man monatelang gestrickt hat für die Beziehung.

Insbesondere der Inhalt der letzten zwei Nachrichten ging mir die letzten Tage immer wieder durch den Kopf.

Ich glaube, mein größter Fehler in der Beziehung mit L. war, dass ich diese Beziehung größtenteils alleine getragen habe. Dadurch ist über ein Jahr lang nicht sichtbar geworden, welche Mankos bei ihm bestehen und dass er für die Art von Beziehung, die ich mir wünsche, gar nicht in fähig ist. Ich war so verliebt und so im „Beziehungshamsterrad“, dass mir währenddessen gar nicht bewusst war, dass ich ständig seinen Mangel an Kommunikationskompetenz, Konfliktkompetenz, Reife, Klarheit über sich und seine Wünsche, emotionale Reife, Beziehungserfahrung, Feminismus, Konsensverständnis, Rücksichtnahme ausgeglichen habe.

Mein Commitment für die Beziehung war tausenfach größer als seines.

Ich war so investiert in die Beziehung, weil ich so viel investiert habe. Ich habe investiert, weil ich investiert war.

Und all das hat sicherlich dazu geführt, dass ich so intensiv geliebt und gefühlt habe.

Nur er halt nicht. Er fand mich toll, die Beziehung war für ihn bequem, er musste ja auch so gut wie nichts dafür tun. Doch in dem Moment, wo er dann gefordert war, ist alles auseinandergefallen, weil die Beziehung auf keinem gesunden Fundament stand. Weil nur ich sie getragen habe, obwohl sie von allen beteiligten getragen werden müsste.

Ich glaube heute, dass er gar nicht dazu in der Lage war, sich mir gegenüber irgendwie besser zu verhalten. Ich glaube, dass er am Ende während der Pause und auch danach so maßlos überfordert mit allem war, dass er nicht mal mehr im Ansatz in der Lage war, noch auf mich zu achten. Er war so überfordert, dass er gar nicht anders konnte, als zu flüchten.

Das entschuldigt sein Verhalten überhaupt nicht. Aber es fühlt sich für mich gut an, sein Verhalten etwas besser zu verstehen.

Nach so einer Trennung sitzt man nämlich erst mal da, ist total verletzt und versteht die Welt nicht mehr. Wie kann so ein Mensch, der mich geliebt hat, mich jetzt plötzlich nicht mehr lieben oder sich dazu entschließen, dass ich ihm nicht mehr wichtig bin? Nichts ergibt mehr einen Sinn.

Ein großer Teil der Trennungsverarbeitung ist daher, eine neue Narrative zu erfinden, die Sinn ergibt. Und das ist die letzten Wochen passiert. Immer wieder sind da neue Puzzleteile an die richtige Stelle gefallen, sodass nach und nach ein sinniges Bild entsteht.

Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, das Jahr 2025 dazu zu nutzen, wieder auf die Beine zu kommen. Damals vor allem, weil die Krankheit im letzten Jahr mich in eine riesige Sinnkrise geworfen hat, insbesondere in Bezug auf meinen Job und meine berufliche Zukunft.

Dieses Ziel hatte ich in den letzten Monaten schon wieder aus den Augen verloren. Unter anderem, weil ich leider echt ungeduldig mit mir sein kann. Doch diese Woche fiel mir das wieder ein und ich dachte mir: „Ja, ich sollte dieses Jahr wirklich für MICH nutzen. Jetzt, nach der Trennung, erst recht!“

Eure Clara

P.S.: Ich überlege schon eine Weile, ob ich diesem Blog einen neuen Namen geben soll. Denn aus der Phase, in der ich die nicht-monogame Welt kennengelernt habe, bin ich lange raus. Heute kenne ich sie sehr gut und weiß, welche der vielen Beziehungsoptionen zu mir passen und was nicht. Wie oben beschrieben habe ich darüber hinaus viele Freundinnen*, mit denen ich über meine Beziehungen, Dates und Co rede.

Darüber hinaus kam mir und meiner Freundin P. gestern Abend beim Gespräch auf ihrer Terrasse die Idee, den Blog durch einen Podcast zu ergänzen. Im Podcast würde ich mit den besagten Freundinnen* ins Gespräch zu unseren Beziehungen gehen, ein bisschen, als könntet ihr unseren ganz normalen Gesprächen lauschen.

Lasst euch also überraschen. Mein Hirn rattert, die Ideen fliegen durch den Raum. Mal schauen, was daraus wird 🙂

P.P.S.: Danke an A., As., S., E., P., und auch G. – ihr seid Gold wert.

Photo by Hassan OUAJBIR on Pexels.com

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Schade, dass M. das Date nicht auch als so schön empfunden hat wie du.
    Ich denke auch, dass das während der Verarbeitung einer anderen, nicht gerade leichten Trennung, nochmal mehr trifft.

    Ich würde in euren Podcast auf jeden Fall reinhören! 🙂

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