Therapiesitzung

Heute Morgen bin ich vom Gewitter aufgewacht. Der Regen prasselte so stark gegen die Lamellen der Fensterläden, dass es ins Zimmer spritzte. Kurz drauf leuchtete die Welt hell auf. Der Donner, der danach über unser Haus rollte, ließ mein Bett so sehr vibrieren, dass ich Angst bekam, unser Haus würde umfallen.

Ich schloss die Fenster und legte mich nochmal für eine Zeit lang zurück in mein Bett.

G. und ich sind gestern Abend nach Mallorca geflogen. Wir werden 2,5 Wochen hier auf der Finca verbringen. Während der Zeit werde ich zum Teil etwas arbeiten, aber habe auch Urlaub genommen. Den brauche ich jetzt auch, denn die letzten zwei Monate waren echt anstrengend für mich. Neben der Trennung von L., die ihr ja alle mitgelesen habt, habe ich eine Psychotherapie gestartet und auch in meinem Job war es eher zu viel als zu wenig. Ich brauche eine Verschnaufpause.

Als ich meinen letzten Blogartikel schrieb, blickte ich noch mit gemischten Gefühlen auf diesen Mallorca-Urlaub. Mein Gefühl damals war, dass ich eher nicht noch mehr G. brauchte, sondern gerade eher mehr Abstand.

Letzten Samstag gingen wir dann zur Paartherapie. Die Therapeutin begann die Sitzung mit der Frage, was sich seit dem letzten Mal verändert hätte und ob wir neue Themen mitgebracht hätten.

G.s Antwort war, dass sich gar nicht verändert hätte und seine Ziele für die Therapie die gleichen geblieben sind. Meine Antwort war anders.

Durch die Paartherapie habe ich, wie in meinem letzten Blogartikel beschrieben, plötzlich Abstand zu unserer Beziehung gewinnen können, weil ich mich nicht mehr dafür verantwortlich fühle, den Prozess zu gestalten. All die Dinge, über die ich in meinem letzten Blogartikel geschrieben habe, erzählte ich dort auch: Dass ich mich frage, ob die Beziehung mit G. eine Zukunft hat. Dass mir ein Bild aussieht, wie diese aussehen soll. Dass ich nicht mehr seine Mutter sein will und will, dass er endlich lernt, sich um sich selbst zu kümmern. Dass ich den Druck nicht will, ständig seine Abhängigkeit von mir zu spüren.

Und ich erzählte auch, dass ich die Trennung von L. ein Stück jede Woche etwas besser verarbeitet habe. Da hakte die Therapeutin ein und fragte mich, welche Version von mir selbst ich seit der Trennung von L. vermisse. Eine interessante Frage, finde ich. Und gar nicht so leicht zu beantworten.

Nach etwas Nachdenken antwortete ich: „A free version of myself. One that’s sexual and that loves being held. I miss that I had a great conversation partner in him and that there was always the room to be in the moment and hug, cuddle, or even have sex.”

Sie fragte dann G., was er verstanden hatte, was mir aktuell in unserer Beziehung fehlt. Er hatte vor allem gehört, dass mir ein Gesprächspartner fehlt. Doch die Therapeutin übersetzte alles, was ich gesagt hatte, anders. Sie fasste zusammen: „Clara wants to be held.“

Ehrlich gesagt zog sich mein Bauch zusammen, als sie das sagte. Nicht, weil die Aussage nicht stimmte, sondern weil ich durch die Erziehung meiner Eltern den Glaubenssatz verinnerlicht habe, dass ich immer selbst mit allem klarkommen sollte. Dieser Glaubenssatz, diese Grundannahme steht mir schon mein ganzes Leben immer wieder im Weg. Bei Freundschaften, im Job, in der Partnerschaft.

Das jetzt so aus ihrem Mund zu hören, fühlte sich daher komplett falsch an. Aber es stimmte. Ich wünsche mir tatsächlich, wieder mit jemandem zusammen zu sein, bei dem ich einfach sein darf. Ich will nicht selbst das Kind in der Beziehung sein, aber ich will das Gefühl haben, nicht immer alles unter Kontrolle haben zu müssen.

Und das habe ich seit 5 Jahren, seitdem das mit den Depressionen bei G. begann.

Die Therapeutin bat uns, uns im Raum mal so aufzustellen, wie wir unsere Beziehung gerade sehen. G. war mit der Aufgabe überfordert, aber mir war schnell klar, wie ich uns aufstellen würde: Ich stellte ihn in die Mitte des Raums und mich mit etwas Abstand auf einen Stuhl.

Da oben auf diesem Stuhl zu stehen, löste viel in mir aus. Ich hatte mich da oben hingestellt, weil ich immer das Gefühl habe, den Überblick nicht verlieren zu dürfen, die Kontrolle nicht verlieren zu dürfen. Aber ich will da gar nicht stehen. Ich wollte stattdessen unten bei G. stehen und wollte, dass wir uns in die Arme nehmen. Das taten wir dann auch und heulten ein bisschen. Wir umarmten uns richtig lange. Ich weiß nicht, wann wir das zuletzt getan hatten. So kurze Hallo- und Tschüss-Umarmungen gibt es regelmäßig, aber so richtig umarmen? Wir wussten es beide nicht.

Diese Aufstellung hat spürbar gemacht, welchen Unterschied es macht, ob ich in dieser „Kümmerrolle“ bin, oder ob ich diese Rolle verlasse und einfach Clara bin. Wir können als Paar nur dann unsere Leichtigkeit, das Zusammen das Leben Genießen, das Gemeinsam im Flow Sein wiederfinden, wenn wir Rollen, die uns nicht dienlich sind, ablegen. Deswegen ist der Auftrag für uns beide für die nächsten Wochen, dieses Muster zu durchbrechen und uns regelmäßig zu umarmen.

Einerseits mache ich mir Sorgen, ob es G. bald schlechter gehen könnte, wenn ich mich nicht mehr ständig kümmere. G. übrigens auch. Aber wir wollen es gerne versuchen. Die Therapeutin ergänzte hierzu noch, dass G. so vielleicht auch die Chance bekommt, sich zu entwickeln, und dass mein ständiges Bemuttern auch seine Entwicklung, sein Wachstum, ausbremsen könnte. Deswegen spüre ich gerade auch wieder etwas Hoffnung, was sich schön anfühlt.

Die Therapiestunde war heftig. Ich habe währenddessen mehr oder weniger durchgeheult, weil mir das echt nah ging. Aber dank der Anleitung der Therapeutin haben wir es irgendwie in einen neuen Raum des freudigen Experimentierens und Was Neues Ausprobierens geschafft. Ohne die Therapeutin hätten wir das glaube ich nicht geschafft, weil ich meine Hoffnung schon aufgegeben hatte und mich um die Moderation solcher Prozesse nicht mehr kümmern will.

In den Tagen seit der Therapiesitzung habe ich schon bemerkt, dass es kein Leichtes wird, diese Muster zu durchbrechen. Ich habe mich einige male dabei ertappt, wie ich doch wieder bei G. nachgefragt habe, ob er denn auch genügend Pausen macht oder und mich einmischen wollte. Es hilft mir, dann laut auszusprechen, welche lang erlernte Dynamik da zwischen uns passiert. Sobald es ausgesprochen ist, fällt es uns beiden leichter, dann ein anderes Verhalten zu wählen. Der Rest ist glaube ich echt Übungssache. Also üben wir, probieren wir, und schauen, wie sich die nächsten Wochen anfühlen.

Was sich G. anscheinend sehr zu Herzen genommen hat, obwohl wir in der Therapie gar nicht so lange darüber geredet haben, ist, dass er als Gesprächspartner präsenter sein will. Ich merke, dass er seit letztem Samstag nicht mehr nur nachfragt, wie mein Tag war, sondern es dann auch wirklich wissen will. Dass er dann im Gespräch dazu bleibt. Dass er Nachfragen stellt. Dass er eigene Gedanken teilt.

Leider war ich die letzten Tage zu diesen Gesprächen noch nicht bereit. Ich war schon die ganze Woche so gestresst, dass ich kaum noch geschlafen habe. Und ich habe auch bemerkt, dass gerade dann, wenn ich insgesamt etwas überfordert bin, gestresst bin, müde bin, mich das Reden auf Englisch unheimlich anstrengt. G. und ich sprechen ja schon seit dem ersten Date auf Englisch miteinander – und erst durch die Beziehung mit L. habe ich bemerkt, was das nochmal für einen Unterschied macht, wenn man mit seinem Gegenüber in der Muttersprache kommunizieren kann. Eine Lösung hierfür habe ich noch nicht, aber ich habe es mir für die nächste Therapiesitzung aufgeschrieben, das auch mal ins Gespräch zu bringen.

Clara

P.S.: Ich find’s voll schön, dass gerade einige stille Leser*innen angefangen haben, Kommentare zu schreiben. Gerne mehr davon! So ein Blog ist erst mal ein Monolog. Natürlich reagieren meine Freund*innen auf die Artikel, aber auch von euch Leser*innen etwas zu hören, finde ich voll schön. Egal, ob das eure Gedanken, das Teilen eurer Erfahrungen, oder Feedback sind. Schön, dass ihr mitlest!

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Ich könnnte mir vorstellen, dass ein Urlaub hilfreich für das Durchbrechen von Mustern ist. Schon durch das Wegsein vom Alltag/Alltagsstress.

    Ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit mit einer guten Entwicklung!

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