Gesunder Egoismus

An einem unserer letzten Tage im Urlaub hatten wir ein Abendessen in meinem Lieblingsrestaurant geplant. Wir saßen gerade im Auto dorthin, als G. mich fragte: „Should we still do the homework the couple’s therapist gave us?“ Die Hausaufgabe, die die Therapeutin uns gegeben hatte war eine Übung zum gemeinsamen sinnlichen empfinden. Wir sollten uns in einer komfortablen Position 15-20min umarmen – am besten nackt, doch sie hatte uns überlassen, ob wir dabei Kleidung tragen wollten – und dann auf alles zu achten, was man wahrnimmt, wenn das Nervensystem sich komplett beruhigt hat.

Seine Frage gab mir den Anlass, den Mut zu schöpfen, endlich ehrlich von meinen ganzen Gedanken zu erzählen: Dass ich aktuell eher Abstand als mehr Nähe brauche, weil ich mir selbst so viele Fragen stelle, die ich für mich beantworten muss. Dass ich mir wünsche, eine Zeitlang auch daheim unabhängiger zu sein. Dass ich das Gefühl habe, dass die Paartherapie gerade in die falsche Richtung geht und ich Zeit brauche, mich mit mir und meinen inneren Prozessen auseinanderzusetzen.

Ich bin im Nachhinein stolz darauf, dass ich es geschafft habe, das alles auszusprechen. Das fiel mir überhaupt nicht leicht.

Ein großes Problem für mich ist, dass es mir aus irgendeinem Grund total schwer fällt, Entscheidungen zu treffen, bei denen ich weiß, dass die negative Auswirkungen für G. haben werden. Zum Beispiel, mehr Abstand zu fordern, wenn G. sich das gegenteilige wünscht. Ich dachte bisher von mir, dass ich sehr unabhängig bin und es mir gar nicht schwer fällt, meinen eigenen Weg zu gehen. Doch anscheinend ist das in Beziehungen anders. Da habe ich im letzten Jahr immer wieder beobachtet, wie ich meine Bedürfnisse hinten an gestellt habe. Bis zu einem gewissen Grad braucht es das ja in Beziehungen auch hin und wieder – aber es sollte halt nicht aufopfernd sein und mir selbst schaden.

G. gegenüber auszusprechen, dass ich gerade weniger Zeit mit ihm verbringen will, auch daheim eher als Mitbewohner*innen leben will, meinen eigenen Rhythmus wählen will, weniger Rücksicht nehmen will – das hat mich wahnsinnig viel Mut gekostet.

Was da glaube ich ganz tief in mir schlummert und mich beeinflusst ist der Glaubenssatz: „Du bist ein schlechter Mensch, wenn du egoistisch handelst.“

Natürlich will ich jemand sein, der Rücksicht nimmt, der auf sein Umfeld acht gibt, der nicht unnötiges Leid verteilt. Doch aus gutem Grund gibt es im Flugzeug die Regel, dass man erst sich selbst die Maske aufsetzen soll, bevor man anderen hilft. Diese Art von Egoismus brauche ich jetzt – gesunden Egoismus. Erst für mich sorgen und von G. erwarten, dass er selbst klarkommt. Um dann irgendwann mit mehr Klarheit wieder ins Gespräch mit ihm zu gehen.

Ich erlaube mir, für mich zu sorgen.

Ich habe G. während des Gesprächs auch erzählt, wie unzufrieden ich mit der letzten Paartherapiesitzung bin. Ich habe ihn gefragt, ob er es für sinniger hält, die nächste Sitzung abzusagen, oder sie stattfinden zu lassen, aber transparent zu machen, dass ich mir Unterstützung bei der Suche nach Antworten auf meine Fragen wünsche. Natürlich hatte er dazu keine Meinung.

Ich dachte noch ein paar Tage darüber nach und schrieb dann der Therapeutin eine E-Mail. Ich sagte den nächsten Termin ab und erklärte ihr, dass ich aktuell erst meine Fragen klären möchte, bevor wir die Therapie gemeinsam fortsetzen.

Ich hatte kurz überlegt, ob ich mich mit ihr alleine treffen möchte. Doch da ich gleichzeitig in meiner Psychotherapie gerade mit vielen Themen vorankomme und es sich für mich gerade so anfühlt, als bräuchte ich einfach etwas Zeit für mich, möchte ich glaube ich gerade nicht noch mehr Therapie in meinem Leben. Zusätzlich werde ich im August für ein langes Wochenende, im September für eine ganze Woche, und dann ab Ende September für fast 6 Wochen unterwegs sein – viel davon alleine. Unter anderem werde ich eine komplette Woche alleine auf Mallorca sein und 3 Wochen alleine auf Reha.

Mein Gefühl ist, dass meine inneren Prozesse gerade einfach ihre Zeit brauchen. Und dass ich nur für genug Ruhe sorgen muss, damit die sich von ganz alleine lösen. Aus dem ersten Krisenmodus bin ich raus (Krebs, Trennung). Jetzt gilt es zu akzeptieren, dass es halt dauert, bis man sich davon wieder erholt.

Nebenbei habe ich vor einigen Wochen über okcupid eine Frau kennengelernt, mit der ich morgen endlich auf ein erstes Date gehen werde. Gefühlt haben wir in unserer bisherigen Kommunikation einige Schritte übersprungen und sind gleich so krass in tiefe und vulnerable Gespräche eingestiegen, dass ich ein bisschen die Sorge habe, dass wir uns damit auch ein bisschen die Leichtigkeit nehmen. Natürlich will ich sie kennenlernen mit all ihren Facetten – doch erste Dates brauchen meiner Meinung nach auch die Leichtigkeit, um miteinander flirty zu werden und rumzualbern. Ich finde dieser Teil des Kennenlernens ist genauso wichtig.

Über L. scheine ich inzwischen echt hinweg zu sein. Am Dienstag war ich auf einer Veranstaltung bei einem Unternehmen, das ein potenzieller Arbeitgeber für L. sein könnte. Ich schrieb ihm das kurz und seine Antwort löste so wenig in mir aus, dass ich sie erst mal vergas und erst einen Tag später antwortete. Und seitdem auch wieder gar nicht schreibe.

Heute fühle ich mich bezüglich L. so: Ich bin so unglaublich dankbar, dass er letztes Jahr in meinem Leben war, denn die Liebe zwischen uns hat mich durch die schlimmsten Phasen meiner Krankheit getragen. Damals hat er mich wahnsinnig gut getan. Heute ist es richtig, dass wir nicht mehr zusammen sind, denn ich glaube nicht, dass er ein guter Partner für mich sein kann.

Ich habe in den letzten Wochen alte Blogartikel nochmal durchgelesen und mir sind beim Lesen erschreckend viele Red Flags aufgefallen, die ich damals gekonnt ignoriert habe. Oder in Optimismus ertränkt habe. Die Red Flags sind aber real und jetzt sehe ich sie ganz deutlich. Und deswegen fühlt es sich jetzt okay an, dass diese Beziehung endete. Es ist besser so für mich.

Eine Sache, die mir aus den Unterhaltungen mit L. immer wieder durch den Kopf ging, war, dass er damals viele meiner Forderungen dargestellt hat, als wäre das nur mein Ding und man könnte Beziehungen auch ganz anders führen. Zum Beispiel, dass man vor einem Date ins Gespräch mit der Partner*in geht und abfragt, wie es ihr*ihm geht und darüber spricht, wie aufeinander Rücksicht genommen werden kann und dafür gesorgt werden kann, dass sich alle geliebt und sicher fühlen. Oder, dass man in Beziehungen immer einen Konsens herstellen sollte zu allen Entscheidungen, die die Beiziehung betreffen.

Heute verstehe ich, dass das Gaslighting war. Denn diese Dinge waren nicht nur Forderungen, die mir gut tun. Sondern es sind Voraussetzungen für Beziehungen, die sich sicher anfühlen. Nicht nur mit Clara, sondern generell.

Es gibt hunderte, tausende verschiedene Arten, Beziehungen zu leben. Doch es tut den Menschen in Beziehungen IMMER gut, wenn in den Beziehungen Konzepte wie Konsens, Rücksichtnahme, Fairness und echtes Verständnis füreinander gelebt werden.

L. hatte das vor Monaten auch mal verstanden, denn er sagte damals immer wieder, dass er vieles aus der Beziehung zwischen mir und G. bewundert – vor allem, wie wir aufeinander achten, miteinander kommunizieren, immer wieder Regeln aushandeln und Erwartungen klären. Doch am Ende löste das in ihm so eine große Überforderung aus, dass er, anstatt ehrlich mit sich selbst zu sein und den Fehler bei sich zu suchen, lieber mich und meine Überzeugungen klein geredet hat. Er hat sich lieber der Verantwortung entzogen, weil das leichter und weniger schmerzhaft für ihn war.

Schade für ihn, würd ich sagen.

Bis bald,

eure Clara

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