L. hatte letzte Woche Geburtstag und ich hatte in den Wochen davor immer wieder überlegt, ob ich ihm zum Geburtstag gratulieren sollte. Eigentlich wusste ich sehr schnell, dass ich das nicht wollte. Man gratuliert Menschen zum Geburtstag, weil das eine kleine Investition in die Freundschaft/Bekanntschaft/Beziehung mit der Person ist. Doch wenn ich jemanden gar nicht mehr in meinem Leben haben will, wozu sollte ich dann gratulieren? Aus Anstand? Höflichkeitsetikette gilt doch auch nicht, wenn ich keine Verbindung mehr mit jemandem habe.
Wie so oft fiel mit die Entscheidung eher schwer, weil es mir einfach schwer fällt, nicht nett zu sein. Der Glaubenssatz, dass ich ein schlechter Mensch wäre, wenn ich egoistisch handle, sitzt super tief.
Ich gratulierte ihm nicht und holte mir an dem Tag Unterstützung von meinem Team: Ich schrieb ein paar Freund*innen, dass ich ihm nicht gratulieren würde. Auf mein Team war Verlass: Sie antworteten ausnahmslos, dass das gut und richtig so sei.
Ich sparte mir nebenbei auch jede Menge aufgewühlte Emotionen. Hätte ich ihm geschrieben hätte ich zumindest an dem Tag rumgeplagt mit Gedanken wie: Wird er mir antworten? Was wird er antworten? Wie sollte ich meine Nachricht am besten formulieren, damit sie zwar höflich ist, aber gleichzeitig so distanziert, wie ich mich fühle? Was, wenn er gar nicht antwortet? Was bedeutet seine Antwort? Was interpretiere ich da rein?
Ich hatte dann noch Angst, dass er sich irgendwann melden könnte, um sich zu beschweren. Aber das ist natürlich auch nicht passiert.
Vor ein paar Tagen traf ich mich abends mit einer guten Freundin in meiner Lieblingskneipe. Natürlich redeten wir wieder viel für Beziehungskrams, doch ein Gedanke, den ich mit ihr teilte, ging mir gestern noch weiter durch den Kopf.
Es ging um eine Erinnerung an Juni 2024, als ich L. fragte, was er eigentlich für mich sein will: Mein Partner, mein Freund, meine Affäre. Damals antwortete er, dass er mein Partner sein will. Ich glaube auch, dass er das damals ernst meinte. Doch gleichzeitig hat er gar nicht verstehen können, was ich damit meinte. Ihm war nicht klar, welches Level an Commitment und gegenseitiger Untersüttzung für mich mit einer Partnerschaft einhergehen. Was meine Erwartungen an einen Partner sind. Er hat die Frage gar nicht ehrlich beantworten können, weil er weder genügend Erfahrung mit Beizehungen hatte, noch die nötige Reife und innere Klarheit, um einschätzen zu können, was er eigentlich will.
Letztendlich hätte ich damals schon erkennen können, dass er zu einer echten Partnerschaft gar nicht in der Lage war. Und traurigerweise hatte ich das auch, siehe zum Beispiel diesen Artikel aus dem letzten Sommer: Freund oder Partner
Ich habe damals vor lauter Verknalltsein seine Mankos ignoriert und bin zu optimistisch mit ihm umgegangen. Ein Stück weit hat mich auch mein eigener Idealismus bzw. meine Wünsche für mein Leben davon abgehalten, genau hinzuschauen. Ich habe mir damals so sehr gewünscht, dass da eine feste Beziehung draus wird, dass ich nicht mehr kritisch geschaut habe, ob mein Gegenüber überhaupt der Richtige dafür ist.
Heute würde ich sagen, dass es besser gewesen wäre, L. auf das zu reduzieren, was er in der Lage war, zu geben: Liebe, tollen Sex, Spaß, gute Gespräche. Er wäre die perfekte Affäre gewesen. Dadurch, dass ich mehr wollte als er geben konnte, und er nicht in der Lage war, sich selbst zu hinterfragen und ehrlich rückzumelden, was er zu geben imstande ist, hat es nicht funktioniert.
Es ist eine große Kunst, genau hinzuschauen, wenn man jemanden kennenlernt. Es bedarf, dass man nicht aus einem Mangel heraus datet. Die Menschen für das zu wertschätzen, was sie geben können, und die Beziehungskonstrukte an den realen Voraussetzungen und Umständen zu orientieren, ist nicht einfach. Ich habe das bei L. nicht geschafft.
Ich glaube, dass es Menschen gibt, mit denen wir wundervolle Freundschaften, wundervolle Affären, wundervolle sexuelle Freundschaften, wundervolle Kurzzeitbeziehungen und wundervolle langfristige Partnerschaften pflegen können. Die große Herausforderung ist, ,niemanden in ein Konstrukt zu pressen, das gar nicht passt.
Das tut uns auch selbst nicht gut. Wenn wir in der Lage sind, von unseren Mitmenschen nur das zu nehmen, was sie auch wirklich geben können, geht es auch uns besser. Weil dann unsere Erwartungen an sie zu dem passen, was möglich ist. Weil wir dann dankbar für das sein können, was zwischen uns ist, anstatt unglücklich über all das zu sein, was wir von ihnen nicht bekommen.
In der Theorie klingt das total logisch, nicht wahr? In meiner Erfahrung ist das in der Praxis total schwer umsetzbar.
Es würde bedeuten, ohne Agenda und ohne klares Zielbild zu daten. Mit ganz viel Ergebnisoffenheit in Kennenlernphasen zu gehen. Und die eigenen Bedürfnisse zu kennen, ernst zu nehmen und zu kommunizieren.
Ich glaube, mein größtes Learning aus der Beziehung mit L. ist, genauer hinzuschauen, was meine Beziehungspersonen geben können. Deren Entwicklungsgrenzen ernst zu nehmen und Wege zu finden, Beziehungen an diesen zu orientieren und nicht an meinen Vorstellungen. Ohne dabei mich selbst und meine Wünsche und Bedürfnisse zu verlieren. Mal sehen, ob mir das in meinem Leben jemals gelingen wird.
Aktuell lerne ich eine Frau kennen. Aus den oben genannten Erfahrungen fühlt es sich gerade total gut an, dass wir das in aller Ruhe machen, uns Zeit lassen, und lieber kleine Schritte gehen. Das gibt mir aktuell die Sicherheit, die ich brauche. Denn nach der Erkrankung und der schlimmen Trennungserfahrung ist mein Sicherheitsbedürfnis viel größer geworden.
Das schöne ist, dass ihr das genauso geht. Deswegen fühlt sich die ganze bisherige Kommunikation mit ihr sehr einfach an. Es plätschert zwischen uns vor sich hin, ohne anzustrengen. Jeden Tag sind wir in Kontakt und lernen etwas neues übereinander. Und wenn Pausen entstehen, ist das kein Problem.
Ich fühle mich mit dem Tempo und mit ihr sehr wohl. Alles weitere wird sich zeigen.
Im Hinblick auf die Theorie, dass nicht jeder Mensch in jedes Beziehungskonstrukt passt, gibt dieses langsame Kennenlernen mich eventuell auch die Chance, genauer hinzuschauen. Und schon frühzeitig über diese Dinge zu reden und gemeinsam herauszufinden, was möglich ist und was auch nicht. Grenzen kennenzulernen. Rahmenbedingungen, die unveränderbar sind. Gefühle langsam entstehen zu lassen.
Klar ist, dass dann nicht dieses Hollywood-Film-Bäm und Leidenschaft und krasses Gefühlsfeuerwerk stattfindet. Doch so wundervoll sich genau dieses Feuerwerk währenddessen anfühlt, umso mehr verliert man währenddessen auch den Blick für das Wesentliche: Was tut mir langfristig gut?
Da leider meine Vulnerabilität heute höher ist als noch vor 2 Jahren, bin ich vorsichtiger geworden. Aus Selbstschutz will ich besser auf mich aufpassen. Meine Resilienz ist nicht mehr so groß wie vor 2 Jahren. Wenn ich heute falle, tut es stärker und länger weh als früher.
Das macht mich traurig. Aber es verhindert zum Glück nicht, das Leben zu genießen. Im Gegenteil. Vielleicht führt diese neu entdeckte Langsamkeit sogar dazu, dass ich neue Begegnungen sogar noch intensiver spüre und genießen kann. Weil ich mich gleichzeitig sicher fühle.
Clara
P.S.: Auch auf die Situation mit G. lässt sich das gut übertragen. Nach unserem Gespräch vor ein paar Wochen pflegen wir daheim mehr Abstand und legen einen besonderen Fokus auf mehr Autonomie. Es ist interessant, was das in den letzten Wochen mit uns gemacht hat:
- Ich habe schon nach kürzester Zeit von ganz alleine wieder Lust darauf gehabt, Zeit mit ihm zu verbringen. Anstatt standardmäßig jeden Tag Zeit miteinander zu verbringen, verabreden wir uns aktiv. Das fühlt sich selbstbestimmt an und ich freue mich dann auf die gemeinsame Zeit, weil ich mich aktiv dafür entschieden habe, anstatt dass es „eh klar“ war.
- Seitdem ich G. gesagt habe, dass ich nicht für sein Glück verantwortlich bin, ist mein Eindruck, dass er selbst wieder mehr Verantwortung für sich übernommen hat. Er hat sich um Treffen mit Freund*innen gekümmert, ist in Kontakt mit anderen, war auf einem Date, hatte Sex, geht ins Büro einfach um seine Kolleg*innen zu sehen. Er hat sich sogar entschieden, nach neuen Jobs zu suchen und diese Woche seinen Lebenslauf aktualisiert.
- Es tut mir total gut, zu sehen, dass es ihm gut geht. Es tut mir gut, weil ich lerne: Ich darf loslassen. Ich darf ihn für sich selbst sorgen lassen und mich auf mich konzentrieren. Damit fällt eine riesige Last von mir ab, die unserer Beziehung nicht gut getan hat.
- Obwohl ich vorher auch schon wusste, dass ich Zeit brauche, um zu heilen, fiel es mir nicht leicht, mit Geduld an unsere Beziehungsprobleme heranzutreten. Doch nach diesen paar Wochen, in denen trotz meines „Rückzugs“ nichts explodiert ist und G. in kein depressives Loch gefallen ist, fällt es mir leichter, mir zu erlauben, mir wirklich die Zeit zu geben, die ich brauche, um mich neu zu sortieren. In meiner Therapie voranzukommen. In aller Ruhe für mich zu sorgen. Und irgendwann in aller Ruhe darüber nachzudenken, was ich mir für die Zukunft von der Beziehung mit G. wünsche. Denn ich bin weit davon entfernt, auf diese Fragen klare Antworten zu haben. Bisher sind es nur sehr viele Bauchgefühle, die mich in Richtungen leiten. Aber eben nichts, was ich für mich so klar habe, dass ich in ein ordentliches Gespräch mit ihm gehen kann.
Insgesamt bin ich sehr dankbar dafür, dass G. einfach tausendmal reifer ist als L. Dass er es aushalten kann, dass sich die Dinge nicht sofort klären. Dass er nicht einfach aufgibt, wenn es schwierig wird. Dass er in Beziehung bleibt und die Nähe weiterhin zulässt, obwohl es da gerade ungeklärte Punkte gibt.
Ich sage nicht, dass das zwischen uns nicht auch trotzdem nochmal emotional und dramatisch werden könnte. Vor allem, falls ich am Ende für mich herausfinden sollte, dass ich unsere Beziehung mehr auf die Freundschaft und Liebe zwischen uns fokussieren möchte – und keine Lust mehr auf Sex mit ihm habe. Das würde ihn verletzen und traurig machen. Ich hoffe einfach, dass wir dann trotzdem in der Lage sind, wertschätzend und ehrlich miteinander umzugehen. Und, dass ich die passenden Worte finde.