In den letzten Tagen bin ich immer wieder kurz davor – oder spiele mit dem Gedanken – L. doch nochmal zu kontaktieren. Getan habe ich es bisher nicht, weil ich mich dann immer nochmal gefragt habe: Was will ich damit bezwecken? Warum will ich nochmal in Kontakt treten?
Die ehrlichen Antworten darauf bringen mir dann wieder zu Vernunft. Ich vermisse, wie ich mich während der Beziehung mit ihm gefühlt habe: Lebendig, begehrt, voller Gefühle. Ich vermisse den Sex und die Aufregung. Ich vermisse die Leidenschaft, das Kuscheln. Aktuell fehlt mir das alles sehr.
Dass meine ersten Dating-Versuche jetzt auch nicht sehr erfolgreich waren, befördert immer wieder den Gedanken hervor, ob ich nicht, wenn ich ihn nochmal kontaktieren würde, doch nochmal etwas mit ihm versuchen könnte. Was natürlich ein Trugschluss ist. Erstens weiß ich ja gar nicht, ob er überhaupt nochmal an mir Interesse hätte. Ich weiß nicht, wie die Sache zwischen uns aus seiner Sicht endete. Vielleicht findet er mich total blöd, weil aus seiner Sicht ich mich komplett falsch verhalten habe. Ich weiß es nicht.
Und dann erinnere ich mich natürlich daran, dass es viele wichtige Gründe gab, warum er auch heute charakterlich nicht unbedingt jemand wäre, mit dem ich nochmal eine Beziehung oder auch eine Affäre haben wollen würde. Ich glaube nicht, dass sich jemand innerhalb von einem halben Jahr so sehr verändern kann, dass er plötzlich tausendmal reifer geworden ist, plötzlich Rücksicht nimmt, plötzlich sich selbst hinterfragt und viel mehr reflektiert.
Mir hilft es, mir klar zu machen, dass ich mich nicht nach ihm sehne, sondern nach dem Gefühl, das ich damals hatte. Das finde ich gut nachvollziehbar, denn dieses Gefühl war wunderschön.
In solchen Momenten schwingt in mir die Angst mit, dass ich mich nicht nochmal so fühlen könnte. Dass ich nicht nochmal jemanden finde, in den ich mich so stark verliebe, mit dem ich so schönen Sex habe, mit dem ich mich so lebendig fühle. Dass das jetzt meine große Liebesgeschichte war und sich das nicht wiederholt.
Ich habe bisher noch keinen guten Weg gefunden, diese Angst im Schach zu halten. Ich habe noch keine hilfreichen Gedanken gefunden, die diese Angst ein bisschen kleiner machen. Was nämlich gar nicht hilft, ist mir einzureden, dass die Angst keinen Sinn ergibt. Mit rationalen Überlegungen komme ich da nicht weiter.
Für jemanden, der monogam lebt, müssen diese Gedanken von mir unnachvollziehbar sein. Wie kann es sein, dass ich quasi Angst davor habe, für immer „alleine“ zu bleiben, wenn ich doch verheiratet bin und mit meinem Mann zusammenwohne? Ich habe bisher über diese Angst mit keiner meiner Freund*innen geredet, weil ich Angst davor habe, auf genau so eine Reaktion zu stoßen. Ich habe Angst, dass mir jemand sagen könnte: „Was ist eigentlich dein Problem? Du hast doch schon jemand.“
Diese Angst vor Zurückweisung – nicht von potenziellen Sexualpartner*innen, sondern von Freund*innen – schränkt mich schon mein Leben lang ein. Wenn ich an meine Freund*innen denke, erwarte ich von keine*r einzigen eine solche Verständnislosigkeit. Ausnahmslos alle meine Freund*innen sind sehr empathisch, könnten also entweder nachvollziehen, wie ich mich fühle, oder würden Fragen stellen, bis sie es nachvollziehen können. Oder würden mir etwas sagen wie „Ich kann zwar nicht nachvollziehen, wie du dich fühlst, aber ich leide trotzdem mit dir mit und wünsche mir, dass du dich besser fühlst.“
Doch wie so oft, wenn man vor etwas Angst hat, kommt man da mit rationalen Überlegungen nur begrenzt weiter.
Dass ich Angst vor dem Alleinsein habe, obwohl ich in einer Partnerschaft bin, ergibt für mich total Sinn. Die letzten Wochen war ich viel alleine unterwegs und hatte endlich Zeit, meine Gedanken in Bezug auf die Beziehung mit G. zu sortieren. Was mir dabei klar geworden ist: G. und ich haben aufgehört, miteinander zu reden. Wir resonieren nicht mehr miteinander. Wir leben nebeneinander her und ich fühle mich mit ihm nicht mehr, als würden wir miteinander „schwingen“. Es fehlen die Momente, in denen wir uns voller Ehrlichkeit in unserer ganzen Menschlichkeit begegnen – mit unseren Gefühlen, Sorgen, Ängsten und Gedanken.
Für diese Entwicklung habe ich mehrere Erklärungsansätze: Erstens ist mir in der Psychotherapie klar geworden, dass ich während der Krebserkrankung die schmerzhafte Erfahrung gemacht habe, dass G. nicht so für mich da war, wie ich das gebraucht habe. Als ich einen Notarzt gebraucht habe, wusste er nicht, wie man den ruft. Obwohl ich verwirrt war, habe ich meinen Notarzt selbst gerufen. Als ich im Krankenhaus lag, habe ich wiederholt das Gefühl gehabt, ihn darum bitten müssen, mich zu besuchen, anstatt dass er von alleine kommt. Und auch in der Zeit davor und danach hatte ich in ihm keinen Partner, der mir das Gefühl gibt, einen Teil meiner Last mitzutragen und mich wirklich zu unterstützen.
Und das, obwohl er super viel getan und unternommen hat: Er hat den Großteil der Renovierungsarbeiten übernommen, als ich schon krank war. Er hat den Haushalt über Monate mehr oder weniger alleine übernommen, weil mir die Energie gefehlt hat. Er hat mich kurzfristig zu Arztterminen gefahren, wenn ich das gebraucht habe.
Es ist wirklich nicht so, als hätte er nichts getan. Und das sehe ich auch und weiß ich. Doch meine Verletzungen in der Zeit gab es trotzdem.
Und gleichzeitig gab es genau in dieser Zeit einen zweiten Mann, mit dem die Beziehung durch solche Erfahrungen nicht belastet wurden. L. war letztendlich auch alles andere als ein guter Partner. Aber er gab mir während der schlimmsten Krankheitsphase viel mehr das Gefühl, emotional verfügbar zu sein, für mich da zu sein, sich auf mich zu konzentrieren und einfach das zu tun, was mir ein gutes Gefühl gibt.
Sätze wie „Mir ist wichtig, dass du mir jederzeit erzählen kannst, wie es dir geht und was dir durch den Kopf geht.“ habe ich von L. gehört, aber nicht von G. Mit L. konnte ich darüber reden, dass ich Angst davor habe, zu sterben. G. hat auf solche Aussagen reagiert, indem er die Situation schöngeredet hat. „Das wird nicht passieren. Sag sowas nicht.“ Wahrscheinlich war bei ihm gar nicht die Kapazität da, solche Gespräch auszuhalten und mitzutragen. Doch das hat dazu geführt, dass ich mich immer weiter von ihm entfernt habe. Und stattdessen bei L. gefunden habe, was ich gebraucht habe.
Das ist G. gegenüber wahnsinnig unfair, denn im Vergleich hat L. viel weniger getan. Doch rein auf der Beziehungsebene war L. für mich mehr da als G. Und diese Verletzung kann ich nicht wegdiskutieren. Die ist da.
Die führt auch dazu, dass ich bis heute das Gefühl habe, in G. keinen guten Partner zu haben. Da ist niemand an meiner Seite, der im Zweifel weiß, was zu tun ist, wenn es mir plötzlich nicht gut gehen sollte. Und erst Recht ist da niemand an meiner Seite, der in Lage ist, mir ein gutes Gefühl zu geben. G. weiß nicht, was man sagt, wenn es jemandem richtig schlecht geht. G. fängt einen nicht auf. Weder mit Worten, noch mit guten Umarmungen.
Darüber hinaus fühle ich mich schon lange nicht mehr sexuell zu G. hingezogen. Ich habe kein Interesse mehr an Sex mit ihm. Ich vermisse den Sex auch nicht. Ich finde ihn gutaussehend, aber nicht anziehend. Und deswegen fühlen sich meine Gefühle für ihn auch immer mehr freundschaftlicher Natur an. Ich liebe G., aber verliebt bin ich schon lange nicht mehr.
Dass wir darüber hinaus auch kaum mehr wirklich gute Gespräche miteinander führen, macht es nicht besser. Wir kommen einfach nicht in in einen tiefen, spannenden, anregenden Dialog miteinander. Themen gäbe es mehr als genug. In meinem Leben passiert ständig etwas. Ich habe einen super interessanten Job, der niemals langweilig wird und wo ich ständig neue Impulse bekomme. Ich lerne ständig neues. Ich bin viel unterwegs, treffe mich mit allen möglichen Leuten. Ich bekomme daher ständig neue Einflüsse. Doch wenn ich G. davon erzähle – egal was – verebbt das Gespräch schnell. Ich habe das Gefühl, dass er seine Neugierde verloren hat. Da kommen von ihm keine Rückfragen, es entsteht kein Dialog. Gespräche laufen nur dann länger, wenn es Monologe von mir sind. Wenn wir also miteinander in Kontakt sind, kommen wir uns trotzdem nicht näher.
Ich merke daher, wie wenig ich mich heute auf gemeinsame Zeit mit G. freue. Ich hab im letzten Jahr für mich den Wunsch wiederentdeckt, wieder mehr Zeit alleine zu verbringen. Jetzt frage ich mich, ob ich wirklich Zeit alleine will, oder ob das eigentlich nur eine Ausrede ist, weil es schwieriger für mich ist, zu sagen: „G., ich will keine Zeit mit dir verbringen.“ Denn als es L. noch gab, war ich Feuer und Flamme für dich Idee, bald mit ihm in den Urlaub zu fahren. Vielleicht geht es also gar nicht um Zeit alleine, sondern mehr darum, dass ich Zeit mit G. nicht mehr genieße.
Wie auch? Wenn da keine interessanten Gespräche entstehen, wenn wir uns nichts mehr zu sagen haben, wir auch nicht mehr miteinander lachen? Wenn gemeinsame Zeit nur dann schön ist, wenn es eine Aktivität oder eine Unterhaltung gibt – also gemeinsame Ablenkung?
Wenn ich nächste Woche wieder heimkomme, will ich Zeiten mit G. einplanen, in denen wir endlich anfangen, über uns zu reden. All die Dinge, über die ich hier schreibe, muss ich endlich G. sagen. Ich muss radikal ehrlich sein, denn nur dann haben wir die Möglichkeit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Aktuell habe ich keine Vision davon, wie unsere Zukunft aussehen soll. Ob die Beziehung von uns noch zu „retten“ ist.
Aber ich finde auch nicht, dass ich die Lösungen alleine finden muss. Ich übernehme eh schon wieder den schwierigsten Schritt der Beziehungsarbeit, indem ich mir wieder mal Gedanken über den Prozess mache. Indem ich einplane, wann wir miteinander reden. Indem ich die Gespräche strukturiere. Indem ich wahrscheinlich auch während den Gesprächen wieder moderieren werde und ihn coachen werde. Ihm die richtigen Fragen stellen werde, weil er sich bestimmt nicht ansatzweise so viele Gedanken gemacht hat wie ich und daher dasitzen wird und keinerlei Antworten haben wird auf die wichtigen Fragen.
Ich wünschte, das wäre anders. Ich wünschte, ich hätte einen Partner, der weniger Begleitung braucht und stattdessen auch mich begleiten kann. Der mir mal eine Frage stellt, dich mich zum Nachdenken anregt. Aber das kann ich im Moment nicht ändern. Wichtig ist für mich daher im Moment, mit G. herauszufinden, ob wir eine gemeinsame Zukunftsvision finden, die realistisch ist und auf die wir uns beide freuen würden. Ob wir eine gemeinsame Zukunft sehen. Ob wir beide Lust haben, auf diese Vision hinzuarbeiten. Und wichtig ist mir, dass es uns beiden gut geht.
Und für mich wünsche ich mir, dass ich mich irgendwann nochmal so verlieben darf, wie ich mich in L. verliebt habe. Dass ich nochmal so begehrt werde. Dass ich mich nochmal so lebendig fühle.
Weil ich mir das so sehr wünsche, muss ich die Sache mit G. auch klären, weil ich aktuell ein schlechtes Gewissen habe, neue Leute kennenzulernen und zu daten, während die Beziehung mit G. so kalt und distanziert verläuft. Das ist nicht fair G. gegenüber.
Ich habe das Gefühl, dass das noch ein anstrengendes Ende des Jahres wird.
Clara
Lebendig fühlen. Das halte ich wirklich für ein wichtiges Kriterium einer Beziehung. Bei vielen Paaren fragt man sich wozu diese überhaupt existieren und ob gemeinsames Einkaufen und Bewohnen einer Örtlichkeit tatsächlich als Liebesbeziehung gelten. Ich bin ja selbst schon länger der Ansicht dass die klassische Zweier-Liebesbeziehung in ihrer Funktion mehr Wunsch als Realität ist und es durchaus vorstellbar sein könnte sich für verschiedene Bedürfnisse verschiedenen Partnern zu verbinden. Mit wachsendem Alter und Erfahrungen steigen ja auch die Ansprüche.
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