Triggerwarnung: In diesem Artikel beschreibe ich verschiedene Formen der patriarchalen, psychischen Gewalt.
Auf meine im letzten Blogartikel erwähnte Nachricht an L. bekam ich an Silvestern eine ausführliche Antwort. Und die hatte es sich in sich. Seitdem schlafe ich kaum noch, weil die Inhalte so verletzend sind, dass ich jetzt – neun Monate nach der Trennung – nochmal neue Themen verarbeiten muss.
Ich habe mich daher entschiedenen, L. einen Brief zu schreiben – hier im Blog. Einerseits, weil ich einen Weg brauche, all die unausgesprochenen Dinge loszuwerden. Und andererseits, weil ich im Sinne des Girl Codes den Artikel danach mit ihm teilen werde. In der Hoffnung, dass er ihn liest und ich so zumindest meine Kraft noch dafür aufwenden kann, dass er sowas nicht der nächsten Frau auch antut. Eine Garantie habe ich natürlich nicht, aber das ist das, was ich mit meinen Kräften machen kann – auch wenn ich dazu nicht verpflichtet bin. Denn verantwortlich für jede Form von Gewalt sind immer die Täter. Egal, ob es sich um psychische, sexualisierte oder physische Gewalt handelt.
Lieber L.,
deine Nachricht vom 31.12. hat bei mir massive Narben hinterlassen. Du hast mir in deiner Nachricht mitgeteilt, dass du nach dem Juni 2024, als ich völlig mit meinem Krebs und dem Burnout beschäftigt war und mich daher nicht mit meiner aufkommenden Eifersucht aufgrund deiner ersten Dates mit S. beschäftigen konnte und dich daher darum bat, eine Entscheidung zu treffen – für mich oder fürs Dating, und du dich für mich entschieden hattest, trotzdem weiterhin S. gedatet hast. Hinter meinem Rücken.
Du hast mich über Monate betrogen, deine Affaire mit S. verheimlich und mich aktiv angelogen. Ich habe dir vertraut und dachte die ganze Zeit, du wärst an und auf meiner Seite. Du hast mein Vertrauen ausgenutzt.
Und du hast mich ausgenutzt. Du hast dich den Regeln unserer Beziehung entzogen und komplett egoistisch gehandelt. Du hast dir genommen, was für dich schön war. Du hast meine Liebe genossen, unseren Sex, die vielen schönen Momente, die ich möglich gemacht habe. Du hast mich geliebt, weil ich dich inspiriert habe, weil ich deinen Horizont erweitert habe. Du hast davon profitiert, dass ich dir auch finanziell vieles möglich gemacht habe. Du hast mich weiterhin für Konzerte, Urlaube und Parties zahlen lassen.
Du hast in deiner Nachricht schon beschrieben, dass du dich dafür schämst und dass du dich wie ein Arschloch verhalten hast. Das ist richtig. Aber da fehlt meine Perspektive.
Ich habe schon im Frühjahr 2024, als du während meines Urlaubs im Senegal gegen meinen Konsens S. gedatet hast, versucht, dich über Konzepte wie Konsens und Grenzen aufzuklären. Diese neuen Nachrichten zeigen mir, dass du nie verstanden hast.
Du hast mir geschrieben, dass du ein falsches Bild von der Polyamorie hattest und dachtest, dass alle immer fähig sind, ihre Partner*innen andere Leute daten zu lassen. Doch im Prinzip ist es gar nicht so wichtig, ob man nicht-monogame Beziehungskonzepte bis ins Details verstanden hat – oder sogar monogam lebt. Es ist IMMER scheiße, die Partnerin anzulügen und gegen ihren Konsens zu handeln. Um das zu verstehen, braucht man keine Beziehungskonzepte verstanden haben. Man braucht dafür einfach nur Empathie und Respekt. Und genau die haben dir immer gefehlt.
Du hast mich zwar geliebt, aber du hast mich und meine Grenzen nie respektiert. Deswegen will ich ein letztes mal erklären, was Grenzen sind und warum man sie IMMER respektieren sollte. Die eigenen Grenzen ergeben sich aus dem, was für die eigene psychische und physische Unversehrtheit unabdingbar ist. Werden die eigenen Grenzen überschritten, leide ich darunter. Im Falle von physischer Gewalt, indem ich Verletzungen und Schmerzen erleide. Doch wenn meine psychischen Grenzen überschritten werden, sind übliche Folgen ein vermindertes Selbstwertgefühl, verlorenes Sicherheitsgefühl, Depression bis hin zur Suizidalität, Angst, PTBS, verlorenes Vertrauen (zum Täter, aber auch in zukünftigen Beziehungen), Körperlicher und psychischer Stress in Form von Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und Erschöpfung, Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen, und vieles mehr.
Indem du mich über Monate angelogen und betrogen hast, hast du dich nicht nur wie ein Arschloch verhalten, sondern hast mir patriarchaler, psychischer Gewalt zugefügt. Du hast meine Grenzen nicht respektiert, sondern bist sie einfach übergangen. Während du jetzt nur damit zu kämpfen hast, dass du ein schlechtes Gewissen hast (boohooo), hab ich mit den wahren Folgen zu kämpfen. Ich weiß nicht, ob ich mich nochmal mit einem guten Gefühl so verlieben könnte, wie ich mich in dich verliebt habe. Ich weiß auch nicht, ob ich nochmal einer anderen Person so vertrauen könnte, denn wenn du es fast 9 Monate lang geschafft hast, mich anzulügen, könnte das jeder andere auch hinbekommen. Ich weiß nicht, ob ich nochmal Nähe zu einer anderen Person so zulassen könnte.
Du hast mir mit deiner Gewalt die Leichtigkeit gestohlen.
Durch deine Gewalt habe ich verstanden, dass man Menschen lieben kann, ohne sie zu respektieren. Du hast mich nicht respektiert, sondern einfach ganz nach deinen eigenen Regeln gehandelt. Du hast es hinbekommen, mich zu lieben, aber nicht, mich mitsamt meiner Grenzen zu respektieren. Ich bin fassungslos, wie wenig du darüber nachgedacht hast, was ich brauche und was unsere Beziehung braucht. Ich bin fassungslos darüber, wie viel wichtiger du dir warst als ich und unsere Beziehung. Wie du es über Monate geschafft hast, mir ins Gesicht zu lügen und du und S. euch wahrscheinlich hinter meinem Rücken totgelacht habt über eure Spielchen.
Wie kann man so scheiße sein? Ich erkläre es dir, denn dafür gibt es Worte. Das nennt man Misogynie – Frauenhass. Auch wenn du dir darüber niemals bewusst warst, hat die patriarchale Sozialisation das tief in dein Verhalten gepresst. Würdest du mich (bzw. Frauen generell) genauso respektieren wie dich und andere Männer, hättest du niemals so gehandelt.
Die Liste der patriarchalen Gewalt, die du mir angetan hast, war auch vor dieser Nachricht schon lang. Ich nenne nur ein paar Stichworte: Emotionale Arbeit, Beziehungsarbeit, Care Arbeit, Kommunikation, Aufklärung zu Konzepten wie Konsens, Grenzen, Beziehungsregeln, Feminismus. All das habe hauptsächlich ich übernommen. Das war mir damals auch bewusst, aber ich dachte, ich arbeite auf eine langfristige Beziehung hin und gebe dir die Zeit, zu wachsen.
Mit dem Betrug setzt du noch eins oben drauf. Außer sexualisierter und physischer Gewalt ist damit die Liste der patriarchalen Gewalt komplett.
Ich wurde von dir kleingehalten. Du hast mich nicht auf Augenhöhe behandelt. Du hast unsere Regeln übergangen und mich nicht würdevoll behandelt. Du hast dich über mich gestellt – genau wie es sich im Patriarchat gehört.
Ich bin geschockt darüber, dass ich dich so falsch eingeschätzt habe. Ich dachte, dein Herz ist am richtigen Fleck. Aber dieses Verhalten ist so abgrundtief respektlos, dass es einfach nur weh tut.
Ich war immer ehrlich und fair zu dir. Ich hab mich immer transparent gemacht. Ich hab meine Grenzen offenbahrt. Und ich war gewillt, an mir zu arbeiten.
Und du? Du hast mich im Gegenzug einfach ausgenutzt. Über Monate! Das ist so eine Cis-Mann-Scheiße, sich einfach über jegliche Regeln hinwegsetzen und sein eigenes Ding machen. Es müssen ja nur die Frauen darunter leiden.
Ich müsste diesen Brief gar nicht schreiben. Aber ich weiß, dass du, wenn du meine Grenzen übergangen hast, das auch anderen Frauen antun wirst. Du wirst wieder Grenzen verhandeln wollen, weil du Grenzen nicht verstanden hast.
Du bist Täter misogyner Gewalt. Wenn du das nicht verstehst und dich endlich damit auseinandersetzt, endlich verstehst, was Grenzen sind und was Konsens ist und dass man Beziehung (egal ob monogam oder nicht) immer nur im Konsens führen kann, wirst du wieder Täter sein. Du wirst dich wieder schuldig machen.
In meinen Gedanken war ich mehrmals auch wütend auf dein Umfeld. Warum hat dir niemand mal gesagt, wie scheiße das ist, was du da treibst? Und wie kann jemand wie S. dabei zusehen und dich dennoch weiter daten? Wie unkritisch blickt sie auf das Ganze? Oder hast du sie auch die ganze Zeit angelogen und ihr ein geschöntes Bild vermittelt?
Aber letztendlich lenkt die Wut auf dein Umfeld davon ab, dass meine Wut ausschließlich dir gelten sollte.
Ich bin so unglaublich dankbar dafür, dass mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein und mein Selbstvertrauen so stark sind, dass ich nach dieser Gewalt nicht in Selbstzweifel verfalle. Und ich bin so dankbar, dass ich den Frauenhass und die unaushaltbare Gewalt des Patriarchats gegenüber FLINTA* so gut verstanden habe, dass ich sehe, dass das kein Einzelfall ist. Dass ich hier an nichts Schuld bin. Ich bin so dankbar für meine Ressourcen, denn ich zerbreche nicht. Aber selbst ich leide unter den Folgen deiner Gewalt. Wie sich das in Zukunft auf meine Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und Vertrauen aufzubauen (insbesondere zu Männern), auswirkt, wird sich erst noch zeigen.
Bis letzte Woche war ich total dankbar für unsere Beziehung, weil sie mir durch die schlimmsten Phasen meiner Krebserkrankung geholfen hat. Heute weiß ich, dass das alles eine große Lüge war. Jetzt fühlt es sich eher so an, als hätte es diese Beziehung nie gegeben. Während du noch sagst, dass das eine super intensive und tolle Zeit war, fühlt es sich für mich an wie als wäre das ein unwahres Märchen, in dem ich nicht mitgespielt habe. Das reißt in mir einen Schmerz auf, der noch größer ist. Weil meine Würde von dir mit Füßen getreten wurde und ich wertlos behandelt wurde.
Das wird seine Zeit dauern, bis ich das verdaut und verarbeitet habe. Dafür bist du schuld.
Ich habe das nicht verdient.
Du kannst das nicht wieder gut machen. Aber du kannst mir wenigstens mein Geld zurückgeben. Du kannst selbst hochrechnen, was ich dir alles bezahlt habe und dann G. nach meiner IBAN fragen, falls du die (oder mein Paypal) nicht mehr hast.
Ich erwarte von dir gar nichts mehr. Dass du keinen Anstand hast, hast du bewiesen. Ich hoffe einfach, dass du das keinen weiteren Frauen antust.
Lies dafür ruhig meinen ganzen Blog. Setz dich mit meiner Perspektive auseinander. Teile den Blog mit deinen männlichen Buddies.
Aber danach endet mein Input. Ich bin nicht bereit, dich weiter zu begleiten oder weiter zu diskutieren. Ich habe dich bereits auf allen Messaging-Diensten blockiert, weil ich keine weitere Kommunikation mit dir wünsche. Bitte respektiere wenigstens das.
Clara
Wahrscheinlich fragt ihr euch, wie es mir geht. Nicht gut. Ich schlafe seit Tagen nicht mehr und male mir im Kopf aus, wie ich reagieren könnte, falls ich ihm irgendwo über den Weg laufe. Ich habe Gewaltphantasien, schlage ihm immer wieder mit der flachen Hand oder mit der Faust ins Gesicht – oder wahlweise auch mit der harten Kante meines Kletterschuhs.
Das fiese ist, dass die Täter in der Regel ohne größere Folgen davonlaufen. Wir Opfer bleiben geschädigt zurück und bleiben alleine mit unserem Schmerz und die psychischen Auswirkungen der Gewalt.
Ich bin froh, dass die FLINTA*-Freund*innen in meinem Umfeld so aufgeklärt sind (oder selbst patriarchale Gewalt erlebt haben), dass ich umgeben bin von Menschen, die das verstehen. Oftmals stoßen nämlich die Opfer auf Unverständnis oder es passiert sogar eine Opfer-Täter-Umkehr, d.h. den Opfern wird die Schuld an der Gewalt gegeben („Du hättest dich ja nicht so anziehen müssen“ oder „Wenn du ihn nicht daten lässt, ist das ja kein Wunder“).
Falls ihr euch mit patriarchaler Gewalt bisher wenig auseinandergesetzt habt, empfehle ich Bücher wie
- Das Ende der Ehe von Emilia Roig
- Radikale Zärtlichkeit von Seyda Kurt
- Lesbisch werden in 10 Schritten von Louise Morel.
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Clara