Und nun?

Es hat gut getan, diesen Brief im letzten Blogartikel zu schreiben. Und dennoch löst es meine Gefühle nicht in Luft auf. Immer häufiger kommt in mir in den letzten Wochen eine quälende Frage auf, die ich eigentlich gar nicht zulassen will: „Warum ich?“ Warum passierte das mir? Warum wurde mit mir so umgegangen? Der Krebs war doch schlimm genug. Warum auch noch das?

Bisher war die Beziehung mit L. mein Lichtblick aus dem Jahr 2024. Sie war der Grund, warum ich bisher sagen konnte: „In 2024 war nicht alles schlecht.“ Doch jetzt fühlt sich 2024 einfach an wie ein riesiger Schmerz. Die Krankheit hat mir viele Monate Lebenskraft gestohlen. Jetzt noch die Narben durch die respektlose Behandlung von L. abzubekommen, ist einfach nicht fair.

Das ist ein Schmerz, den ich so noch nicht kannte.

Ich weiß, ich predige auf diesem Blog schon seit vielen Jahren, wie wichtig Konsens in Beziehungen ist. Doch diese Erfahrung macht für mich spürbar, wie sich das anfühlt, wenn es keinen Konsens gab und darüber hinaus auch noch meine Grenzen missachtet wurden.
Was wir alle niemals vergessen sollten, ist, dass wir es da mit Menschen zu tun haben. Menschen, die Gefühle haben, und denen wir Leid zufügen können, wenn wir sie nicht mit Respekt und Empathie behandeln.

Ich selbst hatte Momente, wo ich mich nicht an diese Regeln gehalten habe. Als ich im Herbst in den Swingerclub gegangen bin, wusste ich, dass es G. damit nicht gut geht. Mir war es in dem Moment egal. Ich habe komplett egoistisch gehandelt, weil ich mich so sehr nach einem neuen Gefühl von Lebendigkeit gesehnt habe.

G. hat ein paar Wochen später die Größe bewiesen, sich mit mir zum Reden zu verabreden und mit mir zu teilen, wie miserable es ihm während dieser Zeit ging. Wie sehr es ihn verletzt hat, dass ich fremdgegangen bin und mich nicht mehr an unsere Beziehungsregeln gehalten habe. Das hat ihn Ende letzten Jahres in neue Tiefen seiner Depression gestoßen. Ihm ging es wirklich nicht gut.

Er hätte das nicht mit mir teilen müssen, aber er hat seinen Mut zusammengenommen, saß weinend vor mir und erzählte mir davon, wie er sich fühlte. Und ich bin ihm so dankbar dafür.
Ich hatte in den Monaten davor jegliche Verbindung zu ihm verloren. Ich war damals enttäuscht, hatte Liebeskummer wegen der Trennung von L. und fühlte keine Liebe mehr zu ihm. Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich weiterhin in der Beziehung mit ihm sein wollte.

Das lag auch daran, dass unsere Gespräche über viele Monate nur noch an der Oberfläche kratzten. Wir redeten kaum noch miteinander, und wenn, dann kaum ehrlich und über uns. Wir machten uns nicht mehr verletzlich. Wir entfernten uns immer weiter voneinander.

Ich hatte oft mit dem Gedanken gespielt, Schluss zu machen. Letztendlich entschied ich mich im Oktober dafür, nochmal mit G. in tiefere Beziehungsgespräche einzusteigen, um uns eine letzte Chance zu geben. Ich glaube, irgendwo hatte ich noch einen winzigen Funken Hoffnung, dass wir nochmal eine Beziehung zueinander aufbauen könnten.

Gefühlt haben die Gespräche erstmal nirgends hingeführt. Weil G. super rational blieb und nach Lösungen suchte, anstatt über echte Gefühle und echte Gedanken und Sorgen und Ängste zu reden. Deswegen fand da keine echte Begegnung statt.

Bis G. an diesem Abend im Dezember heulend vor mir saß und mir sein Herz ausschüttete. Sich als Mensch zeigte.

Dieses Gespräch hat möglich gemacht, dass ich mir zumindest wieder eine Freundschaft mit ihm vorstellen konnte.

Außerdem habe ich seit Oktober mein Verhalten geändert. Während mich davor immer genervt hat, wie hoch meine Mental Load ist, weil ich so viel Care Arbeit und Beziehungsarbeit übernehme, mache ich diese jetzt sichtbar und erledige die Dinge nicht. Wir fahren zu deinen Eltern an Weihnachten? Nicht meine Aufgabe, mich um Zugtickets oder Geschenke zu kümmern, oder was es da zu essen gibt. Du möchtest nächstes Jahr in den Urlaub fahren? Nicht meine Aufgabe, für dich darüber nachzudenken, was dich interessiert und wohin du reisen könntest. Du willst eine funktionierende Beziehung? Nicht ausschließlich meine Aufgabe, mich um Dates und gemeinsame Quality Time zu kümmern. Die Warnleuchte blinkt an unserem Auto? Nicht nur meine Aufgabe, bei der Werkstatt anzurufen und einen Termin für die Reparatur auszumachen.

Interessanterweise führt das dazu, dass er dann doch bemerkt, was gemacht werden muss. Mein Eindruck ist außerdem, dass er dadurch zusätzlich ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Unabhängigkeit bekommt. Obwohl er nicht in Deutschland aufgewachsen ist, kann er doch fast alles selbst hinbekommen, wenn er muss.

Aktuell mache ich eine Reha und bin insgesamt 4 Wochen weg. G. schickt mir jeden Tag Bilder und Videos von unserer Katze und wir telefonieren etwa einmal in der Woche. Ich genieße den Abstand und die Möglichkeit, mich auf mich zu fokussieren. Gleichzeitig freue (!) ich mich zum ersten mal wieder auf die paar Dates, die für die Zeit danach bereits geplant sind.

In den Gesprächen im Herbst habe ich immer gesagt, dass ich sehr offen dafür bin, zu schauen, wie sich unsere Beziehung weiterentwickeln könnte. Aber dass für mich die Voraussetzung ist, dass eine Freundschaft besteht. Das Jahr davor hatten wir nicht mal das. Wir haben nebeneinander her gelebt, aber nicht mehr wirklich miteinander geredet. Für G. war das glaube ich weniger schlimm als für mich, weil er trotzdem enorm von unserer Beziehung profitiert hat. Ich jedoch nicht. Für mich fühlte es sich immer mehr an wie etwas, in das ich zwar Energie stecke, aber wo für mich nichts rauskommt. Deswegen hatte ich im Herbst auch nicht mehr das Gefühl, etwas zu verlieren, wenn die Beziehung mit G. in die Brüche gehen sollte. Es war ja auch (außer unseres wundervollen Hauses) einfach nichts mehr da, dem ich nachtrauern könnte.

Die Gespräche mit G. waren daher auch echt nicht leicht, weil ich all diese Dinge aussprechen musste. Ich musste sagen, dass er mich nicht mehr interessiert. Dass er langweilig geworden ist. Dass ich ihn nicht mehr attraktiv finde und das aber kein Wunder ist, wenn ich keinerlei Verbindung mit ihm habe.

Aber es ging nur so. Ich musste und muss radikal ehrlich sein. Weil nur dann eine echte Begegnung und Raum für Neues entsteht.

Ich hab mir öfter die Frage gestellt, ob es mir lieber gewesen wäre, wenn L. einfach im Juni 2024 mit mir Schluss gemacht hätte, um dann andere Leute zu daten. Die Antwort ist super klar: Ja, auf jeden Fall. Das im Nachhinein so vor die Füße geworfen zu bekommen, ist unendlich schlimmer. Zu wissen, wie lange er mich angelogen hat, hinterlässt mich verzweifelt und verletzt. Es hat meinen Glauben in die Liebe kaputt gemacht. Meine Lust darauf, mich mit neuen Menschen einzulassen. Mein Vertrauen in den guten Kern der Menschen.

Mit ganz viel Kraft versuche ich zu verhindern, dass diese Erfahrung dazu führt, dass ich an mir selbst zweifle. Wie ein Mantra erinnere ich mich immer wieder daran, dass ich wertvoll bin, auch wenn dieser Mann das nicht erkannt hat. Dass ich respektvoll behandelt werden sollte. Dass ich in Ordnung bin und der Fehler nicht bei mir lag. Das kostet mich sehr viel Kraft, aber ich lasse nicht zu, dass L. auch noch mein Selbstwertgefühl kaputt macht.

Der Gedanke an den vielen Sex, den ich noch bis Anfang 2025 mit ihm hatte, widert mich an. Es ist für mich nachvollziehbar, dass man manchmal komplett egoistisch handelt und damit andere Leute verletzt. Aber es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wie man jemanden, den man angeblich so sehr liebt, über ein Dreivierteljahr anlügen und betrügen und ausnutzen kann. Wie kaputt muss der eigene Moralkompass sein, um sowas zu tun? Das spürt man doch allein beim Gedanken daran in der Bauchgegend, dass das nicht gut ist.

Ich weiß nicht, ob L. meinen letzten Blogartikel wirklich gelesen hat. Es ist auch egal. Ich hatte nie erwartet, dass er meinen Wünschen am Ende des Blogartikels nachkommt. Ich glaube auch nicht, dass mein Blogartikel etwas bewirken wird, denn der Blogartikel greift sein Selbstbild zu sehr an. Er wird nicht zulassen, dass er sein Selbstbild aufgeben muss. Vor allem nicht, wenn es nur die Ex ist, wie ihm sowas sagt, und sein restliches Umfeld ihm weiter gutmütig auf die Schulter klopft (wie es halt bei Tätern meist der Fall ist).

Und trotzdem bin ich froh, dass ich den Brief geschrieben habe. Weil es mein Weg war, Worte loszuwerden. Wie so oft, wenn ich schreibe.

Ich weiß nicht, was aus G. und mir wird. Aber mein Fokus liegt aktuell einfach darauf, dass ich gesund bin und bleibe, dass es mir gut geht, und dass ich keine Verantwortung mehr für Dinge übernehmen will, die nicht zu mir gehören. Dazu gehört auch, dass G. für sich sorgen muss. Dass er unabhängiger werden muss. Es wäre schön, wenn daraus eine neue Freundschaft entsteht. Und dann schauen wir weiter.

Clara

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