Kusskompatibel

Gestern hatte ich meine letzte Klausur. Sie lief grauenhaft. Ich bin auf jeden Fall durchgefallen. Danach ging’s mir erst mal nicht so gut. Habe mit meiner Schwester telefoniert, die mich wieder etwas aufgebaut hat. Dann bin ich heim, habe mich etwas ausgeruht und dann alles für das Picknick mit V. am See vorbereitet.

Nachmittags holte ich sie ab. Ich klingelte und sie kam direkt die Treppe herunter. Ich weiß immer noch nicht, wie ich sie begrüßen soll. Ich würde sie am liebsten küssen, aber irgendwie umarmen wir uns dann doch jedes mal. Und der kleine awkward moment, wenn wir beide nicht wissen, was wir machen sollen, geht einfach nicht weg. Als sie bei mir im Auto saß, habe ich das angesprochen. Sie meinte nur „wir finden schon noch unsere Art“. Das fand ich irgendwie süß, weil es mir das Gefühl gibt, dass wir „gemeinsame Rituale“ haben, irgendwie ist das schön.

Wir fuhren an den See. Suchten uns einen ruhigen Schattenplatz, und gingen schwimmen. Wir hatten so einen Spaß. In dem See ist der Schwimmerbereich mit so Baumstämmen abgegrenzt. V. und ich stemmten und hoch, saßen drauf, fielen runter, tauchten unten durch, kletterten wieder hoch. Wie die Kinder. V. hat total viel gelacht, das war echt schön. Ich mag es, wenn sie lacht, ihre Augen leuchten dann so. Irgendwann wurde ihr kalt und wir schwommen zum Strand zurück. Legten uns auf unsere Handtücher und quatschten.

Als wir hungrig wurden, packten wir unsere Picknicksachen aus. Es ist schön, Zeit mit V. zu verbringen. Ich habe mich lange nicht mehr so gut mit jemandem verstanden, auf so vielen Ebenen. Und schweigen kann ich mit ihr auch gut, was mir wichtig ist. Sie erzählte mir vom Abschied von ihrem Freund, der vor ein paar Tagen nach Asien geflogen ist. Wie sehr sie das mitgenommen hat. Und wie ihr ihr neuer Job gefällt. Ich erzählte ihr von den Freundinnen, die ich dieses Jahr verloren hatte. V. gibt mir das Gefühl, ihr alles erzählen zu können, vollkommen wertfrei.

Wir kuschelten uns aneinander, küssten uns. Ich sagte: „ich mag dich“ und sie antwortete: „ich mag dich auch“. Sie sagte, dass sie noch nicht so richtig wisse, was das mit mir wird. Das finde ich völlig normal, immerhin war das gestern erst das vierte mal, dass wir uns sehen. Ich weiß auch noch nicht, was das mit ihr wird. Aber ich weiß, dass es schön ist, Zeit mit ihr zu verbringen, und dass ich sie auf einer emotionalen und sinnlichen Ebene total gern habe. V. berührt mich. Sexuell finde ich sie dagegen gar nicht so interessant. Ich finde sie zwar attraktiv, aber aus irgendeinem Grund denke ich in ihrer Gegenwart gar nicht an Sex. Ich kann es nicht erklären. Vielleicht ändert sich das, sollten wir nochmal Sex miteinander haben.

Später fuhren wir mit dem Auto zum Haus von C. und S. Wir benutzten deren tolle Dusche, knutschten ein wenig unter dem warmen Wasser rum. Aber nicht zu lange, weil wir S. nicht warten lassen wollten. S. war alleine daheim. Er macht seinen eigenen Wein und bot uns seinen Secco an. Richtig lecker. Als die Flasche fast leer war, entschieden V. und ich uns, über Nacht zu bleiben und nicht mehr heimzufahren, damit wir noch die anderen Weine von S. probieren können. Die waren wirklich unglaublich lecker.

S. hatte ich vorher erst einmal gesehen. Eine Woche vorher hatten wir zusammen mit C. und N. gekocht. Das war ein netter Abend, aber S. war sehr zurückhaltend und konnte sich irgendwie nicht so richtig entspannen. Gestern war er wie ausgewechselt. Er war richtig lustig, hatte gute Laune, fühlte sich offenbar sehr wohl. Und je mehr Wein wir trunken, desto mehr sexuelle Spannungen entstanden zwischen uns. S. ist schon attraktiv. Blond, Bart, Brille, kräftiger gebaut. Voll mein Typ. Und ich finde seine Bodenständigkeit irgendwie süß. Er ist anscheinend sehr zurückhaltend, wenn es um Frauen geht. Und unglaublich gut erzogen.

Als wir alle seine Weißweine durchprobiert hatten und alle müde vom Wein waren, brachte er mich und V. ins Schlafzimmer. Er selbst wollte auf dem Sofa schlafen. Als wir ins Schlafzimmer gingen, waren S. und ich einen Moment alleine. Wir küssten uns. Irgendwie fand ich seine Zurückhaltung schade. Ich hätte gern mit ihm gekuschelt.

Wir sagten gute Nacht, hängten unsere Handys an die Ladegeräte und gingen ins Bett. V. und ich kuschelten noch ein bisschen und schliefen dann ein.

Am Morgen schliefen wir aus und blieben noch ein bisschen im Bett liegen. Dann fuhren wir zurück in die Stadt und ich brachte V. nach Hause. Zum Abschied knutschten wir im Auto rum. Wir sind so küsskompatibel, es ist wunderbar. Oh, dazu fällt mir folgendes Lied ein: Kusskompatibel – Oliver Koletzki

S., V. und ich haben uns für nächste Woche zum Kochen verabredet. Vielleicht wird C. auch dabei sein. Ich freu mich schon.

Liebe Grüße,

eure Clara

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ach du Arme. Das muss aber trotzdem unterm Strich noch keine Katastrophe sein.

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