Als ich diesen Blog anfing zu schreiben, überlegte ich mir immer erst eine Überschrift zu meinen Einträgen und schrieb dann die passenden Erlebnisse dazu auf. Ich schrieb konsequent für jedes Date einen eigenen Eintrag. Irgendwann kam ich aber mit dem Schreiben nicht mehr hinterher und so entwickelte es sich nach und nach dahingehend, dass ich erst alles aufschrieb und mir dann einen passenden Titel überlegte. Eigentlich gefällt es mir besser so, wie ich es am Anfang handhabte. Ich finde es schön, dass die einzelnen Begegnungen mit den Menschen in meinem Leben auch einzelne Einträge bekommen. Aber inzwischen sind die Beziehungen mit den Menschen, über die ich schreibe so eng, dass die Dinge nicht mehr so leicht trennbar sind. Ich rede ja mit allen über alles. Und ein paar von meinen Freunden/Liebhabern/Partnern kennen sich ja auch untereinander und verstehen sich gut. Ich schätze, der Blog ist mit mir zusammen gewachsen. Weg von diesem romantischen monogamen Wunschdenken, dass alle Beziehungen abgrenzbar sind, hin zur (harten) Poly-Realität.
Am Dienstag waren abends meine Tante und meine Schwester bei mir zum Abendessen zu Besuch. Ich kochte für uns, wir aßen auf meinem Balkon, tranken Sekt und stoßen nachträglich auf den Geburtstag meiner Schwester an. Meine Schwester studiert in einer 400km entfernten Stadt, daher bekomme ich sie nicht so oft zu Gesicht wie ich es mir wünschen würde. Früher waren wir mal total eng. Sie war sowas wie meine beste Freundin. Als sie wegzog und dadurch die Kommunikation schwieriger wurde, sind wir ein bisschen auseinandergewachsen. Sie ist in einer monogamen Beziehung mit einem jungen Mann, den ich unglaublich gut leiden kann. Die zwei passen wirklich sehr gut zueinander und sich unheimlich glücklich. Mit meiner ausschweifenden Lebensart kann sie absolut gar nichts anfangen. Sie sagte zwar, dass ich tun soll, was mir glücklich macht und meint das auch so. Aber nachvollziehen kann sie es nicht. Und sie interessiert sich auch nicht mehr für meine Beziehungen. Sie hört mit mittelmäßigem Interesse zu, wenn ich ihr mal etwas aus meinem Liebesleben erzähle (was inzwischen sehr selten vorkommt), aber von sich aus nachfragen würde sie nicht. Ich komme damit nur schwer klar. Ich habe dieses Jahr zwar schon andere gute Freunde verloren, aber dass die Beziehung mit meiner Schwester schlechter geworden ist, trifft mich tausendmal mehr.
Meine Schwester war am Dienstagabend sehr müde und ging daher früher heim als gedacht. Meine Tante blieb noch mit mir auf meinem Balkon sitzen. Sie ist außer meiner Schwester die einzige andere Person meiner Familie, die weiß, dass ich nicht monogam lebe. Und sie findet das klasse. Sie ist der Meinung, dass meine Generation so viel ausprobieren und tun und lassen kann, ohne dafür verurteilt zu werden, wie keine andere davor. Sie meint immer, ich solle einfach alles ausprobieren. Sie ist super neugierig und will wirklich alles wissen über mein Leben. Mit ihr verbringe ich echt gerne Zeit, weil sie einfach interessiert nachfragt, nichts bewertet oder verurteilt, was ich tue. Alles, was für sie zählt, ist, ob ich mich mit dem wohlfühle und hinter dem stehe, was ich tue. Solange das der Fall ist, findet sie es super, wenn ich mich abseits der ausgetretenen Pfade bewege, mich ausprobiere, die Dinge selbst für mich herausfinde.
Irgendwann an dem Abend sagte sie zu mir, dass sie es klasse fände, dass ich aber „trotzdem“ mein Studium auf die Reihe bekommen würde. Also „obwohl“ ich nicht monogam lebe und obwohl ich mich im Umweltbereich engagiere und obwohl ich vegan lebe. (Ironie on) Ja, find ich auch krass. Keine Ahnung, wie ich das schaffe und nicht alles hinschmeiße und selbstgebastelte Holzketten auf Jahrmärkten verkaufe und nur noch so Shanti Shanti Musik höre, 10 Babies in die Welt setze und die Pistazia, Pirulo, Coca, Enemina, Eminzo, Carla Junior, Carlo, Birko Treehugger the Grand, Vulva und Ernestino-Klaus nenne. Und fuuuuck, tattoowiert und getackert bin ich auch noch nicht. Ja, schon krass. (Ironie off) Schon immer wieder witzig zu sehen, was die Menschen für Schubladen haben, in die sie versuchen einen zu schieben. Aber war wieder ein sehr netter Abend mit ihr.
Gestern fuhr ich mit F. zusammen an den See. Wir legten uns an dieselbe Stelle wie beim letzten mal, ich aß meine mitgebrachte Wassermelone, er seine Kartoffelecken vom Kiosk. Wir unterhielten uns gut. Gingen schwimmen. Lagen faul auf unseren Handtüchern. Holten uns ein Eis und einen Cider. War echt schön. Dann brachen wir auf, weil ich einer Freundin versprochen hatte, mit ihr zu dem Lehmhausbau von D., dem besten Freund von V., zu fahren. Also setzte ich F. unterwegs an der U-Bahn ab. Er wünschte mir eine schöne Reise und zog mich an sich, um mich zu küssen. Wir küssten uns lange. Er küsste total einfühlsam, ließ sich Zeit mit mir. Ich fühlte mich ziemlich verliebt. Ich sagte: „Ich werd dich vermissen.“ Er: „Ich dich auch irgendwann.“ Irgendwann?!
Dann holte ich meine Freundin E. ab und wir fuhren zum Garten von D. Der Bau war in vollem Gange, E. fing sofort an, mitzuhelfen. Ich hatte nicht so viel Lust und G. schrieb mir ständig, also setzte ich mich ins Gras und chattete in aller Ruhe mit ihm. V. war anscheinend im Wald als wir ankamen, Holz suchen oder so. Wir wollten etwa 2 Stunden dortbleiben, dann E. heimfahren und dann zu mir und nochmal einen kompletten Abend miteinander verbringen. Irgendwann lief ein großer Mann mit langen braunen Haaren, braunen Augen und einem Lippenpiercing an mir vorbei und sagte im Vorbeigehen Hallo. Mir blieb das Herz stehen und ich dachte nur so „fuuuuuck“. Das war C., der Freund von V., der eigentlich noch bis Oktober in Thailand hätte sein sollen. Anscheinend hatte er sich spontan umentschieden und war früher heimgeflogen. Ich muss ausgesehen wie ein Auto, als ich ihn da anstarrte und erstmal regungslos dasaß. Dann stand ich auf und umarmte ihn. Wie gesagt, ich umarme alle Menschen. Er gab ein skeptisches „Okaaay“ von sich, fand das anscheinend komisch, dass ich ihn umarmte.
Der Mensch war mir sofort unsympathisch. Wegen allem. Er hat so eine unglaublich dominante, gefährliche Ausstrahlung. Von so Männern halte ich mich fern, weil ich mich in deren Umgebung nicht sicher fühle. Er stellte sich mir nicht richtig vor, hatte anscheinend auch keinerlei Interesse daran, mehr als nötig mit mir zu reden. Und dann sah ich V. C. lief weiter den Berg hinab und V. kam auf mich zu. Sie strahlte und nahm mich in den Arm. Anscheinend stand C. am Dienstagabend plötzlich vor ihrer Tür. Dann fiel mir ihr verändertes Aussehen auf. Sie strahlte, hatte an der Brust und am Hals mehrere Knutschflecke und Beißspuren. Strahlte auf diese Art, auf die man nur strahlt, wenn man auf die genau richtige Weise die ganze Nacht durchgevögelt worden war. Ich war eifersüchtig. Hatte plötzlich eine unheimliche Angst, dass sie jetzt lieber den Abend mit C. verbringen wollen könnte als mit mir. Ich fragte sie sofort danach und sie verneinte. Sie hätte das mit mir ja schon ausgemacht und er wäre ja jetzt erst mal da und ich würde ja bald abreisen. Ich war erleichtert, fühlte mich aber nicht unbedingt besser. Ich hätte fast da schon losgeheult, weil ich so geschockt war. Das war alles ein bisschen viel. Wir gingen runter zu den anderen. C. und D. fuhren zusammen zum Baumarkt, um noch ein paar Sachen zu kaufen. C. und V. umarmten sich und küssten sich lange zum Abschied, weil wir wahrscheinlich weg sein würden, bevor die Jungs wiederkämen. C. sagte V., sie solle den Abend mit mir genießen und wünschte ihr viel Spaß. Die zwei da so zu sehen fühlte sich in Ordnung an. Aber ich fühlte mich unglaublich unwohl in der Nähe von diesem Mann. Und V.s Strahlen zu sehen machte mich wahnsinnig.
Als die Jungs weg waren, hielt ich es nicht mehr aus, murmelte irgendwas von wegen ich müsse mal kurz zum Auto und lief eine halbe Stunde ziellos zwischen den Gärten entlang. Ich war geschockt. Und wütend, dass V. mich nicht vorgewarnt hatte. Und konnte selbst nicht so richtig beschreiben, wie ich mich fühlte. Unwohl fühlte ich mich. Ich hatte den Wunsch, einfach wegzulaufen, den Abend mit V. abzusagen, für eine Zeit den Kontakt abzubrechen. Alles wegen meinen eigenen Unsicherheiten. Als mir das klar wurde, erinnerte ich mich an eine Stelle im Buch Schlampen mit Moral, in der erklärt wurde, wie man mit den eigenen Unsicherheiten umgehen könne, vor allem zu Beginn einer polyamoren Beziehung, wenn man noch nicht so viel Erfahrung damit hat. Man solle sich einfach selbst fragen, was eine total charakterstarke, selbstsichere Version von einem selbst in der Situation machen würde, und das dann einfach machen. Mein selbstsicheres Ich würde bemerken, dass das jetzt absolut gar nichts ändert, dass dieser Mann wieder zurück ist, und sich auf den Abend mit V. freuen. Danach fühlte ich mich besser gewappnet, mit der Situation umzugehen und lief zurück zu den anderen. Kurz bevor wir loswollten, waren die Männer doch schon wieder zurück. Als V. und C. nochmal Arm in Arm dastanden (Schande auf mein neugieriges Haupt) hörte ich einen Teil deren Unterhaltung mit und C. meinte zu V., dass es „very revealing“ wäre, mich zu sehen. V. hatte ihm ja im Voraus schon ein paar mal von mir erzählt. Mich würde ja zutiefst interessieren, was er damit meinte. Revealing? Das kann so ziemlich alles heißen.
Auf dem Heimweg setzten wir E. ab und fuhren dann zu mir. Bis zu E.s Haus hatte ich mich gut im Griff, aber dann fiel irgendwie alle Anspannung von mir ab und mein Gefühlschaos explodierte total. Ich beschwerte mich bei V., dass sie mich nicht vorgewarnt hatte. Erzählte ihr, wie sehr mich das geschockt hätte, C. zu sehen. Wie unsicher mich die Anwesenheit dieses Mannes machte. Und dann fing ich an zu weinen. Weil ich mich daran erinnerte, wieviel Angst ich gehabt hatte, dass sie nicht mehr den Abend mit mir verbringen wollen würde. V. reagiert genau richtig. Sie kraulte meinen Nacken, nahm meine Hand in ihre. Sagte mir, dass sie doch jetzt hier bei mir sei und hier sein wollte, dass sie mich sehen wollte, und dass das gar keine Frage gewesen sei, weil ich ja bald weg sei und sie auf jeden Fall diesen Abend mit mir verbringen wollte. Dass das nichts ändere, dass C. wieder da wäre. Ich wusste das ja auch alles schon, aber es tat gut, dass sie es mir nochmal sagte, und ich sah, dass sie es ernst meinte mit mir. Ich beruhigte mich wieder. Interessanterweise fühlte ich mich danach V. so nah wie noch nie. Die eigenen Unsicherheiten und Gefühle zu zeigen erfordert Mut. Man macht sich damit angreifbar. Aber es lohnt sich anscheinend.
Meine Exfreundin wäre stolz auf mich gewesen. So viel Verletzbarkeit und Unsicherheit hatte ich ihr gegenüber nie gezeigt und das hatte sie immer an mir kritisiert.
Wir genossen unseren letzten Abend zusammen. Aßen Sommerrollen, tranken Wein, saßen lange Arm in Arm auf meinem Balkon und redeten mal mehr und mal weniger, machten die Kerzen an, als es dunkel wurde. Kuschelten in meinem Bett. Sie entschuldigte sich nochmal, dass sie mich nicht vorgewarnt hatte, dass C. wieder da wäre. Ihr hatte es nicht gefallen, mich so aufgelöst zu sehen. Ich fühlte mich so verstanden von dieser Frau, ich war so berührt, so verliebt, so glücklich. Sie sagte, dass sie nicht erwartet hatte und auch immer noch nicht erwarte, dass C. und ich uns verstehen würden. Aber das wäre ich auch nicht wichtig. Darüber ich bin ich froh. V. hatte mal gesagt, dass C. alles das hätte, was ich an Männern nicht leiden kann. Gleichzeitig findet sie die Männer, die mir gefallen, überhaupt nicht attraktiv. Ich mag halt Softies, Männer, die harmlos aussehen, vertrauenswürdig, am besten blond und mit Sommersprossen. Geschmäcker sind unterschiedlich.
Am Morgen kuschelten wir noch lange im Bett, tranken Hafercappuccino (was auch sonst?). Irgendwann war es Zeit für sie zu gehen. Wir zogen uns aneinander. Küssten uns nochmal und nochmal. Oh Gott, ich werde diese weichen Lippen vermissen. Diese dunklen Augen. V. sagte, dass sie mich vermissen würde. Das werde ich sie auch. Alles an ihr.
Fuck mann, das sind nur verdammte zwei Monate, aber es fühlt sich kacke an. Einfach wie der falsche Zeitpunkt. Ich bin dabei mich so richtig, so richtig richtig, tief und fest, in diese Frau zu verlieben. So bedingungslos. Und jetzt kommt dieser Cut. Einfach blöd. Fühlt sich falsch an.
Aber ich schätze, wenn ich wiederkomme, können wir genau dort weitermachen, wo wir gestern aufgehört haben. Und darauf freue ich mich.
Ich grüße euch aus Mexiko.
Eure Clara
Oh meine Güte, ich kann das so gut nachempfinden… Aber sich zu fragen, was eine selbstsichere Version von einem selbst tun würde – das klingt echt sehr gut. Vielleicht sollte ich das Buch nochmal lesen 😄
LikeGefällt 1 Person
Naja, wenn ich deine Einträge lese, frage ich mich auch manchmal, wie du das mit dem Studium schaffst, aber nicht weil ich irgendwelche Vorurteile im Kopf habe 🙂
LikeGefällt 1 Person
Haha wie darf ich das verstehen? Warum sollte ich das Studium nicht schaffen?
LikeGefällt 1 Person
Nur weil soziale kontakte zeit brauchen, bei mir war es mit einer monogamen beziehung zeitlich schon sehr eng, und die konzentration leidet bei mir auch, wenn ich verliebt bin 😉
LikeGefällt 1 Person