zum Dahinschmelzen weiche Lippen

In der Woche vor Weihnachten schafften es T. und ich nochmal, uns zu treffen. Er kam abends zu mir, war wie immer unmöglich gekleidet. Dieser riesige Mantel, der ihm eigentlich zu groß ist, diese Sporthose mit Knöpfen an der Seite, die man vielleicht in den 90ern mal getragen hatte, dieser altmodische Norwegerpulli. Ich finde es toll, dass T. immer in den bequemsten Klamotten zu mir kommt, oder sich seine Jogginghose einpackt, um sich bei mir umzuziehen. Dass es unwichtig ist, wie wir uns kleiden. Meistens lümmeln wir ja eh faul auf dem Sofa rum und quatschen, oder flätzen uns ins Bett und kuscheln. Wer will dabei schon Jeans und Hemd tragen?

Während er sich seinen Mantel auszog, fragte ich ihn, ob er lieber Tee oder Wein trinken möchte. Tee. Ich trat an ihn heran, er beugte sich etwas zu mir herunter und küsste mich. Fuhr mit seinen Fingern durch mein Haar und streichelte meine Wange, während seine zum Dahinschmelzen weiche Lippen meine berührten. Seine andere Hand fuhr meine Taille entlang auf meinen Rücken und zog mich näher an ihn ran. T. ist ein begnadeter Küsser. Ich schätze, er küsst sogar besser als die Frauen, die ich geküsst habe. Ich würde ihn am liebsten schnappen und dazu zwingen, alle meine Freunde zu küssen, einfach, damit die das auch mal erlebt haben. So wie man sein neuestes Lieblingsspielzeug herumzeigt, bis es alle gesehen haben und vor Neid ganz gelb im Gesicht sind. Nagut, der Vergleich war jetzt vielleicht nicht so schmeichelhaft.

Mit seinem Piercing fuhr er mir beim Küssen sanft über meine feuchte Unterlippe. T.’s Küsse sind so sanft, aber bestimmt, langsam und einfühlsam. Besser als jedes Dessert ist das.

Ich löste mich von ihm und ging in die Küche, um den Tee zu kochen. Als ich mit einer vollen Kanne und zwei Tassen zurückkam, setzten wir uns zusammen auf mein Sofa und verbrachten den Abend redend, Musik hörend, rumknutschend und Tee trinkend. Wir hörten eine Playlist, die G. mir zusammengestellt hatte. Sie heißt „Time to cuddle“ und besteht aus über 8 Stunden Musik, die er als kuscheltauglich empfindet. Mir sind zwar einige der Lieder zu rockig, als dass ich die selbst zum Kuscheln aussuchen würde, aber größtenteils ist die Playlist wirklich schön. Irgendwann war mir das allerdings doch zu viel Gitarrengeschrabbel und ich machte Musik von Session Victim an. T. meinte sofort, dass die Musik jetzt wieder viel mehr nach mir klingen würde. Es ist witzig, wie alle meine Freunde genau wissen, was mein Musikgeschmack ist. Muss daran liegen, dass ich allen versuche meinen Geschmack aufzudrängen und in meinem Zimmer immer nur meine Musik laufen lasse… Die einzige Person, der ich mal erlaubt habe, Musik in meinem Zimmer auszusuchen, war meine Mitbewohnerin C. Ob sie sich der Ehre bewusst ist?

Später kuschelten wir noch ein bisschen auf meinem Bett, bevor er sich auf den Heimweg machte. T. schläft eigentlich nie bei mir, vor allem nicht unter der Woche. Normalerweise finde ich das blöd, wenn Abende damit enden, dass einer gehen muss. Aber bei ihm weiß ich es ja immer schon im Voraus, daher ist es nicht so schlimm. Wenn man einen schönen Abend mit jemandem verbringt und derjenige sich ohne Vorwarnung entscheidet, nun zu gehen, fühlt das tausendmal blöder an. Immer, wenn T. bei mir übernachtet hat, musste er morgen sehr früh raus. Kinder machen die Dinge eben doch etwas komplizierter. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann mal die Möglichkeit haben, zusammen in einem Bett zu schlafen, auszuschlafen, und zusammen zu frühstücken, bevor er gehen muss. Das wäre schön.

Außerdem weiß ich nicht so richtig, wohin das mit T. führen wird. Ich mag ihn so sehr, dass ich ihn eigentlich gerne öfter sehen würde. Aber neben Kind, Ausbildung und Job bleibt eben nicht so viel Zeit. Das werfe ich ihm auch nicht vor. Aber ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass, sollten wir uns in Zukunft mehr sehen, ich mich Hals über Kopf in diesen Mann verlieben würde. Aber dazu braucht es mehr Vertrauen, und ich baue das nur auf, wenn ich jemanden oft und regelmäßig sehe. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich im Moment für Gefühle für ihn habe. Ist auch nicht so wichtig, finde ich. Ich mag es, wenn wir uns sehen, und ich empfinde ihn als durchweg angenehmen und interessanten Lebensgefährten. Ich finde es lustig, dass ich mir neben ihm unglaublich spießig vorkomme. Und ich mag die Clara, die ich bin, wenn wir zusammen sind. Also machen wir uns einfach keine Gedanken, was wird, was soll und was sein könnte, und genießen was es ist: Eine Beziehung mit einem Mann, den ich regelmäßig treffe und immer mehr zu schätzen weiß.

Ich hoffe ihr hattet schöne Weihnachten,

eure Clara

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von freiheitsfluestern freiheitsfluestern sagt:

    Liebe Clara,

    ich bin fasziniert. Von dir, von deinem Leben, von deinem Blog. Du schreibst so ehrlich und selbstverständlich und es liest sich wie ein Roman (gefühlt habe ich mittlerweile beinahe alle deine Einträge gelesen ^^). Auf der anderen Seite hat man das Gefühl, einer (wenn auch fremden) Freundin gegenüber zu sitzen.
    Vielleicht kennst du das Gefühl, dass man manchmal bei Fremden bekommt, die man erst gerade getroffen hat, aber ihnen am liebsten alles anvertrauen würde. So fühle ich mich gerade 😀

    Ich kenne tatsächlich niemanden der poly lebt und finde es äußerst interessant auch deine Beweggründe dazu und so zu lesen, weil das ja meist hinter den Vorurteilen unter den Tisch fällt. Was wirklich schade ist.

    Außerdem finde ich es bewundernswert, dass du dich so gut auf die Menschen einlassen kannst. Emotional sowie körperlich. Obwohl du dich selber doch eher als anfangs recht schüchtern und nicht so mega extrovertiert beschreibst. (Ich selbst bekomme immer eher Angst, sobald ich merke, dass mir jemand näher kommt oder die Absicht dazu hegt. Ich wünschte es wäre anders.)

    Liebe Grüße,
    Nadja

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    1. Avatar von freiesMädchen freiesMädchen sagt:

      Hallo Nadja,
      Danke für deinen lieben Kommentar! So etwas nettes hat mit bisher noch niemand unter meinen Blog geschrieben.
      Bist du auch poly?
      LG, Clara

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      1. Avatar von freiheitsfluestern freiheitsfluestern sagt:

        Liebe Clara,

        ich freue mich, dass ich dir eine Freude machen konnte.
        Nein, ich sag mal, derzeit noch nicht ^^ Ich bin bi und dem Thema alles andere als abgeneigt und sehr interessiert, es einfach mal auszuprobieren. Da ich aber sehr ländlich lebe, gestaltet sich das etwas schwieriger als ich es mir wünschen würde und man erntet schon ein Augenrollen, wenn man nur das Gespräch auf „solche Themen“ lenkt…

        Lg Nadja

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      2. Avatar von freiesMädchen freiesMädchen sagt:

        Hallo Nadja,
        Ohja, auf dem Land kann ich mir das vorstellen, dass es einem bei diversen Themen nicht so viel Offenheit entgegengebracht wird, wie man es gerne hätte. Außerdem ist es dann sicherlich schwerer, Gleichgesinnte kennenzulernen… Ich wünsche dir dennoch alles Gute und hoffe du hast irgendwann die Chance, dich auszuleben und auszuprobieren, um dich selbst besser kennenzulernen.
        LG, Clara

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      3. Avatar von Lovie Lovie sagt:

        Ben moi j’ai râté mes samosas, complêtement !! C’est un signe que je dois imt©ediamÃment arrêter la cuisine, c’est sûr !!! Je me console en emportant un de tes superbes chaussons que je mangerai tout à l’heure sur la plage, puisqu’il fait si beau …

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