Wiederschreiben

Spotify: Strawberry Hill – Rannar Sillard

Mein letzter Eintrag ist drei Wochen her. Obwohl ich das Schreiben an sich vermisse, hatte ich nicht das Gefühl, etwas zu haben, worüber es sich lohnen würde, zu schreiben. Mein Blog hat immer meine eigene Sensationslust bedient, ich fand meinen Blog spannend, weil ich spannend fand, was in meinem Leben passierte. Allen, die mich in den letzten Wochen fragten, warum ich so lange nichts mehr geschrieben hatte, sagte ich, dass ja nicht spannendes passieren würde. Letzten Sommer ging es bei mir drunter und drüber. Ein Date hier, ein Date dort, eine heiße Nacht hier, ein Abenteuer dort. Ein Dreier. Ständig jemand neues. Ihr habt keine Ahnung, wie unglaublich viel Spaß mir das gemacht hat. Ich blicke immer noch wehmütig auf den Sommer 2016. Ich vermisse den Nervenkitzel, das Abenteuer, die Spannung, die Leute, die Parties, das Wilde.

Im Vergleich scheint mein jetziges Leben langweilig. Ich date nicht mehr, ich habe auch keine Lust darauf. Ich habe meine Beziehungen, die sich auf ihre Weise total etabliert haben. Und die entscheiden sich kaum noch von „normalen“ monogamen Beziehungen, mit dem Unterschied, dass ich zwei davon habe.

Ich sagte allen, die nachfragten, ich hätte nichts, worüber ich schreiben könne. Weil sich alles irgendwie eingespielt hat und nichts „krasses“ mehr passiert. Nichts übermäßig schockierendes.

Es hat einige Leute gebraucht, die mir sagten, dass mein Blog doch nicht zum Schockieren da sei, sondern eine Sammlung meiner Geschichten und meiner Gefühle. Dass Beziehungen absolut gar nicht langweilig seien. Und es auch interessant wäre, darüber zu lesen. Selbst ohne wilde Sexszenen und krasse Action.

Es hat einige dieser Menschen gebraucht, um mich selbst daran zu erinnern, warum ich diesen Blog letztes Jahr angefangen hatte: Weil ich meine Geschichten erzählen wollte, wie ich sie einem besten Freund erzählen würde. Zwar habe ich inzwischen genügend Leute, die meine Geschichten gerne hören, die mir nahe sind, und die zuhören wollen und neugierig sind und sich für mich interessieren. Aber nichtsdestotrotz macht es Spaß, diesen Blog zu schreiben. Und es ist auf eine ganz persönliche Weise intim, denn mein Blog gibt mir keine Reaktionen, kein Feedback auf das, was ich erzähle. Alles, was ich zurückbekomme, sind meine eigenen Gefühle und Emotionen und Reaktionen auf das, was ich schreibe, und was mir während des Schreibens durch den Kopf geht. Und das ist bereichernd, egal, worüber ich schreibe.

Meine Freunde wissen, wie unglaublich glücklich ich mit meiner Situation bin. Ich liebe es, wie sehr sich G. und T. unterscheiden. Beide bereichern mein Leben auf ihre ganz eigene Art. Ich vermisse G. zutiefst, wenn wir uns mal eine Woche nicht sehen. T. vermisse ich selten, aber ich bekomme jedes mal Herzklopfen, wenn er die Treppe zu meiner Wohnung hinauf läuft. Alle, die in meinen polyamoren Lebensstil eingeweiht sind, sehen, wie zufrieden ich bin. Und das ist etwas neues. Das gab’s noch nie. Clara hat immer noch mehr gewollt. Hatte immer etwas, das ihr noch zum großen Glück fehlte. Es gab immer irgendwas, an dem Clara rummäkelte, womit sie unzufrieden war, was nicht passte.

Zum ersten mal sagen mir andere, ich würde strahlen, man würde es mir richtig ansehen, wie verknallt ich wäre. Zum ersten mal bin ich das seit Monaten. Und anstatt dass diese Gefühle abflachen, werden sie eher immer stärker.

G. ist mein absoluter Lieblingsmensch geworden. Ich kann ohne ihn, aber ich will auf gar keinen Fall mehr ohne ihn. Alles, was wir zusammen machen, wird zu einem schönen Erlebnis. Egal, ob wir ins Kino gehen, in die Sauna, uns zusammen betrinken, oder einfach nur einen Nachmittag auf meinem Bett rumliegen und gar nichts machen. Die halbe Stunde, die wir auf den Zug warten müssen, vergeht im Flug, wenn wir zusammen sind. Der Ausflug in die Berge wird zur wunderschönen Erinnerung, obwohl wir eigentlich nur eine halbe Stunde durch den Wald gelaufen sind, eine Führung durch ein Schloss mitmachten, und in einer Wirtschaft einen Kaffee tranken.

Ich habe mich auf eine Weise an ihn gewöhnt, wie ich das vorher noch nie mit jemandem hatte. Ich weiß, wie ich im Dunkeln meine Beine beugen muss, um der perfekte große Löffel für ihn zu sein. Wie ich liegen muss, damit sein Körper wie gegossen an meinen passt. Ich schlafe besser, wenn er bei mir schläft. Ich wache auf und der Tag beginnt mit etwas Positivem. Mit seinem friedlichen Gesichtsausdruck, seinen dünnen Armen, die mich an ihn ziehen. Mit dem Rest seines Parfums, das noch nicht ganz verflogen ist. Seinem ruhigen Atem, der immer schneller ist als meiner. Seinen kräuseligen Brusthaaren an meiner Wange.

Ich war noch nie in jemanden in seiner Gesamtheit verliebt. Mit allen Macken. Mit allen Meinungen und charakterlicher Eigenschaften. Deswegen ist das tatsächlich meine erste Beziehung, in der ich mir eine Zukunft mit meinem Partner vorstellen kann. So richtig. Mit Kindern und geretteten Hühnern und Gemüsegarten und so. Das ist ganz schön heftig für mich.

Gestern standen G. und ich am Bahnsteig und warteten auf unseren Zug. Wir waren im Kino gewesen und hatten einen wunderschönen Abend gehabt. Als wir da so in der kalten Winternacht standen, schlug ich ihm vor, im Herbst nach einer gemeinsamen Wohnung zu suchen, sollte er bis zum Herbst immer noch keine vegane WG in der Stadt gefunden haben. Er hakte sofort nach, ob ich mir das so vorstellen würde, dass das dann nur er und ich in einer Wohnung wären. Nein, natürlich nicht. C. muss auf jeden Fall auch noch mit. Und vielleicht J. Oder wer weiß wer sonst noch. Er lachte und meinte, dass es ihn gewundert hätte, wenn ich Zusammenzieh-Pläne mit ihm hätte machen wollen, ohne dass C. darin involviert gewesen wäre. Aber das Thema war auf dem Tisch. Zusammenziehen ist eine greifbare Möglichkeit geworden.

Daheim putzten wir uns unsere Zähne, zogen unsere Schlafis an und kuschelten uns unter meine dicke Bettdecke. Ich fragte G. nochmal, ob er sich das vorstellen könnte, mit mir zusammenzuwohnen. Er bejahte, wenn ich meine Unordnung in den Griff bekäme. Und wir alle Teller immer sofort abtrocknen würden. Innerlich rebellierte ich sofort, weil ich diese Sätze so unglaublich oft in genau dieser Tonlage von meiner Mutter gehört hatte. Ich sagte nichts mehr. Drehte mich zu Seite. Er kuschelte sich an mich und legte seinen Arm um meine Taille. Wir schliefen ein. Irgendwann wachte ich nochmal auf. Ich drehte mich um, sagte leise „G.?“. Es kam ein schläfriges „Mh?“ zurück. „Ich hab dich lieb.“ Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter-Brust-Kuhle, legte mein Bein über seines, umarmte seinen schlanken Körper. Ich wollte ihm ganz nah sein. Er sagte: „I love you, too. And maybe we can talk about drying up the dishes again.“ Es ist total bescheuert, aber ich bin bei dem Satz dahingeschmolzen. Ich lächelte in mich hinein, verdrückte eine Glücksträne, zog mich noch ein bisschen näher an diesen tollen Menschen heran, und schlief seelig ein.

Wir hatten seit zwei Wochen keinen Sex mehr. Früher wäre das für mich ein Riesenproblem gewesen. Aber jetzt fällt es mir nicht mal auf. Weil alles auch ohne den Sex unheimlich gut läuft. Weil es den nicht mehr zum Glücklichsein oder zum Funktionieren der Beziehung braucht. Noch etwas, das ich so nie hatte. Aber wisst ihr was? Ich genieße es in vollen Zügen und ich bin gespannt, wo diese Reise noch hingeht.

Und ich danke allen meinen Freunden, die mich immer wieder dazu bewegt haben, doch weiterzuschreiben. Ihr seid die besten.

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Das Gefühl kenne ich sehr gut. Wenn man den/die richtige/n gefunden hat und sehr zufrieden ist, dann brauch man auch keine großen Abenteuer mehr.
    Man muss in dieser Situation nicht jeden Tag etwas neues erleben oder wilden Sex haben. Es ist einfach nur schön.
    Ich freue mich für Euch und ich freue mich natürlich auch über neue Blogeinträge und wenn sie nur alle paar Wochen oder Monate erscheinen.

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    1. Oh, vielen Dank für den netten Kommentar!
      Ja, ist tatsächlich so. Und Mal sehen, vielleicht finde ich ja dich wieder mehr, worüber ich schreiben kann, wenn ich erst Mal wieder im „Flow“ bin 🙂

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