Sie ist die Droge

Mein Song zum Blogeintrag: Joris Delacroix – Air France

Am Donnerstagabend trafen T., S. und G. uns bei mir daheim. Ich bestellte Unmengen an indischem Essen und G. und ich hatten noch schnell einen Kasten Bier organisiert. Nachdem ich T. seit irgendwann Anfang des Jahres (so sicher bin ich mir auch nicht) nicht mehr gesehen hatte, unter anderen, weil dieser mehrere Monate in einer monogamen Beziehung war, die leider im Sommer zu Brüche ging, hatten S. und ich während eines gemeinsamen Abends die Idee, dass wir uns doch mal zu dritt treffen könnten. S. und T. kennen sich auch schon länger und hatten glaube ich auch mal eine Geschichte miteinander. Wie die genau verlief, ist mir allerdings nicht bekannt.

Eigentlich wollten wir uns in einer Rockbar treffen, doch nach meinem Arbeitstag am Donnerstag war ich so fertig, dass ich unsere Pläne änderte und die zwei zu mir nach Hause einlud. Da G. eh schon bei mir war, wurde der kurzerhand auch eingeladen.

Wir schlugen uns die Bäuche mit Curries, Naan, Reis und Pakoras voll und gaben uns nebenher Updates über unsere Leben. Ich fand es witzig zu sehen, wie unterschiedlich wir alle unsere Leben leben. T. schon mit Kind, mitten in der Ausbildung und sehr spirituell. S. am Ende ihres Studiums, in einer neu gefundenen WG und auf der Suche nach einem Job, auf den sie wirklich Lust hat, und einem Plan für’s Leben. Ich auch am Ende meines Studiums, aber schon mit Job und einem klaren Plan, wo es hingehen soll. Und G. in den letzten, anstrengenden Zügen seiner Masterthesis, auf der Suche nach einem Praktika, um sich erst mal auszuprobieren und die Arbeitswelt kennenzulernen. Nichtsdestotrotz sind wir alle jung, nicht so wirklich monogam, lieben das Leben und hatten einen spaßigen Abend zusammen.

Irgendwann gesellten sich noch drei meiner Mitbewohnerinnen dazu. Die Mädels machten es sich auf meinem Bett bequem und fügten sich gut in die Gruppe ein. Wir tranken alle unheimlich viel Bier. Redeten über schlüpfrige und nicht-schlüpfrige Themen. S. blieb sogar über Nacht, weil es so spät wurde und sie sich nicht mehr auf den Heimweg machen wollte. Mir wurde wieder einmal klar, dass ich ein größeres Bett brauche. Die Nächte, in denen irgendwer auf einer semi-bequemen Klappmatratze schlafen muss, häufen sind. Während ich das schreibe, kann ich S.‘ Stimme in meinem Kopf hören, wie sich halb ironisch, halb stolz hervorhebt, dass ihr Bett 20cm breiter ist als meines. Und ein Lächeln huscht bei diesem Gedanken über mein Gesicht.

Am Freitag fiel mir auf, dass wir einen kompletten Kasten getrunken hatten, und ich hatte einen Kater. G. und ich trafen uns nachmittags, um gemeinsam shoppen zu gehen. Für sein bevorstehendes Berufsleben braucht er Kleider, die er nie besessen hat, und eine neue Brille braucht er auch. Eine Brille haben wir gefunden, und er sieht unheimlich sexy damit aus. Ich freue mich schon, wenn wir sie in einer Woche beim Optiker abholen können. Abends gingen wir in einem veganen Restaurant eine Kleinigkeit essen und trafen danach zwei meiner Mitbewohnerinnen für eine kleine Kneipentour. Bis wir daheim waren, war ich schon wieder betrunken und es war schon wieder ziemlich spät.

Also hatte ich auch am Samstag einen kleinen Kater. Vormittags fuhren G. und ich bei meinen Eltern vorbei, um meine Sommerreifen gegen Winterreifen auszuwechseln. Nachmittags traf ich mich mit meiner Exfreundin J. Ich hatte ihr zu ihrem Geburtstag einen nachhaltigen Shoppingbummel geschenkt. Wir trafen uns auf einen Kaffee beim Unverpacktladen,  und klapperten danach noch zwei Second Hand Läden und eine Boutique mit fairer Mode ab. Irgendwo machten wir noch eine Kaffeepause, wo es überraschenderweise sogar veganen Kuchen gab. Wir hatten Spaß, redet viel über Männer und Beziehungen und sowas. Auch wenn ich keine Gefühle mehr für J. habe, hab ich sie immer noch unheimlich gern. Ich fühle mich wohl in ihrer Gegenwart, aber insbesondere mag ich es, wie sie mich fordert. Da in meiner Umgebung ein Großteil der Leute jünger sind als ich, ist es wirklich erfrischend, sich auch hin und wieder mit jemandem wie J. zu treffen, die ein paar Jahre älter ist als ich.

J. ist in einer festen Beziehung mit einem Mann in ihrem Alter und hat von Beginn an kommuniziert, dass sie die Beziehung irgendwann öffnen möchte. J. liebt Sex, sie liebt das Abenteuer, sie liebt sich selbst, wenn sie mit neuen Menschen in Kontakt kommen kann, und sie fühlt sich wohl, wenn sie nicht angekettet ist. Sie knutscht gern, reizt gern, und halleluja, Reize versprüht sie im Übermaß. J. ist eine richtige Frau. Mit Kurven, bei denen mir die Tränen kommen, sinnlichen Lippen, funkelblauen, durchdringenden Augen, die selbstbewusste Blicke in die Welt feuern. Sie kleidet sich sehr feminin und spielt gerne mit ihren Reizen.

Ihr Freund hat große Probleme mit ihrem Wunsch nach einer offenen Beziehung. Er ist ein sehr eifersüchtiger Mann, und hat das typische Gedankenkonstrukt der Monogamie noch lange nicht verlassen. Auch wenn die zwei sich abgöttisch lieben und ich keine Zweifel an der Leidenschaft habe, die zwischen den beiden brennt, sind sie sehr unterschiedliche Menschen und haben daher ein paar Themen, an denen sie gemeinsam arbeiten müssen. Und das tun sie. Schön war für mich zu hören, dass J. das Lesen dieses Blogs geholfen hat, Eifersucht besser zu verstehen und weitergehend auch, die schwierigen Gespräche zu dem Thema mit ihrem Freund zu führen. Das hat mich so unglaublich gefreut. Ich habe diesen Blog aus rein egoistischen Gründen angefangen zu schreiben. Einfach, weil es mir Spaß macht, die Geschichten irgendwo festzuhalten. Weil ich mich über die Kommentare freue, und meine Einträge teilweise die Grundlage für neue Gespräche bilden. Aber wie wunderbar ist es erst, wenn diese un-durchdachten, rohen Eindrücke meines Lebens anderen weiterhelfen könnten? Oder inspirieren? Oder einfach den Horizont erweitern? Auf jeden Fall war ich sehr geschmeichelt.

Da J. an ihrem Geburtstag den Wunsch geäußert hatte, mal etwas mit mir und meinen Partnern zu unternehmen, trafen wir uns abends bei mir. G. hatte am Nachmittag Sushi für uns gemacht. Ganze vier Stunden stand der Held in der Küche und kreierte göttliche Sushi. Wir tranken ein Weinchen und redeten ziemlich schnell über sexy Sachen. Nach dem Essen flätzten wir Mädels uns auf mein Bett. Ich trug ein neues Kleid, das ich mir an dem Tag in der fairen Boutique gekauft hatte, und ich fühlte mich wunderschön. Und dann lag J. vor mir. Im Rock, Strümpfen und einem Oberteil, dass sie am selben Tag gekauft hatte, das ihr teuflisch gut stand. Und neben mir S. Mit ihren dunklen, kurzen Haaren, ihrer androgynen Art, ihren küssbaren Lippen, ihren dunklen Augen. Sie trug einen wunderschönen, weinroten Blazer und eine weite Jeans. Zwei Frauen, so unterschiedlich, und auf ihre Weise so sinnlich und erotisch und attraktiv.

Irgendwann war J. sehr betrunken und ich rief ihr ein Taxi, brachte sie hinunter zum Auto und verabschiedete mich liebevoll.

Oben machten S., G. und ich uns noch ein Bier auf. Und dann wurde es interessant. S. erzählte mir, dass sie vor mir Angst hätte (wobei sie das sicherlich nicht so wörtlich meinte, wie sie es sagte), und sich daher in meiner Anwesenheit unsicher fühlen würde. Deswegen benehme sie sich manchmal etwas schräg und wäre gar nicht richtig sie selbst. Sie hätte zudem Angst, etwas falsch zu machen. Ich versuchte, ihr ihre Angst zu nehmen. Man kann nicht immer auf jeden Rücksicht nehmen. Manchmal muss man sich auch darauf verlassen können, dass die Menschen um einen herum die Mund aufmachen, wenn sie etwas nicht in Ordnung finden, oder andere Wünsche und Vorstellungen haben. Und da ich nun wirklich niemand bin, dem es schwer fällt, die eigene Meinung zu äußern, solle sie einfach tun, wozu sie Lust hätte und was sich für sie selbst gut anfühlen würde.

Im Zuge dessen, fand S. heraus, dass ich entgegen ihrer Vermutung gerne allen sexuellen Begegnungen die Zügel loslassen würde. Mein Problem ist nur, dass ich das bei Männern nicht kann. Das Urvertrauen, dass ich Frauen gegenüber fühle, habe ich Männern gegenüber nicht. Männern misstraue ich, ich stelle ständig deren Kompetenz infrage, ich erwarte von ihnen nie das beste. Und deswegen kann ich mich beim Sex mit Männern nur dann fallen lassen, wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle zu haben. Hinzu kommt, dass es da schon die ein oder andere Situation gab, in der ein Mann zu beim Sex zu weit gegangen ist und ich nicht sofort in der Lage war, mich verbal zu wehren. Ich schätze, mit meinem Misstrauen gegenüber Männern könnte ich einige Monate Therapie füllen, wenn ich das wöllte.

Dennoch weiß ich, dass es mich reizt, nicht dominant sein zu müssen. Aus genau dem Grund: Dass ich sonst fast zu jeder Zeit in meinem Leben das Gefühl habe, dominant sein zu müssen, um das zu bekommen, was ich will. Das Gefühl, beim Sex dominiert zu werden, in dem Wissen, dass einem genau das geschehen wird, was man sich wünscht, ist der Wahnsinn. Ich hatte so eine Situation bisher nur wenige male in meinem Leben. Aber alle diese Episoden sind in mein Hirn gebrannt und können nicht vergessen werden. Ich habe die Hoffnung, dass ich dieses Gefühl wieder bekommen könnte, wenn ich eine Frau finden würde, die mich gut genug kennt, um mich auf eine subtile, gewaltfreie, tieferotische Weise zu dominieren.

Als S. am Samstag all das herausfand, küssten wir uns, wie nie zuvor. Allein beim Gedanken an dieses Feuerwerk zwischen unseren Lippen bekomme ich Gänsehaut und mein Herz schlägt schneller. S. nahm sich, was sie wollte. So, wie ich es wollte. Ich ließ sie mit mir spielen. Ich hatte Angst und fühlte mich geborgen und verstanden. Und ich war so geil. Immer wieder warf sie mir dunkle Blicke zu, die sich in meine Seele bohrten. Sie zog mich zu sich heran, griff mir ins Haar, biss mir in die Lippe. Lächelte mich an.

Ich weiß nicht, wie lange wir da auf meinem Sofa saßen und uns küssten, während G. nicht wusste, was er in dem Moment tun sollte. Ich vergas alles. Verlor jedes Zeitgefühl. Fühlte nur noch sie und mich. Es war Wahnsinn. Sie gab mir die Droge, nach der ich schon lange süchtig bin.

Und dann war sie weg. Sie wollte noch feiern gehen. Wenn ich nicht so müde und so betrunken gewesen wäre, hätte ich das wohl ziemlich blöd gefunden. Ich hätte mich verlassen gefühlt. Und das, obwohl G. ja immer noch da war. Aber ich war aufgekratzt, durch den Wind.

Das Gefühl hielt noch den kompletten Sonntag an. Ich hatte wieder einen Kater. G. und ich verbrachten den Tag zusammen, gingen spazieren und italienisch essen und ins Kino. Aber meine Gedanken kreisten immer wieder um S.

Da war etwas zwischen S. und mir passiert, das alles ändert. Bisher hatte ich S. als interessant und attraktiv wahrgenommen. Doch jetzt will ich Sex. Ich will das Spiel, ich will ihre Haut, ich will ihre Küsse, ich will sie. Ich will, dass sie mich will.

G. macht diese Entwicklung Angst. Er ist nicht eifersüchtig, sondern gönnt mir meine Gefühle voll und ganz. Aber er hat Angst, dass das Auswirkungen auf unsere Beziehung haben könnte. Er weiß aber auch, dass diese Angst rational keinen Sinn macht, und er denkt, dass er einfach immer noch nicht alle der antrainierten monogamen Theorien abgelegt hat. Ich kann ihn nachvollziehen. Ich habe ihm erklärt, dass wir, sollten wir irgendwann miteinander Schluss machen, dies aus denselben Gründen tun werden, wie alle monogamen Pärchen auch. Weil wir uns auseinander gelebt haben, weil wir in verschiedenen Städte wohnen, weil wir uns nicht mehr lieben, weil wir Probleme haben, die wir nicht lösen können. Dieses Wissen macht die Angst allerdings nicht weniger und das weiß ich. Zur Liebe gehört immer auch ein bisschen Optimismus.

Am Samstag werde ich S. wiedersehen. Mein Kopfkino läuft seit vorgestern auf Hochtouren. Wir werden auf die Party ihres Mitbewohners gehen. Ich will tanzen, knutschen, Menschen provozieren. Ich will Bier trinken, ihren kleinen Po berühren, ihre Wange an meiner Wange spüren. Ich will an sie gezogen werden, gegen Wände gedrückt werden, mit dunklen Blicken unsicher gemacht werden. Ich will lächeln und angelächelt werden, als hätten wir einen gemeinsamen Plan und könnten unsere Gedanken lesen.

Ich wollte schon lange nichts mehr. Und ich bin so froh, dass ich wieder will. Dafür danke ich der Polyamorie, der LGBTQI-Community, J. (weil sie die erste war) und G. (weil er großzügig und wundervoll ist) und ich danke S., weil sie die Droge verkörpert, nach der ich mich sehnte und die ich wiederentdeckt habe.

Eure Clara

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Toll geschrieben. Man kann sich gut in Dich hineinversetzen, soweit das möglich ist. Tolle Gefühle.

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  2. Avatar von Permanenteliebe Permanenteliebe sagt:

    Das nicht dominant sein wollen spricht mir an Gefühlen aus dem Herzen. Sie soll mich im Griff haben und tun was ich tief in mir will ob ich es weiß oder nicht…wie aufregend …

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    1. Danke für deinen Kommentar! Bin erst jetzt zum Beantworten gekommen. Es freut mich, dass du dich in dem Text wiedererkannt hast!

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  3. Avatar von sircumalot9in sircumalot9in sagt:

    Hat dies auf sircumalot9in's Blog rebloggt.

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