Hierarchie & Macht

Anmerkung: Da es aktuell zwei Menschen mit L. in meinem Leben gibt und ich in den letzten Blogartikeln ja schon viel über L. (männlich) geschrieben habe und heute gerne über L. (weiblich) schreiben möchte, habe ich mich entschieden, zur besseren Unterscheidung auf das Kürzel Ls. für meine Freundin auszuweichen. Mit L. ist also weiterhin mein Liebhaber aus den letzten Blogartikeln gemeint. Ls. ist meine Freundin, über die ich heute schreiben möchte.

Ls. und ich lernten uns im November 2021 über okcupid kennen. Zum ersten Date besuchte sie mich und G. bei uns in der damaligen Wohnung. Wir aßen zusammen, tranken Wein, quatschten lange. Leider kam es danach zu keinem zweiten Date, weil Ls.‘ Leben gerade zu busy und voll war und irgendwie die Kapazität für mich nicht da war.

9 Monate später meldete sie sich wieder bei mir und fragte nach, ob ich noch Interesse an einem zweiten Date hätte. Sie würde sich gerne nochmal mit mir treffen, allerdings lieber ohne G.

Im August 2022 trafen wir uns also zum Picknicken im Park. Sie hatte Wein eingepackt, ich verschiedene Snacks. Es war ein wunderschöner Sommertag. Wir breiteten die Picknickdecke aus und unterhielten uns lange und gut. Ich war mir während des Dates lange nicht sicher, ob und wie sehr ich sie sexuell bzw. romantisch interessant und attraktiv finde oder ob ich ein rein platonisches Interesse habe. Aber ich fand sie super sympathisch und es machte Spaß sich mit ihr zu unterhalten.

Ziemlich spät lagen wir auf dem Bauch nebeneinander auf der Decke. Unsere Schultern berührten sich. Wir schauten uns in die Augen. Unsere Gesichter waren sich ganz nah. Ich lehnte mich zu ihr und küsste sie. Und dann war es um mich geschehen.

Mit diesem Kuss auf der Picknickdecke begann eine der schönsten Romanzen, die ich bisher hatte. Wir trafen uns eher selten, weil wir beide sehr volle Terminkalender haben und oftmals einfach erst alle 3-4 Wochen einen passenden freien Termin fanden. Aber unsere ganze Beziehung bestand aus ganz viel Leichtigkeit, sexueller Anziehung, Lust, tiefer Sympathie füreinander, wahnsinnig guten Gesprächen und wunderschönen Erlebnissen.

In den darauffolgenden 10 Monaten hatten wir einige wahnsinnig schöne Dates. Die schönsten vier, an die ich immer wieder denken muss, waren:

  • Das Picknickdate, als wir später noch auf einen Turm kletterten und dort oben im Wind eng umschlungen standen, wild rumknutschten und das erste mal richtig heiß aufeinander wurden
  • Das Kletter-Date: Ls. ist Kletter-Lehrerin und brachte mir und G. in der Kletterhalle ein paar Skills bei. Danach setzten wir G. am Bahnhof ab, fuhren in ein Hotel, das ich gebucht hatte, und verbrachten dort die nächsten Stunden im Wellnessbereich. Wir schwitzten zusammen in der Sauna, schwebten durch den Pool und hatten später wahnsinnig schönen Sex im Hotelzimmer.
  • Das Badewannen-Date: Ls. kam zum Abendessen bei mir daheim vorbei. Nach dem Essen ließen wir uns eine heiße Badewanne ein, zogen uns aus und saßen zusammen in der Badewanne, bis das Wasser kalt wurde. Vollkommen schrumplig kuschelten wir uns danach miteinander ins Bett und vernaschten uns.
  • Das Camping-Date: Zu diesem Zeitpunkt wohnten G. und ich schon bei meinen Eltern und Ls. und ich hatten keinen Platz, an dem wir uns mit Privatsphäre treffen konnten. Also suchten wir einen schönen Wohnmobilstellplatz raus. Ls. fuhr mit ihrem VW-Bus dorthin und ich mit dem Dienstwagen meines Unternehmens. Witzigerweise ist das ein schwarzer Porsche, sodass ich mit meinem fetten Porsche neben ihrem VW-Bus parkte und bei ihr einstieg. Das fanden wir ziemlich witzig. Wir picknickten auf der Wiese nahe des Stellplatzes, schauten den Sonnenuntergang miteinander an, und kuschelten uns dann miteinander in Ls.‘ Bus.

Ich fühlte mich in dieser Zeit ein bisschen verknallt in Ls., aber stärkere Gefühle entwickelten sich nicht. Die fehlende Regelmäßigkeit unserer Treffen verhinderte, dass das noch enger und tiefer wurde zwischen uns.

Ich wünschte mir die ganze Zeit, dass wir uns öfter sehen, aber irgendwie war das nie möglich. Nichtsdestotrotz genoss ich unsere Beziehung sehr und sie gab mir ganz viel.

Den ersten kleinen Bruch gab es, als ich Ls. zu meiner Hochzeit einlud und sie sich entschied, nicht zu kommen. Darüber war ich unheimlich traurig und enttäuscht – auch, weil ich es nicht ganz nachvollziehen konnte. Als Grund nannte sie, dass sie mit Freunden schon zu einem Kletterurlaub verabredet gewesen war, als die Einladung kam. Faktisch hätte sie zu dem Urlaub aber einfach 2 Tage später dazustoßen können, wenn ihr meine Hochzeit wichtig gewesen wäre.

Der zweite, große Bruch entstand dann aber im Juni/Juli 2023. Während des besagten Kletterurlaubs hatten Ls. und ihr Mann P. erfolgreich versucht, schwanger zu werden. Sie erzählten uns das kurz danach, als wir alle vier zusammen beim Italiener Abendessen waren.

Ich war davon alles andere als begeistert, weil ich nicht wollte, dass sich die Beziehung zwischen mit Ls. veränderte. Ich fand das so schön, was wir miteinander hatten. Und Kinder verändern leider alles.

Richtig fies wurde es allerdings, als Ls. und P. sich dann entschieden, ihre Safer Sex Regeln anzupassen. Auf einem Date mit Ls. eröffnete sie mir, dass sie ab sofort nur noch miteinander Sex und Oralsex haben würden und mit ihren sonstigen Partner*innen nur noch kuscheln, streicheln und fingern würden.

Das brachte eine Hierarchie und ein Machtgefälle in unser Polynetzwerk, die vorher nicht dagewesen waren. Oder die ich vorher so nicht wahrgenommen und gespürt habe. Ich wurde vor dieser Entscheidung nicht gefragt, wie sich das für mich anfühlen würde. Ob ich damit okay wäre. Welche Gedanken ich dazu hätte. Es wurde einfach entschieden. Über meinen Kopf hinweg. Ohne daran zu denken, dass ich von der Entscheidung betroffen sein würde.

Und das fühlte sich richtig, richtig mies an. Ich fühlte mich sehr machtlos, fühlte mich nicht einbezogen, fühlte mich plötzlich ganz klein im Vergleich zu deren Beziehung.

Natürlich verstand ich auf der rationalen Ebene alle Erklärungen, die zu der Entscheidung der beiden geführt hatten. Aber an meinen Gefühlen änderte das gar nichts. Weil die ganze Kommunikation mit mir für mich nicht stimmig gewesen war.

Plötzlich bekam ich ganz konkret zu spüren, dass Ls. und P. deren Beziehung so stark priorisieren, dass sie sie über alles andere stellen. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, Ansprüche stellen zu können. Und fühlte mich daher auch nicht mehr sicher in der Beziehung mit Ls.

Also distanzierte ich mich emotional. Ich meldete mich kaum noch. Kümmerte mich nicht mehr darum, dass wir uns trafen. Reduzierte die Kommunikation. Machte mich in unseren Gesprächen mit mehr so verletzbar. War weniger ehrlich. Gab weniger Feedback. Ich baute eine Mauer.

Unsere Treffen verloren ihre Leichtigkeit. Meine Vorsicht gegenüber Ls. und mein verlorenes Vertrauen veränderten unseren Umgang komplett.

Erst im November 2023 erzählte ich Ls. während eines Saunabesuchs, wie ich die Entscheidung damals erlebt hatte und wie sehr mich das Verhalten verletzt hatte. Aber selbst da war ich noch nicht in der Lage, alles in Worte zu fassen, was in mir vorging. Die Unterhaltung war dennoch ein erster kleiner Schritt zurück in ihre Richtung. Wir kommunizierten wieder mehr und regelmäßiger miteinander und ich baute einen Teil des Vertrauens wieder auf.

Im Dezember hatten wir nochmal ein schönes Date bei ihr daheim. Ihr Bauch hatte sich inzwischen zu einer massiven Kugel geformt. Auf dem Date kamen wir uns auch körperlich wieder etwas näher. Sex hatten wir keinen, aber wir kuschelten lange und gaben uns wahnsinnig sinnlichen Küssen hin.

Einmal war ich noch nachmittags nach einem Krankenhaus-Termin bei ihr zum Kaffee trinken. Ich war später noch mit L. verabredet, der nur wenige Straßen von ihr entfernt wohnt. Sie machte mir einen leckeren Hafer-Cappuccino und küsste mich später viele male auf meine Wangen zum Abschied, während sie mir viel Spaß auf meinem anstehenden Date mit L. wünschte.

Gestern hatte ich dann einen weiteren Termin im Krankenhaus, bei dem mir leider sehr schlechte Nachrichten überbracht wurden. Ich war so geschockt, dass ich überhaupt nichts mehr fühlte. Wir waren später verabredet, weil mein Krankenhaus nur wenige Gehminuten von ihrem Haus entfernt liegt. Ich war aber so überfordert mit allem, dass ich sie erstmal nicht sehen wollte. Also gab ich ihr Bescheid, dass ich mich später melden würde, und spazierte erstmal alleine durch die Stadt. Ich trank in einem Café einen Pfefferminztee und aß Apfelkuchen mit Sahne.

Ich hatte eine riesige Sehnsucht danach, L. zu sehen und mich von ihm umarmen zu lassen. Ich schrieb also auch L. und fragte nach, ob er in der Stadt war und Zeit für mich hätte. Er schrieb zurück, dass ich auf einer Exkursion war und erst gegen 20 Uhr zurück sein würde. Aber dass er sich auch gerne später noch spontan mit mir treffen würde, wenn ich das möchte.

Also lief ich erstmal doch zu Ls. und ließ mir von ihr einen Kräutertee kochen. Wir setzten uns zu ihr aufs Sofa und ich erzählte unter Tränen, welche Nachrichten die Ärztin mir überbracht hatte. Sie umarmte mich, schmiegte ihren warmen Bauch an meine Seite und streichelte meine Oberarme und meinen Kopf.

Als wir Hunger bekamen, holten wir uns bei einem Vietnamesen um die Ecke eine Pho und gebratene Reisnudeln. Dann bat ich Ls. mir in aller Ausführlichkeit zu erzählen, warum die Beziehung zwischen ihrem Mann P. und deren Freundin M. rund um Weihnachten und Silvester in die Brüche ging. Sie hatte mir hierzu schon ein paar Nachrichten geschickt, aber die ganze Story kannte ich nicht.

Über diese Story könnte man einen eigenen Blogartikel schreiben – was ich natürlich nicht mache, denn darin geht es nicht um mich. Grundsätzlich war das Problem der Freundin aber irgendwann, dass auch sie die Hierarchie zwischen Ls.‘ und P.s Beziehung im Vergleich zur Beziehung zwischen ihr und P. spürte. Sie wünschte sich mehr Commitment von P. Der wollte das nicht geben und verfehlte gleichzeitig, das ordentlich zu kommunizieren bzw. überhaupt ins Gespräch zu gehen, um über Bedürfnisse und Erwartungen zu reden. Deswegen wurde das ganze schnell dramatisch und böse und ging dann in die Brüche.

Während Ls. mir das alles erzählte, hatte ich viele widersprüchliche Gedanken und Gefühle. Auf der einen Seite tat es mir natürlich Leid, dass das für P. zu Ende ging und das Drama auch für Ls. anstrengend war und sie in das Ganze hineingezogen wurde. Aber gleichzeitig wusste ich ganz genau, wie sie M. in der Situation mit P. gefühlten haben musste. Wenn andere mehr Macht haben, ist das nur schwer aushaltbar.

Das sagte ich auch Ls. und brachte so das Gespräch nochmal auf den Bruch vom letzten Sommer. Ich beschrieb ihr, wie machtlos ich mich damals gefühlt hatte. Wie sehr mich das verletzt hatte, dass ohne jegliches Nachfragen und Einbeziehen über meinen Kopf hinweg entschieden wurde.

Die ganzen angestauten Gefühle von damals kamen nochmal hoch und ich fing bitterlich an zu weinen. Ls. fragte mich, ob sie mich in den Arm nehmen dürfte, und ich nickte. Sie legte ihre Arme um mich und zog mich an ihre Schulter.

Sie entschuldigte sich für ihr Verhalten und ich hatte das Gefühl, dass es ihr ehrlich Leid tat, dass sie damals nicht besser auf meine Gefühle geachtet hatte. Sie war ehrlich betroffen davon.

Mir tat es sehr gut, ihre Empathie zu spüren und das endlich ausgesprochen zu haben. Und gleichzeitig ist für mich auch klar geworden, wo die Grenzen der Beziehung mit Ls. liegen.

G. und ich können uns durchaus vorstellen, auch eine gleichwertige, gleich committete Beziehung zu führen neben unserer. Für Ls. und P. ist das nicht der Fall. Sie fühlen sich nur mit einer hierarchischen Beziehungskonstellation wohl, in der ihre Beziehung die oberste Priorität hat.

Eigentlich wollte ich Anfang diesen Jahres mit Ls. darüber reden, dass ich mir von ihr mehr Commitment und Regelmäßigkeit wünsche. Dass ich sie gerne öfter sehen möchte und ein festerer Bestandteil ihres Lebens sein möchte.

Nach dem gestrigen Abend habe ich entschieden, dass ich das sein lasse. Ich glaube nicht daran, dass die Möglichkeit dazu besteht, weil es nicht das ist, was Ls. und P. wollen.

Ich habe jetzt zwei Möglichkeiten, damit um zu gehen: Entweder fühle ich mich traurig und bin enttäuscht darüber, dass sich die Dinge nicht so entwickeln, wie ich sie am liebsten hätte. In diesem Fall könnte ich das mit Ls. beenden, weil es nicht ganz dem entspricht, was ich mir wünsche. Oder ich kann akzeptieren, dass es diese Grenzen gibt, und wertschätzen, was wir innerhalb dieses Rahmens miteinander haben. Nämlich eine schöne Freundschaft und eine große Sympathie füreinander.

Ich will mich für letzteres entscheiden. Und trotzdem trauere ich gerade noch um die entgangene Chance, dass mehr daraus hätte werden können. Wahrscheinlich braucht das auch noch etwas Zeit, bis ich darüber hinweg bin. Aber ich bin froh um die neu gefundene Klarheit.

Gestern Abend holte mich dann noch L. bei Ls. ab und wir spazierten zusammen zum Bahnhof. Ich hatte ihm dann noch geschrieben und er war spontan auf sein Fahrrad gestiegen und her geradelt. Ich fühlte mich ganz kribbelig, als er mich zur Begrüßung umarmte und mich aus seinen blauen Augen anlächelte.

Ls. lehnte sich oben aus dem Fenster, weil sie neugierig auf L. war und natürlich sehen wollte, wie er aussah. Sie warf mich noch Luftküsse entgegen und verabschiedete sich von dort. Ich fasste nach L.s Arm und hakte mich bei ihm unter, als wir losliefen Richtung Bahnhof.

Unterwegs erzählte ich L. von meiner Diagnose. Er war natürlich geschockt, aber dankbar, dass ich ihm alles erzählte. Wir verbrachten nur etwa eine halbe Stunde miteinander, bevor ich in meinen Zug stieg. Aber es war schön, ihn noch kurz zu sehen.

Er erzählte mir, dass er noch viele Male an unser Traumdate vom Wochenende denken musste. Und dass er zwar eigentlich gerade mitten im Klausuren-Vorbereitungs-Lern-Stress wäre, aber auch merkt, dass er mich in sein Zeitmanagement einbeziehen und Zeit für Dates mit mir schaffen will.

Diese Art von Commitment habe ich von Ls. nie bekommen. Und sie fühlt sich ganz wundervoll an.

Ich bin sehr gespannt, wie sie das mit L. noch entwickeln wird. Ich werde es euch auf jeden Fall erzählen. Wenn ihr möchtet.

Eure Clara

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Liebe Clara,

    ich weiß aus eigener Erfahrung, wie der Moment ist, wenn man eine Diagnose erhält, die einen schockt. Ich hoffe, du wirst gut aufgefangen und findest schnell einen Weg, mit der neuen Realität umzugehen.

    Die Geschichte mit L.s scheint eine ziemliche emotionale Achterbahnfahrt zu sein. Wenn das Baby da ist, wird sich wahrscheinlich wieder einiges ändern, vielleicht tut emotionaler Abstand gerade gut. Auch da wird sich, gerade wenn das Baby da ist, eine neue Realität formen. Ich bin gespannt, wie sie aussehen wird – und interessiert daran, wie es bei euch weitergeht.

    Liebe Grüße

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    1. Hallo und danke für deinen Kommentar! Freue mich immer, wenn du etwas kommentierst, auch weil ich weiß, dass du meinen Blog echt schön lange folgst 😊

      Danke für die mitfühlenden Worte. Ich hab es gut verarbeiten können und blicke wieder mit Zuversicht auf alles.

      Ja, emotionale Achterbahnfahrt trifft es ganz gut. Und du könntest Recht damit behalten, dass etwas Distanz gerade der gesündere Weg ist. Weil schreiben jetzt wieder mein Outlet geworden ist, werde ich sicher auch im Blog berichten, wie es da weitergeht.

      Bist du auch in einer Poly-Beziehung und liest meinen Blog deswegen so aufmerksam? Oder hat das andere Gründe?

      Liebe Grüße, Clara

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      1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

        Es freut mich, dass du mit Zuversicht in die Zukunft schaust. 🙂

        Ich bin in einer klassisch monogamen Beziehung, finde es aber wahnsinnig spannend, wie Menschen sich in Polybeziehungen/offenen Beziehungen fühlen, welche Dynamiken sich entwickeln, wie sie damit umgehen.

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