Am Mittwoch war ich mit L. verabredet. Da ich aktuell ja immer noch bei meinen Eltern wohne (nur noch 4 Wochen, dann ist unser Haus fertig und wir können einziehen – juhu!), haben wir gerade nicht so viele Orte, wo wir auch die Nacht zusammen verbringen können. Letzte Woche schickte dann aber meine Schwester ein Foto ihres neu eingerichteten Gästezimmers in die Familiengruppe – und ich dachte sofort: Schicksal! Ich fragte sie, ob L. und ich die Nacht im Gästezimmer verbringen dürfen. Da das für sie wahrscheinlich eh schon eine ungewohnte Situation ist, schlug ich vor, dass wir es auch beim Kuscheln belassen würden. Sie sagte zu. Wir freuten uns also beide auf ein Date mit viel Zeit und einer ganzen Nacht voller Kuscheleinheiten.
Und dann kam alles anders.
L. schrieb mir morgens eine Nachricht, dass seine Freundin A. ihr Veto-Recht einsetzen wollte und er gerade nicht wüsste, ob er auf das Date kommen kann. Und dass die zwei sich nachmittags um 16 Uhr nochmal unterhalten würden und er sich dann bei mir meldet, was jetzt Sache sei. Verabredet waren wir eigentlich für 18 Uhr.
Gegen 17 Uhr schrieb er mir kurz, dass das Date stattfinden kann und er eben dann am späten Abend zurück zu A. fahren würde. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon maximal genervt davon, abhängig von A.’s Launen zu sein, machtlos da sitzen zu müssen und darauf hoffen zu müssen, dass ich L. noch sehen darf, und ich spürte, wie ich mich plötzlich unsicher in Bezug auf L. fühlte.
Ich stieg schon etwas früher in den Bus und setzte mich noch eine halbe Stunde alleine in die Bar, in der wir uns treffen wollten. Ich brauchte die Zeit, um mich mal kurz mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Außerdem hatte ich einen sehr anstrengenden Arbeitstag hinter mehr und brauchte die Verschnaufpause und einen Moscow Mule.
Als L. dann in der Bar auftauchte, blieb ich distanziert. Ich umarmte ihn zwar zur Begrüßung, aber blieb ansonsten vorsichtig. Ich wollte jetzt erst mal wissen, was eigentlich los war.
L. erzählte mir, dass A. am Dienstagabend völlig mit den Nerven am Ende gewesen wäre, weil sie eine enorme Belastung auf der Arbeit hat und deswegen nicht wollte, dass er dann auch noch unterwegs ist. Daher hätte sie ihr Veto-Recht eingesetzt und ihn darum gebeten, nicht auf das Date mit mir zu gehen. L. hat sich darüber ziemlich geärgert und war sehr traurig, dass unser Date nicht stattfinden würde, aber wollte sich gleichzeitig auch an die Regeln mit A. halten. Bis am nächsten Morgen hatte sie sich etwas beruhigt und ihre Forderung darauf reduziert, dass er zwar auf das Date gehen konnte, aber eben nicht über Nacht bei mir bleiben sollte.
Er erzählte ziemlich lange und ausführlich, was genau die beiden miteinander besprochen haben und wie er sich dabei fühlte. Und ich blieb erst mal reserviert und sagte nichts.
Bis er mich irgendwann endlich fragte, wie sich das ganze für mich anfühlt. Ich sagte ihm, dass ich sofort gespürt habe, wie bei mir die Schutzmauern hochgegangen sind. Wie ich zwar ihm traue, aber A. nicht. Dass das sicherlich auch daran liegt, dass ich A. nicht gut kenne und sie daher auch nicht einschätzen kann.
Dass die vielen Themen, die in der Beziehung von L. und A. erst noch geklärt werden müssen, für mich zu einer großen Unsicherheit führen, weil sie eben auch mich betreffen. Dass ich Angst habe, verletzt zu werden. Dass ich Angst habe, dass die Art von Beziehung, die L. und ich miteinander führen, für A. gar nicht okay ist.
Ich machte L. klar, dass er diese Themen dringend mit ihr klären muss. A. muss wissen, dass wir keine einfach Affäre mehr sind, sondern uns verlieben, echt Gefühle entwickeln, uns wichtig sind, und quasi eine Beziehung miteinander führen. A. muss wissen, dass ihre Entscheidungen auch auf mich Auswirkungen haben. Und L. soll nochmal klären, ob die Polyamorie für A. wirklich in Ordnung ist. Außerdem müssen die beiden ihre Regeln besprechen. Ich forderte, dass über Veto-Rechte ordentlich nachgedacht wird. Dass sie als „Last Resort“ gesehen werden, wenn es gar nicht anders geht. Aber eben nur im Krisenfall. Dass so ein Recht nicht inflationär eingesetzt werden darf. Und dass A. dringend an ihren persönlichen Themen arbeiten muss: An ihrem Selbstwertgefühl, an Methoden, wie sie mit Stress und negativen Emotionen auch ohne L. fertig wird, an ihrer Unabhängigkeit.
L. gab mir in allem Recht und gab mir die Rückversicherung, dass er es mit mir wirklich ernst meint. Dass er diese Themen baldmöglichst klären will, sobald seine Klausuren geschafft sind. Und dass er dasselbe will, denn auch für ihn bedeutet es eine große Unsicherheit und auch er kann verletzt werden, solange diese Themen unklar bleiben.
Ich hatte das Gefühl, dass es L. super nahe ging, wie sehr mich A.’s Verhalten mitgenommen hatte. Und ich hatte das Gefühl, dass er alles ernst nahm, was ich sagte, und mich verstand.
Ich nahm daher dann doch irgendwann seine Hand, baute meine Schutzmauern zumindest zum Teil ab, und lächelte ihn an. Ich stand von meinem Barhocker auf, trat neben ihn und holte mir eine lange, wohltuende Umarmung.
Nach dem Gespräch fühlte es sich an, als wären wir da zusammen im Boot. Als wäre es nicht mein Problem, sondern unser Problem. Das zwar er lösen muss, aber wir uns dasselbe wünschen und beide verletzt werden können, wenn es nicht hinhaut. Das fühlte sich gut an.
Nebenher hatte ich noch ein Glas Wein getrunken und wir waren in eine Pizzeria gewechselt, wo ich nochmal ein Glas Wein bestellt hatte, sodass ich beschwipst war und meine Gefühle nicht mehr so richtig fühlte. Ich war eher im Alkoholrauch angekommen, flirtete mit L. und wir hatten echt noch ein schönes Date miteinander. Am Ende des Abends setzte er mich daheim ab und fuhr dann zurück zu A.
Leider schlief ich in der Nacht danach katastrophal. Ich wachte nachts um 3.30 Uhr auf – mit einem riesigen Kloß im Hals und tausend Gefühlen in der Brust. Mein Körper vibrierte vor Nervosität und Emotionen, sodass an weiterschlafen erst mal nicht zu denken war. Irgendwann stand ich daher auf, ging runter in die Küche, kochte mir einen Salbei-Tee und fing an, in mein Tagebuch zu schreiben. Ich schrieb mir alles von der Seele, was mir gerade durch den Kopf ging und was ich fühlte. Der Text liegt gerade neben mir und ist einfach wirr und emotional. Danach ging es mir aber besser und ich war auch wieder so müde, dass ich mich zurück in mein Bett legen und weiterschlafen konnte.
Am Morgen hatte mein Unterbewusstsein anscheinend vieles weiterverarbeitet, denn ich wachte mit einem tiefen Gefühl der Traurigkeit auf. Ich war richtig traurig über das Date, das nicht wie geplant stattgefunden hatte. Und darüber, dass diese Leichtigkeit mit L. weg war. Und dass es sich plötzlich schwierig anfühlte. Ich war richtig down.
Ich kämpfte mich mit dieser schlechten Stimmung (und einem leichten Kater, der es nicht besser machte) durch meinen Arbeitstag. Gegen 15 Uhr war ich so fix und alle, dass ich meine Sachen packte und ging. Ich radelte heim, packte das Auto voll und fuhr los Richtung Allgäu, wo ich die nächsten zwei Wochen verbringen würde. Die Fahrt fühlte sich an wie eine Flucht. Weg von allem – und zwar so schnell wie möglich.
Im Auto dachte ich viel über alles nach. Ich merkte, wie emotional distanziert ich mich von L. fühlte und war auch darüber traurig. Das wollte ich so nicht. Ich wollte ja weiter verliebt und verknallt und hoffnungsvoll sein. Aber mein Unterbewusstsein hatte die Mauern da schon aufgebaut. Ich fühlte so viel negatives in Bezug auf die Situation mit L., dass ich nicht mal das Lied, das ich mit ihm verbinde (https://open.spotify.com/intl-de/track/35G6ARfs8zpQcju7f2UuIU?si=ce6014ec9e26482f), hören konnte. Ich musste weiterschalten.
Doch die Fahrt tat gut. Die Berge zu sehen tat gut. Und die Ruhe, die unsere Ferienwohnung im Allgäu immer schon auf mich ausstrahlte, tat gut. Ich kam runter, sobald ich hier angekommen war. Und ich nahm (zum Glück) wahr, dass wenn ich nicht mehr emotional distanziert sein wollte, ich das nur über die direkte Kommunikation mit L. hinbekommen würde. Nur im Gespräch würde ich es schaffen, die Dinge nicht einfach in mich reinzufressen, sondern mich zu öffnen und neues Vertrauen zu schöpfen.
Also verabredete ich mich mit L. zum telefonieren auf 20 Uhr.
Bis dahin war es noch eine Stunde. Ich nutzte sie, indem ich eine Coaching-Methode für mich nutzte, die ich aus dem Einzelcoaching kenne. Ich habe eine Box mit lauter Karten, auf denen Gefühle stehen. Und ich stellte mir die Frage: Welche Gefühle nehme ich in Bezug auf die aktuelle Situation mit L. wahr?
Am Ende der Übung lagen vor mir 6 positive und 6 negative Gefühlskarten:
- Sympathie
- Sehnsucht
- Verbundenheit
- Sicherheit
- Vertrauen
- Zärtlichkeit
- Unsicherheit
- Vorsicht
- Distanz
- Sorge
- Machtlosigkeit
- Traurigkeit
Die Übung machte mir sichtbar, was in mir vorging. Und warum sich alles so verwirrend anfühlte. Ist ja kein Wunder, wenn man so viel gleichzeitig fühlt.
Für das Telefonat hatte ich keine Agenda. Ich hatte keine Forderungen oder Themen, die ich besprechen wollte. Ich hatte am Vorabend schon alles gesagt, das gesagt werden musste. Ich wollte vor allem die Nähe wieder herstellen. Und ich hoffte einfach, dass uns das gelingen würde.
Ich erzählte L. gleich zu Beginn, was für einen schwierigen und anstrengenden Tag ich hinter mir hatte. Und dann sprach er: Nach unseren Gesprächen beim Date seien ihm mehrere Dinge klar geworden: Erstens, wie stark seine Gefühle für mich inzwischen sind. Und zweitens, dass er die Gespräche mit A. nicht auf die lange Bank schieben kann und will, weil er für sich und mich die Sicherheit möchte und nicht will, dass diese ungeklärten Themen unsere Beziehung belasten.
Also hat er sich A. direkt mittags geschnappt und hat das Gespräch gesucht. Er hat ihr erzählt, welche Gefühle er für mich hat und wie sich unsere Beziehung entwickelt. Wie wichtig ich ihm bin. Dass er sich eine langfristige Zukunft mit mir wünscht und daher auch mit ihr klären will, ob das für sie in Ordnung ist. Und welche Auswirkungen das auf mich hat, wenn er kurzfristig für sie ein Date mit mir absagt. Dass sie ihr Veto-Recht nur in Ausnahmesituationen anwenden soll.
Ausnahmslos alle Themen, über die wir am Vorabend gesprochen hatten, hat er mitgenommen. Das muss ihn einen riesigen Mut gekostet haben, denn er war sich im Voraus unheimlich unsicher gewesen, wie sie reagieren würde.
Zum Glück reagierte sie genau so, wir es uns gewünscht hatten. Sie ist vollkommen d’accord mit der polyamoren Beziehung. Sie freut sich für ihn. Sie sieht ein, dass sie an ihren Themen arbeiten muss. Sie will die Beziehung auch langfristig auf keinen Fall schließen. Und war sich über die Auswirkungen des Veto-Rechts auf mich keinesfalls bewusst und wird in Zukunft mehr abwägen, wann es das wirklich braucht.
Es rief mich also ein total erleichterter und ein bisschen euphorischer L. an, der mich quasi durchs Telefon anstrahlte und mir mit allem, was er sagte, laut entgegenschrie: Hey, wir haben Sicherheit! Wir können das voll genießen und uns fallen lassen! Ich will das mit dir unbedingt! Du bist mir wichtig!
Das hat so gut getan. Meine Mauern zerbrachen. Die Nähe war wieder da.
L. war während des Telefonats heimspaziert und stand irgendwann vor seiner Haustür. Da er drinnen keinen Empfang hatte, fragte er, ob wir das Gespräch nun beenden sollten oder in 5min über WhatsApp weitertelefonieren sollten. Ich fragte ihn, was er vorschlagen würde. Er schlug vor, dass wir weitertelefonieren, damit wir uns noch ordentlich eine gute Nacht wünschen konnten.
Also machte ich mir kurz einen Tee und rief ihn nach 5 Minuten per WhatsApp-Videocall an. Ich war richtig verlegen, jetzt mein Gesicht zu zeigen. Und noch verlegener, als ich dann auch noch Komplimente bekam à la „Du siehst wieder richtig süß aus“. Gleichzeitig fand ich es total schön, sein Gesicht zu sehen. Die Sehnsucht danach, ihn anzufassen und ihm Küsse auf seine Wangen zu verteilen, war riesig.
Nach 1,5h Telefongespräch videocallten wir weitere 1,5h über WhatsApp. Irgendwie gingen uns die Themen einfach nicht aus und ich spürte auch bei L. ein großes Bedürfnis danach, über uns und unsere Beziehung in ganzer Länge zu reden und in die Tiefe zu gehen. Er sagte ein paar Dinge, die ich so noch nicht von ihm gehört hatte. Plötzlich redete er von unserer „Beziehung“, anstatt mich seine Liebhaberin zu nennen. Und sagte offen, dass er Gefühle für mich hat. Und dass er sich auch vorstellen kann, die Beziehung mit mir langfristig weiterzuführen. Und dass er es schön fände, wichtige Menschen aus meinem Leben, wie zum Beispiel meine Schwester, kennenzulernen.
Und ich sagte ihm, dass ich wahrscheinlich auch deswegen gleich so stark auf das Verhalten von A. reagierte habe, weil ich Gefühle für ihn habe und Angst davor habe, verletzt zu werden. Und dass ich ihn vermisse und gerne bei ihm wäre. Und dass ich es super schön fände, ihn meiner Schwester vorzustellen. Und dass ich mich auf die vielen Pläne, die wir jetzt für dieses Jahr schon miteinander haben, freue.
Wir sind beide darüber überrascht, wie schön sich das zwischen uns anfühlt. Wir haben beide nicht erwartet, einen so tollen Menschen kennenzulernen, als wir im November auf das erste Date gegangen sind. Und erst recht nicht, dass wir uns verlieben würden, uns mindestens wöchentlich sehen, und eine Beziehung aufbauen.
Es ist richtig schön.
Das war also unser erster kleiner Schluckauf. Das erste mal, dass es nicht nur einfach und leicht war. Aber letztendlich ist alles jetzt noch besser als davor, weil L. dadurch den Mut und die Motivation gefunden hat, die Themen mit A. sofort und nicht erst in ein paar Wochen zu klären. Und dafür bin ich ihm unheimlich dankbar.
Heute ist mir außerdem klar geworden, dass das die erste richtig polyamore Beziehung werden könnte, die ich habe. Über die Jahre gab es immer wieder Menschen neben G. Aber das waren intime Freundschaften, Affären oder Freundschaft+ Situationships. Da war nie was so stabiles, „ernstes“ dabei, dass ich zum Beispiel den Wunsch hatte, die Person meiner Schwester vorzustellen. Das Ganze ist also auch für mich und G. eine neue Situation, die sicherlich auch noch ihre Tücken bereithalten wird. Oder Lernchancen – je nachdem, wie man es sieht.
Ich freue mich auf jeden Fall auf alles, was kommt. Und bin gerade unheimlich dankbar, dass es das Glück mit mir gut gemeint hat und ich diesen wahnsinnig reifen, gut kommunizierenden, emotional verfügbaren L. kennenlernen durfte.
Ich schicke euch verliebte Grüße,
eure Clara
P.S.: Hinterlasst mir gerne mal einen Kommentar und erzählt mir, wie die Geschichte auf euch wirkt! Wie hättet ihr euch in meiner Situation gefühlt?
Oh wow, ich habe so gebibbert und gehofft beim Lesen auf dass sich alles zum Guten wenden würde. Diese Unsicherheit ist mir teilweise selbst nicht unbekannt und ich finde es absolut schrecklich im Ungewissen zu sein. Umso glücklicher bin ich jetzt dass das Gespräch mit A. so positiv verlaufen ist und ihr beide jetzt mehr Sicherheit habt. Ich gönne es euch von ganzem Herzen und vielleicht stellst du mir L. ja irgendwann auch mal vor – klingt so, als hättest Du wirklich den Jackpot erwischt! 🙂 Alles alles Gute.
S.
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Es freut mich riesig, dass sich das so positiv entwickelt hat. Und Hut ab vor L.! Dass er das Gespräch mit A. so schnell sucht und damit schnell Klarheit reinbringt, die für dich wahnsinnig wichtig ist, finde ich aller Ehren wert.
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Danke für deinen Kommentar!
Ja, das finde ich auch. Tatsächlich sagt er auch selbst, dass er normalerweise sowas eher auf die lange Bank schiebt und aber mir gegen über ein schlechtes Gewissen hatte und das schnell klären wollte, weil er eben genau gesehen hat, wie viel Unsicherheit das auch für mich bedeutet hat. Guter Mann 😊
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