Zweites Saunadate

Die letzte Woche war anstrengend für mich. Aufgrund der vielen Arzttermine und insgesamt zu vielen Terminen in meinem Kalender und zu wenig richtigen Ruhe- bzw. Pausenzeiten hatte ich Anfang der Woche das Gefühl, dass mir alles etwas zu viel wird. Und dass meine Energie schwindet.

Das führte auch dazu, dass ich generell nicht so zufrieden war. Und alles kritischer betrachtete. Zum Beispiel auch, dass ich am Dienstagabend mit L. zum Telefonieren verabredet war und diesem dann am Dienstagmittag auffiel, dass er doch keine Zeit hatte, weil er vergessen hatte, dass er mit seinen Freunden zum Bouldern verabredet war. Keine große Sache, aber mich hat’s mehr genervt als sonst.

Am Mittwochabend ging ich abends noch für eine Stunde rüber auf die Baustelle und werkelte dort vor mich hin. L. fragte mich auf WhatsApp, was ich heute Abend geplant hatte und ich sagte ihm, dass ich ein bisschen auf der Baustelle bin und wir gerne nebenher telefonieren können. Als von ihm eine vage Antwort zurückkam, aus der weder ersichtlich wurde, ob er auch Lust auf ein Telefonat hat, noch wann, war ich wieder genervt.

Ich überlegte während des Renovierens ein paar Minuten, wie ich mich verhalten sollte. Früher habe ich mich in solchen Situationen zurückgezogen, mich emotional isoliert, und meine Partner*innen nicht an meinen Gedanken teilhaben lassen. Heute versuche ich das nicht mehr zu machen, weil es für die Beziehung in der Regel besser ist, wenn alle darüber reden, wie es ihnen geht und was ihnen durch den Kopf geht.

Also schrieb ich L. nochmal deutlicher, dass ich gerne heute noch telefonieren möchte. 15 Minuten später rief er mich an.

Ich erzählte ihm, dass ich mich gerade nicht so verbunden mit ihm fühlte, was sicherlich an meiner komischen Grundstimmung liegt. Und dass ich in dieser Stimmung eher mal dazu neige, Dinge zu interpretieren und in den falschen Hals zu bekommen. Und dass ich heute unbedingt noch mit ihm reden wollte, damit ich mich eben nicht weiter distanziere, weil es mir nicht so gut geht.

Er meinte, dass er es eher schön und positiv finde, dass ich mit ihm reden möchte, wenn es mir nicht so gut geht. Und dass er gerne für mich da ist, wenn ich mal keinen guten Tag habe. Es tat mir gut, das zu hören. Und auch sein Commitment nochmal zu hören. Beziehungsweise seinen Wille, für mich da zu sein.

Letztendlich telefonierten wir zwei Stunden miteinander und redeten unter anderem lange über eine Sexparty, auf die wir in Hamburg voraussichtlich gehen werden. L. hat keine Erfahrung mit Sexparties und freut sich sehr darauf, mit mir dahin zu gehen. Mit seiner Freundin A. fühlt er sich nicht bereit dafür, aber anscheinend mit mir schon.

Daher haben wir lange über verschiedene Outfit-Möglichkeiten für ihn geredet. Er ist sich hier sehr unsicher, in was für einem Outfit er sich selbst sexy und selbstbewusst fühlt. Die Kleidungsstücke, die er sich bisher gedacht hat, sind meiner Meinung nach eher langweilig. Ich versuchte, ihm daher Mut zuzusprechen, auch ein Risiko einzugehen. Und ich schlug vor, dass ich ihm nächste Woche mal eines meiner Outfits zeige, damit er besser einschätzen kann, was andere auf solchen Parties tragen. Den Vorschlag fand er natürlich prächtig. Sicherlich auch, weil er mich echt gerne mal in so einem Outfit sehen will. Und das am liebsten nicht erst auf so einer Party.

Wir machten daher einen Plan für den 16. März. An dem Abend gehen wir mit ein paar Freund*innen von mir auf ein Clubbing-Event mit Jan Blomqvist in Stuttgart. L. wird wahrscheinlich mit seinem Rennrad zu mir fahren, nachmittags mit mir und G. im Haus renovieren. Dann gehen wir uns duschen und essen was zusammen. Und dann könnte ich ja mein durchsichtiges, rückenfreies Kleid für ihn anziehen, wir könnten Sex haben, und danach frisch gevögelt zu meiner Freundin A. zum Vorglühen für die Party gehen.

L. fand meinen Vorschlag richtig gut, also machen wir es wahrscheinlich genau so. Und er meinte noch: „Wir haben noch nie gevögelt, BEVOR wir aus dem Haus gegangen sind.“ It’s a plan!

Während unseres Telefonats redeten wir auch noch über das für Donnerstag geplante Sauna-Date. Er meinte: „Es ist ein komisches Gefühl, dass wir zusammen in die Sauna gehen und danach jede*r von uns einfach nach Hause fährt, ohne dass wir die Nacht gemeinsam verbringen.“ Ich fragte ihn: „Warum fragst du mich denn nicht, ob wir die Nacht zusammen verbringen wollen? Ich hab doch ein Haus, wo wir jederzeit schlafen können?“ Und ich ergänzte: „Interessanterweise habe ich aber auch nicht gefragt, weil ich dachte, dass du am Freitag schon früh arbeiten musst, und daher bestimmt daheim schlafen willst.“ Wir hatten beide den gleichen Wunsch gehabt, und keine*r von uns hatte es ausgesprochen. Er sagte daher: „Also bevor wir hier jetzt noch lange rumfackeln: Clara, nimmst du mich am Donnerstag nach der Sauna mit zu dir? Und darf ich dann bei dir übernachten?“ „Sehr gerne, L.“, war meine Antwort.

Am Donnerstag arbeitete ich vormittags und fuhr dann am frühen Nachmittag mal wieder ins Krankenhaus, weil ich nochmal zur Blutprobe musste. Am kommenden Dienstag geht es nämlich los mit der ersten Infusion meiner Krebstherapie.

Nach dem Krankenhaus fuhr ich zu L. auf einen Kaffee. Er hatte beim Bäcker Brezeln und Franzbrötchen gekauft, wir standen in der Küche, mampften Gebäck, tranken unseren Kaffee, und unterhielten uns. Wir wollten später zusammen in die Sauna fahren.

Kurz, bevor wir uns auf den Weg machten, kam L.’s Freundin A. nach Hause. Und ich war selber überrascht, wie wenig ich sie an dem Tag sehen wollte. Ich glaube, dass lag daran, dass ich einfach generell fertig von der Woche war und einfach gerade keine Energie übrig hatte für Menschen, mit denen mir der Umgang nicht so leicht von der Hand geht. Ich redete daher fast gar nicht mit ihr. Während L. und A. irgendwas beredeten und Pläne fürs Wochenende machten, hörte ich mir eine Sprachnachricht an, die ich von Ls. bekommen hatte. Ich hatte ihr im Krankenhaus eine Sprachnachricht geschickt und ihr geschildert, dass ich gerade nicht so richtig weiß, wie ich mit ihr umgehen soll. Mir macht es nicht so viel Spaß, immer wieder bei ihr Bescheid zu geben, wenn ich bei ihr in der Stadt bin, ohne dann tatsächlich die Möglichkeit zu haben, sie zu sehen, weil sie noch so beschäftigt und überfordert mit der neuen Baby-Situation ist. Ich will erstens nicht nerven und aufdringlich wirken, und andererseits nicht die einzige sein, die sich darum kümmert, dass wir uns irgendwann wiedersehen.

Sie erzählte mir in ihrer Sprachnachricht, dass sie gerade mit sozialen Kontakten immer noch komplett überfordert ist, weil das Baby ihren ganzen Tag und ihren Rhythmus bestimmt. Und dann schickte sie mir einige Bilder vom Baby. Dabei wurde mir nochmal klar, wie wenig Interesse ich an diesem Baby habe. Mich interessiert Ls. – und nicht ihr Kind. Und ich habe daher auch aktuell eigentlich überhaupt kein Interesse, Ls. zu sehen, weil solch ein Treffen sich wahrscheinlich eh nur um das Baby drehen würde.

Am liebsten würde ich Ls. gerne sagen: „Ich habe kein Interesse an deinem Baby, sondern ich habe Interesse an dir. Meld dich daher doch einfach bei mir, wenn es dich auch wieder ohne Baby gibt.“

Das klingt super hart, ich weiß. Aber das ist, wie ich ehrlicherweise fühle. Und dann bringt es ja auch nichts, so zu tun, als wäre es anders.

Denn letztendlich muss man auch dazu sagen, dass es Ls. war, die verpasst hat, mich vor der Geburt in ihre Leben zu integrieren. Also muss es doch genauso in Ordnung sein, wenn ich jetzt für mich die Grenzen setze. Oder?

Wahrscheinlich führt (wie immer) nichts daran vorbei, ihr das auch zu kommunizieren. Daher grüble ich aktuell noch über die richtigen Worte, damit sie das verstehen kann und nicht falsch versteht.

L. und ich fuhren dann gemeinsam in die Sauna und ich war wegen der Begegnung mit A., die mich in dem Moment irgendwie überfordert hat, schon wieder weniger gut drauf. In der Sauna schlüpften wir in unsere Bademäntel und gingen erst mal im warmen Thermal-Außenbecken plantschen. L. nahm mich in den Arm, drückte mich ganz fest, und küsste mich liebevoll. Mit jeder Minute im warmen Wasser mit ihm, hebte sich auch meine Stimmung. Seine Berührungen taten mir gut. Und auch unsere Unterhaltungen waren schön.

Vor drei Monaten hatten wir hier, in der gleichen Saunalandschaft, unser zweites Date gehabt. Hatten uns hier zum ersten mal geküsst, zum ersten mal berührt, zum ersten mal richtig umarmt. Es fühlt sich an, als wäre das ewig her. Und heute waren wir wieder hier und fühlten uns total sicher, verliebt und verbunden miteinander.

Wir machten den ersten Saunadurchgang, gingen ins Eisbad, und legten uns dann im Ruheraum zusammen auf eine Liege. L. hatte eine Decke mitgebracht, nahm mich in den Arm und bettete meinen Kopf auf seine Schulter, und so lagen wir da miteinander und genossen einfach die Zeit.

Mit L. kann man wahnsinnig gut rumliegen und nichts tun. Das können wir beide sehr gut und genießen das sehr miteinander, weil wir das beide mit unseren anderen Partner*innen nicht können. Sowohl G. als auch A. kuscheln nicht ganz so gerne und vor allem nicht so lange und so viel. Daher ist das irgendwie ein total wichtiger Bestandteil unserer Beziehung geworden, den ich richtig schätze und liebe.

Nach einem zweiten Saunarundgang gingen wir im Restaurant Abendessen. L. fährt in den Sommermonaten viel Rennrad und damit steigt mit der Rennradsaison auch stetig sein Hungerniveau. Da es draußen so warm ist, hat er jetzt schon wieder angefangen, regelmäßige Runden zu fahren. Gefühlt hat er schon jetzt ständig Hunger und isst wirklich Unmengen an Essen. Laut ihm wird das nochmal viel krasser. Ich bin echt sehr gespannt, das mitzubekommen. Alleine an dem Nachmittag und Abend aß L. in meiner Anwesenheit zwei Brezeln, zwei Brötchen, ein Franzbrötchen, eine Pinsa, ein Drittel meines Antipastitellers (den ich sonst nicht geschafft hätte) und einen kleinen Salat. Und auch sehr spannend ist, wie schnell sich sein Körper verändert.

Nach dem Abendessen gingen wir nochmal ins Thermalbecken und streichelten uns im Wasser, bis irgendwann die Sauna zu machte. Wir fuhren zu mir, putzten uns die Zähne und kuschelten uns dann ins Bett. Sex hatten wir an dem Abend auch noch, aber irgendwie bin ich nicht so in den Flow gekommen. Es war schon gut, aber nicht so mind-blowing wie andere male. Für ihn war es wieder super intensiv. Ich war irgendwie zu verkopft und konnte mich nicht so gut fallen lassen. Also ja, auch ich habe hin und wieder Sex, der nur okay ist.

Schön war aber, dass wir uns danach löffelnd aneinander kuschelten und ich zum ersten mal in der Geschichte der Clara im Arm eines Mannes einschlief. Einfach so. Und die ganze Nacht an L. gekuschelt durschlief. Tief und fest.

Am nächsten Morgen flüsterte ich daher L. ins Ohr: „Ich glaube, du bringst mir noch das Schlafen bei.“

Morgens musste ich früh los zum Zug und ließ L. daher im Bett liegen. Das fand ich irgendwie schön, denn man lässt Leute nicht bei sich im Bett, im eigenen Haus liegen, wenn da nicht schon eine Beziehung oder Bindung da ist. L. stand etwas später als ich auf, machte sich noch einen Kaffee, und zog dann die Haustüre einfach hinter sich zu.

Heute geht es mir etwas besser als noch letzte Woche. Und ich freue mich auf die kommende Woche. Am Dienstag habe ich wie gesagt die erste Infusion und hoffe mal, dass ich keine Nebenwirkungen haben werden. Am Mittwoch gehe ich mit meiner besten Freundin und L. auf ein Konzert. Und am Samstag bis Sonntag verbringe ich dann wieder ganz viel Zeit mit L.

Übrigens werden G. und A. sich nächsten Samstag auch kennenlernen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die zwei sich gegenseitig so attraktiv finden, dass sie anfangen, sich zu daten. Aber sie gehen auf ein ersten Kennenlern-Date und haben sicherlich viele Themen, über die sie reden können. Ich bin wirklich sau-gespannt, was G. danach erzählen wird.

Habt noch einen schönen Sonntag.

Eure Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Liebe Clara, ich hoffe, du hast die Infusion heute gut überstanden. Bisher hattest du noch nicht von Krebstherapie gesprochen, daher hat mich die Info umgehauen. Ich drücke dir ganz fest die Daumen, dass du keine Nebenwirkungen hast. Ich spritze mir regelmäßig ein Chemo-Medikament, allerdings in niedrigerer Dosierung als bei einer Krebstherapie. Ich stecke das in der Regel gut weg und hoffe, dein Körper ist ähnlich gnädig zu dir.
    Ich bin übrigens wahnsinnig gespannt auf das Treffen von A. und G., aber das wird unter den Umständen alles zur Nebensache – wobei ich betonen möchte, wie beeindruckend ich finde, dass du dem Leben nachgehst und dich nicht zuhause einsperrst. Ich finde dich wahnsinnig bewundernswert und bin dankbar, über die Blogbeiträge ein wenig an deinem Leben und deinen Gedanken teilhaben zu dürfen.
    Von Herzen alles Liebe für die nächste Zeit!

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    1. Hallo du liebe, dein Kommentar hat mich gerade sehr berührt.
      Bei meinem Krebs funktioniert keine Chemo, daher handelt es sich „nur“ um eine Immuntherapie und die ist in der Regel deutlich besser verträglich.
      War trotzdem alles andere als ein guter Tag für mich heute. Der Stress und die Angst vor dem Medikament haben mir so zugesetzt, dass ich sehr stark reagiert habe und wir zwischenzeitlich eine Pause einlegen mussten. Habe heute viele Tränen vergossen…
      Umso besser fühlt es sich an, deine lieben Worte zu lesen. Danke dafür!
      Über das Date von G. und A. werde ich berichten.
      Ganz liebe Grüße zurück ❤

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