Die letzte Woche war von einem riesigen Auf und Ab geprägt. Am Donnerstag rief mich mein Arzt an und bat mich, am Folgetag in die Klinik zu kommen und bitte Begleitung mitzubringen. Das ist nie ein gutes Zeichen.
Also fuhr ich am Freitag zusammen mit G. und meiner Schwester in die Klinik. Dort erfuhr ich, dass die Scans gezeigt hatten, dass mein Krebs auf meine Leber gestreut hat und ich zwei Metastasen in meiner Leber habe, sowie eventuell zwei weitere Auffälligkeiten in meinem Lymphknotengewebe. Die gute Nachricht sei, dass ich keine Metastasen im Kopf habe. Ich finde, diese „gute“ Nachricht zeigt, wie schlechte die schlechten Nachrichten sind. Ich und mein engstes Umfeld standen die Tage darauf erst mal unter Schock und mussten das irgendwie verarbeiten. Ich habe nun Krebs im Stadium IV. Ab jetzt spricht man bei meinen Therapien von lebensverlängernden Therapien, weil der Tod einem plötzlich ganz nahe kommt. Schon kommende Woche starte ich mit einer erneuten Immuntherapie und habe in den nächsten drei Monaten mehrere Krankenhausaufenthalte mit verschiedenen Eingriffen und Therapien vor mir.
Ich fiel übers Wochenende erstmal in ein tiefes, dunkles Loch. Ich vergrub mich daheim, war wütend, traurig, selbstmitleidig. G. und meine Familien schauten nach mir, aber ich sank tiefer. L. kam am Sonntag vorbei und selbst mit ihm fiel es mir schwer, im Moment zu sein und den Krebs mal kurz zu vergessen. Lediglich beim Sex mit ihm schaffte ich das mal kurz für eine Zeit, nachdem das Vorspiel irgendwas in mir gelöst hatte und ich endlich mal ausgiebig weinen konnte, während L. wie eine wärmende, schützende Decke auf mir lag, mir ein Gefühl der Sicherheit gab und den Raum für meine Emotionen hielt.
Am Montag musste ich dann wieder in die Klinik für weitere Tests und Untersuchungen. Als ich nachmittags zurückkam, war ich mit den Nerven durch. Ich schnappte mir G. und zwang ihn dazu, mit mir spazieren zu gehen (er hasst spazieren gehen). Ich sagte ihm, dass ich nicht mehr daheim rumsitzen könnte und Trübsal blasen könnte. Ich müsste regelmäßig raus aus dem Haus, brauche Bewegung, brauche Abwechslung. Ich bat ihn darum, mit mir darauf zu achten, dass ich täglich das Haus verlasse – und sei es nur für einen Spaziergang.
Seit Dienstag mache ich täglich Sport und finde jeden Tag einen anderen Grund, das Haus zu verlassen: Erdbeeren pflücken, mich mit einer Freundin treffen, spazieren, einkaufen. Seitdem geht es mir etwas besser. Natürlich beschäftigt mich die ganze Situation weiterhin und macht mir wahnsinnig Angst. Aber ich kann besser damit umgehen und fühle mich insgesamt positiver gestimmt.
Zusätzlich habe ich mich an den psychoonkologischen Dienst meiner Klinik gewendet und habe am 1. Juli einen Termin bei einer Psychotherapeutin.
Gestern war ich dann nochmal für ein weiteres Gespräch und ein EKG, sowie zur Blutentnahme in der Klinik. Ich war danach mit L. zum Mittagessen verabredet und hatte zwischen Klinik und Verabredung noch eine Stunde Zeit. Ich spazierte zu einem Café, holte mir einen Cold Brew und setzte mich in eines der riesigen Fenster. Ich hatte meine Kopfhörer im Ohr, gute Musik ausgewählt, den nussigen Geschmack des Kaffees auf der Zunge. Die Sonne schien und ich genoss den Moment. Ich war echt glücklich mit mir und der Welt in dem Moment.
Dann sprach mich eine junge Frau an, ob sie sie sich mir gegenüber auf die andere Seite des Fensters setzen durfte. Durfte sie. Sie nahm platz, packte ihr Macbook und einen Block aus – offensichtlich war sie Studentin – und konzentrierte sich auf ihre Studieninhalte, während sie an einem knallgrünen Getränk nippte. Ich schaute ihr lange beim Arbeiten zu. Sie hatte rotbraune Haare, die sie zu zwei tiefen Knoten an jeder Seite gebunden hatte, und einen Pony. Ihre hellblauen Augen waren umrahmt von Sommersprossen. Bis auf zwei Glitzersteine an den Augenrändern war sie ungeschminkt. Sie trug keinen BH und ich erkannte einen Piercing am rechten Nippel. Um ihren zarten Hals spannten sich Perlen- und Goldketten.
Dass ich auf Frauen stehe, wisst ihr. Ich finde viele Frauen schön. Doch nur ganz wenige auf den ersten Blick sexuell anziehend und attraktiv. Diese Frau war so eine. Ich hatte wirklich Lust, sie nach ihrer Nummer zu fragen. Nach weiteren zehn Minuten starren und Mut schöpfen, sprach ich Sie an: „Hey, ich finde, du siehst total interessant aus und ich wollte dich fragen, ob du mal Lust hättest, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?“ Sie lächelte mich an und dankte mir für das Kompliment. Wir versanken sofort in ein nettes Gespräch miteinander. Sie hieß Ln. war Psychologiestudentin und leider ganze 10 Jahre jünger als ich. Dennoch tauschten wir unsere Handynummern aus und unterhielten uns noch ein bisschen. Sie wird die nächsten drei Monate nach Konstanz ziehen, aber ab Herbst wieder in der Region sein. Dann probieren wir das mit dem Kaffee mal.
Danach lief ich beschwingt zu meinem Treffen mit L. Wir waren im gleichen Restaurant zum Mittagessen verabredet, in dem wir vor fast 7 Monaten unser erstes Date gehabt haben. Dort stopften wir uns mit leckerem, vietnamesischem Essen voll und unterhielten uns gut. Danach liefen wir zu meinem Auto und fuhren zu mir. L. setzte sich an meinen Schreibtisch und arbeitete dort weiter an den Projektarbeiten für sein Studium. Ich fuhr währenddessen bei einer Freundin vorbei und trank mit ihr Kaffee. Ich fand, das war ein witzige Situation: Meine zwei Männer beide bei mir daheim, beide am Arbeiten, und ich war unterwegs und würde später zurück nach Hause kommen.
Um 16 Uhr kehrte ich zurück, weil ich mit L. zum Mittagschlaf verabredet war. Wir entkleideten uns, kuschelten uns in meinem Bett unter der Decke aneinander, und schlummerte bzw. dösten für 45 Minuten.
Danach setzte sich L. nochmal an den Schreibtisch. Ich traf mich mit G. unten in der Küche und wir machten einen Schlachtplan fürs Abendessen. Zum ersten mal seit langen kochten wir mal wieder zusammen. Das war echt entspannt und machte voll Spaß – würde ich mir öfter wünschen! Nebenher tranken wir ein alkoholfreies Radler, quatschten, lachten. Es war eine ausgelassene Stimmung zwischen uns.
Als das Essen fertig war, holte ich L. und saßen uns alle zusammen an unseren großen Esstisch. Ich habe L. und G. beide gebeten, sich miteinander anzufreunden. Die zwei verstanden sich zwar immer gut, aber ich würde mir wünschen, dass sie sich besser kennenlernen. Ich fand es daher schön zu sehen, wie sich beide beim Abendessen Mühe miteinander gaben, Gespräche starteten, sich nett unterhielten, miteinander lachten. Es war einfach entspannt.
Nach dem Abendessen setzte sich G. aufs Sofa und schaute Fußball. Ich schnappte mir L. und wir gingen miteinander spazieren. Unterwegs wurde L. immer wieder von A. angerufen, sodass er irgendwann ranging. Sie war komplett aufgebracht und emotional, weil sie seit ein paar Stunden nichts von ihrer aktuellen Affaire gehört hatte. Weder L. noch ich verstanden, was eigentlich das Problem war, aber A. war voll am durchdrehen. L. versuchte am Telefon alles: Sie runterzubringen, mit ihr Maßnahmen durchzudiskutieren, ihr Ratschläge geben, mit ihr die Situation beleuchten. Doch A. hörte ihm überhaupt nicht zu. Letztendlich endete das Gespräch zwischen den beiden sogar im Streit, weil A. überhaupt nicht in der Lage war, einen Dialog zu führen, geschweige denn die Situation mal in aller Ruhe zu reflektieren. Richtig anstrengend einfach.
Nach dem Auflegen war L. komplett genervt. Diese Art von Gesprächen mit A. gibt es regelmäßig. Die sind niemals zielführend und einfach nervig und anstrengend. Sie helfen A. nicht, weil A. sich gar nicht helfen lassen will. Gleichzeitig fordert A. aber ein, dass L. für sie erreichbar ist. Weil sie nicht in der Lage ist, ihre Gefühle selbst du regulieren, durch Stress zu navigieren, und sich selbst zu beruhigen. Ich sagte zu L.: „Du bist A.’s Schnuller. Dich ruft sie an, wenn sie gestresst ist, weil sie noch nie alleine war und nie gelernt hat, alleine mit emotionalen Situationen umzugehen.“ Er gab mir Recht. Es ist nur eines von vielen Dingen, die ihn an A. stören.
Wir setzten uns in ein Eiscafé und bestellten ein Spaghetti-Eis mit zwei Löffeln. Ich bin ein großer Spaghetti-Eis-Fan und habe vor 1-2 Wochen herausgefunden, dass L. meine Liebe für Spaghetti-Eis mit mir teilt. Daher hatten wir schon Tage davor besprochen, dass wir bald mal eins essen gehen wollen. G. versteht meine Spaghetti-Eis-Liebe leider nicht. Daher bin ich umso glücklicher, dass ich in L. endlich einen Partner habe, mit dem ich mein Eis teilen kann. Die kleinen Dinge machen eben auch glücklich – und Spaghetti-Eis sowieso.
Danach spazierten wir weiter in einen öffentlichen Garten und nahmen dort Platz auf einer Parkbank. Dort unterhielten wir uns über das am Freitag oder Samstag anstehende Date von L. mit S. Wie in meinem letzten Blogartikel beschrieben, hatte ich ihn ja darum gebeten, seine Dates mit S. mit einer Vorlaufzeit von mindestens einer Woche einzuplanen. Daran hat er sich gehalten. Leider hatte ich aber nie ein Update zum geplanten Date erhalten und wusste daher bis gestern nicht, was zwischen L. und S. eigentlich geplant war.
Ich erklärte ihm daher nochmal, warum für mich nicht nur das Datum relevant ist, sondern auch deren geplante Aktivitäten. Weil unterschiedliche Aktivitäten unterschiedliche Emotionen hervorrufen könnten bei mir. Mit der Vorlaufzeit wollte ich mir nach den ganzen Erfahrungen im Mai die Möglichkeit geben, mich mit allen Emotionen, die da hochkommen, in Ruhe auseinanderzusetzen und mit ihm darüber zu sprechen. So wollte ich verhindern, dass ich nochmal in meinen Selbstschutzmodus verfalle und mich emotional von ihm distanziere. Was er genauso wenig will wie ich.
Die vielen Gespräche, die ich mit L. seit meiner Rückkehr zu uns und unserer Beziehung hatte, haben eine neue Sicherheit aufgebaut. Sie haben eine Basis geschaffen, die wir vorher nicht hatten. Es fühlt sich für mich jetzt nach einer weitestgehend geklärten Beziehung an. Natürlich haben wir immer noch offene Themen, aber die Basis ist da. Daher fühle ich mich in Bezug auf das Date dieses mal schon viel sicherer. Doch komplett entspannt bin ich nicht.
Ich sagte ihm: „Die ganze Situation fühlt sich für mich an, als würden wir gerade unsere Beziehung öffnen.“ Er schaute mich lange an, dachte nach, und meinte dann: „Stimmt. Das tut es wirklich.“ Und genau wie jedes andere Paar, das seine Beziehung öffnet, fühlt sich das am Anfang wackelig und ungewohnt und unsicher an. Man muss neue Verhaltensweise lernen, Kommunikationsweisen, herausfinden, wie man am besten miteinander umgeht. Genau so ist es bei uns gerade auch.
Ich bin froh, dass ich über meinen Burnout weitestgehend hinweg bin und wieder klar denken kann. Dass ich wieder Zugang zu meinen Gefühlen habe. Das erleichtert die ganzen Gespräch mit L. enorm und macht meine Aussagen belastbar.
Er erzählte mir, was aktuell der Plan für das Date ist: Konzertbesuch, Übernachtung – wahrscheinlich mit Sex – bei S., am nächsten Morgen zurück nach Hause an den Schreibtisch. L. fragte mich, welche Gefühle beim Gedanken an diesen Plan bei mir hochkommen. „Keine. Weil ich Zeit brauche, um das auf mich wirken zu lassen. Manchmal sogar über Nacht. Und das ist genau der Grund, warum ich mir bei diesem Thema gerade Langsamkeit wünsche. Um die Chance zu haben, mir das in aller Ruhe anzusehen.“
Tja, und dann wurden wir von einem weiteren Anruf von A. unterbrochen. L. drückte sie weg, weil wir ja mitten im Gespräch waren. Doch A. bombardierte ihn mit Messages à la:
- ruf mich sofort an
- mir gehts gar nicht gut
- L. ich brauch dich jetzt
- ruf mich endlich an
- ich spüre meine Beine nicht mehr
- ruf mich sofort an, Mann
- und so weiter und so fort
Also standen wir auf und L. rief A. zurück. Es ging immer noch darum, dass ihre Affaire sich nicht bei ihr meldete. Anstatt ihn einfach anzurufen oder bei ihm nachzufragen, ob alles in Ordnung ist oder warum er sich nicht meldete, drehte sie komplett durch. L. und A. führten genau das gleiche Gespräch nochmal. Zum zweiten Mal ohne sinnvolles Ergebnis. Zum zweiten mal mit einem total genervten L.
Wir liefen in der Zwischenzeit zurück nach Hause und ich setzte mich mit einem alkoholfreien Bier auf die Treppe im Garten. Als L. endlich fertig war, holte er sich auch eines und setzte sich zu mir.
Ich beobachte die Beziehung von L. und A. ja nun seit einigen Monaten. In letzter Zeit mit wachsendem Unbehagen, weil ich aus L.’s Erzählungen heraushöre, wie unzufrieden er mit und in dieser Beziehung ist. Weil die beiden nicht gut miteinander reden können, A. ihm nicht zuhört, die zwei es nicht schaffen, einen Dialog zu führen, von A. keinerlei Interesse an der gemeinsamen Beziehungsarbeit kommt, und vieles mehr.
Als L.’s Freundin finde ich einerseits, dass ich mich mit Bewertungen ihm gegenüber zurückhalten sollte, weil ich ihn nicht beeinflussen möchte. Und gleichzeitig ist es mir wichtig, dass es ihm gut geht. Wegen letzterem habe ich daher entschieden, seine Beziehung mit ihm zum Thema zu machen und ihn zu fragen, wie zufrieden er aktuell mit seiner Beziehung mit A. ist.
Die Frage war wie ein Schalter, den ich da bei ihm umlegte. L. fing von ganz allein an zu reden. Ich stellte immer mal wieder eine Zwischenfrage, aber er hatte so viel, was ihm selbst durch den Kopf ging, dass er weitestgehend redete. Und er wollte zu vielen Aspekten meine Meinung hören.
Die Beziehung mit mir hätte ihm vor Augen geführt, was ihm an der Beziehung mit A. und an A. alles nicht passt. Zum Beispiel, dass die beiden keine gute Kommunikationsbasis haben, keine tieferen Gespräche miteinander führen. Dass es für ihn schwer bis unmöglich ist, für ihn wichtige Themen bei A. zu platzieren, ohne dass sie alles auf sich bezieht. Dass er daher Themen immer wieder platzieren muss, weil die zwei es nicht schaffen, ein ordentliches Gespräch zu führen und sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Dass er keinen Spaß mehr daran hat, Zeit mit A. zu verbringen, und selbst merkt, wie er sich auf die Dates mit mir freut, aber gleichzeitig kein Interesse daran hat, auf ein Date mit A. zu gehen. Wie sehr ihn nervt, dass A. keine Rücksicht auf ihn nimmt, zum Beispiel, wenn sie Dates mit ihren Affären plant, und seine Wünsche teils ignoriert (am Mittwoch hat sie zum Beispiel ein Date zu L. und A. nach Hause eingeladen, obwohl L. daheim war und lernen musste und sie darum gebeten hatte, das nicht zu tun). Dass die Beziehung mit mir ihm Energie schenkt, während die Beziehung mit A. ihm Energie raubt. Dass A. Menschen wie L. und mich einfach konsumiert, und gleichzeitig kein ernstgemeintes Interesse an uns und unseren Themen zeigt. Und vieles mehr.
Also alles das, was ich in diesem Blog auch schon mehrfach beschrieben habe, ist ihm selbst auch aufgefallen. Nicht nur, aber auch, weil er mit mir zum ersten mal in seinem Leben in einer gesunden Beziehung ist, in der man sich wirklich miteinander auseinandersetzt, ehrliche Gespräche führt, sich zuhört, sich Zeit füreinander nimmt, viel redet, gemeinsam an der Beziehung arbeitet. Vorher dachte er immer, dass viele der Probleme in seiner Beziehung mit A. an ihm lägen. Dass er halt nicht gut kommunizieren könne, oder dass Beziehungen halt so ablaufen und es gar nicht anders geht. Doch durch mich hätte er herausgefunden und erlebt, wie es anders ablaufen kann. Und das mache die vielen Punkte, die ihn an der Beziehung mit A. störten, mit jeder Woche offensichtlicher und damit auch schwerer ignorierbar und aushaltbar.
L. will bald versuchen, das Gespräch mit A. zu suchen, um möglichst mit ihr an der Beziehung zu arbeiten. Ich riet zur Paartherapie, denn meiner Meinung nach können die beiden neue Kommunikationsmuster nicht ohne externe Hilfe etablieren. Leider denkt L., dass A. sich darauf nicht einlassen wird, weil sie generell nichts von Therapien hält. Auch ihr selbst täte eine Therapie gut, da sie schon ihr Leben lang mit einem mangelnden Selbstbewusstsein, mangelnde Selbstfürsorge, mangelnder Selbständigkeit und so weiter zu kämpfen hat.
Als ich L. sagte, dass jemand wie A. in der Polywelt meiner Meinung nach nicht zurechtkommen wird und in einer monogamen Beziehung wahrscheinlich besser aufgehoben ist, weil sie ein so großes Sicherheitsbedürfnis hat, erwiderte er: „Das wäre ein Problem für uns. Denn dann würde sie mich vor die Wahl stellen: Ich oder Clara. Und das will ich verhindern.“ Ich fragte ihn, was er denn tun würde, wenn sie ihn tatsächlich vor die Wahl stellen würde. Und L. antwortete: „Ich weiß es nicht. Das ist eine schwierige Frage. Vor einem halben Jahr war für mich ganz klar, dass ich mich dann für A. entscheiden würde. Aber das verschiebt sich immer mehr. Weil du mir immer wichtiger wirst, weil du mir gut tust, eine wahnsinnige Bereicherung für mein Leben bist. Weil ich dich auf keinen Fall verlieren will.“
Er fragte mich, was ich tun würde, wenn G. mich vor die gleiche Wahl stellen würde – zwischen G. und L. Wenn G. das machen würde, würde er damit unsere Beziehung an sich in Frage stellen, weil wir entschieden haben, dass die Beziehung mit L. gleichwertig sein darf. Für mich ist daher ausgeschlossen, dass ich die Beziehung mit L. einfach beenden würde. Ich würde stattdessen versuchen, mit G. Lösungen zu finden, wie er auch weiterhin in diesem Polykül glücklich sein kann. Und ich würde hoffen, dass es solche Lösungen gibt.
Auf jeden Fall geht es der Beziehung von L. und A. nicht gut und ich bin sehr gespannt, wie L. sich in den nächsten Wochen verhalten wird. Wann er versuchen wird, das Gespräch mit A. zu suchen. Und ob die beiden es endlich schaffen, ehrlich miteinander zu reden und sich mit deren Beziehung auseinanderzusetzen. Und ob A. dann endlich ein Interesse daran zeigt, an der Beziehung zu arbeiten. Ich hoffe es für die beiden.
Während unseres Treppengesprächs war es dunkel geworden. Wir brachten unsere leeren Bierflaschen in die Küche, gingen hoch in den 1. Stock, putzten unsere Zähne, zogen unsere Schlafanzüge an und legten uns müde ins Bett. Ich kuschelte mich an diesen großen, haarigen, wunderschönen Mann und streichelte sanft seine Bauchhaare. Er legte seinen Arm um mich und streichelte meinen Rücken. Es war spät und ich war müde – und irgendwie traurig, dass wir heute keinen Sex miteinander gehabt hatten. Der Gedanken daran, dass L. stattdessen am Tag darauf mit S. Sex haben würde, versetzte mir einen eifersüchtigen Stich. Ich überlegte kurz, ob ich L. an meinem Gedanken teilhaben lassen sollte oder nicht – und entschied mich dafür.
L. reagierte darauf, indem er mich noch fester in den Arm nahm und mich innig küsste. Er sagte mir: „Clara, ich habe mit niemandem so innigen und intensiven Sex wie mit dir. Du bist etwas ganz besonderes für mich.“
Er löschte das Licht und wir kuschelten im Dunkeln weiter. Küssten uns. Streichelten uns.
Als wir uns mit Zunge küssten und unsere Zungen umeinander kreisten, seufzte ich erregt auf. Meine Hand fuhr an seinen Penis, der sich mir steif entgegenstreckte. L. war genauso horny wie ich. Ich leckte meine Hand ab und verwöhnte L., dass er stöhnte und schnaufte. Wir rissen uns die Kleider vom Leib. Seine Hand fuhr zwischen meine Beine. Finger streichelten meine Schamlippen und umkreisten meine Klitoris. Während wir uns gegenseitig verwöhnten, fanden sich unsere Münder immer wieder im Dunkeln und wir tauschten feuchte, gierige Küsse aus.
Ich fragte ihn: „Willst du mit mir schlafen?“ Er antwortete: „Ja, unbedingt.“
Er fragte mich, ob ich ein Gleitgel da hätte. Normalerweise steht neben meinem Bett immer eines bereit, doch das hatte sich ein paar Tage davor G. für sein Date geschnappt. Wir durchsuchten daher meine Sextoy-Kiste, wo eigentlich immer noch andere Gleitgele liegen. Aber ohne Glück. Ich sagte daher: „Egal. Spucke regelt.“
Ich tastete mich an das Körbchen neben meinem Bett, verglich die Größe der Kondome miteinander und reichte ihm eines der großen. Ich stelle mir das schwer vor, aber L. zog sich das Kondom im Dunkeln über, als wär das das normalste der Welt. Scheint er schon ein paar mal gemacht zu haben. Währenddessen masturbierte ich und machte mich feucht.
Als L. sich über mich beugte und langsam und behutsam in mich eindrang, war ich mehr als bereit dafür. Jeder Zentimeter fühlte sich so intensiv und gut an. Wohl auch für ihn, denn er stöhnte und seufzte mir ein ungläubiges „krass“ ins Ohr, während er immer tiefer eindrang.
L. vögelte mich in der Missionarsstellung. Es war wirklich stockduster im Zimmer und das erste mal, dass wir Sex im Dunkeln hatten. Das war irgendwie neu und aufregend und schärfte meine Sinne. Ich genoss den Sex sehr, sprang von Orgasmus zu Orgasmus und ließ L. an meinen Höhen teilhaben. Wir küssten uns viel, sagten uns immer wieder, wie sehr wir uns lieb hatten und dass wir einander liebten. Der Sex war intim, romantisch, emotional, und intensiv. Einfach wunderschön.
Als wir anschließen ineinander verschlungen dalagen, sagte L. mir: „Du bist eine gute Liebhaberin, Clara. Der Sex mit dir ist wirklich jedes mal wahnsinnig gut. Mit anderen Frauen kenne ich das anders. Da gibt’s auch mal Sex, der nur okay ist, aber nicht so viel Spaß macht. Mit dir hatte ich das kein einziges mal.“
Mir geht es mit L. ähnlich. Der Sex mit ihm ist nicht spektakulär in Bezug auf das, was wir da miteinander machen. Wir machen keine crazy Stellungen oder irgendwelche kinky Praktiken oder experimentieren krass viel rum. Aber bis auf zwei mal bin ich mit L. immer voll im Moment, lasse mich voll und ganz in meine Empfindungen fallen, und schwebe daher mit ihm von Orgasmus zu Orgasmus. Mit ihm fühle ich mich begehrt und geliebt und schön. Der Sex ist emotional und nah und intim. Und ich genieße ihn immer wieder.
Nach einer Runde After Sex Pinkeln zogen wir unsere Schlafanzüge wieder an, kuschelten uns unter die Decke, und schliefen kurz darauf in Löffelchenstellung ein.
Es muss wahnsinnig spät gewesen sein, denn L.’s Wecker heute morgen war brutal. Ich bin heute mit Augenringen des Todes durch den Tag gelaufen. Vor dem Sex hatte ich noch zu L. gesagt: „Wie werden morgen so müde sein.“ Und L. hatte erwidert: „Müde aber glücklich.“ Er sollte Recht behalten. Ich bin heute mit einem voll gefüllten Herz durch den Tag gelaufen. Beseelt von der Harmonie und Leichtigkeit, die gerade in die Beziehung mit L. einzieht.
Dieses prall gefüllte Herz versuche ich mir heute beizubehalten, während L. auf das Date mit S. geht. Ich versuche in meinem Gefühl von Sicherheit und Liebe zu bleiben, das ich gestern Abend mit ihm hatte. Und nicht zu viel über den Sex nachzudenken, den er später vielleicht noch mit S. hat.
Am Sonntag sehen wir uns wieder und können dann gemeinsam reflektieren, wie wir uns während des Dates gefühlt haben. Ich freue mich jetzt schon darauf, ihn dann wiederzusehen.
Morgen werde ich aber erst mal den Tag mit G. verbringen. Wir werden den kompletten Tag miteinander verbringen, zusammen backen, brunchen, hoffentlich Sex haben, und abends schick auf eine Hochzeitsparty gehen.
Mit G. läuft es gerade auch super. Er gibt sich schon seit mehreren Wochen echt viel Mühe damit, meine Love Language mehr zu sprechen. Ich werde mehr umarmt, geküsst, habe plötzlich einen Arm um die Schultern, wenn wir nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Das ist echt schön und ich genieße es sehr. Sex hatten wir leider in den letzten zwei Wochen nicht so viel, weil wir G. und ich uns beide mit einem Keim rumärgerten, den wir aus dem Senegal mitgeschleppt haben und der seit Wochen für Durchfall und Erbrechen sorgt. Seit letztem Wochenende nehmen wir endlich Antibiotika dagegen und es geht uns beiden endlich besser. Vor allem G. hatte aber verständlicherweise in den letzten Wochen mit Bauchkrämpfen und Übelkeit wenig Lust auf Sex. Gekuschelt haben wir trotzdem – täglich. Und wir hatten darüber hinaus viele, gute Gespräche und haben viel Zeit miteinander verbracht.
Die nächsten Monate werden für mich hart. Umso schöner ist es, dass meine Beziehungen endlich mal beide gut laufen und ich von beiden Männern eine wahnsinnige Unterstützung erhalte. Die beiden tun mir gut und schenken mir Kraft und Optimismus. Beides hohe Güter in dieser Zeit.
Clara
Ach, Clara… Es tut mir so leid, dass es gesundheitlich einen solchen Tiefschlag gab. Verträgst du die Therapien oder beeinträchtigen dich die Nebenwirkungen stark? Gibt es Hoffnung auf Heilung? Stadium IV spricht zwar eine negative Sprache, aber wenn ich beim Googeln richtig informiert wurde, ist es nicht grundsätzlich so.
Wie gehen G. und L. mit deiner Situation um? In deinen Beschreibungen klingt es, als wären die zwei wie Inseln, mit denen du Momente und Situationen hast, in denen es die Krankheit gefühlt nicht gibt. Aber wahrscheinlich ist es auch für die beiden belastend, dass ein geliebter Mensch so hart vom Schicksal getroffen wurde.
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Die neuen Therapien starte ich erst kommende Woche und hoffe mal, dass ich nicht zu starke Nebenwirkungen entwickle. Die letzte Immuntherapie im März/April müssten wir ja schon nach 2 Infusionen abbrechen, weil ich so eine hohe Toxizität entwickelt hatte und Autoimmunreaktionen gegen mein Herz und meine Hypophyse hatte. Aber ich hoffe einfach, dass das nicht wieder so wird. Vor allem, weil die Therapie jetzt nicht mehr optional ist, sondern ist sie dringend brauche.
Hoffnung auf Heilung gibt es, ja. Und dennoch macht mir die Situation Angst, weil jetzt auch mein Risiko für weitere Metastasen umso höher ist.
G. hat Angst und fühlt sich öfter überfordert, aber wir halten zusammen und unterstützen uns gegenseitig. L. Ist sehr resilient. Er macht sich zwar viele Sorgen um mich, ist gleichzeitig aber einfach für mich da und fühlt sich für mich sehr stark an.
Deine Beschreibung mit den Inseln trifft es ganz gut. Die Krankheit ist zwar oft Thema, aber nicht ständig. Wir schaffen es trotzdem, uns noch als Lieber*innen zu begegnen und auch an anderes zu denken. Das ist mir auch wichtig.
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