Freund oder Partner

Fast vier Wochen sind seit meinem letzten Blogartikel vergangen. Vier Wochen, die eigentlich nicht stattgefunden haben. Am 17. Juli mussten wir den Notarzt rufen, weil ich plötzlich Schlaganfall-Symptome hatte (Schwindel, starke Kopfschmerzen, taube Beine, Sprachstörungen). Danach begann eine sehr anstrengende und schmerzhafte Odyssee im Krankenhaus. Die Ärzt*innen brauchten zwei ganze Wochen, in denen ich unter massiven Schmerzen litt und mein Körper aufgrund von prophylaktisch verabreichten Medikamenten immer schwächer wurde, ich durchgehend Durchfall hatte, insgesamt 8 Venenzugänge gelegt werden mussten, weil meine Venen immer wieder platzten, um dann endlich herauszufinden, was bei mir eigentlich los war. Mein Hirn hat diese Zeit gefühlt einfach wegradiert. Gefühlt hat die Zeit zwischen dem 17. Juli und letzten Dienstag – dem Tag meiner Entlassung – nicht stattgefunden.

In dieser Zeit war ich nicht in der Lage, zu schreiben, obwohl ich es besonders dringend nötig gehabt hätte. Ich fasste aber den Entschluss, einen zweiten Blog anzufangen, in welchem ich die vielen Gedanken rund um das Thema Krebs sammeln kann.

Ich empfehle allen Angehörigen von mir, diesen Blog nicht zu lesen, denn ich werde ihn dazu nutzen, ungefiltert meine Gedankenströme festzuhalten. Der Blog dient mir selbst zum therapeutischen Schreiben und kann daher triggern, verletzen oder verunsichern. Da werden Themen dabei sein (zum Beispiel zum Sterben), die für nahestehende zu viel sein könnten. Bitte überlegt euch daher genau, ob ihr den Blog lesen wollt.

Ich habe mich dennoch für einen Blog und kein privates Tagebuch entschieden, weil ich weiß, dass unter meinen Leser*innen die ein oder anderen mit eigenen, schweren Krankheitsgeschichten sind. Da auch dieser Blog anonym ist, könnt ihr ihn gerne lesen. Wenn er euch in irgendeiner Weise etwas bringt, freut mich das. Und wenn nicht, dann hört einfach wieder auf zu lesen 🙂

Zum Blog geht es hier: https://friendlybrain.wordpress.com/

Letzten Dienstag wurde ich dann aus dem Krankenhaus entlassen und war darüber sehr froh. Gesund bin ich noch lange nicht und vital fühle ich mich aktuell nur an wenigen Stunden pro Tag. Es wird dauern, bis mein Körper sich von all den Strapazen erholt hat.

Daheim krank sein empfinde ich aktuell als genauso belastend und schwierig wie im Krankenhaus krank sein. Obwohl mein Körper viel Bettruhe braucht und schon minimale Anstrengungen zu einer großen Erschöpfung führen, fällt es mir schwer, Ruhe zu geben. Ich war schon immer ein Mensch mit tausend Hummeln im Po, und die summen daheim viel lauter, weil es immer tausend Dinge zu tun gibt.

Die ersten Tage fand ich es besonders schwer auszuhalten, zu sehen, wie belastend die ganze Situation auch für G. ist. Wegen meiner Krankheit muss er gerade den kompletten Haushalt und unser Leben selbst managen und zusätzlich benötige ich ständig Unterstützung. Es fällt mir schwer, diese neue Rolle, in die mich die Krankheit gerade zwingt, anzunehmen und zu akzeptieren und mich darin zurechtzufinden. Gefühlt war ich immer die stärkere, die energetischere, die die alles im Griff hatte von uns beiden. Jetzt die zu sein, die auf Unterstützung angewiesen ist, die weniger gibt als dass sie nimmt, passt überhaupt nicht zu meinem Bild von mir selbst.

Am belastendsten fand ich, dass ich aufgrund der kognitiven Einschränkungen, die ich erlebt habe, auch meinen wichtigsten Beitrag in meinen Beziehungen nicht mehr leisten konnte: Mich aktiv um diese zu kümmern. Es ging einfach nicht. Ich war nicht mehr in der Lage, gute Gespräche zu führen und die Kommunikation mit meinen Partner*innen aktiv zu gestalten. Also genau das, was meiner Meinung nach meine Beziehungen so erfolgreich macht.

Dabei zuzusehen, wie deswegen auch die Beziehungen darunter leiden, fand ich ganz schlimm. Genau zu wissen, was es bräuchte, und sich gleichzeitig eingestehen zu müssen: „Ich kann das jetzt gerade nicht leisten.“, das war keine schöne Erfahrung.

Vor allem hat es auch dazu geführt, dass ich, die sonst wirklich zum oberen Ende der selbstbewussten und selbstsicheren Menschen gehört, angefangen habe, an mir zu zweifeln und Probleme mit meinem Selbstwertgefühl hatte. Ich war mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich liebenswert, schätzenswert und überhaupt wert bin. Diese Gedanken habe ich auch bis heute noch nicht ablassen können (darum geht es unter anderem auch im ersten Eintrag in meinem neuen Blog).

Schön war aber in dieser Zeit, zu sehen, wie G. und L. in ganz unterschiedlicher Form versuchten, mich bestmöglich zu unterstützen. Für G. war es neben dem Job gar nicht immer so leicht, regelmäßig ins Krankenhaus zu kommen. Dennoch plante er seine Wochen wann immer möglich so, dass wir uns alle paar Tage sahen. Er versorgte mich im Krankenhaus mit allem, was ich benötigte. Er brachte mir Essen mit, Spiele, Kleidung, und vieles mehr.

L. war über die Zeit voll in seiner Klausurenphase und stand genauso unter Stress. Da er jedoch nur 15 Minuten von der Klinik entfernt wohnte, gestaltete er seine Tage so, dass er jeden zweiten Tag für 1-2 Stunden vorbeikam, bevor oder nachdem er sich zum Lernen in die Bibliothek setzte. Er kam immer mit Snacks und vielen Umarmungen, die ich dankbar entgegennahm.

An L. entdeckte ich in dieser Zeit auch noch eine neue Seite, die ich vorher nicht kannte: Eine voller Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbereitschaft. Es gab im Krankenhaus mehrmals Situationen, wo nicht ich, sondern meine Zimmernachbar*innen plötzlich in Not waren. L. reagierte in diesen Situationen schnell und souverän und holte Hilfe. Zu sehen, dass er immer sofort bei der Stelle war und wusste, was zu tun war, ließ ihn in meinen Augen sehr erwachsen und stark erscheinen. Eigenschaften, die in so einer schwierigen Phase vielleicht noch wichtiger für mich sind als eh schon.

Leider kam dieses Bild letzte Woche dann ins Schwanken. Seitdem ich wieder daheim bin, sich mein Gehirn wieder erholt und ich wieder klar denken kann, sehne ich mich auch wieder nach einer Art Normalität in meinen Beziehungen. Mit G. ging das ganz schnell. Sobald ich daheim war, redeten wir wieder ganz viel miteinander, kümmerten uns umeinander, gaben uns gegenseitig Halt und Unterstützung (natürlich anders als davor, weil ich wie oben beschrieben gerade vieles nicht tun kann, aber mental eben schon.).

L. ist bisher im Krankenhaus-Modus geblieben. Während ich im Krankenhaus lag und er Klausuren schrieb, passierte weder in seinem noch in meinem Leben sonderlich viel. Das heißt, es gab nicht viel zwischen uns zu kommunizieren.

Das ist jetzt wieder anders. Am Wochenende war L. von Freitag bis Sonntag bei mir. Er hat heute Geburtstag und daher fragte ich ihn am Samstag irgendwann, was eigentlich sein Plan für seinen Geburtstag war. Wollte er feiern? Wann wollte er mit mir feiern?

Er erzählte mir, dass er an seinem Geburtstag mit A. für eine Nacht ins Grüne fahren würde und das mit einem Ausflug verbinden würde. Für mich hatte er keine Pläne und er hatte sich auch keine Gedanken darüber gemacht. Das fand ich verletzend.

Normalerweise schreiben wir uns für die kommenden Wochen immer einige Terminblocker in unsere Kalender. Ohne genaue Pläne wissen wir so schon mal, wann wir uns sehen können und werden. Aktuell steht in unseren Kalendern gar nichts – weil L. nicht mit mir kommuniziert. Er ist aktuell noch im Krankenhaus-Klausuren-Modus festgefangen, bei dem er einfach spontan schaut, was wann passt. Damit bin ich aber nicht glücklich, denn so muss ich hoffen, dass der liebe L. irgendwann Zeit für mich findet und warte quasi auf ihn, anstatt dass wir gleichberechtigt Pläne machen und uns miteinander abstimmen.

Ich sagte ihm daher am Sonntagmorgen, als ich wegen seines Geburtstags und, weil er mich da überhaupt nicht mitgedacht hat, mit einem Gefühl von Traurigkeit aufwachte, wie ich mich fühle und dass ich mir von ihm wünsche, dass er bitte wieder Pläne mit mir macht.

Hinzu kam dann noch, dass er mich darüber informierte, dass er vom 13.-20. August zu seiner Familie in den Kroatienurlaub fahren wollte. Seine Familie war für zwei Wochen dort zum Campen und er wollte für 5-7 Tage dazustoßen. Schon vor Wochen hatten wir darüber geredet, dass wir uns auch dafür die Termine am besten gemeinsam anschauen. Stattdessen bekam ich einfach ein FYI. Und das ärgerte mich vor allem auch deswegen, weil G. am 15.-18. August zu seinen Eltern fährt, was L. weiß, und wir an diesem Wochenende die super seltene Gelegenheit gehabt hätten, das Haus mal ganz für uns zu haben. Ich hatte daher die Hoffnung gehabt, dass L. seinen Kroatien-Trip so legt, dass wir das zumindest ein bisschen für uns nutzen können.

Da wir ja keine Pläne haben und ich ihn voraussichtlich erst am kommenden Samstag wiedersehe, schickte ich ihm daher am Montag noch eine ausführliche Sprachnachricht und teilte ihm meine Frustration mit, meine Enttäuschung, und machte nochmal klar, dass ich mir wünsche, dass er Pläne mit mir macht.

Ich hätte erwartet, dass er sich spätestens gestern bei mir meldet. Dass er bei mir anruft und wir darüber reden. Dass er auf meine Gefühle eingeht. Stattdessen habe ich seitdem von ihm nur eine handvoll Nachrichten erhalten, unter anderem mit Informationen über die Pläne, die er gestern und heute mit A. gemacht hat, sowie sein Plan mit zwei Kumpels für Donnerstag, und ein FYI dass er doch erst am 16.08. nach Kroatien fliegen würde.

Nach meiner Kommunikation mitgeteilt zu bekommen, dass er Pläne mit anderen Menschen gemacht hat aber nicht mit mir, und auch keinerlei empathische Reaktion à la „Gut dass du mir erzählst, wie du dich fühlst. Lass uns darüber reden. Das sind meine Gedanken dazu. etc. etc.“ zu erhalten, fühlt sich natürlich nicht gut an. Ich fühle mich ignoriert und finde sein Verhalten alles andere als erwachsen und reif. Es fühlt sich (mal wieder) an, als würde er sich halt echt weniger um die Beziehungsarbeit kümmern als ich. Als wäre ihm nicht klar, dass er mit mir kommunizieren muss, wenn ich ein Thema habe – und das nicht erst in 5 Tagen, sondern eben sobald wie möglich.

Ich bin daher gerade wütend auf ihn und habe wenig Lust, ihn heute anzurufen und ihm zum Geburtstag zu gratulieren und so zu tun, als wäre alles super. Und gleichzeitig habe ich auch keine Lust, bei ihm anzurufen und wütend zu sein und ihm seinen Geburtstag zu vermiesen. Wobei er das ja letztendlich selbst zu verantworten hat. Und ich habe auch keine Lust, ihm nochmal zu kommunizieren, dass ich gerade eigentlich von ihm erwarte, proaktiv auf mich zuzukommen, weil das schon wieder so banal ist, dass es mich ärgert, dass ich das überhaupt kommunizieren muss. Dass er da nicht von selbst drauf kommt, ärgert mich.

Letztendlich gibt mir das mal wieder das Gefühl, dass ich in L. einen zwar tollen und liebenswerten Mann habe, dem es aber doch immer wieder an Reife und dem nötigen „Mitdenken“ und „Caring“ fehlt. Er ist und bleibt 5 Jahre jünger als ich und ich merke das immer wieder.

Und ich frage mich, ob ich eventuell auch zu viel erwarte. Wir haben uns erst vor 8 Monaten kennengelernt. Will ich vielleicht eine Art von Beziehung von ihm, die gar nicht mit ihm möglich ist? Bloß weil er von sich sagt, dass er gerne mein Partner wäre, heißt das ja leider nicht, dass er dazu überhaupt in der Lage ist. Anstatt immer wieder zu bemerken, dass er sich nicht wie ein Partner verhält, sondern eher wie ein Boyfriend oder eine wichtige Liebesaffaire, und dann enttäuscht zu sein, könnte ich auch versuchen, das zu akzeptieren und die Beziehung mit ihm eben auf das zu reduzieren, wozu er und ich in der Lage sind. Das kann ja vielleicht trotzdem eine genauso liebevolle, gefühlvolle und erfüllende Art von Beziehung sein. Aber eben keine Partnerschaft auf dem Level, wie ich sie mit G. habe.

Vielleicht entwickelt sich die Sache mit L. ja irgendwann in eine Partnerschaft. Aber das braucht denke ich viel Zeit. Das hängt weniger von aktiven Entscheidungen oder Aussagen wie „ich will dein Partner sein“ ab. Sondern vor allem davon, ob er und ich über einen langen Zeitraum in die Beziehung investieren und sie sich nach und nach zu einer Partnerschaft entwickelt.

Vielleicht sollte ich für ihn und mich den Druck mehr rausnehmen und gelassener an das Ganze rangehen. Ob ich das gut kann, sei mal dahingestellt.

Auf jeden Fall würde ich gerne mit ihm darüber reden. Und zwar, nachdem er mich angerufen hat und nicht ich ihn. Mal schauen, ob das heute passiert. Wie ich ihm gratuliere, kann ich ja auch noch bis heute Abend entscheiden.

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Ach Mensch, keine schöne Zeit gerade. 😦

    Vielleicht tut der Abstand von L. gut. Du machst körperlich und mental eine schwere Zeit durch und L. scheint mit seinem Verhalten gerade mehr Schwierigkeiten für dich zu produzieren, als dass er hilft, die Umstände so zu gestalten, dass du gute Bedingungen hast, um wieder zu Kräften zu kommen. Vor allem: Wenn mein Partner zwei Wochen im Krankenhaus war und klar ist, dass es mit der Entlassung noch nicht gut ist, sondern die Genesung Zeit dauert und er Hilfe braucht, würde ich mit ihm sprechen, ob es für ihn überhaupt okay ist, wenn ich wegfahre. Oder, wenn ich die Auszeit dringend brauche, mit dem anderen sprechen, wie ich sie mir nehmen kann, damit es auch für den anderen okay ist (kürzer in den Urlaub, nicht so weit weg etc.).

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  2. Avatar von Reiner Wende Reiner Wende sagt:

    Gute Besserung und viel Erfolg für deine Strategie

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