Zu viel

Über die letzten Wochen ist mein Troponinwert immer weiter gestiegen, was ein Anzeichen für eine Erkrankung oder Verletzung des Herzens ist. Daher wurde meine Immuntherapie diese Woche pausiert und ich hatte am Dienstag einen Termin in der Kardiologie, um zu schauen, was mit meinem Herz los ist. Nach einem Ultraschall und EKG sowie der genauen Betrachtung meiner Blutwerte und meine Krankheitsgeschichte sprach die Kardiologin die Empfehlung aus, dass die Immuntherapie nicht fortgesetzt wird, weil ich wahrscheinlich wieder eine Herzmuskelentzündung habe.

Das ist ein harter Rückschlag für mich. Die jetzige Immuntherapie, die ich Ende August gestartet habe, habe ich bisher gut vertragen und hatte wirklich die Hoffnung, dass es dieses mal gut läuft und ich keine großen Nebenwirkungen davontrage.

Mit dieser Nachricht kam für mich auch sofort die Angst zurück. Die Angst, am Krebs zu sterben, ist wieder so präsent wie seit Juni nicht mehr. Die Immuntherapie ist die Therapie, die bei Melanompatient*innen in den letzten 10 Jahren dazu geführt hat, dass die Lebenserwartung gestiegen ist. Chemotherapie, was ja bei vielen anderen Krebsarten eingesetzt wird, wirkt beim Melanom nicht.

Fällt also die Immuntherapie für mich weg, dann stehe ich ohne wirksame Therapie da.

Nach dem Termin in der Kardiologie setzte ich mich am Dienstag erstmal alleine in ein Restaurant und aß einen riesigen Salat. Große Salatplatten sind mein Soul Food. Nachmittags arbeitete ich ein bisschen bei Ls. am Schreibtisch und lenkte mich ab mit den Themen in der Firma.

Ich war sehr froh, dass ich am gleichen Abend noch den nächsten Termin meiner Kunsttherapie hatte. Währenddessen malte ich ein sehr großformatiges Bild mit Acrylfarben, in das ich alles hineingab, was ich gerade fühlte. Daraus wurde ein kraftvolles, dunkles Bild, das voller Selbstsicherheit, Wut und Trauer strahlt.

Obwohl die Sache mit der ungeklärten Beziehung zwischen L. und A. noch zwischen uns stand, ging ich nach der Kunsttherapie zu L. Ich hatte keinen Plan, ob ich da lange bleiben würde oder über Nacht, aber wollte einfach in mich reinspüren und tun, was sich gut anfühlt. Ich hatte vorher angekündigt, dass ich heute einfach etwas warmes zu essen brauchte, Umarmungen, Kuscheln und Schlaf. Und nicht viel reden wollte.

Ganz natürlich fingen wir aber dann doch wieder an, über uns und über A. zu reden. Zum ersten mal seit Wochen öffnete sich L. mir gegenüber und redete ehrlich über seine Situation mit A. Er erzählte mir, dass es jede Woche schwieriger wird, mit A. zusammenzuleben. Dass sie sich immer streiten und anschrien, wenn sie sich sehen. Dass er versucht, nicht daheim zu sein, wenn A. heimkommt, weil sie dann immer irgendeinen Grund findet, einen Streit zu starten. Und dass er sich keine Zukunft mit A. mehr vorstellen kann und sich trennen will. Der einzige Grund, warum er gleichzeitig aktuell nicht in die Beziehungsklärung mit A. gehen will, ist, dass er Angst hat, von A. vor die Tür gesetzt zu werden. Denn so schwierig die Wohnsituation mit ihr aktuell ist, so alternativlos ist sie für ihn auch. Finanziell kann er es sich gerade nicht leisten, aus und in eine eigene Wohnung zu ziehen. Auch wenn das genau das ist, was er gerne hätte.

Diese Aussagen geben mir ein viel besseres Gefühl, denn es sind Aussagen, mit denen ich planen kann. Damit ist klar, dass wir eine Zukunft ohne A. haben. Und dass wir nochmal gemeinsam darüber nachdenken können, ob wir nicht doch schon jetzt eine Möglichkeit für L. finden, dass er bald ausziehen kann. Ich könnte mir überlegen, ob ich ihn finanziell unterstützen will zum Beispiel.

Ich fühlte mich nach dem Gespräch wieder voll mit ihm verbunden und war dankbar dafür, dass er sich mir endlich geöffnet hat. Wir gingen ins Bad, zogen uns aus, und gingen gemeinsam duschen. Das ist irgendwie unser Ding geworden. Immer, wenn ich bei ihm schlafe, duschen wir zusammen, bevor wir ins Bett gehen. Wir kuschelten uns nackt ins Bett und kuschelten noch eine ganze Weile, bevor wir das Licht ausmachten und schliefen.

Ich habe die letzten Tage dann weiter gearbeitet, obwohl mich die gesundheitlichen Neuigkeiten natürlich ganz schön aus der Bahn werfen. Glücklicherweise haben wir in der Firma eine Kultur (die ich da so etabliert habe), in der es absolut okay und normal ist, Gefühle zu zeigen. Ich weinte daher immer mal wieder, redete offen mit meinen engsten Kolleg*innen über die Entwicklungen, arbeitete nur so viel, wie eben ging.

Gestern ging es mir dann aber nochmal deutlich schlechter. Die Angst, zu sterben, war so präsent, dass ich nachmittags weinend auf dem Sofa saß und richtig Panik hatte. Ich überlegte mir, was mir am meisten helfen würde beziehungsweise, wen oder was ich mir wünsche, was mir gut tun könnte. Und das war L. Er kann mich in der Regel total gut auffangen und emotional unterstützen, wenn es mir nicht gut geht. Mich in seine Umarmungen zu flüchten, eventuell beim Sex alles zu vergessen, das tut so gut.

Ich schrieb ihm, dass es mir gar nicht gut geht und ich sehr Angst habe. Er fragte, ob er mir etwas geben kann und dass ich mich gedrückt fühlen soll. Ich schrieb: „Mich nicht alleine lassen. Bitte.“ Das verstand er falsch und bezog es darauf, dass er mich verlassen würde. Er schrieb daher: „Ganz sicher nicht. Versprochen.“ Ich schrieb daher nochmal klarer: „Ich meinte, dass ich heute nicht alleine sein kann/möchte. Das ist gerade zu viel für mich. Gefühlt brauche ich dich jetzt. Und das zu schreiben kostet mich schon eine riesige Überwindung.“

Doch er ließ mich allein. Er rief nicht an. Er änderte nicht seine Pläne und machte sich auf den Weg zu mir, sondern er ging abends mit seinen Kumpels bouldern. Er schrieb mir lediglich, dass A. die Nacht nicht in deren Wohnung verbringen würde, falls ich später kommen möchte.

Ich bin immer noch entsetzt über dieses Verhalten. Er hat mich alleine gelassen. Er hat sich nicht fürsorglich verhalten. Hat sich nicht um mich gekümmert, wenn es das gebraucht hätte. Hat seine Bedürfnisse nicht zurückgestellt. Er hat sich nicht verhalten wie ein Partner. Er hat mir gezeigt, dass ich mich nicht auf ihn verlassen kann. Dass er nicht unbedingt für mich da ist, wenn ich ihn brauche. Und das finde ich richtig schlimm.

Deswegen fühle ich mich gerade wie ein Häufchen Elend. Ich versuche irgendwie, mit der Angst klarzukommen und mich nicht komplett von ihr vereinnahmen zu lassen. Und gleichzeitig hat sich der Mensch, der sich bisher wie ein Fels in der Brandung für mich angefühlt hat, als unzuverlässig und überhaupt nicht unterstützen herausgestellt.

G. ist wie immer für mich da. Er hat am Dienstag, nachdem er von den Nachrichten gehört hatte, meine Wäsche gewaschen, das Bad geputzt, Kisten ausgepackt. Alles Dinge, die ich im Laufe der Woche hätte machen müssen. Ich sprach ihn am Mittwoch darauf an und er meinte: „I thought that you already have more than enough on your plate.“ Dafür bin ich sehr dankbar. Und gleichzeitig hätte ich L. auch gebraucht, weil ich bei ihm besser weinen kann, mich anlehnen kann, und eine andere Form von emotionalem Support bekomme.

G. und ich verbringen dieses Wochenende ganz viel Zeit miteinander. Wir unterschreiben später unseren Ehevertrag beim Notar und werden danach Acrylfarben und Leinwände kaufen gehen, weil ich weiter malen will dieses Wochenende. Durch die Kunsttherapie habe ich gelernt, wie gut es sich anfühlt, Gefühle mit Farben zu transportieren. Es ist eine ganz intuitive Möglichkeit, Gefühle zu verarbeiten, die nicht so kognitiv und rational ist wie das Schreiben. Malen ist nicht so fordernd wie das Schreiben. Daher will ich gerne den großen Kellerraum, der bisher ungenutzt ist, erst mal als Atelier nutzen. Damit ich nicht nur dienstagabends in der Therapie malen kann, sondern auch immer mal wieder daheim, wenn mir danach ist.

Es kostet wahnsinnig viel Kraft, bei so vielen Rückschlägen, wie ich sie dieses Jahr hatte, nicht die Hoffnung zu verlieren. Und dann noch das Gefühl zu haben, man kann sich auf seinen Partner nicht verlassen, ist einfach zu viel.

Clara

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  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Das Verhalten von L. macht mich richtig wütend. Ist ihm klar, dass du nicht einfach ein bisschen PMS oder einen melancholischen Tag hast, sondern eine Krankheit, die tödlich enden kann? Rhetorische Frage.
    Aber ist ihm klar, dass ein solches Verhalten dazu führt, dass es dir zusätzlich schlechter geht? Ich bin echt entsetzt. Ich schick dir eine liebe Umarmung aus der Ferne.

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