Ich schreibe diesen Text, während ich im Amtrak Zug von New York City nach Pittsburgh sitze. Ich bin aktuell mit G. für 3,5 Wochen in den USA auf Reisen. Unsere erste gemeinsame Reise seit fast einem Jahr. Vor etwas weniger als einem Jahr waren wir gemeinsam im Senegal. Die damalige Reise war überschattet vom ersten Beziehungsdrama mit L., weil dieser währenddessen plötzlich auf die Idee kam, andere Leute zu daten.
Tja, und dieses Mal wird die Reise auch wieder überschattet. Nur die Situation ist eine gänzlich andere.
Aber ich fange lieber von vorne an. Seit meinem letzten Blogartikel ist einiges an Zeit vergangen. Über die Wintermonate ist die Trennung zwischen L. und A. weiter vorangekommen. Die zwei hatten den (irrwitzigen) Plan, noch bis in den Sommer 2025 zusammenzuwohnen. Ab November war dann aber endlich auch L. klar, dass das unrealistisch ist. Die zwei konnten nicht mehr im selben Raum sein, ohne sich anzuschreien. Sie gingen sich aus dem Weg, versuchten, nicht mehr gleichzeitig daheim zu sein, redeten nur noch am Telefon miteinander. Also drängte ich L., sich ein WG-Zimmer zu suchen und zeitnah auszuziehen. Glücklicherweise musste er nicht lange suchen und fand innerhalb von zwei Wochen ein passendes WG-Zimmer, das ab dem Jahreswechsel verfügbar sein würde.
Leider ging es L. psychisch ab November zusehends schlechter. Das war für mich sehr anstrengend, denn L. wurde unzuverlässig, kümmerte sich kaum noch um die Kommunikation in unserer Beziehung und die Beziehung an sich. Es wurde unmöglich, mit ihm Pläne zu machen. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Themen immer wieder anzusprechen. Ich hatte jedes Mal einen L. vor mir sitzen, der ganz meiner Meinung war – aber gleichzeitig nicht in der Lage war, etwas zu verändern.
Die Krönung war dann Silvester. Wir hatten schon im Herbst darüber gesprochen, dass wir es schön fänden, Silvester zusammen zu feiern. Ich fragte schon frühzeitig in meinem Freundeskreis herum, ob irgendwer Pläne hatte, bei denen man sich anschließen konnte. Leider waren alle meine Freund*innen über Silvester ausgeflogen in andere Städte oder in den Skiurlaub – oder feierten kein Silvester. Also bat ich L., doch mal bei seinen Kumpels rumzufragen, ob man sich irgendwo anschließen könnte. Ich bat ihn sicherlich dreimal darum, aber er tat es nicht. Also ging ich davon aus, dass wir uns im Zweifelsfall ein ruhiges Silvester zu zweit machen würden, was auch angesichts deines anstehenden Umzugs kein so schlechter Plan war.
Am 30.12., nachdem ich bei ihm übernachtet hatte, sprach ich ihn nochmal darauf an, was wir nun an Silvester machen wollten. Und er antwortete: „N. hat mich gefragt, ob ich mit ihm feiern will, und ich habe zugesagt.“ „Und was ist mir mir?“
Er hatte mich nicht mit eingeplant. Er hatte nicht bei seinem Kumpel nachgefragt, ob ich auch mitkommen könnte. Er hatte keine Pläne gemacht, die mich einschlossen. Er hatte mich einfach versetzt.
Ich war so entsetzt über sein Verhalten, dass ich ihn kurzerhand vom Geburtstag von Ls. auslud, mit der wir an dem Tag verabredet waren.
Wir setzten uns dann ein paar Tage später nochmal zusammen und ich fragte ihn: „Was ist eigentlich los?“ Er war null in der Lage, zu reflektieren oder zu analysieren, wo dieses rücksichtslose und unzuverlässige Verhalten herkam. Was sein Problem war. Doch sein Fazit war: „Ich bin im Moment nicht beziehungsfähig.“
Was macht man mit so einer Aussage? Ich wollte ja mit ihm zusammen sein und ich wusste auch, dass er zu anderen Zeiten ganz anders gewesen war.
Wir entschieden, dass wir eine Woche später, wenn ich aus einem kurzen Winterurlaub mit G. zurückkommen würde, nochmal reden würden. Doch bei diesem zweiten Gespräch kamen wir auch nicht arg viel weiter. L. war anscheinend so überfordert, dass er nicht in der Lage war, an sich zu arbeiten. Mir war damals schon klar, was eigentlich los war: Der Umzug löste aus, dass die Trennung von A. plötzlich spürbar wurde und da jede Menge Gefühle und Gedanken hochkamen, die verarbeitet werden mussten. Außerdem war die Weihnachtszeit für L. sehr stressig, weil er sich sehr zeitintensive Geschenke ausgedacht hatte. Seine Geschenkproduktion setzte ihn unter Druck, weil alles erst kurz vor Schluss fertig wurde. Und dann musste er noch alle seine Sachen zusammenpacken und umziehen. Jedes dieser Themen mag nicht so riesengroß sein, aber dadurch, dass alles gleichzeitig passierte, war es einfach zu viel. L. war überfordert und ich fand, das war sehr verständlich.
Weil im Januar dann zusätzlich auch noch die Klausuren für sein Studium anstanden, schlug ich ihm vor, bis nach seinen Klausuren einfach die Frequenz unserer Treffen herunterzufahren und ihm bis dahin Zeit zu geben, wieder auf die Beine zu kommen.
Faktisch stellte ich damit meine Bedürfnisse hinten an. Denn ich hatte weiterhin keinen Partner, der sich um unsere Beziehung kümmerte, für mich da war, und mit dem ich Pläne für das Jahr machen konnte. Auch jegliche Beziehungsgespräche, die wichtig gewesen wären, führte ich erstmal nicht, weil L. dazu aktuell nicht in der Lage war. Deswegen kommunizierte ich ganz klar, dass ich diese Situation für mich nur vorübergehend in Ordnung ist und ich mir langfristig etwas anderes wünsche. Ich sagte ihm, dass ich sein Verhalten bis in den Februar hinein beobachten würde und auch für mich eine Entscheidung treffen müsste, ob ich die Beziehung mit ihm fortführen will.
Glücklicherweise ging es L. schon ab Mitte Januar besser, was ich direkt daran merkte, dass er sich viel regelmäßiger meldete, wieder regelmäßig Sport treib und eine bessere Laune hatte. Die Treffen mit ihm taten mir gut und ich freute mich sehr darauf. Also traf ich Anfang Februar die Entscheidung, mit ihm zusammen zu bleiben. Auch er sagte mir, dass er gerne mit mir zusammen sein möchte und sehr dankbar für unsere Beziehung ist.
Im Februar kamen wir daher so langsam zurück in eine Art Normalität. Wir planten unsere Dates wieder mehr im Voraus und überlegten uns immer wieder schöne Dinge, die wir zusammen erleben wollten. Wir hatten wahnsinnig viel und guten Sex, machten Sport miteinander, genossen das Leben.
Außerdem planten wir ein Abendessen mit meinen Eltern ein. Meine Eltern hatten sich im letzten Jahr insoweit an die für sie neue Situation gewöhnt, dass die Temperatur im Raum nicht mehr unter Null sank, wenn L. da war. Ich wünschte mir, dass es normal wurde, dass es außer G. noch einen zweiten richtig wichtigen Menschen in meinem Leben gab. Daher lud ich meine Eltern, meine Schwester und ihren Partner, und L. zu mir zum Essen ein, um einen weiteren Schritt in diese Richtung zu gehen.
Der Abend mit meinen Eltern war total entspannt. Alle verstanden sich gut, alle tranken viel Wein, und L. passte super in meine Familie. Eigentlich sogar besser als G., weil L. längst nicht so alternativ ist wie G., was meinen Eltern natürlich gefällt. Ich liebe an G., dass er in keine Schublade passt. Aber meine Eltern überfordert das regelmäßig. L. dagegen ist halt ein heterosexueller Cis-Mann, der Maschinenbau studiert und bei einem bekannten Großunternehmen arbeitet. Der passt schneller in eine Schublade.
G. war an dem Wochenende bei seiner Familie in der Schweiz, sodass L. und ich das Haus für uns hatten. Am Samstag fuhren wir zusammen zum Ikea, um noch ein paar Kleinigkeiten für sein WG-Zimmer zu kaufen. Ich kaufte mir ein Kissen für sein Zimmer, weil mir seine Kissen nicht taugen.
Danach fuhren wir in die Therme und verbrachten den Tag in der Sauna. L. war den ganzen Tag gedanklich wo anders, schaute viel in die Ferne. Er dachte über irgendwas nach, das merkte ich. Und ich wusste auch, dass er in den Wochen davor auch schon viel über sein Leben nachgedacht hatte, was ich gut fand. L. hatte sich insgesamt in seinem Leben noch viel weniger mit sich selbst auseinandergesetzt als ich und kannte sich daher selbst noch nicht so gut. Ich ermunterte ihn daher immer wieder dazu, in die Reflektion zu gehen. Sich zu fragen, was er im Leben will, welche Vision er für seine eigene Zukunft hat, welche Vision er auch für unsere Beziehung hat, was ihm wichtig ist im Leben.
An diesem Tag in der Therme hatte ich das Gefühl, dass ihm echt viel durch den Kopf ging. Er war so verkopft, dass ich das Gefühl hatte, nicht so richtig an ihn ranzukommen.
Für den Abend hatten wir eine Art Sexdate eingeplant. Der Plan war, dass L. in eine dominante Rolle schlüpfen würde – zum ersten Mal. Als wir nach der Therme heimkamen, mixten wir uns erst mal ein paar Drinks und setzten uns aufs Sofa. L. schlug vor, ob wir ein paar Fragekarten von einem neuen Kartenspiel spielen wollten, das ich mir vor ein paar Wochen gekauft hatte. Das Spiel beinhaltete Fragen rund um die Themen Sex und Intimität und hatte schon beim letzten Spielen dazu geführt, dass wir ziemlich schnell ziemlich viel Lust aufeinander bekommen hatten.
Wir spielten eine Weile und redeten auf die Weise über unser Sexleben. Doch selbst in dieser Situation war L. irgendwie nicht ganz da. Also bat ich ihn irgendwann, seine Gedanken mit mir zu teilen.
Was L. mir dann erzählte, war genauso wirr wie sich wahrscheinlich seine Gedanken für ihn anfühlten. Aber die Essenz war in etwa folgendes: Er machte sich Gedanken, ob das normal ist, dass er seit seinem 12. Lebensjahr durchgehend in Beziehungen war und nie Single war. Ob es ihm vielleicht guttäte, mal eine Zeit lang Single zu sein, um sich auf sich konzentrieren zu können. Dass das Singlesein einen großen Reiz auf ihn ausübte, aber er gleichzeitig gerne mit mir zusammen ist, weil er mich wahnsinnig toll findet, mich gerne in seinem Leben hat, mich vermisst, wenn wir uns nicht sehen, die Zeit, die wir miteinander verbringen, immer genießt und mich über alles liebt. Und dass es sich daher nicht entscheiden kann, was er machen soll.
Diese Entscheidung nahm ich ihm ab, in dem ich ihm sagte, dass ich nicht in einer Beziehung mit jemandem sein will, der sich nicht mit mir sicher ist. Ich will nicht in einer Beziehung sein, in der mein Partner immer die Handbremse zieht, zweifelt, sich nicht in der Beziehung fallen lassen kann, und daher auch immer weniger in die Beziehung investiert, als er könnte. Ich sagte ihm, dass es unfair für mich ist, wenn ich voll investiert bin, er aber nicht. Und dass ich das nicht wöllte.
Ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet. Während des Gesprächs weinte ich viel und fühlte mich elend. Von L. gesagt zu bekommen, dass er sich nicht sicher ist, ob er lieber single oder mit mir zusammen wäre, war verletzend. Ich fühlte mich nicht geliebt, ich fühlte mich sehr einsam. Und ich war wahnsinnig enttäuscht.
Erst einen Monat vorher hatten wir uns beide dafür entschieden, in der Beziehung miteinander zu bleiben, weil wir uns beide sicher waren, dass wir uns gegenseitig in unseren Leben haben wollten. Und jetzt das. Das tat ganz schön weh.
Ich ging daher ins Bett und hatte leider nicht mehr die Kraft, L. ins Gästezimmer zu schicken. Er wollte neben mir schlafen, und das tat er auch. Aber für mich wäre es besser gewesen, wenn er mich allein gelassen hätte. Ich fühlte mich nicht wohl neben ihm. Als er schon schlief, zog ich um in G.‘s Bett. Doch der hatte so Duftstäbchen in seinem Zimmer, die mir den Atem raubten. Dort konnte ich nicht bleiben. Also zog ich hoch ins Gästezimmer. Doch funktionierte der Rollladen nicht und es war so hell, dass ich nicht schlafen konnte. Dann war mir alles zu viel und sackte im Treppenhaus zusammen und heulte einfach nur. Wie ein Häufchen Elend saß ich da und weinte. Ich fühlte mich so einsam, so unfair behandelt, so verletzt.
Letztendlich legte ich mich zurück ins Bett neben Leon und schlief dann erschöpft, ganz an der Bettkante, ein.
Am nächsten Morgen stand ich auf, ohne mit ihm zu kuscheln. Das ist das erste Mal gewesen, dass ich das gemacht habe. Ich kochte Kaffee und setzte mich mit einer Tasse aufs Sofa im Wohnzimmer. L. kam irgendwann runter und setzte sich dazu. Doch ich hatte nichts mehr zu sagen. Ich war sehr verletzt und weinte viel. Irgendwann bat ich ihn, zu gehen.
Er packte seine Sachen zusammen und wusste beim Tschüss Sagen offensichtlich nicht, wie er sich verhalten sollte. Ich tat ihm nicht den Gefallen, es für ihn einfacher zu machen. Ich blieb auf dem Sofa sitzen und sagte Tschüss, ohne ihn anzuschauen.
Als ich kurz darauf in mein Zimmer ging, lag dort sein Schlüssel für mein Haus. Das gab mir den Rest. Vor zwei Tagen hatte L. meine Eltern kennengelernt und ich hatte mich noch sicher in der Beziehung mit ihm gefühlt. Und jetzt war Schluss. Ich stand richtig unter Schock.
Am Nachmittag kam meine Schwester vorbei, um mich zu trösten und ein bisschen aufzufangen. Das war total hilfreich. Durch das Gespräch mit ihr wurde mir klar, dass absolut unklar ist, ob L. und ich uns gerade getrennt hatten oder ob wir eine Pause machten, während ich durch die USA reiste. Aus dem Gespräch mit ihm war für mich nicht klar geworden, ob er grundsätzlich Interesse an der Beziehung mit mir hatte, aber eine Zeit lang mehr Raum für sich brauchte, oder ob er die Beziehung gar nicht mehr wollte.
Ich schickte ihm daher abends eine Sprachnachricht und bat darum, dass wir uns vor meinem Abflug nochmal kurz zum Reden trafen. Ich musste wissen, was jetzt Sache war, damit ich nicht für den nächsten Monat komplett in der Schwebe hing.
Am Donnerstagabend sah ich ihn daher nochmal. Zum Glück hatte er die Zeit bis zu dem Treffen dazu genutzt, sich nochmal Gedanken zu machen. Er war dann (für seine Verhältnisse) relativ klar, was er wollte und brauchte. Er wollte eine Pause von unserer Beziehung, während ich auf Reisen bin, um sich in dieser Zeit mit sich selbst auseinander zu setzen, sich auszuprobieren, und das „Single Sein“ einmal auszuprobieren, in der Hoffnung, das danach abhaken zu können und voll committed in der Beziehung mit mir sein zu können.
Für mich ist das echt keine schöne Situation. Anders als er bin ich mir ja sicher. Ich brauche diese Pause nicht. Und ich habe davon auch nichts. Während L. sich jetzt ungebunden durch die Gegend vögeln kann, habe ich gerade meinen Partner verloren. Und nach dem Gespräch muss ich leider auch sagen, dass meine Hoffnungen, dass ich im April dann einen total committeten L. an meiner Seite habe, der mit voller Klarheit sagen kann: „Ohja, ich will die Beziehung mit dir unbedingt und kümmere mich um diese ab sofort mit vollem Elan.“, ziemlich klein sind.
Deswegen habe ich für mich entschieden, so weh das tut, nicht auf ihn zu warten. Ich will mich und meinen Seelenfrieden niemals von anderen Menschen abhängig machen. Und ganz besonders nicht von unreifen Männern. Ich will zufrieden sein, ohne dass das von anderen Menschen abhängt. Und insbesondere will ich mich nicht von Menschen abhängig machen, die meinen Wert nicht erkennen. Ich kenne meinen Wert. Und weiß daher auch, dass ich okay sein werde, egal wie weh das gerade tut. Ich brauche L. nicht.
Ich hätte ihn nur echt gerne in meinem Leben, weil er unheimlich viel Positives in mein Leben gebracht hat im letzten Jahr. Dank ihm habe ich mich im letzten Jahr geliebt gefühlt, begehrt gefühlt, am Leben gefühlt, verliebt gefühlt. Ich bin immer wieder mit ihm in den Flow gekommen, hatte die schönsten Stunden beim Kuscheln und beim Sex mit ihm, hatte einen Partner, der mich emotional auffangen konnte, der mir mit Begeisterung zugehört hat, wenn ich ihm von meinem Job oder Dingen, die ich neu gelernt habe, erzählte habe. Ich hatte einen Partner, der mit ganz viel Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hat.
All diese Dinge vermisse ich so sehr. Und dennoch bin ich zu stolz, ohne jegliche Gewissheit, dass L. zu Sinnen kommt, auf ihn zu warten.
Wenn er sich im April bei mir meldet und sich treffen will, schaue ich dann, wie sich das anfühlt. Ohne Plan. Und vor allem ohne Versprechungen ihm gegenüber, dass ich dann noch offen für eine Beziehung mit ihm bin.
Bis dahin versuche ich, die Reise mit G. zu genießen. Zum Glück gibt es auf so einer Reise ja jede Menge Ablenkung und Action. Das macht es einfacher, als wenn ich jetzt daheim im Alltag wäre. Aber ja, gerade fühle ich mich täglich traurig und verletzt. Es ist lange her, dass ich Liebeskummer hatte. Und ich kann eines sagen: Der wird mit dem Alter anscheinend nicht leichter. Lediglich hat sich verändert, dass ich heute viel besser weiß, was mir guttut und wie ich für mich sorgen kann.