Selbstbestimmung

Mit G. weiß ich nicht so richtig weiter. Am liebsten hätte ich gerne eine Zeit lang mehr Abstand, um mich auf mich zu konzentrieren und auch für mich herauszufinden, was mir die Beziehung mit G. gibt.

Meine Fragen, die ich in die Paartherapie mitgebracht hatte – (Wie sieht unsere Vision für die Zukunft der Beziehung aus? Welche Bedürfnisse will ich unbedingt in der Beziehung gedeckt bekommen? Bei welchen Bedürfnissen ist es okay, wenn ich sie anderswo decke? Und warum entscheide ich mich für oder gegen die Beziehung?) – wurden bisher weitestgehend übergangen. Ich habe keine Antworten finden dürfen bzw. können.

Was da ganz tief in mir mitschwingt, ist der große Wunsch nach Selbstbestimmung. Ich will mir mit meinen Entscheidungen sicher sein. Ich will nicht einfach eine Beziehung weiterlaufen lassen, weil es sie eben schon gibt. Ich will meine Gefühle, insbesondere meine Wut, ernst nehmen. Ich will mein Leben selbstbestimmt leben. Ich will mich aktiv und aus guten Gründen für die Fortführung der Beziehung entscheiden – oder es sein lassen.

Seit wir in der Paartherapie beschlossen haben, dass ich nicht mehr diese Kümmerrolle übernehmen soll, fallen mir leider tausende Dinge auf, die ich mache und übernehme, an die G. gar nicht denkt. Vom Nachschauen, wie man zum Restaurant kommt, zum Vorbereiten des Frühstücks für den Strand, bis hin zur Kommunikation mit Freundinnen – er darf in so vielen Fällen einfach ganz bequem mitlaufen, weil ich mich bereits kümmere. Und das macht mich sehr wütend.

Ich will keine Mutter sein. Ich will in einer gleichberechtigten Partnerschaft sein, und zwar auf allen Ebenen. Ich will in meinem Leben jemanden haben, der mit mir in Resonanz geht, der mich genauso unterstützt wie ich ihn. Und ich will ein unabhängiges Leben leben.

Ich will nicht alle Pläne mit G. machen. Ich will meine eigenen Pläne machen und dann manchmal G. dazu einladen. Ich will alleine auf Reisen gehen und alleine Feste feiern und alleine Zeit mit Freund*innen verbringen – ohne als Default immer meinen Partner dabei zu haben. Ich will, dass das eine Option ist, die ich selbstbestimmt dann wähle, wenn das Vorfreude in mir auslöst.

Geht das überhaupt? Kann ich eine Ehe bzw. eine Partnerschaft so leben? Und wie kommen wir da hin, wenn es aktuell eben ganz anders läuft? Und ganz wichtig: Was will eigentlich G.?

Am liebsten wäre mir aktuell Abstand, den man dann irgendwann wieder verringert – am allerliebsten. Dadurch, dass die Paartherapeutin in der letzten Sitzung eher darauf hingearbeitet hat, dass G. und ich uns wieder näher kommen, anstatt auf meine Fragen einzugehen, fühle ich mich da etwas übergangen und manipuliert.

Und ehrlich gesagt fühlten sich die Umarmungen in der Therapie eher grenzüberschreitend an, weil ich nicht aktiv danach gefragt hatte, sondern die Therapeutin uns dazu aufgefordert hat.

Darüber hinaus fehlt G. jegliches Taktgefühl im Umgang mit mir. Während unseres aktuellen Urlaubs kommen von ihm zum Beispiel immer wieder Annäherungsversuche, die ich absolut unpassend finde. Zum Beispiel im Pool, als er mich an der Taille fasste und mich küssen wollte – und ich das aber gar nicht will gerade. Seine Annäherungsversuche setzen ein Level an Intimität voraus, von dem ich gerade weit entfernt bin.

Lange bevor ich überhaupt daran denke, mit jemandem im Pool rumzuknutschen, brauche ich einfache, unsexuelle Umarmungen, die Vertrauen schenken.

Leider läuft da gerade so viel falsch, dass ich es auch nicht mehr schaffe, das bei G. zum Gespräch zu machen. Einerseits fehlt dazu eine ruhige Gelegenheit, weil wir ständig von Freund*innen umgeben sind – aber eigentlich ist das eine Ausrede.

Der eigentliche Grund, der wirkliche Grund, ist wohl eher, dass es mir an Mut fehlt. Ich habe Angst, all diese Dinge laut auszusprechen und mit den Konsequenzen leben zu müssen. Ich habe Angst, dass wir keine Lösung für unsere Probleme finden. Ich habe Angst, G. zu verletzen. Ich habe Angst, dass G. einfach ins nächste Loch fällt und ich wüsste, dass ich ihn da hineingeschubst hätte. Ich weiß, dass er mit einer Trennung viel schlechter klarkommen würde als ich. Und dass er an eine Trennung gar nicht denkt.

Ich fühle mich überfordert mit der Situation und habe gleichzeitig nicht das Gefühl, dass die Paartherapie mir in der jetzigen Situation hilft. Weil sie gefühlt an der falschen Stelle ansetzt.

Was mache ich denn jetzt?

Richtig schwer auszuhalten finde ich aktuell auch, dass G. total oft auf seine Weise zeigt, wie sehr er mich immer noch liebt. Das macht mich total traurig, weil ich das gerade so nicht fühle und auch nicht zurückgeben kann.

G. ist ein richtig lieber Kerl und hat es verdient, geliebt und begehrt zu werden, doch aktuell bekomme ich das nicht hin.

Oder ist das alles ein begleitendes Symptom der Depression, wegen der ich unter anderem aktuell auch eine Psychotherapie mache? Diesen Gedanken hatte ich auch schon einige Male und frage mich daher, ob ich mir mit allen großen Entscheidungen – z. B. ob ich in der Beziehung mit G. bleiben will – nicht lieber warten sollte, bis es mir psychisch besser geht.

Puh, das Leben ist kompliziert und gerade echt anstrengend. Wahrscheinlich kommt daher auch dieser Wunsch nach Abstand, nach einer Pause, weil ich seit anderthalb Jahren von einer Krise in die nächste stürze und mir nichts sehnlicher wünsche, als mal wieder meine Ruhe zu haben.

Ich glaube, was ich mir im Moment am sehnlichsten wünsche, ist mit etwas Abstand auf alles schauen zu können, in alle Ruhe meine Gedanken sortieren zu dürfen, und dann einen Entwurf für eine Beziehung, die jetzt zu meinem Leben passt, zu kreieren. Um dann mit mehr Klarheit über meine Wünsche und Bedürfnisse ins Gespräch mit G. gehen zu können, um dann mit ihm herauszufinden, ob er bei meinem Entwurf für unsere Zukunft mitgehen kann oder nicht. Oder welche Teile meines Entwurfs diskutiert werden müssen.

Ich merke selbst, wie wirr meine Gedanken in Bezug auf die Beziehung mit G. gerade sind, und wünsche mir da mehr Ordnung im Kopf.

Eine Freundin fragte mich gestern: „Wünschst du dir, dass das mit G. nochmal was wird?“ Und ich antwortete: „Ja, weil ich gleichzeitig weiß, warum ich G. so schätze: Für seine Kreativität, dafür, dass ich mich immer frei gefühlt habe in der Beziehung mit ihm, dass ich zu 100% ich selbst sein konnte, für seinen Witz. Es gibt viele Seiten an G., die ich ganz großartig finde. Aber gleichzeitig fehlen mir in der Beziehung auch ganz elementare Dinge. Deswegen muss ich für mich herausfinden, was das für mich bedeutet.“

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Ich kann da gut mitfühlen, als Mensch der oft zu viel Hilft und Aufgaben übernimmt und – wie ich erst nach vielen Jahren lernen durfte – mir damit Liebe, Zuneigung, Bedeutung erkauft, fällt es mir auch oft unheimlich schwer da auf meine Grenzen zu achten. Und an einem Punkt X angekommen neige ich dazu die Unzufriedenheit damit, das ich nicht für meine Bedürfnisse sorge, dann auf den anderen zu Projezieren.

    Ich fange dann unbewusst an den Kontakt zu meiden – da ich ja von mir weiß das ich wieder Dinge tun werde die ich nicht möchte. Fange dann an mir innerlich den anderen schlecht zu reden um mir selbst zu erlauben meine Grenze einzuhalten.

    Erst als ich diesen Mechanismus durchschaut habe, war es mir manchmal möglich diese zu durchbrechen – klar auszusprechen das es mir so stark nicht gut tut und ich deswegen den Kontakt gering halte.

    Und in den meisten Fällen sind die Personen damit ganz anders umgegangen als ich befürchtet hatte. Oft kommt dann tatsächlich Verständnis und Rückfragen was sie denn gutes für mich tun können.

    Allerdings ist das dann gleich die nächste Falle für mich – mir fällt es dann schwer zu sagen was ich brauche – einerseits weil ich das gar nicht so klar in mir weiß und andererseits weil es mir extrem schwer fällt in die empfangende Rolle zu gehen. Ich wiegle das dann gerne ab und kontere mit – „Ach ist nicht so schlimm – vielleicht kann ich Dir doch helfen den Computer zu reparieren“

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    1. Dein Kommentar fühlt sich an, als würde ich in den Spiegel schauen. Danke dafür!

      Hast du es irgendwie geschafft, deine Muster zu ändern? und wenn ja, wie?

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