Wut, Wunden und Solo-Sex

Anmerkung: Der folgende Text ist eine Art Brain Dump. Ich springe mit den Gedanken ganz schön hin und her. Ich hoffe trotzdem, ihr könnt meinen Gedanken folgen.

Diese Woche hänge ich nochmal ganz schön tief im Liebeskummer. Und das, obwohl die Trennung von L. inzwischen ein halbes Jahr her ist. Er postete gestern ein paar Bilder in seinen WhatsApp Status. Das macht er sonst nie. Die Bilder zeigen ihn, in einer neuen Lederjacke, die absolut grässlich ist – er ist so wahnsinnig beeinflussbar und sein Kleidungsstil ändert sich mit jeder Frau in seinem Leben. Eine Frau, die seine damalige Freundschaft+ sein könnte – wer weiß, was sie heute für ihn ist? Eine Skyline von irgendeiner Stadt.

Ich hab ihm sogar geschrieben, um zu fragen, wo er unterwegs ist – und habe die Nachricht danach wieder gelöscht. Ich habe seinen Status jetzt verborgen, damit ich neue Posts nicht mehr sehe.

Weitere Maßnahmen, um irgendwann Abstand von allem zu bekommen.

Und nichtsdestotrotz habe ich diese Woche nochmal die Unterstützung meines Teams gebraucht. Ich habe mehrere Freund*innen darum gebeten, mich nochmal kurz daran zu erinnern, warum es keinen Sinn macht, sich nochmal Hoffnungen auf irgendwas mit ihm zu machen. Auf die Freund*innen war wie immer Verlass:

Ich habe die Beziehung alleine getragen.

Er hat nicht um mich gekämpft.

Er hat mich betrogen und hat gedatet, anstatt sich mit sich auseinanderzusetzen.

Er ist zu jung und hat zu wenig Erfahrung und ist unreif.

Ich habe jemanden verdient, dem wichtig ist, dass es mir gut geht und ich glücklich bin.

Ich war ihm nicht so wichtig, sonst hätte er mehr dafür gegeben, zusammenzubleiben.

Er hat nie Verantwortung für sein Verhalten übernommen und sich nicht nochmal bei dir gemeldet, um sich zu entschuldigen.

Und vieles mehr.

Und Ls., die mir schrieb: Ich schick dir ein Nacktfoto!

Ich hab mich gefragt, warum diese Trennung eigentlich immer noch Schmerz in mir auslöst? Ich weiß doch, dass das mit ihm keinen Wert hatte. Ich weiß, dass ich mit ihm nicht glücklich geworden wäre.

Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand: Weil er die letzte Person war, die mir ein paar essenzielle Dinge gegeben haben, die ich sehr genossen habe: Sex, Verliebtheitsgefühle, Begehren.

Weil diese drei mir fehlen, denke ich doch immer wieder an L. und habe Sehnsucht.

Ich frage mich daher, ob das nicht auch der Grund ist, warum so viele Leute kurz nach eine Trennung sogenannten Rebound Sex haben oder direkt wieder anfangen, zu daten. Ich war immer der Überzeugung, dass man sich nach einer Trennung Zeit geben sollte, bevor man sich neu verliebt. Ich denke auch immer noch, dass das Sinn macht, weil man sonst mitunter unverarbeitete Themen einfach auf die nächste Beziehung projiziert. Aber macht man das nicht irgendwie immer?

Nach der Beziehung mit meinem Exfreund, mit dem ich nie gut reden konnte, habe ich 1,5 Jahre später G. kennengelernt und mich unter anderem in ihn verliebt, weil wir so gut reden konnten. Wenn das Pendel mal in eine Richtung gezogen wurde, dann schwingt es bei der nächsten Beziehung meist in die andere Richtung, egal wie viel Zeit dazwischen lag. Weil wir meist sehr genau wissen, was wir nicht nochmal wollen, und daher auch explizit darauf achten. Ich achte gerade bei Leuten, die ich neu kennenlerne enorm darauf, wie viel Beziehungserfahrung die haben, wie feministisch die sind, wie gut die kommunizieren können. Und ja, ich versuche da eine Lücke in meinem Leben zu füllen.

Über letzteres hab ich heute im Zug viel nachdenken müssen. Denn es gab in meinem Leben schon mehrmals längere Single-Phasen, in denen ich so einen Mangel wie jetzt nicht gefühlt habe. Zumindest erinnere ich mich daran nicht. Ich habe zum Beispiel mal ein halbes Jahr als Single in Südostasien gelebt – und in meiner Erinnerung war ich damals super zufrieden mit mir und der Welt. Ganz ohne Sex und Leidenschaft.

Irgendwie wünsche ich mir das Gefühl von damals ein bisschen für mich zurück. Denn das hat einen großen Vorteil für mich: Ich bin unabhängiger.

Ich glaube ganz fest daran, dass man ohne Partner*in glücklich sein kann. Aber man muss sich dann halt auch drum kümmern.

Ich hab gestern das erste mal seit keine Ahnung wie lange masturbiert. Ich hatte die letzten Jahr gar keinen Bedarf dazu, weil meine sexuellen Bedürfnisse in meinen Beziehungen gut gedeckt wurden. Das ist gerade anders. Und leider war meine Erfahrung eher nicht so geil. Ich bin außer Übung gekommen, mit mir selbst zu schlafen. Ich weiß zwar immer noch, wie ich mich selbst zum Orgasmus bringen kann. Aber war ich nicht mehr weiß, ist, wie ich mich in Stimmung bringe, wenn da kein zweiter Körper neben mir liegt.

Ich frage mich auch, ob ich diese Sehnsüchte nach L. eventuell gar nicht loswerde, bis ich die nächste leidenschaftliche Verliebtheit mit jemandem teile? Vielleicht ist das auch normal, weil mir das halt wirklich fehlt? Und bis ich das nicht ersetzt habe – entweder ganz alleine oder mit der nächsten Person – fehlt es mir halt?

Und was immer noch tief sitzt, sind die vielen unausgesprochenen Dinge. Weil das ganze so doof zu Ende ging, konnte ich ihm danach nie nochmal meine Meinung sagen. Ihn für sein Verhalten ausführlich kritisieren. Ihm aufzeigen, wie kacke er sich verhalten hat.

Und ich finde es unaushaltbar, dass er das daher wahrscheinlich bis heute nicht weiß. Dass er bis heute wahrscheinlich denkt, er hätte gar nichts falsch gemacht – oder wenig. Aus seiner Sicht hat er wahrscheinlich einfach rausgefunden, dass ihm halt am wichtigsten ist, frei rumdaten zu können – und das war halt wichtiger als auf mich Rücksicht nehmen zu müssen. Dass er sich auch trotz dieser Erkenntnis anders hätte verhalten können, darüber macht er sich sicherlich überhaupt keine Gedanken.

Plus, er hat ja weiterhin all seine Bedürfnisse gedeckt bekommen. Er hatte die Beziehung mit seiner Freundschaft+ schon. Sex hatte er auch. Hat sofort angefangen zu daten und sicherlich auch schnell neue Leute kennengelernt. Er hat durch die Trennung wahrscheinlich gar keinen Mangel erfahren.

Er hat mir zwar davor tausendfach erklärt, was für ein Fan er von mir ist und dass er mich in seinem Leben haben will. Aber als das nicht mehr der Fall war, war’s für ihn wahrscheinlich gar nicht so schlimm.

Argh! Das ist so unfair. Und es macht mich immer noch so wütend!

Ich würde sooo gerne in irgendeiner Form Rache nehmen. Und ihn irgendwie das spüren lassen, was ich spüre: Den Schmerz, die Wut, die Enttäuschung, die Verletzung.

Deswegen tun die Bilder in seinem Status auch so weh: Weil sie einen zufriedenen L. zeigen, der mit einer Frau irgendwo unterwegs ist. Dessen Leben einfach ganz normal weiterging. Der sich wahrscheinlich sogar längst verliebt hat und wieder Gefühle für jemanden hat. Und tollen Sex hat.

Und ich halt leider nicht.

Anstengend, das Ganze. Aber gut.

Ich fahre jetzt drei Strategien:

  1. Wieder Sex mit mir selbst lernen und mich auf die Dinge besinnen, die mich ganz ohne Partner*innen glücklich machen.
  2. Mit G. ins Gespräch gehen zu unserer Beziehung und dabei brutal ehrlich sein, um entweder wieder zueinander zu finden und unsere Beziehung neu zu definieren, oder einen Schlussstrich zu ziehen.
  3. Und neue Leute kennenlernen, ganz ohne Erwartungen, dass das die nächste große Liebe wird. Denn Dating macht allein schon deswegen Spaß, weil man neue Leute und damit neue Eindrücke sammeln darf.

Langsam verstehe ich, warum sich manche Menschen dafür entscheiden, in einer eher unglücklichen, aber stabilen Beziehung zu bleiben: Weil die Alternative, nämlich immer wieder an sich und seinem Leben zu arbeiten, alles andere als einfach ist und super viel Kraft kostet. Aber ich will kein 0815 Leben. Ich will eins, über das ich mit 80 sagen kann: Ich bin da voll reingegangen. Ich hab das Leben richtig gelebt. Und ich hab alle Höhen und alle Tiefen mitgenommen.

Stillstand bin nicht ich. Ich bin jemand, die ganz viel fühlt. Immer.

Clara

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Vielleicht kannst du L. ja einen Brief schreiben, und alles loswerden und an ihn richten, was du ihm noch sagen wolltest? Ob du den Brief am Ende abschickst, ist möglicherweise gar nicht so wichtig, aber es dir von der Seele zu schreiben könnte schon helfen. Liebe Grüße, Hannah

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    1. Witzig, genau diesen Ratschlag hat mir gestern eine Freundesperson auch gegeben. Danke auch dir. Vielleicht lässt sich daraus ja auch eine Art Ritual gestalten.

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      1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

        Und genau diesen Vorschlag hätte ich jetzt auch gemacht. 🙂

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