Wo es ein „unser“ gibt, gibt es auch ein „wir“

Am Dienstag fuhr ich nach der Arbeit in eine Stadt zwischen I.‘s Wohnort und meinem. Mit dem Auto brauche ich etwa 1,5h bis zu ihr, mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln etwa 2h. Da Übernachtungen bisher noch kein Bestandteil unseres Kennenlernprozesses sind, ist das etwas viel, wenn wir uns nur mal nach der Arbeit für ein paar Stunden treffen wollen. I. schlug daher vor, dass wir uns einfach in der Mitte treffen.

Auf der Hinfahrt war ich ganz schön gestresst. Ich war aus der Arbeit gehetzt, aus einem Meeting, das mich genervt hatte, war nach Hause gehetzt, hatte mich ins Auto gesetzt und hatte mich dann durch den Feierabendverkehr gequält. Als ich endlich dort ankam und mein Auto parkte, war meine Hoffnung, dass der Stress einfach abfallen würde, sobald ich sie sah.

Ich trat aus der Parkgarage und erblickte eine von wunderschönen Fachwerkhäusern gerahmte Straße. Die Stadt, in der wir uns trafen, ist nicht weit entfernt, und mir war bis dahin nicht bewusst, wie schön es dort war. Ich war direkt besser drauf.

Wir waren in einer Galerie verabredet. Ich lief durch die Gassen bis zum Platz vor der Galerie, wo ein riesiger Weihnachtsbaum stand und alle Seiten des Platzes von hübschen Häuschen und Treppen gesäumt war. Ich knipste spontan ein Foto mit meinem Handy und schickte es I. „Wie schön ist es hier bitte?“

Dann lief ich die Treppen hinauf zum Eingang der Galerie und sah I. schon durch die Glastüre, noch bevor ich eintreten konnte. Ich öffnete die Tür, sie lief auf mich zu und wir umarmten uns. Ich gab meinen Rucksack am Empfang ab und stellte ihn dort neben ihren – gleiches Modell, andere Farbe. Den Menschen am Empfang fiel auf, dass wir den gleichen Rucksack hatten, und machten einen Kommentar dazu. I. antwortete direkt: „Die Frau hat Geschmack!“

Wir nahmen uns noch eine Übersicht über die ausgestellten Kunstwerke mit und liefen in den ersten Ausstellungsraum. Mein Stress war weg. Ich war voll im Moment, voll bei I., und fühlte mich direkt super wohl. Ich weiß nicht, was I. anders macht als andere Menschen, die ich in letzter Zeit gedatet habe, aber bei ihr bin ich ganz ich. Ich spüre keinen Druck, mich in einem besseren Licht zu zeigen. Ich kenne sie erst seit kurzem, aber habe jetzt schon ein großes Vertrauen. Ich merke richtig, wie sich mein Nervensystem direkt entspannt, wenn ich Zeit mit ihr verbringe.

Während wir durch die verschiedenen Ausstellungsräume wanderten und diskutierten, welche Werke uns gefielen und welche wir nicht verstanden und welche wie ein Phallus aussahen (männlicher Künstler – jo), erzählte ich ihr davon, dass L. mir ein paar Nachrichten geschrieben hatte, die mich etwas aufgewühlt hatten. Er hatte in der letzten Woche irgendwann ein Bild in seinen WhatsApp Status gepostet, von einem Weg entlang eines Flusses. Ich kontaktierte ihn darauf hin, um nachzufragen, ob er noch in derselben Stadt wohnte wie während unserer Beziehung. Bis heute kann dort nicht entspannt durch die Straßen laufen, ohne ständig über die Schulter zu schauen, ständig die Menschen zu scannen, und bei allen Männern, die Ähnlichkeiten mit L. haben, zusammenzuzucken.

Leider antwortete er mir, dass er weiterhin dort wohnte. Schade. Ich hatte mir gewünscht, dass er eventuell nach seinem Studium weggezogen war, um irgendwo anders seinen ersten Job anzufangen.

Aus dieser Unterhaltung ergab sich, dass wir einander schrieben, wie es uns aktuell geht. Er schrieb mir, dass er erst im August angefangen hatte, unsere Trennung zu verarbeiten, weil er sich direkt danach voll ins Schreiben seiner Abschlussarbeit geworfen hätte. Und er fragte nach, ob ich die Bücher, die er noch von mir bei sich hatte, zurückhaben wollte.

Letzteres wollte ich auf jeden Fall. Es sind einige feministische Bücher, die ich ihm während der Beziehung ausgeliehen hatte. Gute Bücher, die ich gerne zurückhaben wollte.

Weniger sicher war ich mir, ob ich ihn dafür treffen wollte, oder ihn einfach darum bitten wollte, sie mir zuzuschicken. Deswegen fragte ich einige meiner Freund*innen danach – und erzählte auch I. auf unserem Date davon. Allen Freund*innen erinnerten mich daran, um wen es hier geht. Und dass es nicht gut wäre, zu erwarten, dass L. wirklich reflektiert und verstanden hat, wie scheiße er sich mir gegenüber verhalten hat. Ich diskutierte mit I. deshalb, welche Erwartungen ich haben könnte, die tatsächlich erfüllt werden können bei so einem Treffen.

Meine Wünsche waren mir klar: Ich wünsche mir so sehr, gesehen zu werden. Für all die Arbeit, die ich in diese Beziehung und in ihn gesteckt habe. Für all die Moment, wenn ich die Beziehungsarbeit übernommen habe. Für die vielen male, wo ich unsere Konflikte moderiert habe, wo ich für ihn da war, wo ich unsere Beziehung gehalten habe. Und ich wünsche mir ein Schuldeingeständnis.

Gleichzeitig glaube ich nicht, dass diese Wünsche erfüllt werden. Ich erwarte nicht, dass er mir irgendwas davon geben wird.

Aber was realistisch ist, ist, nach so einem Treffen wieder normal durch seinen Wohnort laufen zu können. Ich schraube also ganz aktiv meine Erwartungen herunter, um nicht von diesem Treffen enttäuscht zu werden.

Ich finde, ich habe viel mehr verdient als das. Aber er kann das glaube ich nicht leisten. Er wird trotz aller Reflektion, die er behauptet, im letzten halben Jahr vorgenommen zu haben, nicht plötzlich so empathisch sein, dass er sich in mich hineinversetzt und mich versteht und sein Verhalten an meinen Bedürfnissen orientiert. Ich muss akzeptieren, dass er immer noch er sein wird. Und dass es nicht meine Aufgabe ist, ihn zu verändern.

Ich kann nur für mich sorgen. Indem ich mir überlege, welche Wünsche für mich realistisch erfüllbar sind. Meine restlichen Wünsche werden unerfüllt bleiben, nicht weil sie zu groß sind, sondern weil er zu klein ist.

In einem Ausstellungsraum der Galerie waren Skulpturen des Künstlers ausgestellt, die er aus Metallschrott zusammengeschweißt und bunt angemalt hatte. Ich fragte I: „Was siehst du in den Skulpturen?“ Während sie noch überlegte, meinte ich: „Ich sehe bunte Vögel.“ Sie lachte und sagte: „Ich hab erst Angelhaken gesehen, aber jetzt sehe ich die Vögel auch.“ Sie schlug vor, dass wir ein Foto mit unserem Lieblingsvogel machen – er war türkis und pink angemalt. „Sehr gerne“, sagte ich. Sie holte ihr Handy aus der Jackentasche, wir positionierten uns vor dem Vogel, und sie knipste unser erstes gemeinsames Foto. Ein schöner Moment.

Nach dem Galeriebesuch streiften wir ein bisschen durch die Gassen, vertraten uns die Beine, suchten nach schönem Fachwerk. Unsere Gespräche plätscherten die komplette Zeit einfach vor sich hin. Ganz organisch sprangen wir von Thema zu Thema – und gefühlt werden die Themen immer mehr.

Als sich der Hunger meldete, nahmen wir Platz in dem indischen Restaurant, das ich davor rausgesucht hatte. Wir saßen gegenüber und der Tisch fühlte sich viel zu groß an – viel zu viel Abstand zwischen uns. Ich erzählte I. etwas ausführlicher von den Beziehungen mit L. und G. während meiner Krebserkrankung. Warum ich damals näher an L. rangerückt war. Und wie L. ab dem Zeitpunkt, als klar war, dass ich tumorfrei war, immer weniger Commitment gezeigt hat. Wie ich an Silvester von ihm versetzt wurde. Wie er mich während der Pause betrogen hat. Wie er im April erst volles Lovebombing betrieben hat und mich dann fallen gelassen hat. Wie verletzend das alles war. Ich weiß nicht mehr, ob es während des Redens über die Krebserkrankung oder die Trennung war, als ich im Restaurant in Tränen ausbrach. I. fragte mich – selbst mit Tränen des Mitgefühls in den Augen – ob ich gedrückt werden möchte. Ich bejahte. Wir standen auf und ich bekam neben unserem Tisch stehend eine warme, tröstende, lange Umarmung. Das war die erste Umarmung, bei der wir keine dicken Winterjacken anhatten, fiel mir auf. Ich drückte meine feuchte Wange an ihre und schluchzte an ihren Hals. Ich schlang meine Arme um ihren Oberkörper. Die anderen Gäste im Restaurant beobachteten uns und es war mir vollkommen egal. Ich war froh, gerade nicht mit diesen Gefühlen alleine gelassen zu werden. Und ich war dankbar für I.‘s Empathie.

Ich wusste, dass I. in den Tagen davor wahnsinnig viel Stress gehabt hatte. Sie hatte mir am Tag vor dem Date eine Sprachnachricht geschrieben und erklärt, dass es ihr nicht gut geht, und hatte gefragt, ob sie am Dienstagmorgen nochmal schreiben dürfe, ob sie die nötige Energie hatte für unser Date. Ich bejahte natürlich und am Ende sagte sie nicht ab. Ich fragte sie dort im Restaurant, warum sie sich trotz allem Stress entschieden hatte, sich mit mir zu treffen. Sie meinte, dass es ihr wichtig war, weil wir uns sonst in diesem Jahr nicht mehr wiedersehen würden.

Ich erinnere mich an ihre genauen Worte nicht mehr, aber ich klopfte im Gespräch vorsichtig ab, ob wir ungefähr auf der gleichen Spur fuhren und dasselbe füreinander empfanden. Ich hatte ehrlich gesagt etwas Angst vor der Antwort, denn diese Frage, ob wir hier dasselbe wollen und uns ähnlich fühlen, ist immer auch ein Risiko. Die andere Person könnte ja auch antworten, dass sie sich ganz anders fühlt. Und das ist enttäuschend und tut manchmal sogar ein bisschen weh.

Doch alles, was sie sagte, machte für mich klar, dass wir sehr ähnlich fühlen. Da ist ganz viel Vertrauen, wir fühlen uns super wohl miteinander. Außerdem meinte sie, dass sie meine Podcastfolge mit Rosa gehört hatte und sich darüber gefreut hatte, als ich im Podcast erzählte, dass ich sie küssen wollte.

Alle, denen ich das erzählt habe, fragte mich direkt: „Ja und hast du sie dann geküsst? Das ist ja wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl!“

Nein, habe ich nicht. Weil sie danach weiterredete und meinte, dass sie dankbar dafür ist, dass ich sie nicht geküsst hatte, weil sie aktuell noch mit einem Virus zu kämpfen hat, mit dem sie mich nicht anstecken möchte.

Darüber hinaus bekomme ich in den Nachrichten von ihr immer mal wieder Komplimente – dass ich faszinierend sei, dass sie sich bei mir so unglaublich wohl fühlen würde, dass ich schöne Hände hätte, und mehr. Das alles gibt mir das Gefühl, dass da eine gegenseitige Anziehung da ist. Die sich vorsichtig zeigt und sich richtig schön anfühlt.

Ich finde, dass sie auf eine der Entwicklung angemessene Art und Weise zeigt, dass sie mich mag. Da ist nicht überstürztes, kein „zehn Schritte vorausdenken“. Sie zeigt einfach, was sie aktuell fühlt und denkt. Das fühlt sich für mich sehr authentisch und greifbar an. Ich habe das Gefühl, ich weiß, woran ich bin. Und das gibt mir eine Sicherheit, die ich unheimlich wertschätze.

Auch wenn I. über sich selbst sagt, dass ihr noch die Klarheit fehlt, was sie will und wohin sich das mit uns hinentwickeln könnte, empfinde ich sie als sehr klar. Klarheit muss nicht bedeuten, alle Antworten zu haben. Klarheit darf auch bedeuten, den aktuellen Stand und die offenen Fragen transparent zu machen. Und das macht sie.

Das Date war viel zu kurz, weil es halt nur so ein nach der Arbeit Date war. Ich hätte gerne noch so viel mehr Zeit mit ihr verbracht.

Doch als ich ins Auto stieg, um heimzufahren, hatte ich ein ganz wohliges Gefühl. Das Date war echt schön. Weil sie echt schön ist.

Wir werden uns aufgrund der Weihnachtszeit und Urlauben und anderen Abwesenheiten wahrscheinlich erst im Februar wiedersehen. Auf dem Date fragte sie mich, wie es mir damit geht. Sie meinte, dass sie ein langsames Kennenlernen sehr genieße und dass ihr die lange Zeit bis zum nächsten Treffen keine Angst mache. „Dann bleibt mehr Zeit für Vorfreude.“

Ganz so positiv sehe ich es nicht. Es ist okay, aber ich würde mir etwas anderes wünschen und habe Sorge, dass dieser Funke, der gerade bei mir entsteht, bis dahin verlöscht. Meine Hoffnung ist, dass wir während der langen Zeit über Sprachnachrichten und Telefonate gut in Kontakt bleiben, sodass ich dieses Gefühl, das ich jetzt gerade habe, nicht verliere.

In einer Sprachnachricht gestern erzählt I. mir, wie wohl sie sich wieder auf unserem Date gefühlt hatte und dass die Zeit viel zu schnell vorbei war. Und sie erzählte im Zusammenhang mit einem Bastelprojekt, dass sie dabei an „unseren“ Vogel denken musste. Und sie schickte mir unser erstes gemeinsames Foto.

Wo es ein „unser“ gibt, gibt es auch ein „wir“. Da wird mir ganz warm ums Herz.

Gestern hatte ich den Gedanken, dass ich ohne die Beziehung mit L. einfach viel mehr Energie und Zeit dafür habe, mich glücklich zu machen. Mein Fokus liegt nicht mehr in der ständigen Beziehungsarbeit. Mein Fokus liegt viel mehr bei mir. Während ich vor einem Jahr dachte, dass mir meine Beziehungen am allerwichtigsten sind, denke ich heute, dass mir mein Glück am allerwichtigsten ist.

Das ist vielleicht das allergrößte Learning aus dem Drama mit L.: Dass Beziehungen im besten Fall diesen Fokus nicht verrücken sollten, sondern zum eigenen Glück beitragen dürfen, ohne dass sie den Fokus so sehr verrücken, dass man sich in ihnen verliert.

Diese ganzen Gedanken erfüllen mich mit Stolz. Ich bin stolz darauf, wie ich durch diese Trennung gekommen bin. Ich bin stolz darauf, wie es mir heute geht. Ich bin glücklich, weil ich dafür gesorgt habe, so gut ich konnte. Darauf bin ich stolz.

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Das mit I. klingt richtig schön!

    Das Treffen mit L. solltest du unbedingt wahrnehmen, wenn es dir hilft, wieder entspannt durch diese Stadt zu laufen. Aber erwarten würde ich von ihm gar nichts. Reflexion ist ja das eine, aber die andere Frage ist, ob er überhaupt verstanden hat, was du gesagt hast. Da habe ich so meine Zweifel.

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    1. Danke fürs Teilen deiner Sichtweise. Wahrscheinlich hast du Recht.

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