Wiedersehen mit L.

Letzte Woche habe ich mich am Abend meines letzten Arbeitstages mit L. getroffen. Ich hatte vor einigen Wochen auf seinen WhatsApp-Status reagiert, auf dem man einen Weg entlang eines Flusses gesehen hat, und hatte ihn gefragt, ob er immer noch in der gleichen Stadt wie Ls. Wohnte. Dort konnte ich bis heute nämlich nicht ohne ein nervöses Gefühl durch die Straßen laufen. Wenn ich dort bin, scanne ich ständig alle Menschen und schaue nervös über die Schulter, immer auf der Hut. Die Angst, auf ihn zu stoßen, ist nicht ganz rational. Aber sie ist da, weil ich ihn seit der Trennung nicht mehr getroffen hatte und nicht wusste, wie ich mich bei einem Wiedersehen verhalten sollte bzw. wie ich mich dabei fühlen würde.

Meine Hoffnung war, dass er antworten würde, dass er nicht mehr dort wohnte, sondern für seinen ersten Job weggezogen war. Doch leider antwortete er, dass er immer noch dort wohnte und gerade auf der Suche nach einer eigenen Wohnung war. Ich fragte ihn, wie es ihm ging, und er antwortete, dass er erst im August mit der Verarbeitung unserer Trennung begonnen hätte und es ihm mal besser und mal schlechter ging. Er fragte daraufhin, ob ich meine Bücher wiederhaben wollte und ob wir uns dafür treffen sollen oder er sie mir einfach vor die Türe stellt.

Nach etwas Überlegen entschied ich mich, dass ich ihn treffen wollte, um danach wieder normal durch seine Stadt laufen zu können. Es fühlte sich für mich etwas an, wie wenn man ein Pflaster endlich mal abziehen müsste. Das tut kurz weh, aber dann ist’s gemacht.

Ich schlug vor, dass wir uns in der Kletterhalle im Café trafen und verabredete mich im Anschluss mit Ls. dort zum Bouldern. Ich war etwas früher da und holte mir eine Limo an der Bar und setzte mich auf eine Bank mit Blick über den Raum. Insgesamt war ich entspannt, aber auch ein bisschen nervös. Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht die Gesprächsführung zu übernehmen und hatte meine Erwartungen an das Treffen radikal runtergeschraubt. Ich wollte meine Bücher wieder und ich wollte einmal kurz spüren, dass L. mir nichts mehr antun kann.

L. kam mit der Kiste voller Bücher ins Café gelaufen. Ich fand, er sah müde und ungesund aus – und er war offensichtlich sehr nervös. Er stellte die Kiste neben mir ab und war sich kurz unsicher, wie er mich begrüßen sollte. Aber da ich keine Anstalten machte, für eine Umarmung aufzustehen, sagte er einfach Hallo und stand dann kurz etwas hilflos vor mir. Er holte sich auch ein Getränk und setzte sich dann mir gegenüber auf einen Hocker.

Ich erlaubte mir, mich nicht darum zu kümmern, dass zwischen uns ein gutes Gespräch entstand. Wenn er etwas zu sagen hatte, sollte er es tun. Ich würde keine Arbeit mehr in die Beziehung mit ihm stecken. Und so stockte das Gespräch zu beginn ganz schön. Bis er irgendwann erzählte, dass er sich mehrmals überlegt hatte, ob er für unser Treffen einen Monolog vorbereiten sollte. Aber dass er für sich entschieden hatte, dass er auch ohne gut leben kann. Aha.

Ich sagte ihm, dass ich mir zwar wünschte, für mein ganzes Investment in unsere Beziehung gesehen zu werden und dass ich mir eine Entschuldigung von ihm wünschte, aber dass ich nicht erwartete, diese zu bekommen und nach 9 Monaten Trennungsverarbeitung auch gut ohne klar käme.

Der Wunsch, mit mir noch über ein paar Sachen zu reden, war aber anscheinend doch da, denn dann eröffnete er doch das Gespräch. Doch mit was er das Gespräch eröffnete, war das Hammer. Nicht etwas mit Reue, einer Entschuldigung oder einem Schuldeingeständnis. Sondern mit Vorwürfen.

L. erzählte mir, dass er oft an den Frühling 2024 denken musste und wie oft er damals Konflikte mit A. hatte. Er warf mir vor, dass ich ihn damals manipuliert hätte, damit er A. kritischer sah als nötig. Ich hört mir das an und war ehrlich gesagt einfach überrascht. Wo kam denn das bitte her? Und was sagt das bitte über ihn aus, so ein Gespräch damit zu beginnen?

Auf mir sitzen lassen konnte ich das natürlich nicht. Ich erklärte ihm, dass es ja wohl einen riesigen Unterschied macht, ob ich meine Meinung äußere – insbesondere weil A.s Verhalten ja Auswirkungen auf mich hatten – oder ob ich jemanden zu einem bestimmten Verhalten manipuliere. Ich erklärte ihm, wie ich oft ich mich mit meinen Meinungen eher sogar zurückgehalten habe, weil er so leicht beeinflussbar war. Jede Meinungsäußerung ist eine Form von Manipulation. Aber das viel größere Problem ist doch, dass er damals nicht in der Lage war, meine Meinung als meine Meinung anzunehmen und dann für sich zu reflektieren, was er denn jetzt denkt und wie er sich verhalten will.

Das Gespräch entwickelte sich dann so weiter, dass wir über die Trennungsphase redeten. Aber auch da kam nicht von ihm eine Entschuldigung für sein Verhalten, sondern weitere „Fragen“. L. erzählte mir, dass er rückblickend nicht nachvollziehen kann, warum er sich so verhalten hat, wie er sich verhalten hat.

Er behauptete, ihm wäre die ganze Zeit klar gewesen, wie wichtig ich ihm wäre und dass er mich unbedingt in seinem Leben haben will. Er sagte sogar: „Die 14 Monate mit dir waren die beste Zeit meines Lebens.“ Er könne nicht nachvollziehen, warum er dann nicht entsprechend gehandelt hat.

Und dann wollte er von mir wissen, ob ich eine Erklärung dafür habe. Da war ich dann das zweite mal überrascht.

Auch wenn ich das nicht hätte tun müssen, teilte ich meine Erklärung mit ihm: Er hatte mich mit meiner Eifersucht die ganze Zeit alleine gelassen, wollte gerne freier daten und anstatt mit mir daran zu arbeiten, dass das möglich ist, hat er sich einfach darüber aufgeregt, dass ich aus seiner Sicht hier das Problem bin. Ihm ging das nicht schnell genug. Und aus dieser Frustration heraus hatte er irgendwann komplett vergessen, was neben diesem Thema aber alles gut und positiv in unserer Beziehung war. Ich hatte zwar an mir gearbeitet, hatte mich in seine Richtung bewegt, aber es war ihm nicht schnell genug gegangen.

Er fragte dann: „Aber was ist denn „schnell genug“? Eigentlich doch, dass es mir persönlich einfach nicht schnell genug ging.“ Bei so viel Selbstreflektion hätte ich fast geklatscht. Bravo Junge, du hast mal was selbst gecheckt.

Ich erzählte ihm, dass er ab dem Moment, als ich von den Ärzten die Nachricht bekam, dass ich tumorfrei bin, immer weniger Commitment von ihm bekam. Dass er immer weniger in unsere Beziehung investierte, unzuverlässiger wurde, sich weniger um unsere Beziehung kümmerte, mich dann an Silvester versetzte und mich auch mit dem Eifersuchtsthema einfach im Regen stehen ließ, anstatt mich zu begleiten und mich damit zu unterstützen.

Ich erzählte ihm, dass ich vor allem deswegen immer eifersüchtig war, wenn er sich mit S. traf, weil ich mich in der Beziehung mit ihm nicht sicher war. Und dass das vor allem daran lag, dass ich spürte, dass er sich eben auch nicht sicher war. Er strahlte für mich nie die nötige Sicherheit und das nötige Commitment aus. Und deswegen hatte ich immer Angst, dass ich ihn verlieren könnte.

Ich erinnerte ihn daran, wie er damals immer wieder beteuert hatte, dass es zwischen uns nichts verändern würde, wenn er andere Leute datet. Und spiegelte ihm dann, dass sich alles geändert hätte, als er dann während unserer Pause intensiv S. gedatet hatte. Aufgrund seiner fehlenden Klarheit hatte er sofort aus den Augen verloren, was ihm wichtig war. Irgendwie hab ich das schon die Monate davor immer gespürt, aber nicht erklären können. Doch schon damals habe ich meine Gefühle ernst genommen und danach gehandelt.

Während ich davon erzählte, kamen mir die Tränen, weil es so viel von dem Schmerz nochmal hochholte. Unter Tränen sagte ich: „Ich war am Ende alleine in dieser Beziehung. Ich habe so viel in unsere Beziehung investiert und war deswegen viel investierter als du. Mein Commitment war viel größer als deins. Als ich das realisierte, hat mich das zutiefst verletzt. Du hast mir nach der Pause zwar noch erzählt, wie toll du mich findest und wie wichtig ich dir bin, aber dann hast du gar nicht mehr danach gehandelt. Du hast mich stattdessen einfach fallen gelassen.“

L.: „Das simmt. Am Ende warst du alleine in der Beziehung. Mein Verhalten im April tut mir ehrlich Leid.“ Na wenigstens das.

Nach 1,5h Gespräch verabschiedeten wir uns dann mit einer kurzen Umarmung. Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und erzählte ihm, dass es mich traurig machte, dass ich nie Weihnachten mit seiner Oma feiern würde. Dass ich mich darauf sehr gefreut hatte.

Jetzt ist eine Woche vergangen und ich bin so wütend. Ich bin unglaublich wütend, dass er da saß und mir sagte, dass das die beste Zeit seines Lebens gewesen wäre – und dass er nicht danach gehandelt hatte. Dass er das damals nicht gecheckt hat. Es hätte so schön sein können!

Ich bin wütend, dass er, nachdem er das für sich realisiert hat, nie mal bei mir angeklopft hat und sich entschuldigt hat. Ich bin wütend auf seine Passivität. Dass er sich niemals umdrehen würde und sagen würde: „Ich habe einen riesigen Fehler gemacht.“

Und ich bin wütend, weil das für mich überhaupt keinen Sinn ergibt. Wenn er doch da sitzt und sagt, dass das die beste Zeit seines Lebens war – bereut er denn dann nicht, wie er sich verhalten hat? Das hat er nämlich nicht gesagt.

Mich wirft das nicht komplett aus der Spur, aber es lässt mich auch nicht kalt. Vor allem, weil ich auch heute noch weiß, warum ich mich damals in ihn verliebt habe. Ich weiß, dass ich mich auch nochmal so verlieben könnte. Deswegen versuche ich mich immer wieder daran zu erinnern, dass unsere Probleme die gleichen wären.

Das Gespräch mit ihm hat mir gezeigt, dass er weiterhin nicht in der Lage ist, wirklich selbst zu reflektieren und weiterhin ein großer Gap in Bezug auf Reife und Selbstbewusstsein besteht. Alleswas er sagte,drehte sich komplett nur um ihn. Er hat sich ausschließlich Gedanken über sich gemacht und sich anscheinend wieder mal nicht gefragt, wie es mir geht und was ich bräuchte. Genau wie damals. Hätte er das getan, hätte er verstanden, wie verletzt ich damals war, dann hätte ich das Gespräch mit einer Entschuldigung begonnen und nicht mit Vorwürfen und der Bitte, ihm beim Reflektieren zu helfen.

Mein Eindruck ist, dass der Mann bis heute einfach super überfordert mit sich und seinem Leben ist. Das hat besser funktioniert, als er in der Beziehung mit ihm war, weil ich ihm ständig beim Nachdenken und Entscheidungen treffen geholfen habe. Und ab dem Moment, als ich damals geblickt habe, dass sein Commitment nicht mehr da ist, und er auf sich alleine gestellt war, hat er es nicht mehr hinbekommen, seine Gedanken zu ordnen und Entscheidungen so zu fällen, dass es für ihn stimmig ist.

Also sind wir auch in dem Gespräch wieder in die alte Dynamik zurückgefallen, dass ich ihm die Welt erklärt habe und er extrem wenig von sich reingegeben hat. Das hinterlässt eine große Wut, die mich seit einer Woche beschäftigt. Deswegen habe ich heute aus einem Impuls heraus doch eine Nachricht an ihn verfasst und ihm mitgeteilt, wie mich seine Aussagen wütend machen. Mal sehen, ob und was da zurückkommt. Denn ich frage mich wirklich, ob er seine Entscheidung von damals, sich von mir zu trennen, bereut. Oder ob das zwar die besten Monate seines Lebens waren, aber aus seiner Sicht trotzdem die richtige Entscheidung, sich zu trennen. Dann würde mich da interessieren, aus welchem Grund. Denn so ergibt das für mich keinen Sinn.

Ich hoffe einfach, dass ich mich nochmal so verlieben darf wie damals. Das vermisse ich wirklich. Dieses Gefühl, wenn sich mein ganzer Körper mit Zuneigung füllt und ich ständig nach Nähe suche, ist einfach wunderschön. Ich hoffe, dass ich das bald wieder spüren darf.

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    O Mann, ich hatte ja echt nicht viel erwartet, aber dass er dann mit Vorwürfen um die Ecke kommt, setzt allem die Krone auf.

    Bin gespannt, was von ihm auf deine Nachricht zurückkommt, und hoffe, dass die negativen Emotionen in Bezug auf ihn nicht allzu stark und beeinträchtigend sind.

    Eins interessiert mich noch: Kannst du jetzt wieder mit besserem Gefühl durch die Straßen seiner Stadt gehen?

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  2. Ja, ich glaube schon. 🙂

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