Trauma

Mir ist übel. Mein Körper steht unter Strom. Ich bin fahrig und unkonzentriert. Meine Finger kribbeln. Mein Herz pocht.

Dieses Gefühl kenne ich von meinen Arztterminen in der Klinik. Wenn ich im Wartezimmer sitze und die Panik wegatme. Das ist super unangenehm.

Doch heute sitze ich nicht in der Klinik. Ich bin im Urlaub und will mich eigentlich entspannen.

Seit Monaten habe ich heute das erste mal wieder die Dating-App geöffnet und dachte, ich schau mal. Hab mein Profil aktualisiert und insbesondere die Fotos ausgetauscht. Ich bin nicht mehr blondiert, sondern wieder bei meiner Naturhaarfarbe.

Und dann hab ich ein bisschen geswipt. Meistens nach links (do not like). Und plötzlich schau ich auf ein Foto und es ist L.‘s Gesicht. Ich hätte direkt blockieren sollen. Aber ich hab durch seine Bilder gewischt und mir sein Profil durchgelesen. Und dann kam alles hoch.

Das Profil zu sehen, hat mich getriggert. Ich hab mich direkt wieder so unsicher gefühlt. Und bin selbst überrascht davon, wie stark meine Reaktion darauf ist.

Ich bin doch gerade gar nicht in Gefahr, aber mein Nervensystem reagiert, als wäre es so.

Eines ist klar: Ich bin weit davon entfernt, wieder zu daten. Ich fühle mich einfach nicht sicher. Bei Männern ganz besonders nicht, aber auch generell habe ich das Gefühl, dass mich schon Kleinigkeiten zu schnell aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Mein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit ist nach dieser Erfahrung viel größer als der Wunsch nach Abenteuer. In der Kombination mit der Krebserkrankung umso mehr.

Rational gesehen macht das ja auch Sinn. L. hat mich in einer Phase der existenziellen Angst ausgenutzt, mich über Monate angelogen, mein Vertrauen ausgenutzt, mir vorgespielt, ich wäre ihm wichtig und er würde mich und meine Grenzen respektieren. Immer und immer wieder hat er mir gesagt, dass er ein großer Fan von mir ist. Und mich hinter meinem Rücken die ganze Zeit betrogen.

In seinem Profil stand, dass er zwei Partnerinnen hätte und poly leben würde. Dumm von mir, dass ich mir das überhaupt durchgelesen habe. Ich habe auch keine Ahnung, ob das aktuell ist. Aber das Gefühl der Ungerechtigkeit ist super präsent. Sein Leben geht einfach weiter. Meines nicht. Er datet heiter durch die Gegend, verliebt sich vielleicht, nennt sich „poly“. Vielleicht hat er heute ja mehr verstanden als damals. Aber mein Leben steht – was Dating und Liebe und Romantik angeht – still.

Für mich ist es gerade sicherer, mich auf andere Dinge zu fokussieren. Mein Gefühl ist, dass ich dieses Trauma ohne Therapie nicht überwinden werde. Und das finde ich krass. Mich hat doch „nur“ jemand betrogen. Aber alleine, dass ich sein Foto sehe und mein ganzer Körper in den Alarmzustand schaltet, ist halt nicht normal.

Während meiner Krankheit war er mein Anker. Bei ihm fühlte ich mich sicher. Und genau das hat er ausgenutzt.

Er lebt sein Leben weiter. Und ich hab Therapiebedarf. Du Arschloch. Du gewaltvolles Arschloch.

Schlimm finde ich auch, dass ich aktuell das Gefühl habe, mit niemandem darüber reden zu können. Ich fühle mich einsam, obwohl ich nicht alleine bin. Das ist dumm, denn ich habe unglaublich gute Freundschaften in meinem Leben, die für mich da wären, wenn ich nur den Mund aufmachen würde. Aber irgendwie schaffe ich es nicht.

Unter anderem, weil ich mich dafür schäme, was passiert ist. Und weil ich mich wie eine Versagerin fühle. Ich versuche echt mit aller Kraft, dagegen anzukämpfen, aber es passiert trotzdem: Ich fühle mich, als hätte ich etwas falsch gemacht.  

Mein Hochstapler-Syndrom kickt auch richtig in Bezug auf diesen Blog. Während ich seit Jahren hier über Beziehungen schreibe, geht es bei mir genauso schief wie bei allen anderen auch.

Mein Weg, mit allem umzugehen, ist aktuell, mich auf die anderen Dinge in meinem Leben zu fokussieren, die mir Freude, Selbstwirksamkeit und ein Gefühl von Sicherheit geben: Sport, mein Job, Freundschaften.

Trauma ist richtig scheiße. Es kostet so viel Kraft, schränkt einen im Leben ein. Ich wünschte, ich hätte das nie lernen müssen.

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