Am Samstag hatte ich mich abends um 20 Uhr mit V. verabredet. Ich war viel zu früh am Treffpunkt, aber ich hatte ein gutes Buch dabei. Ich habe mir die deutsche Übersetzung von the ethical slut bestellt. Wenn ich das Buch gelesen habe, werde ich mal berichten, was ich davon halte.
Ich setzte mich auf die Treppenstufen der Kirche, an deren Eingang wir uns treffen wollten, und las, bis sie kam. Sie war genauso unscheinbar gekleidet wie bei unserem ersten Treffen, und lächelte. Ich war unsicher, ob wir uns zur Begrüßung küssen sollten. Wir umarmten uns stattdessen. Arm in Arm liefen wir zu einem Haus in der Nähe, wo ein guter Freund von mir seinen Geburtstag feierte. Seinen Eltern gehört eine große Wohnung mit einer Dachterasse. Die Wohnung soll seit vielen Monaten renoviert werden, aber die Umbauten gehen nur langsam vorwärts. Solange kann der Kumpel die Wohnung und vor allem die Dachterasse für Parties und Co nutzen.
Es waren alte Sofas und Stühle auf der Dachterasse vorbereitet, ein Grill stand bereit, eine Feuerschale zum Lagerfeuer machen. V. und ich holten uns was zu trinken und setzten uns auf eines der Sofas. Ich kannte eigentlich nur den Gastgeber. Normalerweise fällt es mir einfach, neue Leute kennenzulernen. Doch an diesem Abend hatten V. und ich nur Augen für uns. Die anderen waren mir total unwichtig.
Wir unterhielten uns viel über ihren Freund C., der dieser Tage für 2 Jahre nach Asien zieht. Ich wollte von ihr wissen, wie sie die letzten Tage miteinander verbracht hatten. Sie meinte, sie hätten einfach viel gekocht, viel Zeit miteinander verbracht, und versucht nicht über die Zukunft nachzudenken. Sie wollten verhindern, dass sie die letzte Zeit, die sie haben, mit bedrückten Gefühlen verdunkeln. V. lässt es sich nicht so anmerken, aber man spürt es schon, dass das für sie hart ist. Dass es sie bewegt und ein bisschen traurig macht. Ich fragte sie, ob sie später bei mir schlafen wollte. Sie lächelte und nickte. Wir waren beide ziemlich fertig. Sie von dem ganzen emotionalen Stress der letzten Tage, ich vom vielen Lernen. Wir verabschiedeten uns recht früh.
Daheim tranken wir noch einen Tee auf meinem Sofa und kuschelten uns dann ins Bett.
Morgens machte ich ihr wieder einen Cappuccino mit Hafermilch, den mag sie sehr. Wir quatschen noch ein bisschen, küssten uns hin und wieder. Dann muss ich sie leider rausschmeißen, weil ich für meine Klausur lernen muss. Aber wir verabreden uns für den gleichen Tag abends. Als ich zu ihr komme, steht sie in der Küche und macht indische Chapatis. Es ist total meditativ, ihren langsamen Bewegungen beim Kochen zuzusehen.
V. ist eine total ruhige Person. Sie ruht so richtig in sich selbst. Sie redet langsam und ehrlich. Sie ist total zart und geht sehr zärtlich mit ihren Mitmenschen um. Sie hat ein total positive Einstellung zum Leben, Genuss und Freude und Liebe und Selbstverwirklichung stehen an erster Stelle. Mit ihr Zeit zu verbringen wirkt auf mich total beruhigend. Es ist wie Urlaub vom eigenen Stress. Ich mag es, dass sie genauso harmoniesüchtig ist wie ich, nicht gerne diskutiert oder streitet, die Dinge nicht dramatisiert. Sie ist sehr vielseitig interessiert. Musik, Tanz, Gesang, Literatur. Sie möchte portugiesisch lernen, weil sie so gerne Forró tanzt und überlegt in Brasilien zu studieren.
V. berührt mich auf einer ganz emotionalen, sinnlichen Ebene. Sie hat einen durch und durch liebenswerten Charakter. Hat ein offenes Herz. Heißt einen mit offenen Armen willkommen. Wenn ich bei ihr bin, fühle ich mich ihr ganz schnell ganz nah. Ich glaube in V. könnte ich mich auch verlieben, wenn wir überhaupt keine Sexualität miteinander teilen. Mit ihr zu reden, zu kuscheln, die Nase in ihrem Haar zu vergraben, ihren schlanken Körper zu umarmen und ihren Rücken zu streicheln, sie zu küssen – das ist schon alles so wunderbar und gibt mir selbst so viel. Ich bin so dankbar, sie kennenlernen zu dürfen. Und freue mich auf unser Wiedersehen am Mittwoch.
Liebevolle Grüße,
Eure Clara
Das klingt ja traumhaft. Und ich bin gespannt auf Deine Rezension von The Ethical Slut; mal sehen, ob unsere Meinungen da ähnlich sind 😉
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Ja wird nicht lange dauern, bis ich durch bin. Ich verschlinge das Buch ein bisschen. Hast du das gelesen als du schon poly warst oder davor?
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Nein, erst danach 😀 Ich hab es auch an einem Abend ausgelesen – wobei ich auch einige Kapitel ausgelassen habe 😉
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