Der Anfang vom Ende?

Als ich mich letzten Sonntag mit L. traf, wartete ich den ganzen Abend darauf, dass er – wie angekündigt – nachfragen würde, wie es mir während seines Dates mit S. ergangen war. Aber da kam nichts. Es wurde später und später und L. fragte mich nicht danach. Ich wollte nicht schon wieder diejenige sein, die das Gespräch auf die wichtigen Themen lenkt, und legte es daher darauf an und wartete. Doch als es dann 22 Uhr spät war und ich wusste, dass er in einer Stunde heimfahren würde, sagte ich doch was. „Wolltest du mich nicht eigentlich fragen, wie es mir während deines Dates ging?“ Er hatte es einfach vergessen. Hatte einfach nicht mehr dran gedacht.

Und das macht mich ganz schön wütend. Er behauptet zwar immer wieder, dass ihm wichtig ist, wie es mir geht. Aber sein Verhalten passt da einfach nicht immer dazu.

Letzte Woche war ich dann wieder dreimal im Krankenhaus. Leider waren bei mir bestimmte Blutwerte erhöht, die darauf hindeuten können, dass mein Herz doch nicht ganz gesund ist. Ich hatte im April eine von der Immuntherapie ausgelöst Herzmuskelentzündung und obwohl ich jetzt eine Immuntherapie dringender brauche als zuvor, wollten die Ärzte erst prüfen, ob mit meinem Herz alles in Ordnung ist. Eine erneute Immuntherapie könnte die Myokarditis sofort wieder auslösen und das könnte mitunter letal verlaufen.

Meine ganze Situation in Bezug auf meinen Krebs ist nur schwer auszuhalten. Ich habe einen Krebs, von dem ich potenziell sterben kann, und die Therapie, die mir helfen könnte, könnte mich auch umbringen. Das belastet mich natürlich sehr. Doch neu dazu gekommen ist die Angst, dass das tödlich enden könnte.

Mit meiner Psychotherapeutin suche ich nun nach Wegen, mit dieser Angst umzugehen, damit sie mich nicht ständig vollkommen übermannt und mich so sehr im Griff hat, wie es in der letzten Woche immer wieder war.

Morgen wird mein Fall nochmal von einem interdisziplinären Team besprochen und dann bekomme ich morgen Nachmittag von meinen Ärzten eine Therapieempfehlung. Ich hoffe, dass es dann auch endlich einen Plan gibt. Irgendwas, das mir das Gefühl gibt, dass es vorwärts geht, dass wir etwas gegen den Krebs machen. Irgendwas, dass mir Hoffnung schenkt. Denn die Warterei macht mich wahnsinnig.

Nach meinem Krankenhaustermin am Freitag ging ich noch kurz bei L. vorbei. Wir redeten für eine Stunde auf seinem Sofa. Er erzählte mir, dass er gerne am Donnerstag auf ein Date mit S. gehen möchte. Ich solle mir bis Sonntag, wenn wir unser nächstes Date geplant hätten, überlegen, wie es mir damit geht und ob das für mich in Ordnung ist.

Am Wochenende machte ich mir meine Gedanken und redete auch viel mit G. darüber. Schon ab dem Moment, wo L. mir von seinem Datingplan erzählte, fühlte ich mich gestresst. Der Gedanke an das Date löst bei mir Unsicherheiten, Eifersucht und Stress aus. Was alles erst mal nicht so schlimm wäre – wenn ich nicht in dieser beschissenen Gesamtsituation wäre.

G. meinte, dass er angesichts des Stresses, das das Date bei mir auslöst, an L.’s Stelle sofort anbieten würde, das Date abzusagen. Dass er da vielleicht auch Gefühle der Enttäuschung fühlen würde, aber ihm die Beziehung mit mir wichtiger wäre und er deswegen nicht zögern würde, das zu tun, was für mich das Beste ist. Und genauso würde ich es auch jederzeit für ihn tun. Gerade treffe ich mich immer mal wieder mit Ls. Die Treffen sind eher freundschaftlich, aber wir küssen uns hin und wieder und kuscheln viel. Wenn sich G. oder L. aus guten Gründen damit nicht mehr wohl fühlen würden, dann wäre das für mich nicht mal ein Diskussionspunkt, dass ich die Körperlichkeiten mit Ls. erst mal weglassen würde, bis sich G. oder L. damit besser fühlen.

Die Angst vor dem Krebs und der Stress, den das auslöst, rauben mir gerade meine ganze Energie. Ich bin so damit beschäftigt, über Wasser zu bleiben, nicht in der Depression unterzugehen, irgendwie die Hoffnung nicht zu verlieren, dass ich vor allem fliehe, was für mich zusätzlichen Stress bedeutet. Deswegen arbeite ich gerade nicht, deswegen treffe ich mich mit bestimmten Personen nicht, deswegen verschiebe ich Dinge in die Zukunft.

Und deswegen hatte ich am Wochenende auch zum ersten mal Fluchtgedanken in Bezug auf L. Weil es sich einfacher anfühlte, zu flüchten und das mit L. auf Eis zu legen, als die nötigen Gespräche mit ihm zu führen. Ich musste mich am Sonntag wirklich überwinden, ins Auto zu steigen und zu ihm zu fahren. Ich weinte auf der Fahrt zu ihm, weil das für mich so anstrengend war und ich Angst vor dem anstehenden Gespräch mit ihm hatte.

Als ich dann bei ihm war, wartete ich nicht lange, sondern redete mir alles von der Seele, was mir durch Herz und Kopf ging:

Normalerweise würde ich mir die Gefühle, die sein Date mit S. auslöst, genau anschauen, in die Selbstreflektion gehen, und dann entweder mit ihm nach Lösungen suchen oder an mir arbeiten. So habe ich es in der Vergangenheit schon viele male gemacht und so dafür gesorgt, dass es mir beim nächsten Date leichter fiel. In meiner jetzigen Situation habe ich dafür die Kraft und auch die Energie nicht.

In meiner jetzigen Situation brauche ich Partner*innen, die für mich Kraftquellen sind. Die für mich da sind, die Komfortzonen in dieser beschissenen Situation sind. Die für positive Energie und Kraft sorgen, und nicht für Stress. Aktuell brauche ich Stabilität, Sicherheit, Unterstützung.

In der jetzigen Situation kann ich daher nicht ordentlich damit umgehen, wenn er weiter S. datet. Für mich wäre es aktuell am besten, wenn wir erstmal keine anderen Personen daten, bis sich meine Situation beruhigt hat. Wenn wir quasi eine geschlossene, polyamore Beziehung führen.

Daher sehe ich eigentlich nur drei Wege in die Zukunft: Entweder, er hört auf, S. zu daten. Oder, er datet weiter, aber heimlich und ich ignoriere das ganze (was aber unrealistisch ist, dass das funktionieren kann). Oder L. und ich beenden unsere Beziehung.

Was mich wahnsinnig enttäuscht und überrascht, ist, dass L. während dieses Gesprächs keine Angebote machte. Er bot nicht an, das mit S. für ein paar Wochen auf Eis zu legen. Er bot auch nicht an, das Date am Donnerstag abzusagen. Er bot nicht an, sich nur platonisch mit ihr zu treffen und den Sex erstmal wegzulassen.

Ich musste daher nochmal deutlich machen, dass ich zumindest jetzt im Moment gerne möchte, dass er S. nicht mehr weiter datet.

Und selbst dann war er nicht dazu bereit, diesen Schritt zu gehen.

Ich fragte ihn irgendwann zwischendrin, was er eigentlich gerne für mich sein möchte. Ein Freund oder ein Partner? Ein Partner, antwortete er. Er will für mich da sein, mich in allen Lebenslagen unterstützen.

Das passt für mich überhaupt nicht zu seinem zögerlichen Verhalten in Bezug auf S. Wenn er wirklich mein Partner sein möchte, sollte das ein No-Brainer sein, dass er sich in einer solchen Ausnahmesituation eben anpassen muss und sich aktuell darauf konzentrieren muss, dass ich eben gerade wahnsinnig viel Aufmerksamkeit und Unterstützung benötige. Da sollte ich gar nicht groß danach fragen müssen.

Das Gespräch lässt mich daran zweifeln, ob seine Prioritäten dieselben sind wir meine. Im April/Mai meinte er noch, dass A. und ich seine Prioritäten sind, und alles andere optional. Jetzt erscheint das anders. Plötzlich scheint ihm das Dating neben seinen festen Beziehungen doch wichtiger geworden zu sein. Und anders, als wir es im April/Mai besprochen hatten, ist er nicht mehr bereit, seine Affäre zu beenden, wenn das nötig ist.

Ich zweifle daher auch daran, ob ich weiter in einer Beziehung mit ihm sein möchte. Ich muss – jetzt noch mehr als sonst – auf mich aufpassen und das tun, was für mich gut ist. Wenn L. sich nicht anpassen will und seine Freiheiten für mich nicht einschränken will, dann muss ich mir überlegen, ob die Beziehung mit ihm mir dann noch gut tut.

Mich macht das wahnsinnig wütend und traurig. Wütend auf diese beschissene Situation, diese Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe, und die mich psychisch so fordert, dass ich nicht ich selbst bin. Normalerweise bin ich so gut darin, mich zu reflektieren, an mir zu arbeiten, mich zu entwickeln. Das nun alles nicht zu können, weil ich einfach überfordert bin mit allem, tut wahnsinnig weh. Und traurig bin ich darüber, wie schwierig das alles mit L. geworden ist. Eigentlich seit Ende April. Einerseits wegen seiner mangelnden Rücksichtnahme und Voraussicht. Andererseits weil vielleicht so ein Krebs eine Nummer zu viel für eine Beziehung ist, die gerade mal wenige Monate alt ist.

Ich warte seit Sonntag auf eine Antwort von L. Er meinte, bevor ich am Sonntag heimfuhr, dass er sich Gedanken über alles machen will. Auch darüber, ob es wirklich so egoistisch von ihm ist, dass er weiter daten will. Ich habe ihm gestern dazu nochmal eine Sprachnachricht geschickt. Meine Meinung nach ist das überhaupt nicht relevant, ob das egoistisch ist oder nicht. Letztendlich geht es einfach darum, dass er für sich herausfinden muss, was ihm wichtiger ist und wo seine Prioritäten liegen. Und dass ich dazu eine Antwort von ihm brauche, weil ich ihn nicht weiter in mein Leben integrieren will, ohne zu wissen, ob er zu mir steht.

Gestern hatte ich einen wichtigen Termin mit einem Arzt zu einer experimentellen Therapie, die für mich in Frage kommt. Im Anschluss hätte ich ihm normalerweise direkt eine Sprachnachricht geschickt oder hätte ihn angerufen. Aber das hat sich so falsch angefühlt. Seine Zögerlichkeit am Sonntag führt gerade dazu, dass ich kein Vertrauen habe und mich in Bezug auf ihn nicht sicher fühle.

Deswegen habe ich ihm gestern nur noch die besagte Sprachnachricht geschickt und habe ansonsten kaum Kontakt. Das fällt mir richtig schwer, aber ich weiß einfach gerade nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich vermisse ihn so sehr, dass es körperlich weh tut. Und ich habe echt Angst, dass er sich für S. entscheidet. Ich kann nicht einschätzen, wie es mir dann gehen wird. Wahrscheinlich erst mal gar nicht gut. Ich hoffe aber, dass er das mit S. für mich pausiert und dass ich diesen Menschen, den ich so sehr liebe, trotz seinen Mankos, nicht verliere.

Das Leben meint es gerade nicht gut mit mir. Aber ich versuche, nicht in Selbstmitleid zu versinken. Das kostet gerade viel Kraft. Ich bin so dankbar für G., meine Familie und die Freund*innen, die mich tagein tagaus unterstützen, indem sie mich zum Spazierengehen treffen, mir Sprachnachrichten schicken, mit mir bummeln gehen, oder mich mit sonstigen Aktivitäten aus dem Haus bringen und für Ablenkung und kleine, positive Moment sorgen. Das brauche ich gerade ganz dringend.

Eure Clara

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  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Boah, hart. Ich verstehe nicht, warum er überhaupt nachdenkt. Er sagt, er liebt dich – dann ist doch gerade in der Situation, in der du mit deiner Gesundheit bist, als Partner geboten, alles zu tun, damit es dir nicht noch schlechter geht. Das, was du gerade trägst und erträgst, ist mehr, als einem Menschen aufgelastet werden sollte.

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