Letztes Wochenende waren G., L. und ich gemeinsam mit einer Freundin von mir, meiner Schwester, deren Freund und ihrer Kollegin auf einem Konzert. Ich hatte mir extra einen Rollstuhl organisiert, weil ich das gesundheitlich sonst nicht geschafft hätte.
Das schwierige an dem Abend war, dass ich das bindende Glied zwischen all diesen Personen war – und gleichzeitig nicht fit genug, diese Personen zu verbinden. Deswegen standen alle irgendwie für sich alleine rum und fanden nicht so gut als Gruppe zueinander. Mich störte das wenig. Ich war einfach glücklich, überhaupt dort sein zu können und genoss die Musik in meinem Rollstuhl.
Am meisten darunter litt G. Ich merkte schon an dem Abend, aber dann auch am Sonntag, dass ihm irgendwas auf der Seele lag. Irgendwann sagte er es mir: „Ich fühlte mich das ganze Wochenende wie das dritte Rad am Wagen.“ L. war das ganze Wochenende zu Besuch gewesen. Es tat mir Leid, dass er sich so fühlte, also sagte ich ihm: „I’m sorry you feel that way.“ Und beließ es erst mal dabei.
Das Gespräch suchte ich dann am Tag danach mit ihm, als wir es uns mit alkoholfreien Drinks auf unseren Pallettensofas im Garten gemütlich machten, ich fit genug war für das Gespräch und wir hatten die nötige Ruhe dafür.
Das Gespräch war lang, aber ich fand es wichtig. L. wird immer wieder bei uns zu Besuch sein und eben auch mal für länger. Mir ist es wichtig, dass G. dann gut geht, insbesondere, weil wir uns beide wünschen, dass es jederzeit möglich ist, dass wir unsere Dates mit nach Hause bringen.
Wichtig war mir, dass wir einerseits darüber reden, was er und ich in der Zukunft anders machen können, damit er sich möglichst selten wie das dritte Rad am Wagen fühlt. Arg viel fiel uns da gar nicht ein, denn ehrlicherweise hatte ich am letzten Wochenende schon sehr viel richtig gemacht: Ich hatte ihn über L. und meine Pläne ausführlich informiert, ich hatte meine Check-ins mit ihm ernst genommen, ich hatte ihm sowohl in der Woche davor aber auch während des Wochenendes immer wieder gezeigt, dass ich ihn liebe und dass er mir wichtig ist.
Leider verfällt G. sehr regelmäßig in solche negativ-Gedankenschleifen, dass er dieses Verhalten von mir dann gar nicht mehr sieht. Er sieht dann nur noch die Dinge, die ihm missfallen und die seine negativen Gedanken unterstützen.
Daher war mir auch wichtig, ihm zu zeigen, dass das auch ein Thema ist, an dem er selbst arbeiten muss. Er muss auch selbst Wege finden, damit zurecht zu kommen, dass L. eben immer wieder da ist und dann mein Fokus eben auch mal auf L. liegt und nicht auf G. Denn dadurch, dass ich mit G. zusammenlebe und wir daher auch viel mehr Zeit – auch Quality Time – miteinander verbringen, ist es ja ganz klar, dass ich, wenn L. dann mal zu Besuch ist, ich meinen Fokus auf L. legen will. Und mir ist es wichtig, dass das dann für G. nachvollziehbar und okay ist und er sich nicht jedes mal schlecht deswegen fühlt. Da hat also auch er noch viel Arbeit an sich selbst vor sich.
Am Samstag gehen wir voraussichtlich zu dritt auf den 30. Geburtstag meiner Schwester. Ich fragte G. daher auch, was wir alle drei machen können, damit er sich auf der Party wohl fühlt. Ein Problem ist hier, dass er grundsätzlich ein Mensch ist, der sich auf Parties erstmal nicht so sicher fühlt und dem es nicht so leicht fällt, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten und einfach Spaß zu haben. L. und ich sind da anders. Wir suchen uns unsere Konversationspartner*innen und haben einfach Spaß.
Ich sagte G., dass ich gerne mehr darauf achten kann, dass ich nicht nur mit L. rumknutsche und mich viel mit L. unterhalte, sondern ihn gleichermaßen beachte. Doch dass ich nicht sein Babysitter auf der Party sein möchte. Dass ich die Verantwortung, dort Spaß zu haben, bei ihm sehe und von ihm erwarte, dass er auch selbst dafür sorgt, dass er eine gute Zeit hat. Und dass ich es unfair finde, wenn er mir die „dritte-Rad-am-Wagen-Thematik“ vorwirft, obwohl das gar nicht so viel mit meinem Verhalten zu tun hat, sondern eben auch ganz arg viel mit seinen eigenen Unsicherheiten. Die führen nämlich auch dazu, dass er auf jeder Party ab der ersten Minute wie das dritte Rad am Wagen verhält. Ein Self-Fulfilling Prophecy sozusagen.
Ich fand das Gespräch großartig. Es war zwar von meiner Seite eine kognitive Meisterleistung (bin schon bisschen stolz darauf 🙂 ), aber ich habe es geschafft, uns so durch das Gespräch zu moderieren, dass wir sowohl jedermenschs Verantwortung am Thema beleuchtet haben als auch verschiedene Lösungswege. Und dass das auch noch sehr konkrete und gar nicht so komplizierte Lösungsansätze waren. Und dass wir uns danach beide besser gefühlt haben.
G. äußerte in dem Gespräch auch noch, dass er sich von L. wünschen würde, dass dieser sich bei uns daheim ein bisschen weniger wie ein Gast und ein bisschen mehr wie ein Mitbewohner verhält. Zum Beispiel, indem er sein Geschirr selbst aufräumt, mehr mithilft, wenn er da ist, und wir ihm nicht hinterherräumen müssen. Dass er sich eben wie ein erwachsener Mensch verhält.
L. habe ich an seinem Geburtstag nicht mehr gratuliert. Ich war zu wütend. Aber ich schrieb ihm gegen Mittag dann eine sehr deutliche Nachricht, in der ich ihm mitteilte, wie unmöglich ich sein Verhalten finde, weil er bis dahin immer noch in keinster Weise auf meine geäußerten Gefühle eingegangen war.
Irgendwann nachmittags fragte ich mir dann, ob ich wollen würde, dass er abends vorbeikommt. Ich sagte ihm, mir wäre es heute lieber, weil ich dann alleine daheim sein würde und wir mehr Ruhe zum Reden haben würden. Er schrieb mir, dass er das möglich machen würde.
Leider bekam ich dann gestern Abend noch einen Anruf aus der Klinik mit erneut schlechten Nachrichten bezüglich meines Krebs und der Bitte, heute zu verschiedenen Untersuchungen in die Klinik zu kommen. Meine Schwester fuhr mit mir mit, worüber ich sehr froh war. Die Nachrichten und alles, was ich da heute hörte, waren echt viel. Zu viel. Ich war schon dort mit den Nerven durch und gottfroh, als wir mittags wieder daheim waren und ich mich weinend in mein Bett verziehen konnte. L. sagte ich Bescheid und er kam nachmittags vorbei.
Als ich ihm die Haustür öffnete, fiel ich in seine feste Umarmung, fing direkt an zu weinen, tränte an seine Schulter, roch seinen Geruch ein und blieb in dieser warmen, tröstenden Umarmung eine gefühlte Ewigkeit. Alle meine Wut und meine Themen mit ihm waren da plötzlich unwichtig. Ich brauchte Trost und Beistand und er war genau dafür hergefahren.
Wir kochten in der Küche Kaffee und setzten uns dann mit unseren Tassen aufs Sofa. Er legte seinen Arm um mich und ich bettete meine Wange an seine Brust. Dann erzählte ich ihm alles, was ich heute gehört hatte, und wie ich mich damit fühle. Welche Angst mir das alles macht. Er sagte: „Mir macht das gerade auch Angst.“ Und ich glaube er weinte auch ein bisschen mit. Und so saßen wir da eng umschlungen auf dem Sofa und er gab mir ganz viel Halt, aber ich gab ihm auch ein bisschen Halt.
Irgendwann war ich dann wieder so zittrig, dass ich das Bedürfnis hatte, mich ins Bett zu legen. L. kam mit und kraulte mir den Rücken. Ich erzählte ihm von dem Gespräch mit G. und gab auch G.’s Wunsch weiter, dass er bei uns im Haushalt mehr anpackt, wenn er da ist. Er reagierte verständnisvoll und von daher war das Thema schnell geklärt.
Wichtiger war ihm, dass es G. gut geht, wenn er da ist. Wir redeten daher auch nochmal lang über die anstehende Party am Samstag. Ich hatte am Morgen in der Klinik auch mit meiner Schwester nochmal darüber geredet. Sie hatte mir beim Konzert erzählt, dass sie meine Eltern gefragt hatte, ob sie deren besten Freunde noch zur Party einladen solle, weil meine Eltern sonst die einzigen „Älteren“ dort wären. Meine Eltern wollten das nicht, weil L. auf der Party sein würde und sie anscheinend nicht wollten, dass die Freunde von meinem Beziehungskonzept erfahren. Das hat mich total traurig gemacht. Gar nicht so sehr wegen mir, sondern weil das so viel über meine Eltern aussagt. Darüber, wie gar nicht vertrauensvoll und eng diese „beste Freundschaft“ ist. Und auch darüber, wie wichtig meinen Eltern leider ist, was andere Menschen über sie (und uns als Familie) denken. Wie wenig frei sie sich von der Meinung anderer machen können.
Ich sagte daher heute morgen zu meiner Schwester, dass L., G. und ich gerne auf ihrer Party ein bisschen die Finger voneinander lassen können und uns mehr wie „Freund*innen“ verhalten können, wenn es das für sie und/oder meine Eltern einfacher macht. Und ich bot ihr an, L. wieder auszuladen, wenn es das für sie in irgendeiner Weise stressfreier macht. Letztendlich ist es ihr Geburtstag und mir ist am allerwichtigsten, dass sie den schönstmöglichen Geburtstag hat. Das mit L. ist alles noch neu und ich verstehe, dass das für mein Umfeld vielleicht mehr Zeit braucht, sich daran zu gewöhnen. Von daher wären mir ihre Gefühle in dem Fall wichtiger, als dass ich auf Teufel komm raus mit meinen beiden Boys zu der Party gehen kann.
Meine Schwester erklärte mir, dass sie L. eigentlich nicht ausladen will. Er sei jetzt ein Teil meines Lebens und sie kann ihn gut leiden und hätte eigentlich genau wie ich am liebsten, dass das einfach gar kein Thema ist. Und dass es für sie vor allem belastend ist, weil sie das Gefühl hat, ein wenig zwischen den Stühlen – zwischen mir und meinen Eltern – zu stehen.
Ich bot ihr an, dass sie sich das mit der Anwesenheit von L. einfach nochmal überlegen soll und mir einfach Bescheid geben soll, was ihr am liebsten ist.
L. erzählte ich von dem Gespräch dann heute auch und er meinte sofort, dass er weder ihr noch mir das übel nehmen würde und das nicht persönlich nehmen würde, falls es meiner Schwester doch lieber wäre, wenn er nicht käme. Dass er ja dann stattdessen am Samstag einfach tagsüber vorbeikommen könnte, sodass wir trotzdem ein bisschen Zeit miteinander verbringen können.
Wie immer, wenn ich klärende Gespräche mit L. führen muss, reagierte er also auch dieses mal wieder mit ganz viel Empathie und Verständnis und Besonnenheit. Und genau deswegen klären sich die Themen mit ihm dann, wenn wir endlich miteinander reden, auch jedes mal so super schnell. Ich finde, das ist sehr viel wert.
Einige meiner im letzten Blogartikel beschriebenen Kritikpunkte gegenüber L. habe ich heute noch nicht nochmal aufgreifen können, weil der Großteil seines Besuchs ja mit Trösten, Weinen und in den Arm nehmen gefüllt war und das heute wichtiger war, als alle Beziehungsgespräche zu führen, die ich noch führen will. Aber was ich ihm nochmal klar machen will, ist, dass ich mir von ihm eine aktivere Kommunikation wünsche, wenn ich ihm Feedback gebe oder Gefühle äußere oder etwas von ihm einfordere. Das hole ich dann noch nach.
Mein Motto ist gerade: „Schritt für Schritt.“ Und zwar bezogen auf alle Lebenslagen. Es geht nicht alles gleichzeitig. Also mach ich’s Schritt für Schritt.
Bei der Verabschiedung nahm L. mein Gesicht in seine Hände, küsste mich auf die Stirn, schaute mir aus seinen blauen Augen tief in meine und meinte: „Du musst nicht stark sein. Ich hab dich genauso lieb, wenn du es nicht bist.“ Dieser Satz berührte mich so sehr, weil er eine ganz große Unsicherheit von mir aufgreift. Es tat wirklich gut, das von ihm zu hören.
Ich antwortete: „Das lerne ich gerade.“
Dann küssten wir uns und nahmen uns nochmal lange in den Arm.
Clara
P.S.: Ich habe gerade von WordPress die Benachrichtung erhalten, dass dies mein 100ster Eintrag auf diesem Blog ist! Darauf stoße ich jetzt gleich noch mit einem Glas alkoholfreien Wein und einem Stück Schokolade an. Diesen Blog gibt es jetzt bereits seit 8 Jahren, mit einigen langen Schreibpausen. Aber er bereichert mein Leben bis heute und ich liebe es, meine Geschichten hier aufzuschreiben, eure Kommentare zu lesen, und über den Blog mit meinen Freund*innen ins Gespräch zu kommen. Ich finde es wunderschön, dass ihr ihn mitverfolgt und lest und freue mich immer riesig über eure Reaktionen, auch über die kritischen. Also danke fürs Mitlesen!
Das Schicksal ist ein Arschloch. Eine dicke Umarmung aus der Ferne, wenn du magst.
LikeGefällt 1 Person