Anfang Juli änderte sich etwas. Ich spürte plötzlich eine neue Neugier darauf, neue Menschen kennenzulernen.
Die Monate davor war ich noch sehr mit der Verarbeitung von L.‘s Betrug beschäftigt. Doch im Juni änderte sich langsam etwas. Als ich eine Freundin in einer anderen Stadt besuchte, die ich nur sehr selten sehe, fragte sie mich, wie es mir inzwischen mit der Sache mit L. geht. Und ich antwortete ehrlich: „Heute wieder gut. Und das überrascht mich, denn vor 3 Monaten hat sich das noch ganz anders angefühlt.“
Sie erinnerte mich daran, dass das kein Zufall ist, sondern dass ich darauf stolz sein kann. Denn diese Verarbeitung kam nicht einfach so. Sie kam, weil ich Methoden hatte, dieses Trauma zu verarbeiten. Immer wieder habe ich mir bewusst Zeit genommen, da reinzuspüren. Immer wieder habe ich mit Freundinnen darüber geredet. Immer wieder habe ich Tagebuch geschrieben. Und jedes mal habe ich ein Stück weit die Kontrolle über die Narrative in meinem Kopf zurückgewonnen.
Heute weiß ich nicht nur, dass ich nichts falsch gemacht habe. Dass das nicht meine Schuld war, dass er mich belogen und ausgenutzt hat. Dass ich so ein respektloses Verhalten nicht verdient habe. Heute spüre ich das auch und bin auch davon überzeugt.
Also öffnete ich Anfang Juli wieder die Dating-Apps. Ich entschied mich dafür, nur FLINTA* zu daten – keine Männer. Ich aktualisierte und entstaubte mein Profil. Ich schrieb einen neuen Text in meine Bio.
Drei Apps probiere ich seitdem aus: Bumble, okcupid und Her. Drei Frauen habe ich seitdem gedatet. Und drei sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Die erste Frau, die ich auf Her interessant fand und mit der ich matchte, war K. Ihre Bilder kamen mir wahnsinnig bekannt vor, aber ich kam erst nach unseren ersten paar Nachrichten darauf, woher ist sie kannte: Wie waren letzten Herbst zusammen auf einem 3D-Vulva-Printing Workshop gewesen und hatten uns dort kurz miteinander unterhalten. Ich hatte mir während des damaligen Gesprächs gedacht, dass ich sie gerne nach ihrer Nummer fragen würde, aber dann war der Moment vorbei und ich hab sie nie wiedergesehen.
K. lebt seit 2 Jahren poly, ist verheiratet und hat Kinder. Für unser erstes Date verabredeten wir uns in einem süßen Restaurant am Waldrand. Als ich sie sah, fielen mir sofort ihre grauen Haare auf, die sie mit einem Undercut trug, der ihr echt gut stand. Sie war hübsch – und hatte eine sehr feminine, kurvige Figur.
Wir unterhielten uns prächtig. Die Zeit verflog super schnell. Als das Restaurant schloss, saßen wir immer noch auf der Bank und quatschten. Letztendlich drängte uns der anfangende Regen zu einem Date-Ende.
Bei unserem zweiten Date gingen wir zusammen in einem Club auf ein Konzert. Wir tranken ein paar Aperolis (bzw. mindestens zwei zu viel), schäkerten miteinander herum, redeten super tief miteinander, und knutschten irgendwann auf der Tanzfläche. Es war ein Date, das mich sehr an früher erinnert hat, als ich mit Mitte 20 noch deutlich unbeschwerter Leute kennengelernt habe und mich freudig durchs Leben geludert habe. Das war schön. Ich weiß noch, wie überzeugt ich vor unserem ersten Kuss davon war, dass sie bestimmt keine gute Küsserin ist. Und wie freudig überrascht ich dann war, als sie sich als hervorragende Küsserin herausstellte.
Bei unserem dritten Date machten wir abends an einem See ein Picknick. Wir brachten beide diverse Leckereien mit, holten uns an einem Kiosk in der Nähe kalte Getränke, saßen gemeinsam auf meiner Decke, schlugen uns die Bäuche mit Oliven, Gebäck, Gemüse, Käse und vielem mehr voll. Bei diesem Date auf der Decke merkte ich das erste mal, dass ich mich zwar gerne mit ihr unterhalte, aber mir nicht so sicher bin, ob ich im nüchternen Zustand eine Anziehung spüre.
Und das bringt mich zu einem Thema, über das ich mir seit diesen ersten Dates viele Gedanken mache: Alkohol & Dating.
Seit meiner Krebserkrankung trinke ich zwar noch manchmal Alkohol, aber seltener und längst nicht so viel. Früher trank ich quasi auf jedem Date Alkohol – heute sitze ich da meistens nüchtern. Und das verändert einiges.
Alkohol macht das Dating leichter. Man wird ein bisschen lockerer, verliert ein paar Hemmungen, die Nervosität ist nicht so präsent, man ist angeheitert und hat schneller miteinander Spaß. Alles Dinge, die sich positiv darauf auswirken, wie sehr man die Zeit zu zweit genießt.
Doch jetzt date ich nüchtern. Das heißt, ich – und wirklich nur ich – sitze da und lerne einen anderen Menschen kennen. Ich sitze da ohne Filter. Ich sitze da mit meiner Nervosität. Ich sitze da müde vom Arbeitstag. Ich sitze da und weiß eben nicht immer, worüber ich jetzt mit der anderen Person reden soll. Ich sitze da mit meinen Unsicherheiten.
Und ich muss leider sagen: Nach einigen Dates ohne Alkohol ist mein Fazit, dass Dating mit Alkohol echt mehr Spaß macht.
Und gleichzeitig frage ich mich nicht ohne Grund, wie viele Leute ich in der Vergangenheit nur deshalb gut fand, weil ich immer einen sitzen hatte. Gefühlt habe ich viele dieser Menschen gar nicht richtig kennengelernt. Und sie auch nur meine alkoholisierte Version. Ich frage mich, wie viele meiner ehemaligen Affären und Liebschaften ich ohne den Alkohol gar nicht gemocht hätte?
Und dass ich in der Vergangenheit immer wieder Dinge an anderen Menschen beschönigt habe, nicht genau hingeschaut habe, mich auch ein bisschen selbst betrogen habe, habt ihr mitgelesen. Ich glaube, wenn Alkohol im Spiel ist, passiert das schneller.
Das empfinde ich als die positive Seite des nüchtern-Datings: Ich zeige mich so, wie ich tatsächlich bin. Wer mich dann trotzdem gut findet und mit wem ich trotzdem einen Vibe entwickle, passt wohl besser zu mir. Das fühlt sich echter an. Das ist kein Rausch, sondern echte Verbindung. Echte Sympathie. Echte Anziehung.
Und die andere positive Sache ist für mich die Langsamkeit. Ich brauche nüchtern mehr Zeit, eine echte Bindung aufzubauen. Alkohol ist da eine Abkürzung, weil er die Hemmungen senkt, sodass man schneller körperlich miteinander wird. Nüchtern brauche zumindest ich erst die Vertrauensebene und die kognitive Nähe, bevor ich Lust auf körperliche Nähe bekomme.
In dieser Langsamkeit liegt eine ganz neue Chance für mich: Während des Kennenlernprozesses bei mir zu bleiben. Mich zu spüren. Meine Sorgen und Gefühle ernst zu nehmen. Und bei der anderen Person genau hinzuschauen. Zu hinterfragen, ob die Person wirklich zu mir passt.
Vielleicht führt das ja dazu, dass ich mich nicht nochmal in jemanden verliebe, der eigentlich gar nicht zu mir passt. We will see.
Zurück zu K.: Auf unserem vierten Date gingen wir Bouldern. Das hat super viel Spaß gemacht. G. war auch dabei und ließ uns aber unseren Raum.
Während des Dates merkte ich schon, dass ich nicht so richtig präsent bin. Ich schob es auf die Arbeit und den Stress, den ich irgendwie nicht abschütteln konnte. Sie schob es auf G. und die neue Situation zu dritt.
Doch als ich abends im Bett lag und grübelte, wurde mir bewusst, dass ich distanziert war, weil es sich für mich nicht mehr richtig anfühlte, K. weiter zu daten. Ich spürte keine Anziehung zu dieser Frau. Ich fand sie klug und witzig und interessant, aber eine romantische oder sexuelle Anziehung entwickelte sich für mich nicht. Ich musste das aussprechen, um der freundschaftlichen Ebene weiter eine Chance geben zu können.
Also schickte ich K. am Tag danach eine Sprachnachricht und teilte meine Gedanken und Gefühle mit ihr. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass sie anders fühlte als ich und dass sie von meiner Nachricht enttäuscht sein würde. Das bestätigte sich zunächst nicht. Sie bedankte sich für meine Ehrlichkeit und meinte, dass sie nach dem letzten Date mit ähnlichen Gedanken nach Hause gefahren war. Doch ein paar Tage danach schrieb sie mir nochmal, dass das Ganze nun doch mehr in ihr auslöste und dass sie daher erstmal etwas Abstand bräuchte.
Das kann ich gut verstehen. Ich warte daher ab und bin gespannt, ob wir als platonische Freundinnen nochmal zueinander finden, oder nicht.
Interessant finde ich, dass es für mich weiterhin null voraussehbar ist, ob ich jemanden anziehend finden werde oder nicht. Ich kann nicht erklären, warum ich eine optisch schöne Frau, die interessant ist, viele Interessen mit mir teilt, meine Werte teilt, gut küsst, in mir nichts auslöst als freundschaftliche Gefühle.
Ich habe nur Vermutungen: Ich finde es eher unattraktiv, wenn Menschen Kinder haben, weil sie dann ein Leben führen, dass ich mir nicht wünsche. Ich finde es eher unattraktiv, wenn Menschen deutlich weniger Geld als ich verdienen (und finde das selbst ganz schrecklich, dass ich so empfinde). Ich finde Frauen* mit kleinen Brüsten attraktiver als solche mit großen Brüsten.
Und ich finde nichts attraktiver, als wenn mich Menschen inspirieren. Das muss gar nicht immer sein, dass sie irgendwas schlaues sagen oder Wissen oder Erfahrung mit mir teilen. Es ist eher, ob sie gute Rückfragen und Gegenfragen stellen. Ob sie in der Lage sind, im Gespräch voll bei mir zu sein und mitzuschwingen. Ob das, was ich sage, bei ihnen räsoniert und Reaktionen auslöst, die mich zum Nachdenken bringen.
All diese Checkboxen trafen letztes Jahr auf I. zu. I. hatte keine Kinder, hat einen interessanten Job mit geregeltem Gehalt, hat kleine Brüste (das klingt schrecklich, das hier zu schreiben!), und war seit langem eine der inspirierendsten Personen, die ich kennenlernen durfte. Gott ist diese Frau klug und witzig und interessant! Ich bin immer noch ein Riesenfan von ihr.
Ich habe mich dieses Jahr im Mai und im Juli jeweils einmal mit ihr getroffen. Beide Dates waren wundervoll. Tolle Gespräche, ich fühlte mich seeehr zu ihr hingezogen und habe gleichzeitig keine Ahnung, ob ihr das genauso geht.
Und dann hat sie einfach keine Zeit! Monatelang. Die Situation ist wirklich zum Haare Raufen.
I. hat sich erst Ende 2025 auf einer Dating-Platform angemeldet – ich war ihr erstes Date. Dass sie neben zwei Beziehungen, engen Freundschaften, Familie in einer anderen Stadt, Vollzeitjob mit Überstunden, Ehrenamt und Zeit für Hobbies gar keine Kapazitäten mehr übrig hat für weitere Menschen in ihrem Leben, ist erst danach offensichtlich geworden. Tja und darunter leiden wir jetzt beide. Denn wir finden uns beide toll und wollen uns wiedersehen. Aber sie hat schon zu viele Dinge in ihrem Leben, die ihr wichtig sind. Also falle ich in der Prioriätenliste hinab aufs Schlusslicht und warte Monate, bis mal wieder Zeit ist.
Das ist frustrierend. Und ich kann es nicht ändern. Ich finde sie trotzdem toll und versuche mich daran zu erinnern, dass trotz der viel zu niedrigen Frequenz jedes Treffen wundervoll ist. Sie gar nicht wiederzusehen fände ich noch unbefriedigender. Denn ganz ehrlich: Ich hab noch nie jemanden getroffen, der mich so begeistert hat!
Was mir noch wichtig ist, zu ergänzen: Ich schäme mich sowohl dafür, dass ich Menschen mit Geld attraktiv finde als auch dafür, dass ich kleine Brüste attraktiv finde. Beides ist oberflächlich und/oder klassistisch. Das weiß ich. Aber ich fühl’s so. Und deswegen kann ich mir tausendmal selbst sagen, dass das dumme Gedanken sind. Sie sind trotzdem da. Anziehung wird ganz krass durch unsere Sozialisierung geprägt. Deswegen prägen uns auch weiterhin Schönheitsideale oder die diversen Unterdrückungssysteme, in denen wir leben, obwohl wir super aufgeklärt sind.
Das kann man abbauen. Aber es bedarf echt viel Arbeit an sich selbst.
Neben K. habe ich seit Juli noch zwei weitere Frauen gedatet. Doch davon erzähle ich euch beim nächsten mal. Macht’s gut!
Clara