Die ersten 5 Dates mit J.

Als ich zum ersten Date mit J. fuhr, fiel mir auf, dass ich eigentlich überhaupt nichts über sie wusste. Wir hatten uns im Chat auf der Dating-Plattform so schnell verabredet, dass ich außer ein paar Eckdaten nichts über sie erfahren hatte bisher. Ende Dreißig, weiblich, wohnt in meiner Stadt, nicht-monogam. Ihre Fotos wirkten auf mich unaufgeregt und intelligent.

Als ich mein Auto parkte, sah ich sie schon am Treffpunkt stehen. Ich warf vor dem Aussteigen nochmal einen Blick in den Rückspiegel. Mir fiel auf, dass ich mich bei Dates mit Frauen anders kleidete. Ich achtete noch mehr darauf, mich nicht für den Male Gaze zu kleiden. Ich wählte Kleidung, die mich androgyner und lesbischer wirken ließ. Da steht gar keine große Agenda dahinter – es ist eher einfach die Kleidung, die sich für dieses Event passend anfühlt und in der ich mich an dem Tag auch wohl fühle.

Wir umarmten uns zur Begrüßung und setzten uns in Bewegung, die Treppen hinauf zu einem Lokal mit großer Terrasse. Ich teilte meine Gedanken mit ihr: „Das fühlt sich ein wenig an wie ein Blind Date, weil ich so gut wie nichts über dich weiß.“ Sie lachte und meinte: „Stimmt.“

Wir nahmen Platz, bestellten, und lernten uns kennen. Sie war sehr zurückhaltend und ruhig. Das Gespräch lief nicht immer flüssig weiter. Immer wieder gab es kleine Pausen. Ich hatte das Gefühl, das Gespräch immer wieder etwas anschieben zu müssen. Abgesehen davon war es aber nett.

Wir entdeckten viele Parallelen zwischen uns in Bezug auf Interessen (Wandern, Kunst, Kultur, Techno), Probleme in ehemaligen Beziehungen mit Männern (Mental Load, mangelnde Selbständigkeit der Männer, das Gefühl von unfairer Aufteilung). Sie war sehr intelligent, gebildet und sehr vielseitig interessiert.

Alles in allem war es ein netter Abend, aber richtig sicher war ich mir mit ihr nicht. Wir unterhielten uns über die Messaging App aber nach dem Date weiter und sie schlug kurz darauf ein zweites Date vor. Ich entschied mich, ihr nochmal eine Chance zu geben und war neugierig, zu sehen, ob sie einfach etwas auftauen musste. Manchmal ist das ja so, dass man einfach 1-2 Treffen braucht, bis sich alle so entspannen, dass man sich wirklich begegnen kann.

Wir trafen uns abends auf einem Weinfest. Das hatte sie vorgeschlagen und ich freute mich darauf, weil ich dieses Weinfest schon lange nicht mehr besucht hatte. Zum Date trug sie eine Jeans mit weiten Hosenbeinen, ein weißes T-Shirt und einen dunkelblauen Kardigan. Sie hatte Jura studiert.

Wir umarmten uns und liefen ins Fest, um uns am erstbesten Stand ein Glas Wein einschenken zu lassen. Beim Unterhalten über die Weinauswahl bemerkten wir direkt, dass wir die gleichen Rebsorten mochten. Finde ich gut. Das Leben ist einfach zu kurz, um Riesling zu trinken.

Wir stellten uns an einen Stehtisch und plauderten ein bisschen. Der Vibe war ein komplett anderer als auf dem ersten Date. Sie regte das Gespräch an, jede Schüchternheit war verflogen. Sie war richtig witzig, und sie flirtete sogar. Ich hörte ihr total gerne beim Reden zu. Sie war charismatisch, erzählte mitreisend, und hatte ein hinwerfendes Lachen. Sie war wie ausgewechselt. Und ich richtig überrascht – positiv überrascht. Ich musste richtig lachen, als ich diese aufgeweckte J. vor mir stehen hatte. „Du bist ja kaum wiederzuerkennen!“ „Ja, ich war beim ersten Date einfach super nervös.“

Nach und nach wanderten wir über das Fest, tranken noch das ein und andere Glas Wein, aßen Zwiebelkuchen. Wir scherzten und schäkerten miteinander rum. Da war ein Vibe – definitiv.

Irgendwann unterhielten wir uns in an der Ecke des Platzes. Sie sagte frei heraus: „Ich finde dich sehr attraktiv.“ Ich war kurz sprachlos, weil ich das noch nie von jemandem auf einem zweiten Date gehört hatte. Und erst Recht nicht von einer Frau, die auf dem ersten Date super schüchtern gewesen war.

Das machte was mit mir. Ich fand sie anziehend – und kurz darauf hatten wir einen ersten Moment. Wir schauten uns in die Augen und ich wusste ganz genau, dass wir gerade beide daran dachten, uns zu küssen. Aber ich traute mich noch nicht, einen Move zu machen.

Also tranken und lachten und aßen wir noch ein bisschen, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen. Wir liefen zur Ubahn-Station. Sie wartete noch mit mir auf meine Ubahn, da ihre ein paar Minuten später kam.

Ich nahm etwas Mut zusammen und sagte zu ihr: „Meine Ubahn kommt in drei Minuten. Wir können jetzt noch drei Minuten rumschäkern, oder knutschen. Was ist dir lieber?“ Sie zögerte nicht: „Knutschen.“ Wir zogen uns aneinander, und meine Lippen trafen auf ihre. Drei Minuten rumknutschen. Ihre Hand in meinem Nacken, meine an ihrer Wange. Leidenschaftlich, zart, feucht. Dann kam meine Ubahn. Ich gab ihr einen letzten Kuss, zwinkerte ihr zu und stieg in meine Bahn.

Ich habe danach ein paar Tage gebraucht, um glauben zu können, dass das wirklich die gleiche Person war, mit der ich die Woche davor essen war. J. erzählte mir später, dass sie bei unserem ersten Date sehr nervös und deswegen so angespannt war. Auf dem zweiten Date war sie das nicht mehr – und dann hat sich ihr Charakter erst entfalten können.

Auf unserem Dritten Date kam sie zu mir nach Hause. G. war übers Wochenende seine Familie besuchen und ich hatte das Haus für mich.

Ich kochte für uns. Sie kam ziemlich gestresst bei mir an und hatte Wein mitgebracht. Sie hatte sich erst vor ein paar Monaten von ihrem Mann getrennt und die zwei waren mitten im Prozess, deren alte Wohnung aufzulösen, Möbel und Besitztümer aufzuteilen, die Wohnung auszuräumen. Das lief okay, war aber immer wieder mit Stress und nervigen Gesprächen verbunden.

Doch sobald wir zusammen auf dem Sofa saßen, über ihre aktuellen Dating-Erfahrungen redeten, und uns beim Reden berührten, entspannte sich nach und nach ihr Nervensystem. Ich finde, das ist eine große Green Flag, wenn sich das eigene Nervensystem entspannt, wenn man Zeit mit einer Person verbringt.

Ohne viel darüber nachzudenken, entstand zwischen uns auch körperlicher Kontakt. Erst berührten sich unsere Beine. Dann lag meine Hand auf ihrem Bein. Sie streichelte meinen Unterarm. Das war schön und unaufdringlich zugleich.

Ich erinnerte mich daran, dass sie beim ersten Date erzählt hatte, dass sie nicht gerne kuschelte. Damals dachte ich: Ohje, das ist aber nicht gut. Mir ist Kuscheln wichtig. Ich brauche Körperkontakt, insbesondere nicht-sexuellen Körperkontakt.

Doch an diesem Abend lernte ich eine J. kennen, die sich anders verhielt als vorher angekündigt. Sie kuschelte auf dem Sofa mit mir. Und als wir später ins Bett gingen, wählte sie mein Bett anstatt des Gästebetts. Ich hatte es ihr offengelassen, wo sie schlafen wollte. Doch sie meinte: „Wenn ich darf, würde ich gerne bei dir schlafen.“

Und was taten wir, als wir bei mir im Bett lagen? Wir kuschelten. Lange. In aller Ruhe. Absichtslos. Und es war richtig schön. J. ist etwa so groß wie ich, wenn nicht sogar noch ein paar Zentimeter größer. Ich erinnerte an einen Satz, den L. damals mal beim Kuschelten sagte: „Du passt einfach auch irgendwie gut an mich ran beim Kuscheln.“ J. passte auch gut an mich ran.

Wir hatten schon über uns herausgefunden, dass wir beide keine fantastischen Schläferinnen waren und es liebten, unsere eigenen Betten zu haben. G. und ich haben ja schon immer getrennte Schlafzimmer, aus genau diesem Grund. Also stellten wir uns beide darauf ein, dass wir in dieser Nacht nur so semi-guten Schlaf bekommen würden.

Doch als wir morgens aufwachten, stimmte das nicht. Wir schliefen beide gut.

Ich habe an L. geliebt, dass er so ein tiefer und ruhiger Schläfer war. Indem er immer direkt einschlief und ganz entspannt und ruhig neben mir lag, kam ich besser runter und schlief auch besser.

Ich habe deswegen den Wunsch entwickelt, im besten Fall nur noch Leute zu daten, die gut schlafen können. Gleichzeitig ist das eher ein Nice to have als ein Must have.

Das Date hatte uns nähergebracht. Wir blieben auch zwischen den Dates in Kontakt, schrieben uns immer wieder Nachrichten, und planten direkt die nächsten Treffen ein.

J. hat ähnlich viel Zeit wie ich. Sie hat einen guten Freundeskreis, Hobbies und macht Sport. Sie ist unabhängig und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Und trotzdem gibt es da genügend Kapazität für mich. Sie priorisiert mich und kümmert sich darum, dass wir uns wiedersehen. Nach den Erfahrungen mit I. im letzten dreiviertel Jahr fühlt sich das schön an, mit jemandem in Kontakt zu sein, der verlässlich ist und Zeit hat.

Ein paar Tage später fuhr ich bei ihr vorbei, um ihr dabei zu helfen, ihren Schrank im Schlafzimmer zu verschieben. Das war in zehn Minuten erledigt, was J. sehr überraschte. Ich war selbst davon überrascht, wie viel mehr Kraft ich habe als sie. Ich war schon immer eine starke Frau. Dass andere dann Probleme haben, Schränke zu verschieben oder aufzustellen, überrascht mich, weil es nicht meine Realität ist.

Als wir kurz darauf auf ihrem Sofa saßen, meinte sie: „Ich mag an dir, dass du nicht nur sagst, dass du kommst, um mir dabei zu helfen, den Schrank zu verschieben. Sondern dass du das dann auch wirklich machst.“ Und das war nur ein Punkt auf einer langen Liste an Dingen, die sie nannte. Doch schwerwiegender war das Satz danach: „Du bist jemand, in den ich mich verlieben könnte.“ Wow. Diese Person, die beim ersten Date kaum den Mund aufbekommen hat, kommuniziert hier proaktiv ihre Gefühlslage und ebnet damit den Weg in noch mehr Nähe.

Ich glaube, das ist das, was ich an ihr am meisten mag im Moment: Ihre Transparenz, ihre emotionale Reife, dass sie gut zuhört und aufmerksam ist, und dass sie sich traut, auszusprechen, was sie denkt, was sie unsicher macht, worüber sie sich Sorgen macht. Dass sie mir Komplimente macht – einfach weil sie Lust darauf hat. Es ist daher so unglaublich leicht mit ihr. Weil sie genau dasselbe tut wie ich. Weil keiner von uns raten muss oder explizit Fragen stellen muss. Niemand moderiert unsere Gespräche, niemand macht alle Beziehungsarbeit. Es geht einfach Hand in Hand.

Dass ich das mal erleben darf.

Wir kuschelten noch ein wenig in ihrem Bett. Sie bettete ihren Kopf auf meiner Schulter und ich nahm sie in den Arm. Streichelte ihren Rücken und gab ihr Küsse auf die Wange. Ihre kurzen Haare kitzelten an meiner Nase. Meine Hand fand die nackte Haut ihres unteren Rückens, dort, wo ihr Pulli aufhörte. Sie fühlte sich warm und weich und fest zugleich an.

Sie fragte: „Darf ich dich küssen?“ Ich nickte. Unsere Lippen fanden sich, wir küssten uns. Immer wieder. Meine Hand streichelte ihren festen Bauch. Unsere Küsse und die Berührungen machten mich an. Als sich unsere Lippen voneinander lösten, flüsterte ich: „Das hat mich ganz schön horny gemacht.“ Ich sagte das, ohne damit etwas zu beabsichtigen. Hinter der Aussage lag keine Forderung nach mehr. Ich sprach einfach aus, was ich in dem Moment spürte. Und hatte direkt Angst, dass sie das als Aufforderung verstehen könnte, dass wir den nächsten Schritt miteinander gingen. Weil wir beide Frauen waren und es tausendmal mit Männern erlebt haben, dass das Kuscheln eben nicht genug für die war. Dass nicht des Kuschelns wegen gekuschelt wurde. Und das sitzt halt tief.

Als wir uns verabschiedeten, meinte sie: „Vielleicht mag ich kuscheln ja doch – wenn es mit den richtigen Menschen ist.“

Seit diesem Date bin ich ziemlich viel auf Reisen und wir sehen uns daher seltener. Das nervt mich ein bisschen, weil unser Prozess dadurch immer wieder „pausiert“. Ich hoffe einfach, dass unsere Connection darunter nicht leidet, und dieser erste Funke nicht erlischt.

Es gibt vieles, was an J. für mich gut passt. Sie wohnt alleine, d.h. wir können uns immer bei ihr treffen, wenn wir wollen. Sie will keine Kinder. Sie will keine monogame Beziehung. Sie hat einen coolen Job und verdient gut und kann sich ähnlich viel leisten wie ich. Sie feiert regelmäßig und gerne. Ich mag ihren Körper und finde sie anziehend. Ich spüre Sehnsucht nach ihr, wenn wir uns nicht sehen.

Der Rest wird sich zeigen. Bei unserem letzten Date hatte ich in der Nacht davor nur 4h geschlafen und hatte PMS. An dem Abend hatte ich kein vergleichbares Gefühl von Nähe zu ihr. Aber davon will ich mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beunruhigen lassen.

Sie beunruhigt dieser Abend anscheinend gar nicht. Sie hat mich nach dem letzten Date zur Oper eingeladen und uns direkt Tickets für Ende November gekauft.

Ich habe für mich irgendwann die Regel festgelegt, dass man mit Leuten, die man neu kennenlernt, immer nur so weit in die Zukunft planen sollte, wie man schon Zeit mit ihnen verbracht hat. Wenn ich jemanden vor vier Wochen kennengelernt habe, kann ich also vier Wochen in die Zukunft planen. Ende November ist länger als das. Das macht mich nervös.

Und gleichzeitig zeigt mir ihr Verhalten, wie sehr sie mich mag. Sie plant Erlebnisse für uns, will zum Beispiel mit mir für ein Wochenende nach Oslo fahren.

Ich muss gerade einfach aufpassen, dass es nicht MIR zu schnell geht. Denn sie scheint sehr schnell zu sein. Was ich grundsätzlich toll finde. Meistens bin es eher ich, die schneller ist. Die Kunst ist, bei mir zu bleiben, mich nicht unter Druck setzen zu lassen, und einfach darüber zu reden, welches Tempo sich für mich gut anfühlt. Ich weiß, dass sie hinhören wird und alles ernst nehmen wird, was ich mit ihr teile.

Clara

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Es freut mich so, das zu lesen!

    Und wie cool hast du bitte euren ersten Kuss eingeleitet? Auf ähnliche Weise hatte ich es bei meinem jetzigen Partner gemacht. Ich hab beim Date einfach gefragt, wann er mich eigentlich küssen will. Das hat mich allerdings unfassbar viel Mut gekostet. 😉

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    1. Haha danke 🫶 immer wieder überraschend, dass uns das so viel Mut kostet und es allen gleich damit geht 🤷🏼‍♀️

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