Ohne Wahrheit keine Nähe

Auf der Suche nach neuen Dates mit FLINTA* Personen kam ich schnell bei okcupid und bumble an meine Grenzen. Auf Okcupid sind insgesamt nicht so viele Leute angemeldet, sodass ich irgendwann alle Leute in meinem Umkreis gesehen hatte und nichts neues dazukam. Auf Bumble gibt es super viele Frauen, die ein Interesse an anderen Frauen angeben, jedoch nur nach Freundschaften suchen und gar kein romantisches oder sexuelles Interesse an Frauen haben. Das macht das Aussortieren aufwändiger, denn es fehlt die Angabe der sexuellen Orientierung auf dem Profil. Viele Queers schreiben daher direkt in ihre Bio, wenn sie queer und/oder poly sind. Manche verstecken in ihren Bildern queere social clues, wie z.B. Pride-Flaggen oder andere Zeichen. Und beim Rest findet man gar nichts. Da ich zwar offen für neue Freundschaften bin, aber Dating Plattformen schon zum „richtigen“ Dating nutze, also schon gerne Menschen kennenlernen möchte, mit denen sich – vorausgesetzt der richtigen Chemie – auch sexuelle und romantische Beziehungen daraus entwickeln dürfen, ist Bumble nervig.

Ich habe mich daher im Juli zusätzlich bei Her angemeldet – einer Platform für sapphisches Dating. Die Frauen* geben hier ähnlich wie bei okcupid hier etwas genauer an, wonach sie suchen und was ihre sexuelle Orientierung ist.

Mit ein paar wenigen männlichen Exemplaren habe ich seit Juli auf okcupid gematcht, doch spätestens nach den ersten Nachrichten ist mir die Lust vergangen. Diese Männer sind so langweilig! Es fehlt mir an Tiefe, an emotionaler Reife, an Inspiration. Außerdem habe ich kein Bock mehr auf die üblichen hetero-Dynamiken. Ich will keine Beziehungen mehr, in denen ich mehr Beziehungsarbeit leiste, mehr Mental Load trage. Und ganz sicher will ich keine Beziehungen mehr mit Menschen, denen ich Feminismus erklären muss.

Ich sage nicht, dass ich niemals wieder etwas mit einem Mann haben werde. Aber der Mann, der die Literatur gelesen hat, der in Therapie war und an sich gearbeitet hat, der Beziehungsarbeit wirklich verstanden hat, muss frau erstmal finden. Meine Ansprüche an Männer sind endlich die gleichen wie für Frauen – mit dem Unterschied, dass Männer diese meistens nicht erfüllen. FLINTAs zu daten fühlt sich daher wir der kürzere und vielversprechendere Weg zum Glück an.

Insgesamt sind mir Männer weniger wichtig geworden – und Dating insgesamt auch. Ich mag mein Leben und da fehlt nichts. Klar, wünsche ich mir manchmal Nähe, Sex und Kuscheln. Aber mir geht es gut ohne. Und ich würde heute nicht mehr meine Ansprüche runterschrauben, ob das zu bekommen. Wozu auch?

Auf Her matchte ich mit K., mit J. und mit Ki. Über K. habe ich ja bereits im letzten Artikel geschrieben.

Ki.‘s Profil strahlte eine riesige Lebensfreude, Witz und Selbstbewusstsein aus. Ich fand sie hübsch mit ihren wachen Augen und den Sommersprossen. Und ausnahmsweise empfand ich sogar das Chatten unterhaltsam. Mit ihr fiel es mir irgendwie leicht, in Kontakt zu bleiben, obwohl wir uns noch gar nicht kannten.

Wir verabredeten uns nach zwei Wochen chatten für ein erstes Date. Aufgrund von Schienenersatzverkehr war die Logistik ein bisschen kompliziert, weshalb ich in ihre Stadt fuhr. Wir reservierten in einem veganen Restaurant, dass ich eh schon seit Jahren ausprobieren wollte, einen Tisch. Ich merkte auf der Hinfahrt schon, dass ich relativ müde war, und drehte daher im Auto die Musik laut, um mich ein bisschen zu pushen und wacher zu werden.

Ich war zuerst im Restaurant und nahm Platz an einem Tisch auf der Terrasse. Sie verspätete sich um ein paar Minuten, was mir die Zeit gab, ganz anzukommen und schonmal die Karte zu studieren.

Dann sah ich sie auf das Restaurant zukommen. Sie sah genau aus, wie auf den Fotos in ihrem Her-Profil – aber wirkte komplett anders. Ich wusste sofort, dass ich sie nicht attraktiv fand – und war selbst geschockt davon, wie schnell mir das klar war. Ich kann sogar benennen, was es alles war, das mich abturnte: Die aufgeklebten Wimpern. Ich mochte ihr Outfit nicht. Sie trug eine Art Wetlook-Catsuit und darüber einen schwarzen Blazer. An sich ein cooles Outfit, das man sich erstmal trauen muss, zu tragen. Ihre ganze Erscheinung wirkte auf mich sehr für den Male Gaze zusammengestellt und das war es auch, was ich letztendlich nicht daran mochte. Und ja, ich bin mir bewusst, wie oberflächlich das ist. Nur so zu tun, als würde mich das Äußere nicht beeinflussen, wäre komplett unehrlich.

Ich gab ihr trotzdem eine Chance. Sie setzte sich, wir bestellten Getränke und Essen, und versuchten, ein Gespräch miteinander zu führen. Ich sage mit Absicht „versuchten“, denn das war alles andere als einfach. Ki. wirkte auf mich wie eine leblose Hülle. Sie schaute mir die ganze Zeit in die Augen. Ohne Pause! Wie ein Roboter. Und sie war irgendwie „leblos“: Auf meine Erzählungen kam einfach keine Reaktion von ihr. Ihr Gesicht war ein Pokerface. Keine Mimik, keine Reaktionen, keine Menschlichkeit und damit auch keine Nahbarkeit.

Ich sprach das irgendwann an und fragte sie, ob sie sehr nervös sei. Sie lachte, bejahte und fragte, ob man das merken würde. Ich spiegelte ihr, wie sie aktuell auf mich wirkte. Das lockerte die Sache zumindest ein bisschen auf. Doch trotzdem kam den ganzen Abend lang von ihr wirklich wenig. Sie war durchaus interessiert, mich kennenzulernen. Aber bei ihr war echt wenig zu holen. Ich habe wirklich versucht, sie kennenzulernen, aber entweder ist sie super langweilig, was ich eigentlich nicht glauben kann, oder – und das ist mein Eindruck – sie war einfach nicht präsent. Ki. ist seit einigen Monaten in Therapie und mein Eindruck ist, dass sie so mit sich selbst beschäftigt ist, dass aktuell nicht die nötigen Kapazitäten vorhanden sind, mit anderen Menschen präsent zu sein. Es ist, als wäre der Mensch da drin hinter einer Mauer versteckt und deswegen kann man nicht so richtig mit ihr in Kontakt treten. Ich weiß ja sogar selbst, wie sich das anfühlt. Ich erinnere mich noch ganz genau an meine Dates im Juni 2025, bei denen ich auch alles andere als bereit dafür war.

Richtig komisch war auch, dass sich auf dem Date herausstellte, dass ihre Angaben in ihrem Her-Profil nicht stimmten. In ihrem Profil stand damals, sie wäre lesbisch und poly und würde in einer nahegelegenen Stadt wohnen. Beim Date wurde ich dann damit überrascht, dass sie mit ihrem (männlich) Freund eine offene Beziehung führt, allerhöchstens bisexuell ist, auch bisher kaum Erfahrungen mit Frauen hat außerhalb von Gruppensex-Erfahrungen und auf dem Land wohnt. Ich fragte sie ganz direkt, warum sie in ihrem Profil falsche Angaben machte. Sie erklärte, dass sie es nicht hinbekommen würde, dieses zu aktualisieren. Hä? Die Frau macht ein Masterstudium. Als ob die es nicht hinbekommen würde, auf ihre Profil zu gehen, auf „bearbeiten“ zu klicken und die Angaben zu ändern!

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie mit Absicht falsche Angaben gemacht hat, oder was ihre Motivation dahinter war/ist. Es hat mich aber kurz wütend gemacht. Es war das erste mal, dass ich mich mit jemandem getroffen habe, wo Angaben falsch waren. Man hört das ja oft, dass Menschen auf Dating-Platformen zum Beispiel ein falsches Alter angeben. Aber ich hatte das bisher nicht. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass ich glaube ich eher nicht nach rechts geswipt hätte, wenn ich gewusst hätte, dass sie mit einem Mann zusammen ist, kaum Erfahrung mit Frauen hat und auf dem Dorf wohnt. Und das ärgert mich.

Auf jeden Fall gehört das Date mit Ki. nun zur zum Glück kurzen Liste der schlechten Dates, die ich hatte. Aufgrund dessen, dass Ki. mit der ganzen Situation wohl massiv überfordert war, habe ich Alleinentertainerin gespielt an dem Abend. Ich habe viel erzählt – aber halt weitestgehend im Monolog und nicht im Dialog. Und daher wurde ich auch innerhalb von 3 Stunden immer müder, habe mich dann zu meinem Auto zurückbegleiten lassen, und bin wieder heimgefahren.

Dass das kein supergutes Date war, muss sie auch gespürt haben, denn es kam nie die Frage nach einem zweiten Date. Der Kontakt brach danach einfach beidseitig ab.

Freundinnen von mir hatten schon viel schlimmere Dates. Ich ärgere mich einfach darüber, dass ich aufgrund ihrer falschen Angaben nicht die Möglichkeit hatte, nach meinen Vorlieben zu entscheiden. Ich wäre nicht auf das Date gegangen, wenn sie ihr Profil wahrheitsgemäß ausgefüllt hätte. Und deswegen fühlt sich dieser Abend einfach wie große Zeitverschwendung an.

Immerhin ist nichts schlimmes passiert.

Meine Erwartung, wenn ich auf ein erstes Date mit einer neuen Person gehe, ist schon immer super klein: Ich erwarte lediglich, einen schönen Abend zu haben. Diese Erwartung wurde in alle den Jahren, seitdem ich diesen Blog schreibe, nun erst zum zweiten mal nicht erfüllt. Ich will mich also nicht beschweren.

Im nächsten Artikel erzähle ich dann endlich von J. Schon mal so viel: Diese Geschichte ist schöner und endete bisher nicht 😉

Clara

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Avatar von Schnipsel Schnipsel sagt:

    Das klingt nach einem richtig anstrengenden Abend.

    Freu mich schon auf den Bericht zu J.!

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